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Nordwärts

Vom Leben in Skelleftehamn

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Skelleftehamn—Skibotn: Autoreise mit Tücken und Mücken

Dieser Artikel ist Teil der siebenteiligen Serie Norwegen 2013.

Gestern um halb eins bin ich gestartet, mit vollem Tank und vollem Kofferraum. Von der ersten Etappe gibt es nicht viel zu berichten: Die E4 bis Haparanda, das sind 260 Kilometer Strecke machen, um in Gang zu kommen. Innerhin sind es 1172 Kilometer bis Kabelvåg auf meiner gewählten Route.

Erster Halt: Kukkola

Stromschnellen im Torne älv, eine alte Wassermühle, Wohnwagen, Eis, blauer Himmel. Touristisch, aber schön.

Ein alter Steg – nur für Fischer (und Fotografen?)

Kleines BlockhüttchenHolzgetriebe in der alten Wassermühle

Zweiter Halt: Hietaniemi

Hüben Schweden, drüben Finnland, dazwischen der breite Torne älv. Ein Pärchen lässt Steine springen. Von Övertorneå bis Pello werde ich auch auf der finnischen Seite fahren.

Eine internationale Fähre fürs ViehBlick über den Torneälven

Letzter Halt des Tages: Kaunisjoki Rastplats, 20 km nördlich von Pajala

Alles ist klar für die Nacht: Ich habe noch einmal voll getankt und werde langsam müde. Viertel vor zehn sehe ich einen leeren Rastplatz mit Grillhütte. Einmal durchfegen und fertig ist mein Übernachtungsdomizil. Ich breite Isomatte, Schlafsack und Kopfkissen aus und hole als nächstes eine Jacke und die Wathose aus dem Kofferraum. Ich möchte die schönen Hütten im späten Abendlicht vom Nahen fotografieren, aber der Untergrund sieht sehr nass aus. Ich mache den Kofferraum zu und kurze Zeit später höre ich

* klack *

Sch****, denke ich! Und meine Befürchtungen bewahrheiten sich: Leicht übermüdet habe ich den Autoschlüssel im Kofferraum abgelegt. Da liegt er schön sichtbar. Vorne war das Auto schon abgeschlossen, der Kofferraum schließt automatisch und der Ersatzschlüssel ist im Kamerarucksack, denn den nehme ich immer als erstes raus. Außer dieses Mal, da liegt der Rucksack auf dem Beifahrersitz!

Da stehe ich nun: Zehn Uhr Abends, mitten in der Pampa an der leeren Straße 99. Und mein Auto lässt mich nicht rein.


Wie ging es weiter:

  • Ich habe mein Handy und Empfang. Ich rufe einen Freund in Delmenhorst an, der mir Mut macht: Pappendienst kann so was.
  • Ich rufe die Versicherung an
  • Die hört sich meine Panne an und lacht mich nicht aus, wie schön
  • Ein paar Minuten später ruft mich ein Pannendienst aus Övertorneå an
  • Er wird kommen, um mir zu helfen, braucht aber anderthalb Stunden, bis er da ist
  • Ich warte, mache ein paar iPhonephotos, habe Durst und sehe dem Sonnenuntergang zu
  • Gut geschätzt: Anderthalb Stunden später ist der Pannendienst da
  • Keine zwei Minuten braucht er, um die Fahrertür mit Keil und Luftdruck aufzuhebeln …
  • … und mit einem Haken die Fahrertür zu entriegeln
  • Ich bin so erleichtert, ich sah mich schon mit großen Steinen wahllos Autoscheiben zerdeppern
  • Der Pannendienst bekommt meine Unterschrift und macht sich auf den Rückweg: Wieder 130 Kilometer

So viel zu den Tücken einer Autoreise. Die Mücken kamen etwas später, sie umsummten mich freudig die ganze Nacht, als ich in der Grillhütte übernachtet habe.

Resumé: Eigentlich ist das Ganze gut gelaufen: Ich hatte Handy und Empfang. Ich hatte sogar Schlafsack und Isomatte. Es hat nicht geregnet, es gab keinen Schneesturm. Der Pannendienst war schnell da. Und – Luxus! – ich hatte eine Hütte vor Ort, was will man mehr.

(Mäkel-Olaf: Was will man mehr: die Kamera und Stativ! Es war so tolles Licht!)
(Ein anderer Olaf: Haha, das sagst Du nur, weil im Fotorucksack der Ersatzschlüssel gewesen wäre. Depp!)
(Mäkel-Olaf: Selber Depp!)

Hier noch ein paar Bilder von der Nacht:

Rosa Wölkchen (Bravo, iPhone!)

Mitternachthimmel über der Straße 99Bäumchen im nächtlichen Nebel

Und vom Morgen:

Meine Übernachtungshütte – eigentlich zum Grillen gedacht


Noch ein paar Bilder von heute. Stichworte: Rentiere – Bootsfahrt – Dreiländereck – Weite Sumpfflächen – Moltebeeren – Regen – Skibotn – Gletscherblick – Zimmer mit Dusche und WLAN.

Ein Rentier kommt mir entgegenKaresuando: Links Finnland, rechts SchwedenMeine ersten Moltebeeren (Mjam!)Ziel für heute erreicht: Das norwegische Skibotn

Von der Bootsfahrt und dem Dreiländereck (Treriksröset) schreibe ich später einmal. Vielleicht …

Fotonotizen: Das Display vom MacBook Pro ist nicht zu dolle. Je nachdem, aus welchem Winkel man schaut, ändern sich Farben und Kontrast. Daher werden einige Fotos mehr oder weniger daneben sein. Überrascht hat mich das iPhone mit seinem Rosa-Wolken-Bild. Ich habe in Photoshop noch minimalst nachbearbeitet, aber das Original ist schon überraschend gut.

264.3

Dieser Artikel ist Teil der siebenteiligen Serie Norwegen 2013.

264.3, das zeigte mein Kilometerzähler an, als ich heute das Auto nach vierzehn Tagen und einigen Stunden Reise wieder auf meiner Einfahrt abstellte. Das ist allerdings ein bisschen untertrieben, denn in Wirklichkeit bin ich 2264,3 Kilometer gefahren:

Skelleftehamn (S) – Haparanda – Övertorneå – Pello (FIN) – Pajala (S) – Karesuando – Kilpisjärvi (FIN) – Skibotn (N) – Gryllefjord – ⚓ – Andenes – Kabelvåg – Fiskebøl – ⚓ – Melbu – Haukenes/Stokmarknes – Riksgränsen (S) – Gällivare – Solberget – Vuottas – Råneå – Skelleftehamn. Die mit ⚓ markierten Strecken sind Fähren.

Das war eine richtig schöne Tour, auch wenn ich froh bin, wieder zu Hause zu sein, denn lange Autofahrten alleine liegen mir nicht so. Vor allem in Norwegen finde ich das Auto fahren nicht leicht.

Autofahren in Norwegen

Kennt Ihr die Schilder 105 Doppelkurve und 120 Verengte Fahrbahn? Diese Schilder gibt es in Norwegen zu Hauf, bevorzugt wenn man bebautes Gebiet verlässt und wieder 80 fahren darf. Ich muss immer lachen, wenn ich die Schilder sehe, denn ich finde, dass in Norwegen fast alle Straßen eng und kurvenreich sind und man die beiden Schilder eigentlich nur einmal an der schwedisch-norwegischen Grenze aufstellen müsste.

Oft schaffe ich es aber gar nicht, 80 zu fahren, denn ich kenne die Strecke nicht. Und selbst wenn ich 80 fahre, habe ich meistens eine Schlange norwegischer Autos hinter mir an der Stoßstange kleben. Sie wollen alle schneller fahren, obwohl auch kleine Geschwindigkeitsübertretungen in Norwegen sehr teuer sind, denn da ist man schnell 500 Euro oder mehr los! Lustigerweise nutzen die Norweger oft keine geraden Strecken, um mich zu überholen, sondern die seltsamsten und meiner Meinung nach gemeingefährlichen Kurvenabschnitte. Im Straßenverkehr scheinen mir die Norweger wesentlich ungeduldiger als die Schweden zu sein – aber – gehupt wird auch hier nicht.

Autofahren in Schweden

Im schwedischen Inland sind es meistens die Rentiere, die den Verkehr bremsen. Ich habe irgendwann aufgehört, die Rentiere auf der Straße zu zählen, aber vier Typen von Rentieren im Straßenverkehr ausgemacht:

  • 1. „Waldflüchter“ – Die Rentiere springen direkt seitlich in den Wald. Sehr praktisch
  • 2. „Blockade“ – Die Rentiere stehen auf der Straße und glotzen. Erst wenn man sie fast mit der Stoßstange berührt, gehen sie leicht widerwillig zur Seite
  • 3. „Marathon“ – Die Rentiere galoppieren lange Strecken auf der Straße vor einem her und lassen einen weder links noch rechts vorbei, ehe sie schließlich seitlich in den Wald springen
  • 4. „ABC-Schütze“ – Die Rentiere laufen einem im Gänsemarsch auf der linken Straßenseite entgegen und laufen gesittet weiter. Vorbildlich, aber selten

Auch wenn mir die Autostrecken manchmal lang geworden sind, hat es doch Spaß gemacht, die vielfältigen Eindrücke der Fahrt in sich aufzunehmen und zu erleben: Die tiefen Nadelwälder, die klaren blauen Seen, die weiten gelbgrünbraunen Moore, die runden Hügel, das kahle schwedische Fjäll, die kleinen Bäche und die großen Ströme, die verschneiten und vergletscherten norwegischen Berge, die sich tief ins Land einschneidenden Fjorde. Die Kiesufer, die weißen Sandstrände mit türkisblauem Wasser, die losen Birkenwäldchen, die Wiesen und Weiden, die kleinen Tümpel. Die großen Brücken, die schönen Uferstraßen, die kleinen weißen Kirchen, die roten Fischerhütten, die kleinen Boote, die großen Schiffe. Nur die Tunnel find ich doof: Sehr eng, düster und langweilig. Aber speziell auf den Lofoten geht es nicht ohne sie.


Die nächsten Tage werde ich Artikel über die Lofoten und über die Vesterålen schreiben. Heute zeige ich nur zwei Fotos von Solberget, wo ich – wie so oft – Zwischenstopp gemacht habe, um Dirk und Silke sowie Jochen zu besuchen. Eines habe ich gemacht, als Jochen die Rentiere gefüttert hat, das andere hat Jochen gemacht, als der riesige Hund Odin sich von mir streicheln und kraulen ließ. Danke, Jochen, für das schöne Foto!

Abendliche RentierfütterungOdin und ich (Foto: Jochen)

… und noch ein Foto, welches ich jedes Mal machen möchte, wenn ich die schöne alte Hütte/Scheune kurz hinter der Polcirkeln-Hütte sehe. Heute bin ich endlich mal ausgestiegen und habe ein Foto gemacht:

Hütte im Moos

Skibotn—Kabelvåg: Fahrt durch Norwegen

Dieser Artikel ist Teil der siebenteiligen Serie Norwegen 2013.

Am Dienstag ging es von Skibotn aus weiter. Dort hatte ich am Montag Abend ein Zimmer genommen, da ich bei dem Dauerregen keine Lust hatte, im Auto zu schlafen oder das Zelt aufzubauen. Kurz vor Bardufoss habe ich die E6 verlassen und bin westwärts nach Finnsnes und von dort aus auf Senja, die zweitgrößte Insel Norwegens, gefahren. Wenn ich dort wieder einmal mit dem Auto unterwegs sein sollte, würde ich mir definitiv mehr Zeit lassen, um diese schöne Insel zu erkunden. Aber ich wollte Mittwoch Mittag in Kabelvåg auf den Lofoten sein, um dort Elisabet, die zur Zeit dort arbeitet, zu besuchen. So bleiben hier nur zwei Fotos zu zeigen:

Auf der Insel SenjaAuf der Insel Senja

Mein Ziel war der kleine Ort Gryllefjord, denn von dort setzt eine Fähre nach Andenes, der Nordspitze der Vesterålen, über. Ich war ehrlich gesagt ein bisschen nervös, denn noch nie bin ich mit dem Auto auf eine Fähre gefahren. Und als die Fähre ankam, habe ich mich gefragt, wie man wieder vom Schiff herunterkommt, denn es sah nicht aus, als ob sich der Bug öffnen ließ. Muß man vielleicht rückwärts auf die Fähre fahren? Wie machen das die Leute mit Wohnwagen? Man weiß ja nicht … . Aber natürlich ließen sich sowohl Heck als auch Bug öffnen und bald stand ich auf dem Deck und ließ mir den recht kräftigen Wind um die Nase wehen.

Blick zurück auf SenjaAn Deck

Dort hatte man auch bald Blick auf Andøy, die nördlichste Insel der Vesterålen.

Im Lande Mordor, wo die Schatten drohn.

J.R.R. Tolkien, Herr der Ringe

… dieser Vers kam mir unwillkürlich in den Sinn, als ich auf die mit dunklen Wolken verhangenen nadelspitzen grauen Felsen schaute. Aber was für ein Kontrast erwartete mich auf der Insel: Weiße Sandstrände, türkisfarbenes Wasser, grünbewachsene Felsinseln, Blumen blühen und auch die Sonne schaut hier und dort durch ein paar Wolkenlücken. Und auf dem Parkplatz: Wohnmobile, Wohnmobile, Wohnmobile!

Andenes vorausSandstrand bei Andenes

Im Grunde könnte man an jedem Rastplatz, an jeder Parkbucht und an jeder Einfahrt anhalten und fotografieren. Die nordnorwegische Landschaft finde ich überall wunderschön. Aber ich habe bewusst versucht, nicht zu sehr in Fotos zu denken, sondern einfach die Landschaft zu erleben und zu geniessen. Aber – Ihr kennt mich vielleicht – ab und zu habe ich doch mal angehalten. Zum Beispiel an der kleinen achteckigen Kirche bei Dverberg.

Dverberg Kirke

Irgendwo auf der Insel Hinnøya, der größten Insel Norwegens (wenn man von Spitzbergen absieht), habe ich Rast gemacht und im Auto geschlafen. Ich war ziemlich früh wieder wach, denn während der letzten Nächte mit Mitternachtssonne ist es die ganze Nacht hell. Nach einem Frühstück ging es weiter südwärts, die Vesterålen und dann die Lofoten entlang.

SpiegelungStrand

Gegen zehn war ich in Svolvær, die mit 4000 Einwohnern die größte Stadt der Lofoten ist. Hier legt auch die Hurtigruten an und dementsprechend touristisch ist die Stadt ausgelegt. Schaut man von der einen Brücke nach Norden, sieht man schöne rote Häuschen und Berge. Schaut man nach Süden, sieht man moderne Häuser und das Meer.

SvolværSvolvær

Nach einer mittelkurzen Stadtbesichtigung bin ich die wenigen Kilometer nach Kabelvåg gefahren, wo ich mich mit Elisabet getroffen habe. Von dort aus haben wir einige schöne Touren auf den Lofoten gemacht, aber davon erzähle ich ein andermal.

Geschäftsreise

Vor dem AbflugEines hat mir mein Stoffhund Bello voraus: Er kann schon auf eine große Anzahl Geschäftsreisen zurückblicken, die er gemacht hat, als ich Kind war. Was eine Geschäftsreise ist, hätte ich damals keinem erklären können. Inzwischen habe ich eine leise Ahnung, um was es sich handeln könnte. Mit meinem Arbeitgeber Hello Future war ich schon ein paar Mal in Umeå (130 km) und in Lycksele (170 km), aber in Stockholm war ich noch nie. Gestern bin ich zusammen mit Leif nach Stockholm geflogen und war so nicht nur seit langem mal wieder in der schwedischen Hauptstadt, sondern konnte auch die Anzahl „so richtiger“ Geschäftsreisen mit Flugzeug von Null auf Eins erhöhen.

Besonderheit eins: Noch nie bin ich ohne schweren Koffer geflogen. Dieses Mal kam nur ein kleiner Rucksack mit ein bisschen Kleidung, Zahnbürste, Laptop und neuer Kamera als Handgepäck mit.

Besonderheit zwei: Noch nie habe ich Stockholm von Norden aus als Ziel gehabt. Das letzte Mal bin ich im Frühjahr 2008 von München aus für einige Tage dorthin geflogen.

Besonderheit drei: Stockholm ist ein anderer Planet! Wie riesig die Stadt verglichen mit dem eher beschaulichen Skellefteå wirkt. Die Geräusche sind anders, die Gerüche sind anders und sogar das Licht ist anders.

Ausblick vom Observatorielunden

Wir mit Hello Future haben den Luxus, ein Büro mitten in der Kungsgatan zu haben, noch zentraler geht eigentlich nicht. Und da nicht die ganze Zeit Meeting war und ich keine dringenden Aufgaben hatte, konnte ich gestern und heute mal zwischendurch aus dem Büro herauswitschen und mir ein bisschen das große, große Stockholm anschauen. Zum Beispiel die Schaufenster aller Geschäfte, in denen man zum Beispiel nur Schlipse, uralte Bücher, richtiges Brot oder 70er-Jahre-Klamotten kaufen konnte …

Ein SchlipsgeschäftEine richtige Bäckerei!

… oder einfach die Fußgängerzonen an sich …

Gemüsestand auf dem „Hötorget“Steinlöwe in der Drottningsgatan

… oder das Wechselspiel zwischen der kompakten Architektur in den Straßen und den weiten Blicken über das Wasser …

Mitten in der StadtAussicht über das Wasser

… oder die vielen Weihnachtsdekorationen draußen und drinnen …

Weihnachtsdekoration am Sergels TorgEin Kind verguckt sich in einen großen Stoffhusky

… doch am besten gefiel mir Stockholm nach Sonnenuntergang (der siebzig Minuten später als in Skellefteå ist) und es erst dämmrig und dann dunkel wurde.

Stockholm in der AbenddämmerungStockholm in der Abenddämmerung

Vierunddreißig Stunden und fünf Meetings später saßen wir wieder im Flugzeug, dieses Mal im Landeanflug auf den Flugplatz Skellefteå. Und als ich über den beleuchteten Orten Bureå, Skellefteå und Skelleftehamn nicht nur den Sternenhimmel, sondern auch ein schwaches Nordlicht gesehen habe, wusste ich, dass ich wieder auf meinem Heimatplaneten gelandet bin.

Alle Fotos stammen von der neuen Nikon AW1, die ich mir der Wasserdichtigkeit wegen gekauft habe, die sich aber auch gut als handliche Reisekamera verwenden lässt. Die Qualität ist gemessen an dem kleinen Sensor ordentlich bis gut, aber Wunder darf man natürlich nicht erwarten, vor allem wenn man sie mit einer mehrfach teureren Vollformatkamera vergleicht.

Alltag: Ein Januarmittwoch

Ich habe festgestellt, dass ich hauptsächlich über meine zugegebenermaßen recht zahlreichen Freizeitaktivitäten berichte. Das will ich ein bisschen ändern und beginne mit einer Alltagsreihe. Heute ist

Mittwoch, der 15. Januar 2014

Um halb acht klingelt der Smartphone-Wecker. Schön für ihn, ich bin nämlich schon eine viertel Stunde wach. Mein erster Blick geht immer auf das Thermometer: -15.4 °C, einige Grad wärmer als am Vorabend, ein Zeichen dafür, dass es sich zugezogen hat. Mein Frühstück besteht aus Müsli mit Filmjölk, einem Art Sauermilch, die ich sehr gerne esse.

Dann das Anziehen: Skihose, Winterstiefel, Polarparka, Mütze und Handschuhe angezogen und auf geht es zum Bus, das sind nur fünf Minuten von mir. Dort räumt gerade ein Bagger Schnee von A nach B. Und bald kommt der Bus, wo beim Fahrer eine Fahrt von meiner Plastikkarte abgebucht wird.

Ein Bagger räumt SchneeWarten auf den Bus

Heute gibt es kein WLAN im Bus, etwa die Hälfte hat das schon, aber das macht nichts, denn auch über das Handynetz lässt sich gut im Internet unterwegs sein, zum Beispiel um Zeitung zu lesen oder bei Facebook zu schauen. Heute bin ich auch mit Fotografieren beschäftigt. Nach einer guten halben Stunde Fahrt – der Bus fährt Umwege und hält fast überall – bin ich in der Stadt. Normalerweise gehe ich jetzt durch die fußbodenbeheizte Fußgängerzone zur Arbeit, heute jedoch mache ich einen kurzen Abstecher zum Fluss, wo in dreieinhalb Wochen das Winterschwimmen stattfinden soll. Der Fluss ist teilweise noch offen und ich glaube nicht, dass wir dort in ein paar Wochen festes, begehbares Eis haben.

Busfahrt in die StadtDer Fluss ist teilweise noch eisfrei

In der Küche erfahre ich, dass wir zwei große Projekte zugesagt bekommen haben. Das sind natürlich gute Neuigkeiten, zumal ich die Projekte interessant finde. Die meisten trinken erst einmal einen Kaffee, denn Schweden ist ein Land der Kaffeetrinker. Dann fange ich an zu arbeiten.

Gegen zwölf gehen wir zum Mittagessen. Fast alle anderen arbeiten heute zu Hause oder sind in Meetings verschwunden und so sind wir nur zu dritt. Typisch wäre folgendes Mittagessen gewesen: Fleisch, Kartoffeln, braune Soße, Salat und ein „Måltidsdrick“, ein Mischung aus zu viel süßem Sirup und zu wenig Wasser. Danach einen Kaffee und einen Keks. Heute hingegen gehen wir ins „Café lilla Mari“, welches verschiedene kleine Gerichte hat und die vermutlich größte Auswahl an Kuchen und herrlich gemütlich ist.

Verlockungen an der KasseUnser Essen kommt!Mein heutiges MittagessenIm Café Lilla Mari

Eine normale Mittagspause mit Hin- und Rückweg dauert exakt eine Stunde. Ob „Der Schwede an sich“ das im Gefühl hat oder er das so gut abpasst, weil er ohnehin dauernd aufs Smartphone schaut, habe ich noch nicht ergründet. Danach arbeite ich weiter. (Webseiten mit DOM und XPath parsen, um damit eine JSON-API zu bauen, die ein Dienst im Webview unserer App anrufen kann. Nun wisst Ihr Bescheid.) Gegen halb sechs beende ich meinen Arbeitstag. Meistens höre ich aber schon eher auf, fange allerdings auch früher an.

Weil noch Platz ist: Unsere Kissenecke im BüroAbkürzung zur Fußgängerzone

Ich gehe kurz in die Stadt, um nach Winterstiefeln zu schauen. Nicht, dass ich nicht schon drei sehr warme Paar besitze, aber das sind alle hohe Stiefel und sie sehen mir ein bisschen zu sehr nach Extremoutdoor aus. Aber ich finde nichts. Dann kaufe ich bei ICA – der schwedischen Lebensmittelkette das übliche Käseschinkenbrötchen, was ich oft esse, wenn ich danach noch in der Stadt etwas vorhabe.

Heute haben wir unser regelmäßiges Mittwochstreffen mit „Dark & Cold“. Da wir nun in der heißen Phase der Winterschwimmeisterschaftsplanung sind, sitzen wir drei Stunden da und diskutieren. Über Dinge wie Eisdicken, Polizeigenehmigung, Plakate, Pressearbeit, Sponsoren, Rettungstaucher und vieles mehr. Die anderen gehen davon aus, dass der Fluss in ein paar Wochen fest zugefroren sein wird. Sie haben mehr Erfahrung damit als ich und ich glaube es ihnen einfach einmal. Nach dem Treffen habe ich es gut, weil ich von Freunden nach Hause gebracht werde, obwohl das für sie ein Umweg ist. Unterwegs zeigt das Thermometer -21 °C an und auch in Skelleftehamn sind es -20 °C, der kälteste Abend bisher in diesem Winter, als ich zu Hause ankomme.

Übers Meer, Eisfedern und Feuerfest

Heute morgen habe ich es ein bisschen ruhiger angehen lassen, denn die Woche war sehr voll. Um zehn bin ich aber doch zum Bootshafen „Tjuvkistan“ gefahren, nachdem der Nachbar mir eine Nachricht geschickt hat, dass das Meereis trägt. Ich bin dann mit Skier und Pulka zur Insel Bredskär gelaufen. Die Pulka müsste eigentlich nicht sein, aber ich ziehe Kamera, Proviant und Daunenjacke lieber hinter mir her, als dass ich sie auf dem Rücken trage.

Tierspur irgendwo auf dem MeerMeine Pulkaspur hinter der Insel Bredskär

Obwohl die Temperaturen von nachts -21 °C auf -11 °C angestiegen war, habe ich mich über die mitgenommene Daunenjacke sehr gefreut, denn ich kam an einigen Eisflächen vorbei und auf manchen hatte sich federartiger Raureif gebildet …

Ein „Eisfederwald“ auf dem Eis

… und die nächste halbe Stunde habe ich dann auf dem Eis gelegen und Eisfedern fotografiert.

EisfedernEisfedernGespiegeltGespiegelt

Gespiegelt

Ich bin dann um die Insel Bredskär herumgelaufen. Das war teilweise ein bisschen mühsam, weil kaum Schnee auf dem buckeligen Eis lag und sowohl meine Skier als auch die Pulka ihre eigenen Ideen hatten, wo es wohl langgehen sollte. Aber bald war ich wieder auf dem Meer und kurz darauf wieder zu Hause.

Um drei haben mich J. und T. von unserem Verein „Mörkrets och kylans glada vänner“ abgeholt, weil wir auf dem „Feuerfest“ in der alten Kirchenstadt Luleås Winterbaden vorzeigen sollten. Heute nacht habe ich geglaubt, dass das ein frostiges Vergnügen werden würde, da waren es nämlich in Luleå -29 °C. Doch heute um halb sechs, als J. über das Winterbaden erzählte und T. und ich in das kalte Wasser gestiegen sind, war es mit -10 °C geradezu lau.

Wir alle ziehen es vor, in einem gesägten Eisloch im See, im Fluß oder im Meer zu baden, als wie in Luleå in eine mit Eiswasser gefüllte Badetonne zu steigen, während das Publikum teilweise neugierig, teilweise kopfschüttelnd unserem Treiben zuschaut. Aber lustig war es trotzdem. Und wir haben sogar eine kleine Gage bekommen, die nicht nur die Reisekosten deckte (Luleå ist anderthalb Autostunden entfernt), sondern auch noch ein paar Kronen in die immer maue Vereinskasse spült.

Noch ist es leer auf dem EldfestAuch am offenen Feuer steht noch keiner

Doch zur „Feuershow“ sind viele Familien gekommen

Zurück von einer Journalistenreise

Dieser Artikel ist Teil der sechsteiligen Serie Journalistenreise mit Boundless Bothnian Bay.

Da bin ich wieder. Zu Hause in Skelleftehamn. Unfassbar müde nach drei extrem intensiven Tagen und der heutigen Rückreise. Nein, viel Schlaf bekommt man wirklich nicht, wenn man erst die Schwedische Winterschwimmmeisterschaft mit organisiert und durchführt und dann direkt auf Journalistenreise ist.

Veranstaltet wurde diese Journalistenreise von dem Projekt Boundless Bothnian Bay, welches die Küstenregion Nordschwedens und Nordfinnlands stärken soll. Neben zehn Journalisten aus Belgien, Deutschland, Finnland, Russland, Schweden und Spanien durfte ich als offizieller Fotograf mitfolgen und hatte so meinen ersten richtig bezahlten Fotografenjob. Ich war ganz schön nervös!

Leider hatten wir ziemlich fürchterliches Wetter: Es war die ganze Zeit konturlos bewölkt, es gab Schneeregen und sogar Regen bei leichten Plusgraden. Also so ziemlich, wie man sich den nordischen Winter nicht vorstellt. Da hatte ich es nicht leicht, schöne Fotos zu machen und dass ich am Sonntag morgen mein Stativ auf dem Eisbrecher vergessen habe, machte die Sache auch nicht leichter. Gut, dass ich noch mein Einbeinstativ dabei hatte.

Aber ich habe schon ein bisschen die 1317 Fotos (das sind dann knapp 33 Gigabyte) durchgeschaut und es sind doch einige gute Fotos dabei. Ich hoffe, dass diejenigen Journalisten, die meine Fotos verwenden wollen zufrieden sind.

Heute schreibe ich aber weder ausführlicher, noch zeige ich Fotos, denn die nächsten Tage muss ich in Ruhe die Fotos sichten, aussortieren, beschneiden, bearbeiten, Staub wegstempeln und dann für die Journalisten und für Boundless Bothnian Bay online stellen. Ich werde versuchen, auch hier im Blog zeitnah Artikel zu schreiben und Fotos zu veröffentlichen. Dann wird es um schmelzende Instrumente, Teletubbies, Leckereien, ein altes Fahrrad und manches mehr gehen.

An jeder Station: Skellefteå — Luleå — Piteå — Kalix — Haparanda/Tornio — Kemi — Oulu — Hailuoto haben wir eine Tüte mit Informationen bekommen und so bin ich nicht nur um dutzende Broschüren, sondern auch um zwei Bücher, zwei Mützen, ein Holzschiff als Schlüsselanhänger, fünf Kugelschreiber, zwei Buffs, zwei Stofftaschen, Süßigkeiten und ein paar andere Dinge reicher. Das Highlight unter den Giveaways: warme Wollsocken aus Oulo!

Giveaways von der Reise

Winterschwimmmeisterschaft 2014

Dieser Artikel ist Teil der sechsteiligen Serie Journalistenreise mit Boundless Bothnian Bay.

Zum dritten Mal haben wir mit „Mörkrets och Kylans Glada Vänner“ die schwedische Winterschwimmmeisterschaft in Skellefteå organisiert.

Während es zur Meisterschaft 2012 mit -32 °C extrem kalt war und letztes Jahr mit -16 °C „lagom“ kalt, war es dieses Jahr trüb und mit ± 0°C zu warm für Anfang Februar. Einige Schnee- und Schneeregenschauer kamen herunter und Sonne oder blauen Himmel suchte man vergebens.

Und weil es so warm war und der Fluss weiter flussaufwärts immer noch offen war, hatten wir immer noch 10 – 20 Zentimeter Wasser über dem Eis und haben deswegen zusammen mit Handwerkern am Vortag noch einen Steg auf das Eis gelegt, damit Schwimmer, Helfer und Journalisten trockenen Fußes auf den Fluss kommen.


Eröffnet wurde die ganze Veranstaltung von Mieskuoro Huutajat, dem bekannten Schreichor aus Finnland, dessen Performance wirklich sehens- und hörenswert ist und ein schöner Start für diesen besonderen Event war.

Mieskuoro Huutajat auf dem FlussMieskuoro Huutajat: Bäh!SchreiportraitSchreiportrait

Kurz darauf, nachdem die Taucher sich fertig gemacht haben kamen auch schon die ersten drei Wettkämpfer im Bademantel über den Steg zum Start. Kaum waren die Schwimmer im eiskalten Wasser, kam auch schon das Startsignal.

Ein Taucher prüft die Lage unter WasserMit Rentierkappe zum Ziel

Wikingerkampf

Ein Teil unseres Teams hat letztes Jahr eine recht durchgeknallte Veranstaltung organisiert: Die erste afrikanische Winterschwimmmeisterschaft in Jinja, Uganda. Dort wurde das Wasser mit vielen Tonnen Eis, das sonst zum Frischfisch kühlen benutzt wird, auf +6 °C herunter gekühlt. Und John Lule, der Gewinner, wurde von uns eingeladen, an der schwedischen Meisterschaft, die allen Nationalitäten offen steht, teilzunehmen. Nach zwei Übungstagen hat auch er seine 25 Meter geschwommen und Silber in seiner Altersklasse gewonnen. Congrats, John!

John Lule startetJohn Lule

Während wesentlich mehr Frauen als Männer winterbaden, waren bei der Meisterschaft mehr Männer angemeldet. Es ist wohl immer noch so, dass den Männern der Wettbewerb wichtiger ist. Doch bald kamen die ersten Starts mit Frauen aus allen Altersgruppen.

Am StartAm ZielFrauenstart im SchneegestöberWettkampf in jedem Alter

Was ich an diesem Wettbewerb mag ist die Vielfalt der Schwimmer. Während manche am fighten und kämpfen sind, lassen es andere ruhig angehen. Und schaut man sich die Kopfbedeckungen an, so hatten wir ein Rentier, einen Wikinger, eine Trapperin und Kleopatra (mit Baderock!) zu Gast.

Die „Trapperin“ hat warme OhrenAuch Kleopatra schwimmt mit

Zwei Schwimmerinnen sind mit besonders in Erinnerung geblieben: Zum einen I. aus Skelleftehamn, die ruhig und kontemplativ ihre Bahn geschwommen ist, zum anderen I. aus Burträsk, die nach einem Unfall Behinderungen hat und zum Anfang kaum von der Stelle gekommen ist, dann aber mit eisernem Willen die Bahn geschwommen ist. Mit einer Minute zwanzig Sekunden war sie am längsten im Wasser und ist damit meiner Meinung nach die heimliche Gewinnerin des Tages.

I. aus SkelleftehamnI aus Burträsk

Nun waren die Teams am Start, Anna-Carin Nordin ist wieder 450 Meter gekrault und natürlich gab es auch die Zeremonie der Preisverleihungen. Bei all dem war ich aber dieses Jahr nicht mehr dabei, denn die Winterschwimmmeisterschaften waren Auftakt der dreitägigen Journalistenreise, bei der ich als Fotograf mit dabei war. Und während andere noch im Wasser um Bestzeiten kämpften, saß ich erst mit den Organisatoren und Journalisten zusammen zum Mittagessen und dann im gemieteten Reisebus auf dem Weg nach Luleå.

Musik zum Dahinschmelzen

Dieser Artikel ist Teil der sechsteiligen Serie Journalistenreise mit Boundless Bothnian Bay.

Samstag bis Montag hat „Boundless Bothnian Bay“, ein Projekt, welches die Küstenregion Nordschwedens und Nordfinnland stärken soll, eine Journalistenreise veranstaltet. Zehn Journalisten aus verschiedenen Ländern waren eingeladen, an dieser Reise teilzunehmen und ich war der offizielle Fotograf. So kam ich nicht nur zu einer erlebnisreichen Kurzreise, sondern auch zu meinem ersten bezahlten Fotografenjob.


Samstag mittag: Wir haben Skellefteå verlassen und sitzen im Bus mit Ziel Luleå Gammelstad. Dieses alte Kirchendorf lag einmal im Mündungsdelta des Luleälven, jetzt sind es zwanzig Kilometer dorthin. Das liegt an der Landhebung: Nachdem die Gletscher, die das Land unter sich wie einen Schwamm zusammengedrückt haben, vor vielen tausend Jahren verschwunden sind, begann sich das Land wieder anzuheben. Auch heute hebt sich die nordschwedische Ostseeküste immer noch um einen Zentimeter pro Jahr.

Ich war schon zwei Mal in Gammelstad, einmal vor einigen Jahren mit Sonya und einmal vor ein paar Wochen zum Feuerfest, aber jetzt war ich zum ersten Mal in der alten Nederluleå kyrka, die aus dem 15. Jahrhundert stammt.

Nederluleå kyrkaNederluleå kyrka

Nachdem wir unserem Führer immer wieder davon gelaufen sind, um Fotos zu machen, wurden wir noch von einem Paar eingeladen, welches zeitweise in einem der alten Häuser wohnt. Die Häuser sind recht günstig zu kaufen, aber mit strengen Auflagen verknüpft: Man darf dort nicht permanent wohnen, es gibt keinen Stromanschluss und kein fließend Wasser und so etwas wie eine Satellitenschüssel geht gar nicht! Besonders gut (neben den leckeren Pfefferkuchen) hat mir das kleine Schrankbett gefallen. Aber ich frage mich schon, ob dort Eltern ihre Kinder früher eingesperrt haben, wenn sie nicht gehorsam waren …

Eine Straße in der GammelstadGammelstad mit KirchenblickDie gute Stube. Rechts das Schrankbett, daneben der KaminAltes Schrankbett – Kindergröße

Nachdem ich einen größeren Teil des Gammelstadaufenthaltes damit beschäftigt war, Regentropfen von der Linse zu wischen, war ich nicht böse, dass der nächste Aufenthalt zwar im Kalten, aber zumindest drinnen sein würde: Ein besonderes Konzert in einem großen Iglu.

Und es war wichtig, dass es in diesem Iglu kalt war – idealerweise -5 °C – denn die Instrumente waren aus Eis gebaut. Lediglich die Griffbretter von Geige, Gitarre und Kontrabass bestanden aus Holz. Die Instrumente: Ein Schlagzeug (ohne Becken natürlich), ein Marimbaphon, eine Geige – an der Decke aufgehängt, eine Gitarre, ein Kontrabass und ein Instrument aus gestimmten Röhren, dessen Namen ich nicht kenne. Erdacht wurde das ganze von Tim Linhart, einem amerikanischen Künstler, der vor zehn Jahren nach Schweden kam.

Das große „Konzertiglu“Die Bühne für Sänger und OrchesterEisorchesterTim Linhart, der Schöpfer des Eisorchesters

Ich war gleichzeitig fasziniert und enttäuscht: Den Klang der Instrumente fand ich faszinierend und schön: Die dumpfen sonoren Trommeln, das überraschend klare Marimbaphon und den verblüffend normal klingenden Kontrabass. Nur die arme Geigerin kam mit dem Stimmen kaum hinterher und spielte deswegen manchmal ganz schön schief. Kein Wunder, denn draußen war es warm, das Iglu wegen uns überfüllt und die Geige war am Schmelzen! Da hatte es der Bass besser: Mehr kaltes Eis und leichter zu stimmen.

Am liebsten hätte ich für diese Instrumente komponiert: Musik von Weite und Einsamkeit, von kalten, dunklen Wintern, von dahinziehenden Rentierherden und von knirschendem Schnee und krachendem Eis. Und was spielt das Orchester?

ABBA! Ausgerechnet ABBA! Von vorne bis hinten, rauf und runter. Und zum Mitsingen! Das ist so der kleinste gemeinsame Nenner für jede Art Publikum und funktioniert in Schweden eigentlich immer. Nur ich fand es schade, denn zum einen wurde hier eine großartige Gelegenheit versäumt, dem Klang der Instrumente gerecht zu werden und zum anderen brauchen die Instrumente selbst für ABBA doch ein bisschen mehr Druck und Präsenz, wenn das ganze nicht nach Mittelstufenschülerband klingen soll. Und – tut mir leid, das so schreiben zu müssen – genau das tat es.

Zwischenbemerkung: Hilfe, ich schreibe eine Musikkritik! Das wollte ich doch nie, nie, nie in meinem Leben tun! Na gut, ich lasse das jetzt so stehen und höre mit dem Meckern auf.

Auch an diesem Abend bin ich nicht ABBA-Fan geworden, aber schön war das Konzert und der Abend dennoch. Nur mit dem Fotografieren war ich wieder nicht so recht zufrieden: Es war zum einen wahnsinnig eng und zum anderen extrem dunkel. Erst als ich mich frech nach vorne durchgedrängelt habe und auf der Treppe aus Eis Platz genommen habe, konnte ich ein paar bessere Fotos machen.

MarimbaphonAufgehängte GeigeEis-KontrabassMallets in Aktion

Nach dem Konzert sind wir nach Piteå zurückgefahren, denn dort gab es Abendbrot und die erste Übernachtung. Am nächsten Tag sollte es dann aufs Eis gehen …

Bemerkung für Fotografen: Seht Ihr das Foto vom Inneren der Kirche. Sieht hübsch romantisch und weichgezeichnet aus, nicht wahr? Das war aber nicht geplant, sondern lag daran, dass die Linse leicht beschlagen war. Bei vielen anderen Motiven hätte ich mich sehr geärgert, hier passt es.

Arctic Explorer

Dieser Artikel ist Teil der sechsteiligen Serie Journalistenreise mit Boundless Bothnian Bay.

Samstag bis Montag hat „Boundless Bothnian Bay“, ein Projekt, welches die Küstenregion Nordschwedens und Nordfinnland stärken soll, eine Journalistenreise veranstaltet. Zehn Journalisten aus verschiedenen Ländern waren eingeladen, an dieser Reise teilzunehmen und ich war der offizielle Fotograf. So kam ich nicht nur zu einer erlebnisreichen Kurzreise, sondern auch zu meinem ersten bezahlten Fotografenjob.

Auf der Brücke des „Arctic Explorer“

Sonntag morgen: Nach einem frühen und frugalen Frühstück im Hotel Pite Havsbad fuhren wir mit dem Bus an den Fluss Piteälven. Zu meiner Überraschung war der Fluss offen, aber das war weder die Strömung noch das warme Wetter, sondern der Eisbrecher „Arctic Explorer“, der den Weg für die Papierfabrik „Munksunds Pappersbruk“ offen hält. Und dieser Eisbrecher nimmt auch Touristen mit. Nachdem er noch ein großes Lastschiff vorbeigelassen hat, legte die Arctic Explorer an und wir gingen an Bord. Bald darauf nahm das Schiff Fahrt auf. Nicht in Richtung Meer, wie ich gedacht habe, sondern flussaufwärts.

Das Eis bricht

Auch wenn die „Arctic Explorer“ um einiges kleiner ist als die in Kemi beheimatete Sampo, auf der ich vor elf Jahren mitfuhr, so ist es dennoch ein Erlebnis zu sehen, wie der schwere Schiffsrumpf das dicke solide Eis bricht. Und für Touristen ist es ein besonderes Erlebnis, von Bord aus das solide Eis zu betreten. Leider ist mir das Besondere an solch einem Erlebnis ein wenig verloren gegangen, dazu habe ich in den letzten Jahren schon zu viele winterliche Ausflüge auf das Eis unternommen. Schade auch, dass wir nicht das offene Meer angesteuert haben, sondern statt dessen Blick auf die Fabrik hatten. Aber vielen Schweden fehlt das Verständnis dafür, was Touristen gerne sehen und erleben wollen.

BackbordbruchkanteDie Arctic ExplorerDie Passagiere betreten das EisDie Arctic Explorer

Fast zwingend zu einer „Eisbrechersafari“ gehört das Baden – schön geschützt in Überlebensoveralls, die einem ermöglichen, warm und trocken auf dem eiskalten Wasser zu treiben. Aber es gibt wohl kaum einen, der nicht sofort an die Teletubbies denkt, wenn plötzlich alle anfangen in den knallig orangefarbenen Anzügen herumzuwatscheln.

Teletubbies an LandTeletubbies im Wassersich treiben lassenPosing im Wasser

Erst hatte ich nicht vor, mit Overall bekleidet in die Ostsee zu steigen, schließlich habe ich selbst so ein Ding und habe es gerade am Vortag angewendet, um Eis und Eisschlamm aus dem Winterschwimmbecken zu entfernen. Doch dann viel mir ein, dass meine wasserdichte Kamera noch nicht zu ihrem Recht gekommen ist. Also habe auch ich mir einen der Anzüge angeworfen und bin mit der Kamera ein bisschen umhergepaddelt. Das vorige Photo ist so entstanden doch das nächste ist mein persönlicher Favorit aus der Reihe „Teletubbies in der Arktis“.

Zwei Welten

Aber der Tag war noch nicht zu Ende: Auf uns warteten noch Surströmming, eine gelbe Boje und ein Schloss ganz aus Schnee und Eis.

Ein Schloss aus Schnee und Eis

Dieser Artikel ist Teil der sechsteiligen Serie Journalistenreise mit Boundless Bothnian Bay.

Samstag bis Montag hat „Boundless Bothnian Bay“, ein Projekt, welches die Küstenregion Nordschwedens und Nordfinnland stärken soll, eine Journalistenreise veranstaltet. Zehn Journalisten aus verschiedenen Ländern waren eingeladen, an dieser Reise teilzunehmen und ich war der offizielle Fotograf. So kam ich nicht nur zu einer erlebnisreichen Kurzreise, sondern auch zu meinem ersten bezahlten Fotografenjob.


Sonntag mittag: Nach unserer Fahrt mit dem Eisbrecher ging es mit dem Bus weiter nordwärts. Nach einem kurzen Zwischenstopp in Luleå fuhren wir weiter zum nächsten Halt Törehamn. Auf der Fahrt bemerkte ich, dass mein Stativ weg war. Das verdarb mir doch ein wenig die Laune, nicht nur weil das Ding teuer war, sondern auch, weil ich nicht wusste, wie ich den Rest der Reise fotografieren sollte. Aber – det ordnar sig – wie man hier sagt. Zum einen hatte ich noch ein Einbein dabei, zum anderen wurde das Stativ gefunden und ich konnte es am Dienstag bei der Rückreise in Piteå abholen.

Wo war ich stehengeblieben? Ach ja: Törehamn. Von diesem Ort hatte ich noch nie etwas gehört. Seglern hingegen ist er geläufig, da dort eine Boje die nördlichste Stelle der Ostsee markiert und es dazu gehört, diese Boje zu umsegeln. Wir sind brav um die Boje herumgelaufen und haben dann noch ein Gruppenfoto gemacht. Danach gab es erst den berühmt-berüchtigten Surströmming zum Probieren, aber wenn man nicht dabei war, wie die Dose mit der stinkenden Lake geöffnet wird, kann ich die Verköstigung nicht ganz ernst nehmen, denn das gehört einfach mit dazu. Drinnen durften wir dann noch Leckereien mit Fischrogen – einer lokalen Spezialität – und mit Rentierfleisch probieren. Da es recht spät war und wir noch kein Mittagessen hatten, waren die mundgerechten Happen mehr als willkommen.

Die Boje bei TörehamnGruppenfoto (Foto: unbekannt)Surströmming schnuppern„Rom“ – Fischrogen

Dann ging es weiter nach Haparanda/Tornio. Haparanda liegt in Schweden, Tornio in Finnland. Andere Währung, andere Sprache, andere Zeitzone. Wir haben dort aber nur den Busbahnhof, ein Grenzschild und das Einkaufszentrum zu sehen bekommen und ich habe auf das Fotografieren verzichtet. Da war der nächste Halt schon interessanter:

Das Eisschloss in Kemi. Dort war ich 2003 schon einmal und fand es damals ein bisschen langweilig. Inzwischen hat man das Eisschloss aber wesentlich weiterentwickelt und die Skulpturen aus Schnee und aus Eis sind wirklich sehenswert. Hier bekamen wir ein spätes Mittagessen und hatten viel Zeit, uns in Ruhe umzuschauen.

Eisskulptur am Eingang

Das Eisschloss in KemiBlaue EishalleDie EiskapelleRestauranttisch

Schneerelief

Die HochzeitssuiteIch pose am „Kamin“ – Foto: Muriel Françoise

Aber der Tag war noch nicht zu Ende: Wir fuhren weiter nach Oulu, wo wir auch den nächsten Tag verbringen sollten. Auf dem Programm stand erst die Finnische Dampfsauna, die nicht so heiß, aber sehr feucht ist, da ständig wieder Wasser auf den Ofen gegossen wird. Da Frauen und Männer getrennt saunieren gingen, gab es das Abendbrot erst um elf Uhr. Aber das war es wert!

Timo KinnunenIm Programm stand etwas von Akkordeonmusik und ich war sehr gespannt, ob wir eher finnischen Tango oder Schunkelwalzer zu Gehör bekommen werden. Beides falsch. Nach einem hervorragenden Vor- und Hauptgericht spielte uns Timo Kinnunen erst einige romantische Stücke, dann eine barocke Komposition und als Höhepunkt „Dinosaurus“, eine Avantgarde-Komposition von Arne Nordheim mit Zuspielung vom Band. Meiner Meinung nach mit die beste Musik, die ich je zu einem Abendessen geniessen durfte, auch wenn meine Begeisterung nicht von allen geteilt wurde. Ich hoffe, Timo auch mal in einem regulären Konzert erleben zu dürfen, denn er ist ein herausragender Musiker, spielt viel improvisierte Musik in Berlin und ist Professor an der Musikhochschule in Oulu.

Ein wirklich schöner Abend, aber dennoch war ich froh, als ich endlich ins Bett fallen durfte, denn dieser Tag war lang. Morgen würden wir als erstes eine Fahrradtour unternehmen …

Kurz vor dem Urlaub

Dass der Winter dieses Jahr nicht in Gang kommt, hatte ich schon geschrieben. Aber heute hatten wir tatsächlich wieder ein paar Minusgerade und sogar etwas wie Wolkenlücken, wenn man ganz genau hinschaute. Deswegen bin ich vor der Arbeit kurz ans Meer gefahren, mit Kamera und Stativ.

Zu meiner Überraschung war das Meer wieder offen, nur die geschützten Buchten waren noch eisbedeckt und an der Küstenlinie drifteten einige Eisschollen.

Eisschollen auf der OstseeOffenes Meer

Eiswall an Skelleftehamns Küste

Ich habe kurz überlegt, spontan frei zu nehmen und Kajak zu fahren, aber dafür war die Zeit zu knapp, denn ich nehme heute und morgen am Kongress „Attraktionskraft Skellefteå“ teil. Und da – jetzt am Nachmittag – sitze ich gerade. Das Kajak muss also noch ein bisschen warten, dann ab morgen habe ich Urlaub.

Mal schauen, ob ich wegfahren kann …

Journalistenreise
Fotos sortieren und bearbeiten
Proben und Aufführungen „Gömda men inte glömda“
Meetings mit Kammerchor und Dark & Cold
Vortrag bei „Attraktionskraft Skellefteå“ vorbereiten
Vortrag halten

Na gut, den halte ich erst morgen. Aber direkt danach beginnt mein Urlaub und ich steige ins gepackte Auto und fahre nach Abisko. Dort hoffe ich auf klaren Himmel, Dauerfrost, viel Schnee und Polarlicht.

Zwischenstopp Solberget

Dieser Artikel ist Teil der sechsteiligen Serie Abisko Februar 2014.

Heute hat mein Urlaub angefangen! Eine Woche werde ich in Abisko sein, ein bisschen fotografieren, ein bisschen Ski laufen und es ein bisschen ruhig angehen lassen. Da mir der Weg aber zu weit ist, um die Strecke in einem Rutsch zu fahren, habe ich Zwischenstopp auf Solberget gemacht. Jetzt sitze ich im Bauwagen, der Ofen heizt ein und ich schreibe Blog. Nur der Fußboden ist noch ein wenig kalt.

Die Autofahrt ging besser als erwartet, denn für heute wurde eine Schneewarnung 1 mit Wind und 10-20 Neuschnee für Nordschweden herausgegeben. So viel kam aber bis jetzt nicht herunter und auf der E4 ließ es sich gut fahren. Auf den fast unbefahrenen schneebedeckten Straßen Lapplands hingegen konnte man bei dem Schneefall und dem diffusen Licht kaum noch sehen, wo man langfahren soll und ich war über jeden Holzstecken, der als Randmarkierung dient, dankbar. Manches Mal bin ich in den tieferen Schnee am Rand geraten und habe schnell wieder die Straßenmitte angesteuert: Dort, wo alle fahren, wenn kein Auto entgegenkommt. Nach etwa vier Stunden bin ich auf Solberget angekommen; gar nicht so weit für nordschwedische Verhältnisse.

Wo ist denn die Straße?

Bei der schönen Scheune, die ich letzten Sommer schon fotografiert habe, habe ich dieses Mal auch wieder angehalten. Die Schneeschuhe habe ich im Auto gelassen, denn ich dachte, dass die Hütte ja nicht so weit weg steht. Nachdem ich aber bei jedem zweiten Schritt bis zur Hüfte im Schnee steckte, war ich ganz schön außer Atem. Selbst schuld, sage ich nur.

Winterscheune

Dieses Mal bin ich in dem gemütlichen Bauwagen untergebracht und fast finde ich es schade, dass ich morgen weiterfahren muss. Ich könnte gut ein paar Tage hier bleiben und ein paar altbekannte Plätze besuchen. So bleibt mir aber zumindest ein leckeres Abendbrot und die Sauna heute Abend. Morgen nach dem Frühstück fahre ich direkt weiter. Ich hole erst noch Bekannte vom Flugplatz in Kiruna ab und von dort aus ist es nach Abisko gar nicht mehr so weit. Hoffentlich liegt morgen nicht zu viel Neuschnee auf den Straßen.

Solberget: Im Bauwagen

Von Solberget nach Abisko

Dieser Artikel ist Teil der sechsteiligen Serie Abisko Februar 2014.

Wege fest trampeln – der Schnee ist metertiefEin bisschen nervös war ich. Um halb zwei sollen Annika und Ralf am Flugplatz in Kiruna ankommen und ich bin in Solberget. Eigentlich kein Problem, so weit ist das nicht, aber in der Nacht hat es etwa 15 Zentimeter Neuschnee gegeben und Wind war auch und ich war sehr gespannt, wie die Straßen wohl sein würden. Zwei Helfer, die gerade auf Solberget sind, waren schon fleißig damit beschäftigt, Schnee zu schippen oder mit Schneeschuhen wieder Wege über den Tiefschnee zu trampeln.

Mit dem Saab bin ich mit ein bisschen hin und her überraschend gut aus dem Parkplatz wieder herausgekommen und ab da war alles einfach: Selbst die wenig befahrene Straße an Solberget vorbei war perfekt geräumt. Dennoch hatte ich schon nach einigen Kilometern einen ungeplanten Zwischenstopp: Rentiere an der Straße. Erst eins, dann zwei, dann eine ganze Herde. Das ist auch kein großes Wunder, dass sich mehr als hundert dieser Tiere dort aufhielten: Dort wurden nämlich die Pellets gelagert, die die Sámi benutzen, wenn sie zufüttern müssen. Während ich noch im Auto saß und von den Rentieren umringt wurde, sah ich die Scheinwerfer eines Schneeskooters im Rückspiegel. Zwei Sámi kamen zu der Stelle, um die Pellets von der Straße weg weiter im Wald zu lagern, damit die Rentiere von der Straße kommen.

Rentiere auf der Strasse„Oh, gibt’s hier Futter? Wir kommen.“Willst du was von mir?Leckere Pellets naschen. Drängeln erlaubt!

Da habe ich das Auto an die Seite gestellt und fotografiert. Die Rentiere waren zwar anfänglich ein bisschen misstrauisch, doch bald haben sie mich ignoriert und ich konnte in Ruhe schauen und fotografieren. Aber dann musste ich mich losreißen und weiter fahren.

Ziemlich zeitgleich mit dem Flugzeug aus Stockholm kam ich am Flugplatz an, denn das, was ich zu spät war, war das Flugzeug zu früh. Es ist toll, Annika und Ralf endlich mal „live“ kennen zu lernen, denn wir kennen uns bis jetzt nur über dieses Blog und Facebook.

Die Fahrt nach Abisko dauert nicht lang. Es sei denn, man hält wie wir an jeder zweiten Parkbucht an, um den Torneträsk – einer der größten schwedischen Seen und auch der zweittiefste – und das Fjäll zu fotografieren. Aber da zeige ich hier nur ein Foto, denn von der Straße habe ich keine tollen Bilder gemacht (da war heute schon was ganz anderes dabei …). Und weil daneben noch Platz ist noch ein kleines Polarlichtbild vom ersten Abend, aber ich hoffe, dass wir noch eine schönere Aurora zu sehen bekommen und diese Nacht sieht die Prognose eigentlich ganz gut aus.

Fjäll hinter dem TorneträskEin erstes Polarlicht

Schnee hin und Schnee zurück

Dieser Artikel ist Teil der vierteiligen Serie Winterschwimm-Weltmeisterschaft in Rovaniemi.

Haha, was war ich naiv, als ich dachte, nach meinen hyperaktiven Wochen im Februar würde erst einmal eine ruhige Zeit kommen. Haha!

Jetzt bin ich zurück von unserem Besuch der Weltmeisterschaft im Winterschwimmen in Rovaniemi. Aber bis ich wirklich hier Artikel schreibe und Fotos zeige, wird es noch ein bisschen dauern, denn morgen beginnt das Berättarfestivalen – das Erzählfestival. Letzten Mittwoch haben Mikke und Peter bei mir im Trio die Stücke geprobt, morgen werden wir die einzige Probe zusammen mit Fransesca Quartey und Frida Selander haben, Soundcheck machen und dann geht es direkt los mit der Eröffnung des Berättarfestivalen, die wir musikalisch begleiten. Ich freue mich schon sehr auf das Arrangement von „Over the rainbow“ mit Frida.

Aber morgen habe ich auch noch eine andere Probe, denn übermorgen Abend spiele ich noch einmal Klavier bei „Gömda men inte Glömda“.

Und so schreibe ich heute nur über die Hin- und Rückfahrt nach Rovaniemi der größten Stadt in Finnisch Lappland, bei der wir zwei unterschiedliche Arten Schneefall erlebt haben.

Auf dem Hinweg – es hatte ja schon die ganze Nacht geschneit – Schneefall bei -3 °C. Dann ist der Schnee trocken und jedes Auto wirbelt Schnee auf. Wenn einem dann ein Laster entgegenkommt, sieht man ein, zwei Sekunden gar nichts mehr. „Snörök“ – Schneerauch nennen das die Schweden.

Auf dem Rückweg hat es auf der Fahrt von Rovaniemi nach Kemi heftig geschneit, aber bei +1 °C kommt das Ganze in nassen dicken Flocken herunter. Leichter zu sehen, aber schwerer Spur zu halten. Aber ich brauche mich nicht zu beschweren, denn ich habe mich dieses Mal fahren lassen.

Trockener Schneefall und „Snörök“ auf dem HinwegNasser Schneefall auf dem Rückweg

Über Rovaniemi selbst, die Meisterschaft und mein Treffen mit dem Weihnachtsmann schreibe ich dann die Tage mal.

Wieder zurück

Vom großen, großen Stockholm ging es heute wieder zurück nach Skellefteå. Ich habe mich wirklich gefreut, als ich am Gate 43 in Stockholm-Arlanda, wo ich auf den Flieger wartete, erst die Fotografin P, dann den Art Director N und schließlich noch S vom Diskussionsklub getroffen habe. So, als ob Gate 43 schon Teil von Skellefteå und man selbst schon halb zu Hause wäre.

Dann sitze ich neben S im Flieger – wir haben ohne Problem ein bisschen Plätze tauschen können – und kurz vor der Landung bricht die Wolkendecke auf und gibt den Blick auf Bjuröklubb, die Ostsee und bald auch auf Skelleftehamn frei. Da wohne ich! Die Ostsee eisfrei, die Seen eisbedeckt und ein bisschen alter Schnee noch hier und dort. Schön!

Doch wirklich angekommen fühlte ich mich, als ich um sechs einkaufen war (warum ist denn der Parklatz so leer?) und mich der Verkäufer verwundert gefragt hat, ob ich denn kein (Eis-)Hockey schauen würde?! Ach ja, Skellefteå und sein Eishockeyverein AIK! Vielleicht das Einzige in der ganzen Kommune, auf das die Skellefteå-Einwohner richtig stolz sind. Nur ich schaue hier genau so wenig Hockey wie in Deutschland Fussball und wusste daher nicht, dass heute um fünf eines der Halbfinalspiele war. Aber wenn AIK wieder wie letztes Jahr schwedischer Meister wird, dann freue ich mich trotzdem.

Rund um eine Norwegenkurzreise

Dieser Artikel ist Teil der dreiteiligen Serie Mo i Rana 2014.

Wenn man verreist, dann erlebt man was. Und wenn man von der schwedischen Ostseeküste über das Fjäll nach Norwegen reist, dann gibt es immer viel zu sehen.

Elisabet und ich sind letztes Wochenende für drei Tage nach Mo i Rana gefahren, um dort 17. Mai, den norwegischen Nationalfeiertag mitzufeiern. Darüber habe ich gestern im Artikel Syttende mai schon geschrieben.

Von Skelleftehamn nach Mo i Rana sind es gut 500 Kilometer. Die Stadt liegt in Norwegen am Ende des Ranfjorden, der tief in das Land einschneidet. Deswegen muss man nicht noch stundenlang kurvenreiche Küstenstraßen entlanggurken und ist relativ schnell da. Elisabet und ich sind die Strecke am Freitag gefahren, haben es aber ein bisschen ruhiger angehen lassen und auch Pausen gemacht. So konnte ich auch auf dem Hinweg fotografieren. Den Elch habe ich nicht mehr erwischt und die Rentiere am Straßenrand fand ich nicht so fotogen, also habe ich mich auf die Landschaft gestürzt.

Die erste Hälfte der Strecke ist frühlingsbunt: Blaue Seen, rote Häuser, dunkelgrüne Fichtenwälder und rotbraune Moore. Da das so aussieht wie bei mir zu Hause, blieb die Kamera im Rucksack. Doch dann steigt die Straße an, man fährt über das Fjäll und fast ist es so, als ob man in einer Zeitmaschine sitzt und wieder zurück in den Winter fährt. Seht selbst:

Eisschollen am GardikenEisschollen am GardikenFels, Eis, See und BergWeiße Winterweite bei Rukkon, Umasjö

Selfie an der GrenzeBald ist die Grenze erreicht und Elisabet und ich machen ein obligatorisches „Grenzselfie“. Doch wir sind nicht alleine an der „Riksgräns“. Dort steht auch ein Bus. An der Seite steht „Matbussen. Välkommen in“ – Der Essensbus, willkommen. Ein mobiler Lebensmittelladen – so etwas kenne ich eigentlich nur aus uralten Jugendbüchern.

MatbussenMatbussen von innen

Szenenwechsel: Es ist Samstag vormittag. Es ist grau, aber der Regen hat aufgehört. Wir machen einen Spaziergang mit unserer Gastgeberin. Fünfzig Meter die Straße hoch und man ist im Wald. Der wächst allerdings an einem Hang, der nach oben hin immer steiler wird, bis blanker Fels beinahe senkrecht ansteigt. Die Schneeschmelze ist noch im vollen Gang, überall gluckert und plätschert es und große wie kleine Bäche bahnen sich ihren Weg durch den Hang und bilden überall Wasserfälle. Irgendwann wird der Weg so nass, dass meine stiefellosen Mitwanderer nicht mehr weiterkommen und wir umkehren.

Holzsteg auf dem HinwegAltes Eis am Bach auf dem Rückweg

Das passt aber ohnehin ganz gut, denn wir wollen ja in die Stadt zu den Feierlichkeiten des 17. Mai. Nach einer Pause machen wir uns auf den Weg in die Stadt. Dort haben aber nicht nur in der Fußgängerzone gestanden, sondern auch einen Gang ans Ufer des Ranfjorden gemacht.

Blick auf den Fjord und den „Havmannen“Bunte Holzhäuser in Mo i Rana

Wir schaffen es gerade noch, trocken nach Hause zu kommen, dann geht der Regen los. Welch ein Glück, dass wir die ganze Feier trocken und teilweise sogar sonnig erleben durften. Das ist alles andere als selbstverständlich in den oft ziemlich verregneten norwegischen Fjord- und Küstenstädten. Aber Regen kann auch sehr gemütlich sein, wenn man drinnen im Warmen sitzt, nett bekocht wird und nicht mehr raus muss.

Regenwetter

Gegen neun hört der Regen auf und ich mache mich doch noch einmal auf den Weg nach dreußen, um Wasserfälle zu fotografieren. Das richtige „Hammermotiv“ finde ich den Abend nicht, aber Spaß macht es trotzdem.

Wasserfall in drei Blickwinkeln – IWasserfall in drei Blickwinkeln – III

Wasserfall in drei Blickwinkeln – II

Neben anderen kleinen Wasserläufen habe ich noch einmal die Stadt fotografiert.

Kleiner Wasserfall und altes EisMo i Rana um 23:00

Szenenwechsel: Es ist Sonntag, gegen neun und wir haben uns gerade auf den Rückweg gemacht. Auf dem Kahlfjäll muss ich diese schönen Hütten fotografieren. Ich möchte selbst keine Hütte besitzen, da ich finde, dass sie einen zu sehr bindet, aber es gibt schon sehr schöne Lagen, vor allem in Fjäll.

Hütten am See

Wenig später rufe ich: „Weiße Rentiere!“ und Elisabet bremst und setzt sofort zurück. Die Rentiere sind weit weg und ich habe sie nur gesehen, weil zwei auf dem braunen Gras liegen und nicht auf dem Schnee. Ich steige aus und möchte ein bisschen näher kommen, aber sofort stehen die Rentiere auf und traben weg.

Weiße Rentiere bringen Glück, sagen die Samen – so erzählt mir Elisabet. Nur kurze Zeit später sehen wir wieder zwei weiße Rentiere. Dann wieder einige, zwei davon weiß. Wir sind mitten in einer Nordlands-Safari. Viele Rentiere, ein Elch (wieder zu schnell für mich und meine Kamera) und auch ein Auerhuhn lassen sich blicken. Elisabet erzählt, dass es auch Albinos unter den Rentieren gibt und dass deren Horn rosa ist. Kurze Zeit später stehen wieder zehn Rentiere an der Straße und es ist tatsächlich ein Albino dabei. Im Gegensatz zu den anderen eher scheuen Gesellen lässt es sich ruhig fotografieren.

Weiße Rentiere auf dem Fjäll (Ausschnittsvergrößerung)Auerhuhn (Ausschnittsvergrößerung)

Ein zutrauliches Albino-Rentier

Gegen zwei sind wir in Lycksele, wo Elisabet ihr Auto gelassen hat. Sie fährt weiter nach Umeå und ich nach Skelleftehamn. Und das ganz in Ruhe und mit vielen kleinen Pausen, denn es ist der erste warme Tag des Jahres: Über 20 °C! Als ich im T-Shirt ein Stück am Vindelälven entlanggehe, kann ich mir kaum vorstellen, dass ich morgens noch in Mo i Rana war und dann an zugefrorenen Seen vorbeigefahren bin, auf dem einen saß sogar noch ein Eisfischer. Die Zeitmaschine spult also wieder auf Frühling vor. Schön!

Am Vindelälven

Noch bis Boliden (50 km von zu Hause) sehe ich immer wieder Rentiere. Die letzten fünfzehn Kilometer sinken die Temperaturen kräftig: Von +21 °C auf +11 °C. Denn der Wind weht vom Meer und das ist noch richtig kalt. Aber die Birken öffnen ihre maigrünen Blätterknopsen und das ist so schön, dass mir die Temperaturen eigentlich völlig egal sind.

Vielen Dank, Elisabet, für eine schöne Kurzreise. Vielen Dank, O und M, für Eure herzliche Gastfreundschaft!

Sieben Kurzartikel

Heute kann ich mich nicht entscheiden,worüber ich schreiben soll, also schreibe ich über siebenerlei Dinge, aber versuche mich, kurz zu halten. Mal schauen, ob’s klappt …

Über das deutsche Brot

Diese Woche habe ich Brot gekauft. Bei Lidl. Deutsches Brot. Seitdem esse ich drei Mal täglich Brot mit Käse und bin einfach begeistert. So lecker und so ungleich dem labbrig-süßem Schwedenbrotersatz! Mit nationalen Identitäten habe ich es ja nicht so, aber wenn ich etwas mit Deutschland verbinde, dann sind es die unzähligen Varianten von gutem Brot. Sollte ich einmal ein heroisches Nationallied für die Deutschen dichten müssen, so käme vermutliches in etwa folgendes heraus.

Oh, tu Teutscher von teutschen Lanten,
Tu bist wie Brot – ganz ohne Scherz!
Tie Kruste hart bis hin zum Kanten,
doch innen frisch und sanft Dein Herz.

Über Flugreisen

Aber wenden wir uns von schlechten Dichtungen aus deutschen Landen ab und Italien zu. Da hätte ich ein paar Wochen sein können. Und da wäre ich auch gerne hingereist, denn Freunde aus München haben dort ein Haus gemietet und nette Menschen eingeladen. Doch eine Flugreise nach New York scheint leichter, schneller und günstiger als eine Reise von Skellefteå nach Florenz zu sein. Unter zwei Mal umsteigen geht ohnehin gar nichts. Dann darf ich mir aussuchen, ob ich in 35 Minuten umsteigen möchte (wie denn?) oder doch lieber 29 Stunden unterwegs sein. Als Alternative darf ich auch gerne 750 Euro zahlen und mehr, dann werden die Verbindungen ein klein wenig besser. Und die meisten Rückflüge starten vor dem Aufstehen, also müsste ich noch eine Hotelnacht in Florenz buchen.

Es ist sehr schade, dass man in Skellefteå so weit weg von Zentraleuropa ist und viele Verbindungen sehr umständlich, zeitaufwändig und teuer sind. Ich habe die Italienreise wieder abgesagt. Doof das, sehr doof!

Über einen Auftritt in Jörn

Nah hingegen ist das schwedische Inland. Jörn beispielsweise (ca. 800 Einwohner) ist nur eine Autostunde entfernt. Dort war ich gestern Abend und habe Musik gemacht. Ein Tenor aus dem Kammerchor hat mich gefragt, ob ich Lust hätte, mit ihm (plus Bass und Schlagzeug) dort zu spielen. Normalerweise nehme ich als Pianist keine unbezahlten Jobs an, aber hier habe ich eine Ausnahme gemacht. Wir haben in einem kleinen Zelt gespielt und obwohl der Auftritt nicht gerade ein musikalisches Glanzlicht darstellte, hat es doch Spaß gemacht, für das kleine Publikum, welches dieses Konzert wirklich zu schätzen wusste, zu spielen. Und bei „Fever“ bemühten sich auch alle redlich, auf zwei und vier zu klatschen, wie es sich gehört. Eine lange Pause gab es, in der Hamburger verkauft wurden, so kam ich auch noch zu meiner Gage: Einen Hamburger für 30 Kronen ;-).

Rudi Kreuzkamm […] hatte behauptet, der Nichtraucher spiele abends, bis in die Nacht hinein, in der Vorstadtkneipe „Zum letzten Knochen“ Klavier, und er kriege eine Mark fünfzig Pfennig dafür und ein warmes Abendbrot.

Erich Kästner: Das fliegende Klassenzimmer

Ich sollte dazu sagen, dass ich freiwillig auf jegliche Gage verzichtet habe, weil die anderen auch keine bekommen haben und ich es doof fand, als „special guest“ behandelt zu werden.

Über das leere Inland

In den anderen Pausen bin ich ein bisschen durch Jörn gelaufen. Ich beneide das kleine Städtchen um seinen Bahnhof! 21:33: Umeå Stockholm, 4:25 Luleå Boden Narvik steht an der digitalen Anzeigetafel, die so gar nicht zu dem schönen alten Bahnhofsgebäude passt. Stell Dir vor, Du wohnst in einem Kaff und kannst, ohne umzusteigen, nach Berlin, in die Alpen und an die Nordsee fahren. So ein Bahnhof ist das. Wie gesagt, beneidenswert!

Weniger beneidenswert ist der Ort an sich – so viele Häuser stehen leer. In manchen hängt ein Schild „Zu verkaufen“, bei manchen sind die Fenster mit Brettern vernagelt und einige rotten einfach vor sich hin. Wie muss das sein, in einem halbleeren Ort zu wohnen und zu ahnen, dass vielleicht nie wieder alle Häuser mit Leben gefüllt sein werden. Denn Arbeit im Inland zu finden ist schwer und die aktuelle schwedische Regierung tut auch nicht gerade viel dafür, um das schwedische Inland am Leben zu erhalten. Schulen werden geschlossen, Krankenstationen verschwinden, Straßenbeleuchtungen werden abgeschaltet. Eine der weniger schönen Facetten Schwedens.

Über die Russenwärme

Bald sitze ich wieder am Digitalpiano im Zelt. Schwitze und trinke Wasser. Denn es ist richtig warm. 27 °C! In Skellefteå waren es schon morgens über zwanzig Grad und mittags haben ein Kollege und ich barfuß am Fluss gesessen und Mittagspause gemacht, während die ersten Sommerschwimmer den immer noch eiskalten Fluss entlang schwammen.

Um zehn Uhr ist unser Konzert in Jörn vorbei und wir fahren wieder zurück in die Stadt und ich nach Hause weiter. Als ich um zehn nach elf in Skelleftehamn ankomme, zeigt das Thermometer immer noch 20 °C an. Solche warmen Tage werden hier „Ryssvärme“ – Russenwärme genannt, weil wir diese Wärme meist dem kontinental geprägtem russischen Klima zu verdanken haben. Im Winter gibt es dann das Gegenstück: „Rysskylan“.

Über das gegen den Wind segeln

Jetzt ist es schon um einiges kühler und morgen wird jede Menge Regen bei Temperaturen von unter 10 °C erwartet. Damit fällt meine vormittägliche Paddeltour wohl aus, aber ich bin gar nicht so böse, denn morgen Abend haben wir unser Frühjahrskonzert mit dem Kammerchor und wenn das Wetter zu schön ist, dann kommt ja keiner.

Wir haben ein gemischtes Programm mit einigen sehr jazzigen Stücken (unter anderem „Waltz for Debby“), da wir zwei Solisten mit dabei haben: Den Jazzpianisten Mathias Algotsson und die Jazzsängerin Margareta Bengtson. Margareta Bengtson ist übrigens ein winzig-kleines Puzzleteil in meiner Schwedengeschichte und das kommt so:

In Essen habe ich damals ein Duo gehabt. Eine Sängerin und ich am Klavier: Die Sängerin hatte Bezug zu Schweden und kam mit einigen schwedischen Volksliedern an: „Kristallen den fina“, „Uti vår hage“ und „Vem kan segla förutan vind“ (Wer kann gegen den Wind segeln). Von dem letzten Lied gibt es eine Einspielung mit dem schwedischen A-Capella-Quintett „The Real Group“ zusammen mit Toots Thielemans. Eine unfassbar schöne Aufnahme, fand ich schon damals und ich habe direkt meine Liebe für die schwedischen Volkslieder, die so viel anmutiger ankamen als so manches deutsche Volkslied, entdeckt. Das war – neben Pippi Langstrumpf aus Kinderzeiten – einer meiner ersten Anknüpfungspunkte mit Schweden. Und bei genau dieser Aufnahme sang Margareta Bengtson Sopran. Es ist wirklich eine tolle Erfahrung, sie jetzt persönlich kennenzulernen – wieder schließt sich ein kleiner Kreis.

Über das Rasenmähen

Natürlich hoffe ich, dass morgen viele Zuhörer kommen und deswegen freue ich mich ja auch über den Regen, der diese Nacht losgehen soll. Davor musste ich aber noch etwas erledigen: Das Rasen mähen! Als ich den Rasenmäher betankt und gestartet habe, war das gleichsam entrüstete wie lustlose Röhren des Benzinmotors selbst durch meinen Gehörschutz deutlich zu hören. Ich glaube fast, mein Rasenmäher mag das Rasen mähen nicht sonderlich. Nun, da haben wir etwas gemeinsam. Ich finde es auch nur mäßig inspirierend, den Mäher über eine lang Stunde kreuz und quer durch den Garten zu schieben. Dass das Ganze so lange dauerte, war meine Schuld: Wieder war ich zu spät dran mit dem ersten Frühjahrsmähen und im sonnigen Vorgarten war das Gras schon bis zu dreißig Zentimeter lang. Da kommt man oft nur zentimeterweise vorwärts. Doch bald war der Rasen gemäht, eine große Schubkarre Gras in den Wald gefahren und wenn es eine Medaille für das späteste Rasenmähen in Skelleftehamn gäbe, so dürfte ich sie mir wohl zum vierten Mal in Folge abholen.


Das waren sieben Kurzartikel. Mit dem kurz halten hat es nicht so recht geklappt, es ist halt leichter, mittellange als kurze prägnante Texte zu schreiben.

Lofoten 2014 – Teil 1: Von Kabelvåg bis Å

Dieser Artikel ist Teil der dreiteiligen Serie Lofoten 2014.

Wie schon letztes Jahr war ich auch diesen Sommer wieder auf den Lofoten, um Elisabet zu besuchen, die auch dieses Jahr wieder einige Monate dort arbeitet. Doch dieses Mal bin ich nicht alleine gefahren, sondern zusammen mit meinen Freunden Martine und Lasse, die ich am Donnerstag Nachmittag aus Kusfors abgeholt habe. Wir sind am Abend bis Kiruna gefahren und konnten Dank der Vermittlung eines Freundes in einer schönen kleinen Hütte am See übernachten. Das letzte Stück Weg hat es dermaßen gepladdert, dass man kaum noch etwas sehen konnte. Doch am Morgen bei der Weiterfahrt begann es schon aufzuklaren. Wir sind immer weiter der E10 gefolgt, bis wir am Nachmittag in Kabelvåg waren, wo Elisabet zur Zeit wohnt und arbeitet.

Am Abend sind wir drei und unsere Gastgeber nach Hov auf der Insel Gimsøy gefahren und haben dort am Strand gegrillt. Inzwischen war der Himmel blau, nur an den Bergen klebten noch einige Haufenwolken. Und kühl und windig war es, so dass ich über meine Wolljacke froh war. Das war dann auch ihr letzter Einsatz in diesem Urlaub. Während Elisabet mit Tochter und deren Freund Essen gemacht haben, konnte ich schon ein paar Mal auf den Auslöser drücken.

Berg und Strand bei Hov, Gimsøy

Wellen IWellen II

Den nächsten Tag haben wir in Ruhe begonnen: Erst ein gemütliches Frühstück unter blauem Himmel auf der Terrasse, dann noch einen Kaffee (ohne mich), danach sind Martine, Lasse, Elisabet, ihr Sohn J. und ich ins Auto gestiegen und losgefahren. Ziele waren Eggum und eine Glashütte, beides für mich neue Ziele auf den nicht mehr ganz unbekannten Lofoten. Ganz nach Eggum sind wir nicht gekommen, da mussten wir schon anhalten und ein paar Fotos machen. Da wir hauptsächlich mit dem Auto unterwegs waren und meistens dann, wenn die Sonne am höchsten stand, stehen die meisten meiner Bilder dieses Mal unter dem Motto „Postkarte“. Hier habe ich aber absichtlich die Straße mit drauf genommen, denn solche Ausblicke wie hier bekommt man fast überall auf den Lofoten zu sehen. Keine dramatische Landschaftsaufnahme, sondern ein völlig normaler x-beliebiger Blick auf diesen Inseln.

Blick vom Torvdalsveien

In Eggum gibt es ein altes Gemäuer, aus rohen Steinen zusammengesetzt. Ich hätte diese Ruine auf mindestens tausend Jahre alt geschätzt, doch da hätte ich gut daneben gelegen, denn es handelt sich um eine Radarstation, die die Deutschen 1943/44 gebaut haben. Und natürlich ist auch hier die Landschaft einmalig.

Borga Eggum, eine deutsche RadarstationWolken am Berg Tindan

Berg und See bei Eggum auf der Insel Vestvågøy

Weiter ging es zur „Glassblåserhytte“ in Vikten auf der Insel Flakstadøya, wo wir erst den beiden Glasbläsern bei ihrer Arbeit zugeschaut und dann einen Kaffee getrunken haben.

Die Glassblåserhytte in ViktenIn der Glassblåserhytte

Vikten auf der Insel Flakstadøya

Von da aus wollten wir eigentlich eine kleine Wanderung unternehmen. J. hatte sich am Vortag das Bein überstreckt und Martine kurierte einen Bänderriss aus. Da war es klar, dass der Weg einfach und eben sein muss. Der in einem Lofotenführer beschriebe Weg war aber nicht auffindbar und so sind wir nicht weit gekommen, bis wir an einer Steinwüste zwischen steilem Berg und Meer angelangt waren. Dort haben wir eine Pause gemacht, denn den ganzen Tag schon war das Wetter warm und sonnig und dies sollte sich bis auf zunehmende Temperaturen auch den Rest des Urlaubes nicht mehr groß ändern. Ich habe mich über die Pause gefreut, denn dort konnte ich auf den riesigen runden Felsen, die mit grünen Algen bewachsen waren herumklettern und so auch mein Lieblingsfoto des Tages machen.

Steinstrand bei Vikten

Da die Wanderung ausfiel, hatten wir mehr Zeit als erwartet und sind so weiter südwärts gefahren. Ziel war Å, welches nicht nur der letzte Buchstabe im norwegischen Alphabet ist, sondern auch der südlichste Ort der Lofoten. Vor Reine wurden unsere Geduld noch auf die Probe gestellt: Wegen Bauarbeiten war ein Weg nur einspurig und wir mussten bestimmt 20 Minuten fahren, ehe wir weiter durften. Aber die Stadt Reine ist es wert. Sie gehört zu meinen Lieblingsplätzen auf den Lofoten und am liebsten wäre ich wieder wie letztes Jahr auf den Reinebringen gestiegen. Aber lecker Fish and Chips draußen am Wasser hat ja auch etwas. Von Reine aus ist es nicht mehr weit bis Å, wo man einen schönen Blick auf die Insel Værøy hat. Sie ist bewohnt, aber im Gegensatz zu den Lofoten nur mit den Schiff erreichbar.

Blick auf die Stadt ReineDie Insel Værøya

Auf dem Rückweg wäre ich am Liebsten noch häufiger stehengeblieben, denn fotografisch gesehen begann jetzt die schönste Tageszeit, erst mit warmen Gelb- und dann mit leuchtenden Orangetönen. Aber ich war nicht alleine, wir alle waren schon lange unterwegs und auch etwas müde. Und die Baustelle mussten wir vor elf Uhr passieren, da die Straße dann für ein paar Stunden gesperrt wird. Erst gegen ein Uhr nachts waren wir wieder zu Hause. Zwei Fotos bleiben aber noch von der spätabendlichen Rückfahrt:

Reine im AbendlichtSonnenuntergang

Morgen oder übermorgen schreibe ich den zweiten Teil. Gute Nacht!

Lofoten 2014 – Teil 2

Dieser Artikel ist Teil der dreiteiligen Serie Lofoten 2014.

Sonntag

Nach der Autotour bis nach Å am Vortag sind wir heute nach Henningsvær gefahren, ein sehr schönes Städtchen auf einer Insel, die durch zwei einspurige Brücken mit dem Festland verbunden ist. Henningsvær ist beliebtes Ziel vieler Kletterer, die sich ohnehin auf den Lofoten mit seinen schroffen und steilen Bergen sehr wohl fühlen. Überhaupt ist Henningsvær touristischer als die meisten anderen Plätze auf den Lofoten, mit dem Nachteil, dass man nicht allein ist und dem Vorteil, dass es mehrere Restaurants gibt. In einem haben wir Mittag gegessen – im Schatten, denn in der Sonne war uns zum Sitzen zu heiß.

HenningsværHenningsvær

Nach einem kürzeren Gang durch die kleine Stadt sind wir zum Parkplatz gelaufen und sind nach Rørvik gefahren. Das liegt am Weg und ist vor allem wegen seines schönen Strandes ein beliebtes Ausflugsziel, sowohl der Touristen als auch der Einheimischen. Dort haben wir alle unser erstes Bad im Europäischen Nordmeer genossen und das Wasser war überraschend warm, wenn auch vermutlich immer noch unter 20 °C.

Abends haben wir im Restaurant „Du verden“ gegessen. Ich glaube, ich habe noch nie in einem Restaurant so viel Chaos erlebt wie dort an jenem Abend. Ein Teil der Gerichte und Getränke war aus, man musste ewig warten, um überhaupt an der Theke eine Bestellung aufgeben zu dürfen und die Angestellten rannten ziellos hin- und her. Ein Teil sprach übrigens überhaupt kein Norwegisch, was ich schon ein bisschen lustig fand. Aber das Wichtigste ist natürlich das Essen selbst, und das war sehr gut. Gegen neun sind Martine und ich zum nahen Anleger gelaufen, um die Hurtigruten zu fotografieren, denn die gehört ja zu Norwegen irgendwie fest dazu.

SvolværDas Hurtigrutenschiff Polarlys

In einem der Postkartenständer hat Martine eine Ansichtskarte gefunden, wo jemand von einem steilen Felsen zu einem anderen springt. Elisabet kannte die Stelle, denn die „Svolværgeita“, die Svolvær-Ziege, ist quasi gleich um die Ecke. Als wir mit dem Auto zu einem kleinen Friedhof gefahren sind, von dem man diese Stelle gut sehen kann, waren tatsächlich auch zwei Kletterer oben. Elisabet hat den einen noch springen gesehen, als ich das Teleobjektiv auf der Kamera hatte, konnte ich nur noch fotografieren, wie ein anderer Kletterer mit breitem Schritt hinüberstieg.

Kletterberge bei SvolværBergsteiger auf der Svolværgeita

Der Artikel „Kletter-Eldorado im hohen Norden“ der Neuen Zürcher Zeitung zeigt ein Bild aus wesentlich besserer Perspektive. Also – ich hätte vermutlich viel zu viel Angst, um dort hinüberzuspringen.

Montag

Elisabet musste arbeiten und so haben Lasse, Martine und ich uns zu dritt auf den Weg gemacht. Dieses Mal wollten wir eine Nebenroute nach Leknes fahren und dann nach Uttakleiv an den Strand. In Valberg haben wir Halt gemacht. Auf der einen Straßenseite liegt die Kirche, auf der anderen Seite der Strand.

Valberg KircheValberg Strand

Weiter in Richtung Uttakleiv. Der „Haukelandstrand“ vor dem Autotunnel war wie erwartet voll mit Menschen. Hinter dem Tunnel liegt Uttakleiv und vermutlich, weil das letzte Stück Weg privat ist und der Besitzer 20 Kronen per Auto haben möchte, ist dort der Strand wesentlich leerer. Ich finde ihn zudem auch noch schöner. Hier war ich schon 2013 und habe 2011 gezeltet, aber zum ersten Mal habe ich diese Bucht bei schönem Wetter gesehen. Wenn man diese hellen Sandstrände und das klare, türkisfarbene Wasser sieht, glaubt man sich eher in der Karibik als in Nordnorwegen. Das kalte Wasser belehrt einen aber sofort des Besseren. Gebadet haben wir aber trotzdem.

Sommerhimmel über UttakleivUttakleiv vom Meer aus

Das haben wir Abends dann gleich noch einmal, als wir abends mit Elisabet und J. zu einer nahen Badebucht gefahren sind und Pfannkuchen über offenem Feuer gemacht haben. Das braucht schließlich Zeit und da kann man gut zwischendurch noch ein, zwei Mal ins Wasser hüpfen, welches hier auch wieder etwas wärmer war als das Meer in Uttakleiv. Ich bin dann vor neun auf einen kleinen Hügel gelaufen, um nochmals ein Hurtigrutenschiff zu fotofgrafieren. Dieses Mal die Midnatsol, die von Svolvær ausgelaufen ist.

PfannkuchenMein Pfannkuchen kurz vor dem VerspeisenStille Badebucht bei KabelvågHurtigrutenschiff Midnatsol

Dienstag

Wieder strahlende Sonne, wieder ein warmer bis heißer Tag. Wir haben uns gemeinsam Kabelvåg angeschaut, aber mein Gehirn war ein bisschen zu sehr gedünstet, als dass ich das wirklich frisch und frei geniessen konnte. Ich war über jeden Schatten froh, und wenn es nur war, den Kopf mal schnell in einen alten Holzschuppen zu stecken.

Durchsicht in Kavelvåg

Ich glaube, im Sommer Südeuropa, oder in Dubai, oder in der Sandwüste wäre ich aufgeschmissen. Wärme und Hitze ist nicht meins. Fünfunddreißig Grad finde ich schöner mit einem Minus davor. Da kann sich wenigstens richtig anziehen …

Aber was soll’s, zum einen waren wir nicht immer nur in der Sonne, zum anderen hat das Auto Klimaanlage. Wir sind nordwärts gefahren und in Sildpollen links abgebogen, um eine Nebenstrecke zu fahren. Zwischen manchen Bergen hingen dicke Wolken und als wir einen kurzen Abstecher nach Laukvik gemacht haben, hingen die dicken Wolken plötzlich über uns und es kühlte sich auf 15 °C ab. Das Zentrum von Laukvik – wenn es eines gibt – scheint hauptsächlich aus einer Schotterfläche zu bestehen. Darum einige Häuser. Ein Restaurant, zu verkaufen, geschlossen. Ein Lebensmittelladen, zu verkaufen, aber immerhin geöffnet. Wir bekamen sogar warmen Kaffee geschenkt, den man als Tourist im Ort sonst wohl vergeblich sucht. Das Ende der Welt. So fühlt sich dieser Ort für mich an, der an diesem Tag sogar sein eigenes Wetter hatte.

Wenn man von hier aus nach Norden segeln würde, an den Inseln Litløya und Gaukværøya vorbei, dann könnte man nach 1100 Kilometern in Longyearbyen auf Spitzbergen an Land gehen. Würde man nach Westen segeln, so würde man auf Grönland treffen. Doch unsere Pläne waren weitaus prosaischer: Zurück zur Nebenstraße und weiter nach Fiskebøl. Und schon nach wenigen Kilometern waren wir wieder in der Sonne.

Graues LaukvikBlick über den Grunnfjorden

Wir sind dann weiter zum Raftsundet gefahren, jenen Sund, der die Lofoten vom Festland abgrenzt. Auf der Festlandseite haben wir wieder herrliche Ausblicke auf die Lofoten gehabt. Schade, dass vor dem berühmten Trollfjord eine Insel liegt. Er ist von der Straße aus nicht zu sehen. Inzwischen war ich aber ein bisschen fotomüde, was auch daran lag, dass wir immer tagsüber im eher kontrastharten Sommerlicht unterwegs waren. Ein Postkartenmotiv zeige ich aber dennoch.

Postkartenmotiv Raftsundet

In Digermulen kam gerade eine Fähre an. Sollte das die Fähre nach Svolvær sein? Das wäre ja toll, diese Tagestour mit einer Fährfahrt zu beenden und dann fast wieder in Kabelvåg, dem Ort unserer Unterbringung zu sein. Aber kein Auto fuhr auf die Fähre, kein Mensch war zu sehen. Im Lädchen, welches gerade schloss, wurde mir dann berichtet, dass diese Fähre schon 2008 stillgelegt wurde. Sehr schade. Also sind wir den ganzen Weg mit dem Auto zurückgefahren. Oder ehrlicher gesagt, Lasse ist gefahren, denn ich hatte es gut und konnte mich auf den Lofoten kutschieren lassen. Da war ich bei den engen und kurvenreichen Strässchen alles andere als böse.

Abends haben wir wieder in Svolvær gegessen, dieses Mal im Bacalao, wo die Küche noch ein bisschen besser war, der Service sehr gut und man sogar noch schöner saß. Ein schöner Abschiedsabend, denn für den nächsten Tag war die Rückreise geplant.

Mittwoch

Und die bedeutete, früh aufzustehen, denn wir wollten unbedingt die 8:15-Fähre von Svolvær nach Skutvik bekommen. Eine Stunde vorher standen wir schon da und das war gut so, denn groß war die Fähre nicht und die nächste würde erst um 16:00 fahren. Wir sind mitgekommen, aber nicht alle hatten so viel Glück. So standen wir draußen auf der Fähre, die mit Zwischenstopp an der Insel Skrova gut zwei Stunden unterwegs ist. Ha det bra, Lofoten, jag kommer tillbake.

Ha det bra, Lofoten!

Jetzt saß ich wieder im Auto und bin gefahren. Norwegen bedeutet ja vor allem kurvige Straßen und steile Straßen. Und Tunnel, viele, viele Tunnel. Manche unterqueren Fjorde und sind dementsprechend steil. Und wirklich breit sind die auch nicht. Wir haben in Røkland getankt. Da bin ich vor fünf Jahren im Winter ausgestiegen, um meine erste Ski- und Hundetour mit Jonas zu machen. Kurz hinterm Saltdal turistcenter bog ich links ab und war nun auf der 95, die nach Schweden führt. Irgendwann waren wir in Arjeplog – inzwischen fuhr Lasse wieder – und dort sieht man den Unterschied zu Norwegen: Die Straßen sind breit, führen geradeaus und links ist Wald und rechts ist Wald. Auch schön, aber verglichen mit der grandiosen und abwechslungsreichen Landschaft auch ein wenig eintönig und langweilig.

Um halb zehn war ich wieder zu Hause. Eine schöne Reise. Nächste Woche fange ich wieder an zu arbeiten. Mal sehen, ob ich nach vier Wochen Urlaub noch weiß, wie das geht.