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Nordwärts

Vom Leben in Skelleftehamn

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Kusfors

Gestern bin ich mit Elisabet nach Kusfors gefahren, um Martiné und Lasse zu besuchen, die dort vor einigen Monaten hingezogen sind. Wir haben uns quasi eingeladen. Auf schwedisch heißt das „att våldgästa“ – quasi gewalt-zu-gast-sein. Ein schönes Wort!

Kusfors liegt 5 Meilen, also 50 Kilometer landeinwärts und hat etwa hundert Einwohner. Die Häuser liegen aber so weit verstreut, dass man kaum von einem Dorf sprechen kann und das Zentrum, wo man sich trifft, ist auch kein Marktplatz, sondern ICA Björks, der Lebensmittelladen mit Tankstelle unweit des alten Bahnhofs.

Und in diesem ICA gibt es nicht nur Lebensmittel, sondern auch Handschuhe, Werkzeug, Schwimmwesten, Kitschfiguren, Keilriemen, Hustensaft und einen Tisch, an dem man sich hinsetzen und gratis Kaffeetrinken kann. Denn fika, die schwedische Kaffeepause, hat einen hohen Stellenwert und ist hier neben dem Handy vermutlich das wichtigste Kommunikationsmittel.

Die uralten Zapfsäulen vor dem Laden tragen mit dazu bei, dass man den Eindruck hat, die Zeit würde hier stillstehen und die moderne Zugbrücke über den Fluss wirkt wie ein Fremdkörper; wie ein UFO, das mit Computer in die Szenerie hinein gerechnet wurde.

Im Sommer öffnet auch wieder das Café Ångloket, welches im früheren Bahnhof untergebracht ist und irgendetwas zwischen Café und Museum darstellt. Lasse hat einen Schlüssel geholt, um mir das Café zu zeigen, denn er möchte dort eine Reihe mit Jazzkonzerten starten. Die Akustik ist ein bisschen hart, aber das Ambiente ist schön. Jetzt fehlt nur noch ein Klavier …

Nach einem schönen Morgenspaziergang bei milden null Grad und einem ausgiebigen Frühstück sind Elisabet und ich wieder zurückgefahren und sie hat mich noch nach Hause gefahren. Dann bin ich erst mal ins Bett gefallen, denn die zwölf Stunden schwedisch reden gestern waren ganz schön anstrengend.

Fast ein Sommertag

Gestern war doof, aber ich bin ja auch selber schuld. Ich wollte „mal eben schnell“ ein Betriebssystemupdate machen. Dabei sollte ich wissen, dass es „mal eben schnell“ bei Computern nicht gibt. Ach bei Macs nicht. Jetzt läuft aber hoffentlich alles wieder (ja, ich meine Dich, windowserver!) und ich kann mal wieder etwas schreiben.

Heute morgen habe ich in meinem Wintergarten gefrühstückt. Selbst wenn draußen nur sieben Grad sind, ist es dort schon richtig warm. Immerhin geht die Sonne um zwanzig vor vier auf und hat Zeit, vorzuheizen. Zwei Spatzen haben sich wohl entschlossen, unter den Dachziegeln ein Nest zu bauen. Mir soll‘s recht sein, wenn sie danach die Wohnung besenrein übergeben. Hoffentlich lassen sie sich durch meine Anwesenheit nicht stören.

Nach dem Frühstück bin ich dann mit dem Auto sieben, acht Meilen nach Kusfors gefahren und habe Lasse besucht. Wir haben dann eine Rundtour in der dortigen Umgebung gemacht. Die erste Etappe war „Älgjägersfolkets Viste“, ein touristisch genutztes Gelände mit einigen sehr urigen Hütten und Koten sowie einer Schaukel, die nur aus Holz und Rentierleder zusammengesetzt ist.

Die nächste Etappe war das Naturreservat „Svansele Dammängar“. Lasse hat mir erklärt, dass es hier in der Region eine einmalige Art gibt, Heu auf Feuchtwiesen zu ernten, aber ich habe nicht alles verstanden. Mich erinnerten die Holzhütten ein bisschen ans Alpenvorland. Da sieht‘s ähnlich aus, bloß dass das Gras da bestimmt schon grüner ist.

Danach sind wir nach Gallejaur gefahren. Hier haben „drei alte Tanten“ gewohnt, die alle Gebäude im alten Stil bewahrt haben. Heute kann man sich das anschauen. Schön!

Zum Schluss waren wir noch an dem Anfangs- und Endpunkt der weltlängsten Seilbahn. Sie wurde bis in die achtziger Jahre benutzt, um Erz zu transportieren. Heute wird nur noch ein Teilstück betrieben, um Touristen herumzufahren. Die bekommen dann allerdings eine richtige Kabine und müssen nicht in den Erzkesseln hocken.

Alle diese touristischen Ziele haben eines gemeinsam: Wenn ich nächste Woche Besuch aus Deutschland bekomme, sind sie noch alle geschlossen. Wenn ich Mitte August wieder Besuch bekomme, sind sie schon wieder geschlossen.

Liebe Nordschweden: Ihr könnt vieles gut! Tourismus zählt aber mal überhaupt nicht dazu. Es gibt Länder, wo nicht alle Menschen gleichzeitig „semester“ – zu deutsch Urlaub – haben. Und diese Menschen kommen gerne auch im Mai und Juni, Ende August und sogar im September. Mit und ohne Kinder. Das heißt, sie kämen, wenn Ihr offen hättet. Und wenn ihr besser darin wärt, allen zu erzählen, wie schön es hier ist. Leider seid Ihr nämlich viel zu bescheiden, um auch nur einmal vorsichtig anzudeuten, dass es sich vielleicht lohnen könne, möglicherweise hierher zu kommen. Und so erfahre auch ich, der hier schon ein Jahr lebt, von den meisten Plätzen eher zufällig. Schade eigentlich!

So habe ich heute zwei Rollen eingenommen: Ich war Tourist und habe mir die schönen und interessanten Plätze angeschaut. Alles eher klein als pompös, aber durchaus lohnenswert. Und gleichzeitig haben Lasse und ich überlegt, wie man den Tourismus in Nordschweden stärken kann. Mal schauen, was ich in einigen Jahren beruflich so mache …

P.S.: Leider ist der windowserver wieder abgestürzt und hat so einiges mit sich gerissen. Da muss ich wohl mal morgen die Hardware testen. So‘n Schiet!

Sommer in Norwegen · Teil 1

Dieser Artikel ist Teil der sechsteiligen Serie Norwegen 2011.

Dies ist der erste Artikel zu der dreiwöchigen Rundreise durch Nordnorwegen, die Sonya und ich im Juli dieses Jahres gemacht haben. Gut 2200 Kilometer sind wir gefahren, um Freunde zu besuchen, die Lofoten und Vesterålen zu entdecken, eine Zelttour im Fjell zu machen und zum Abschluss noch einige Tage in Tromsø zu verbringen. Aber ich greife vor, gehen wir zurück zum 8. Juli.

Dieses ist die erste Reise, die ich jemals mit eigenem Auto gefahren bin. Und ich habe es ausgenutzt, einen Kombi zu besitzen: Eine Kühlbox vom Nachbarn für schwedischen Käse und kühle Getränke, ein Neoprenanzug für die kalte Nordsee, Laptop, sämtliches Foto-Equipment und manches mehr kam mit auf die Reise. Dagegen war Sonyas Gepäck doch sehr übersichtlich.

Unser erstes Ziel lag noch nah: Kusfors in Schweden, wo wir Freunde besucht haben und über Nacht geblieben sind. In dem kleinen Dorf wird seit diesem Sommer wieder das Café Angloket – zu deutsch Café Dampflok – betrieben, wo wir bei schönem Wetter draußen saßen, dem Gitarristen zuhörten und unter anderem Schweinegulasch mit Erdbeeren genossen. Ein herrlicher Abend!

Nach einem ausgiebigen Frühstück am Samstag haben wir uns dann auf den Weg gemacht. Die meiste Zeit sind wir auf dem Silvervägen (Der Silberweg) gefahren, der das schwedische Skellefteå mit dem norwegischen Bodø verbindet. Zwischenstopps haben wir in Arjeplog, am Polarkreis und am See Sädvajaure gemacht.

Am Abend sind wir bei Sven und Susa angekommen, die den letzten Hof des Evenesdalen bewohnen. Das Grundstück wird nördlich und südlich von eindrucksvollen Bergen umrahmt, wir haben es uns aber nach einem schönen gemeinsamen Abend in unserer Hütte gemütlich gemacht.

Den nächsten Tag haben wir bei herrlichem Wetter einen Ausflug mit der ganzen Familie zum nächsten Badesee gemacht, der überraschend warm war. Abends haben Sonya und ich noch eine kleine Wanderung in das Junkerdal unternommen. Alleine die Landschaft rund ums Haus ist schon mehr als sehenswert. Am Abend zieht Nebel auf und die Landschaft wirkt magisch und mystisch.

Am nächsten Tag haben wir uns auf Svens Empfehlung eine Tagestour ins Rykkjedalen gemacht. Was für eine Empfehlung! Nach einem Kilometer Straße geht ein kleiner Pfad links ab und eine Brücke führt über den kleinen, aber reißenden Fluss. Danach verläuft der Weg durch Birkenhaine, über schwankende Moore, auf denen aberhunderte Moltebeeren – leider alle noch unreif – wachsen einen Berghang hoch zu einem Wasserfall. Dann windet sich der Pfad immer höher, bis wir über der Baumgrenze auf dem Kahlfjell sind. Regenpfeifer piepsen ihren immer gleichen Ton und Seeschwalben fliegen akrobatisch um uns herum. Auf einem Stein machen wir Pause, die ich für ein paar Selbstauslöseraufnahmen nutze. Auf dem Rückweg wuselt uns ein Lemming vor die Füße. Er versteckt sich im Gebüsch, aber – wie man am Foto sieht – nicht sehr gut. Um das Tierchen nicht zu sehr zu stressen, machen wir uns bald auf den Rückweg und freuen uns über eine leckere Suppe.

Schon die ersten Tage in Norwegen waren herrlich. Vielen Dank an Sven und Susa für ihre Gastfreundschaft.

Nach einer letzten Nacht in unserer gemütlichen Hütte stehen wir früh auf, um die Fähre in Bodø zu erwischen. Aber das ist eine andere Geschichte …

Curly Lou in Kusfors

Ich komme gerade von einem schönen Konzert wieder nach Hause. Seit Lasse und Martine in Kusfors leben, ist dort das „Café Ångloket“ (Café Dampflok) zu einem kleinen Kulturzentrum im Inland geworden. Und da ist heute Curly Lou mit einer Pianistin aufgetreten.

Das Programm, bestehend aus herrlich alten Chansons, Walzern und Tangos passte wunderbar in das Café, dessen Interieur größtenteils aus der selben alten Zeit stammt. Und das Zuhören hat mir großen Spaß gemacht und mich an so manchen Chansonabend zurückdenken lassen, wo ich selber am Klavier saß.

Es fällt mir zugegebenermaßen manchmal schwer, anderen beim Klavier spielen zuzuhören. Ich würde lieber selber da sitzen und diese schönen Lieder begleiten. (Und hier eher die Terz im Bass und dort noch einen Durchgang zur Subdominantparallele und … .) Aber das kenne ich schon von mir und vielleicht kommt das dem einen oder anderen Musiker auch bekannt vor.

Irgendwann in diesem Jahr spiele ich voraussichtlich selbst ein Konzert mit einem Bassisten im Duo im Café Ångloket in Kusfors. Das wird dann mein erstes Jazzkonzert hier in Schweden sein. Und wenn ich viel Glück habe, ist bis dahin schon das richtige Klavier da und mein Digitalpiano kann im Keller bleiben.

Jazzkonzert

Gestern habe ich das erste Mal seit meiner Tour mit Sabine Kühlich, Sheila Jordan und Stefan Werni im März letztes Jahres wieder ein Jazzkonzert gespielt, mit einem Bassisten im Duo. Kaum zu glauben, dass die Tour schon wieder so lange her ist. Damals lebte ich noch in München.

Seit Lasse und Martine in Kusfors leben, hat sich das Café Ångloket zu einem kleinen, aber feinen Kulturzentrum entwickelt. Vor habe ich hier noch Curly Lou zugehört, habe ich selber gespielt; mein erstes kleines Jazzkonzert in Schweden.

Gestern Vormittag kam Anders „Löwis“ Löfgren zu mir und wir haben die Stücke für den Abend abgesprochen und einige Stücke geprobt. Löwis spielt Kontrabass (und E-Bass) und das Einzige, was ich über ihn wusste, war, dass er sehr gut spielen soll. Und so war ich mächtig gespannt auf die gestrige Probe, die unser erstes Zusammentreffen war. Aber schon beim ersten Stück wurde klar, dass Löwis nicht nur sehr professionell spielt, sondern auch, dass wir gut zusammenspielen, und das Konzert am Abend bestimmt schön werden würde.

Nach einer Autofahrt durch Nacht und Nebel war ich auch auf das neue alte Klavier gespannt, dass gerade eine gute Woche zuvor ins Café gekommen war. Das alte, große und schwere Instrument war zwar schon wieder ganz gut „out of tune“, obwohl es gerade vor einer Woche gestimmt wurde, aber ich spiele lieber auf einem verstimmten Klavier, als auf meinem sich nach Plastik anfühlenden und nach Plastik klingenden Digitalpiano. Und der eigentliche Klang von dem Klavier war richtig gut.

Wir haben zwei Sets gespielt mit einem bunten Gemisch aus mehr oder minder bekannten Jazzstandards, einer Komposition eines schwedischen Pianisten und drei Stücken von mir. Eines meiner Stücke hatte Premiere, ich hatte es vor einigen Wochen extra für das Konzert geschrieben. Mir hat der Abend sehr gut gefallen und vor allem das Zusammenspiel mit Löwis hat mir großen Spaß gemacht. Ich glaube, dass ihm das ebenso ging, denn man hört ja, ob der andere nur Musik nach Vorschrift spielt („amtlich!“) oder mit einem kommuniziert und sich musikalisch austauscht.

Was aber auch toll war, war das Publikum in Kusfors. Etwa dreißig Leute waren gekommen, die wenigsten davon Jazzfans. Aber alle waren einfach offen für das, was an dem Abend passieren würde, extrem aufmerksam und mir ein hundert Male lieberes Publikum als die ganzen selbsternannten Jazzexperten, von denen man auf so manchem Konzert mit muffelig-kritischem Blick aus der ersten Reihe angestarrt wird.

Danke, Löwis für das schöne Zusammenspiel,
danke, Lasse und Martine für die Organisation,
danke, Julija für das leckere Essen,
danke, Elisabet für das oben verwendete Foto,
danke, Publikum für Euer dabei sein.

P.S.:

Zum einen: Nein, es war leider nicht möglich, einen Livestream nach Deutschland zu schalten. Aber es wurden einige kurze Videos mit einem iPhone gemacht, die ich jedoch noch nicht bekommen habe.

Zum anderen: Wer glaubt, nur weil gestern der 11.11.2011 war, ich habe Karnevalslieder gespielt, der irrt gewaltig. Denn wenn in Deutschland pünktlich um elf Uhr elf die Fröhlichkeit ausbricht, bin ich gerne weit weg. Räumlich, gedanklich und auch musikalisch.

Wo bleibt der Winter?

frage nicht nur ich mich inzwischen. Am Donnerstag hatten wir noch +9 °C. Um elf Uhr Abends! (Vor einem Jahr war es viel kälter, da lag schon die Tageshöchsttemperatur nur bei -9 °C.)

Gestern war es etwas kälter, nur noch knapp über Null. Ich war überrascht, dass die Bucht bei Ursviken trotz der Wärme in den letzten Wochen schon am Zufrieren ist.

Fährt man ein paar Meilen ins Inland, so sind dort sogar größere Seen schon komplett vom Eis bedeckt, auch wenn es noch sehr dünn ist. Die Kälte ist also schon ein kleines bisschen da, bloß der Schnee … . Der kleine Skihang sieht so wirklich trostlos aus und die schnell aufgezogenen Wolken, die aus dem blauen einen grauen Himmel machten, verbesserten den Eindruck nicht wirklich.

Auf dem Weg nach Kusfors habe ich dann die ersten Schneeflocken gesehen. Man hätte sie einzeln zählen können, wenn es nicht schon so dämmrig gewesen wäre, so wenige waren es.

Abends in Kusfors klarte es wieder auf und wurde das erste Mal kalt. Schon um sechs waren es -7 °C und um Mitternacht, als ich ins Bett ging, -11 °C. Am Morgen waren schon wieder Wolken da, aus denen leise kleine Eiskristalle rieselten. Um das Dach des alten, baufälligen Schuppens ein bisschen weiß zu bepudern, hat’s gerade ausgereicht.

Für mittags war dann Schnee angekündigt, immerhin so 5-10 cm mit Weterwarnstufe eins. Also bin ich nicht zu spät nach Hause gefahren. Aber hier ist das Thermometer von -9.2 °C schon wieder auf +1.0 °C gestiegen und der angekündigte Schnee bleibt ebenfalls aus.

Und wenn ich mir so die Wetterprognosen anschaue, dann werde ich mich noch ein bisschen länger fragen: Wo bleibt der Winter?

Nachtrag: Kurz nachdem ich diesen Artikel veröffentlicht habe, fing es hier an zu regnen. Jetzt mischt sich ein bisschen Schnee mit rein. Die Straßen sind nass. „Ruhrgebietswinter“.

Hej då 2011, välkommen 2012

Ich schreibe nicht groß über das Jahr 2011, denn ich habe hier schon so viel geschrieben. Ich schreibe auch nicht groß über das Jahr 2012, denn über das weiß ich noch so wenig.

Über meine Silvesterfeier mit einigen Freunden und einigen Unbekannten berichte ich hier auch nur am Rande. Denn im Gegensatz zu dem Weihnachtsfest, welches in Schweden vor allem kulinarisch doch ganz anders gefeiert wird als in Deutschland, könnte das Silvesterfest in dieser Form auch genau so gut in einem kleinen deutschen Ort stattgefunden haben: Man sitzt zusammen, isst mehrere Gänge leckeres Essen, trinkt Sekt und anderes – gerne alkoholisch. Vor einem stehen Tuten, in die man mal herein tutet (dann macht es „Tuut“) und es dann wieder lässt und kurz vor Mitternacht gehen alle mit einem Sektglas heraus, man stößt an, wünscht sich ein „Gott nytt år“ und schaut dem kleinen Feuerwerk zu, welches einer der Gäste entzündet. Nur Luftschlangen und Wunderkerzen waren nicht dabei. Und dann ist plötzlich 2012. Ein neues Jahr!

Aber zurück zu gestern.

Der Sommer ist schön, aber der Winter ist meine Heimat.

ich

Diese Worte kamen mir gestern am Silvestertag in den Sinn, als ich mit dem Auto nach Kusfors zur Silvesterfeier gefahren bin. Selbst in Skelleftehamn hatte es geschneit und alles war weiß. Und je weiter ich ins Inland gefahren bin, desto winterlicher wurden die Eindrücke. Irgendwo bin ich dann abgefahren, um ein paar Fotos zu machen. Ich weiß bis heute nicht, woran es liegt, aber die winterlichen Landschaften berühren mich und machen, auch wenn ich auf Frühling, Sommer und Herbst nicht verzichten möchte, den Winter zu meiner bevorzugten Jahreszeit.

Meinen dicken Winterparka hätte ich dieses Wochenende allerdings zu Hause lassen können, denn der Himmel zog sich zu und so stieg das Thermometer von gestern Abend -11 °C auf heute morgen -7 °C an.

Extrem war der Temperaturanstieg im Fjäll. In Hemavan ist das Thermometer innerhalb weniger Stunden von -26 °C auf -10 °C gestiegen.

So, jetzt komme ich noch mal auf Silvester zurück und wünsche Euch das, was mir schon vielfach auf Facebook, über Twitter, per E-Mail, in anderen Blogs und sogar per Brief(!) gewünscht wurde:

Ich wünsche Euch allen ein richtig Gutes neues Jahr 2012! Macht was daraus!

Einfach mal losfahren

Das dachte ich, als ich am Samstag nicht allzu früh aufwachte. Und begann mein Auto zu packen, als ob ich mindestens drei Monate wegbleibe, durch die kanadische Wildnis laufe und den Atlantik schwimmend überquere. Und dann bin ich in Richtung Inland gefahren. Weit bin ich dabei nicht gekommen, aber mir ging es ja um “Einfach mal losfahren” und nicht um Strecke machen.

Und ich bin losgefahren. Erst nach Skellefteå und dann geradeaus weiter. Kurz hinter der Stadt kam mir eine kleine Autoschlange entgegen. Vor ihr, schön an der Seite, liefen fünf Rentiere. Ganz gesittet, eines hinter dem anderen. Da hätte ich gerne meine Kamera auf dem Schoß gehabt.

Wer mich kennt, kennt vielleicht auch meine Leidenschaft für Schnee. Für tiefen Schnee. Sehr tiefen Schnee! Auf der 95 in Richtung Bodø gibt es viele Parkbuchten, die ebenso wie die Straße freigeräumt waren. Ich bin dann einfach ein Stück in den Wald gelaufen und dort lag Schnee: Im Wald etwa 80 cm, auf der freien Fläche zwischen 60 und 120 cm, je nachdem, wo man läuft. Das ist eine gute Höhe für Tiefsnow stapfing.

Ich bin dann weitergefahren und war plötzlich in Jörn. Den Ort kenne ich (und viele andere) deswegen, weil dort die Bahnlinie durchführt. Ich finde es extrem faszinierend, neben dem gemütlich wirkenden Bahnhofsgebäude zu stehen und auf die Gleise zu schauen. Denn hier kann man nonstop sowohl nach Göteborg und Stockholm, als auch nach Kiruna, Abisko oder sogar ins norwegische Narvik reisen. Ich finde es jammerschade, dass Skellefteå keinen Bahnhof mehr hat.

In Jörn werden die begehrten Jörnkängor, das sind handgefertigte Wander- und Tourenskistiefel hergestellt. Fährt man allerdings zu der Adresse, so sieht man nur ein Wohnhaus und ein Nebengebäude. Kein Name, kein Logo, keine Werbung. Das haben die Macher auch gar nicht nötig, selbst ohne Marketing betragen die Wartezeiten für ein paar Schuhe viele Monate.

Nachdem ich in zwei Second-Handläden war und eine herrliche gusseiserne Bratpfanne für 50 Kronen erstanden habe, bin ich mit dem Auto weitergefahren. Nun wurde es langsam dämmrig und dann dunkel und Zeit, das Fernlicht zu benutzen, vor allem um Elche und Rentiere rechtzeitig zu sehen. Ich finde es ein Erlebnis, mit Fernlicht durch den schwedischen Winter zu fahren. Durch den Schnee ist alles so hell und wirkt viel plastischer als tagsüber, wo die weiße Straße auch oft übergangslos in den weißen Himmel übergeht. Ich habe meinen Orientierungssinn ausgeschaltet und bin einfach gefahren. Dann war ich plötzlich in Petiknäs, welches der Nachbarort von Kusfors ist. Und da wollte ich am nächsten Vormittag ohnehin sein. Zufall?

Jedes Mal schaffe ich es, an dem Weg zur Kraftstation vorbei zu fahren. Gestern habe ich es das erste Mal geschafft, den Abzweig zu nehmen und mir die große Mauer anzuschauen, die den Skellefteälven staut. Ich dachte, man könne über die Staumauer drüberfahren, aber die war bis zum oberen Ende der Leitplanke zugeschneit. Vermutlich darf man aber so oder so nicht drüber.

Danach habe ich erst im Café Ångloket vorbeigeschaut und dann bei Lasse und Martine den Autotag beendet und mit den beiden einen sehr netten Abend verbracht. Die Skier, der Schlafsack und manches mehr blieben ungenutzt im Auto liegen. Den wasserdichten Überlebensanzug habe ich am nächsten Tag für ein paar kleine Unterwasserfotos sogar tatsächlich benutzt, aber das ist eine andere Geschichte, die erzähle ich morgen.

Winterbaden

Die Nacht war klar und der Himmel verspricht einen schönen Tag. Die tief stehende Sonne strahlt die Schäfchenwolken rosa an. Auf dem Eis des zugefrorenen Flusses steht ein Mann. Er hat eine Kettensäge in der Hand.

Er sägt große Blöcke aus einer Stelle, die wohl schon einmal offen war, aber jetzt wieder zehn Zentimeter dick von Eis bedeckt ist. Als die Eisblöcke aus dem Wasser gehoben sind, gähnt einem ein Loch im Eis entgegen. Das Wasser ist dunkel, fast schwarz, Grund ist nicht zu sehen.

Doch verlassen wir die morgendliche Szene und drehen die Zeit ein wenig zurück.

Ich bin ja seit letztem Winter Mitglied der Föreningen för Mörkrets och Kylans Glada Vänner, auf deutsch Verein der frohen Freunde von Dunkelheit und Kälte, der positive Erlebnisse rund um die hier im Norden herrschende Dunkelheit und Kälte schafft. Unsere erste Veranstaltung ist die Erste Schwedische Meisterschaft im Winterschwimmen, die am 4. Februar hier in Skellefteå stattfinden wird.

Die Standarddisziplin ist 25 Meter Brustschwimmen, es kommt aber auch eine Extremsportlerin,die 450 Meter (sic!) in dem eiskalten Wasser schwimmt. Wir wollen aber nicht nur Supersportler, sondern auch Normalpersonen als Teilnehmer. Und für die hat Jarkko gestern in Kusfurs einen Workshop im Winterbaden angeboten. Nach einer theoretischen Einführung sollte jeder, der will, das ganze natürlich ausprobieren können. Und dafür braucht man eben ein Loch im Eis.

Bevor der Workshop begann, habe ich versucht Unterwasseraufnahmen zu machen. Dabei hatte ich aber einen Survivalanzug an, der komplett wasserdicht ist und schön warm hält. Einige Stunden später später bin ich wieder in das Loch gestiegen, dieses Mal nur mit Badehose und lustiger Mütze bekleidet. Insgesamt zehn Teilnehmer haben das Winterschwimmen ausprobiert. Frauen, Männer und auch ein elfjähriger Junge.

Wie geht das ganze vor sich? Zuerst wärmt man sich auf, dazu reicht schon ein kurzer flotter Spaziergang. Dann zieht man sich aus, stellt sich auf die oberste Sprosse, nimmt einen tiefen Atemzug und steigt, langsam ausatmend und mit dem Rücken zuerst ins Wasser. Dabei setzt ein gewisser Fluchtreflex ein, der dazu führt, dass man schnappatmet. Ich habe also versucht, ganz bewusst ruhig ein- und auszuatmen. Nach fünf bis zehn Sekunden beruhigt sich die Atmung und dann ist es richtig schön in dem kalten Wasser. Ich war vorher so mit der Atmung beschäftigt, dass ich keinen Moment die Kälte gespürt habe. Wenn man wieder aus dem Wasser aussteigt, ist es wichtig, sich schnell abzutrocknen und warm anzuziehen. Extra dafür habe ich meinen warmen kanadischen Daunenparka mitgenommen. Der hielt mich danach auch schön warm, aber über die warme Gulaschsuppe, die es anschließend im Café gab, habe ich mich doch sehr gefreut.

Das Gefühl danach ist herrlich. Man fühlt sich nicht nur bis in die letzte Pore erfrischt und wach, sondern der ganze Körper richtet sich auf und man steht viel gerader da. Eine Wohltat für Büroarbeiter wie mich.

Als ich nach der Suppe noch einige Sachen hereingeholt habe, war das Eisloch schon wieder am Zufrieren. Am nächsten Samstag findet ein Workshop in Ursviken statt, gleich um die Ecke. Da bin ich wieder dabei.


Einige Tipps zum Winterbaden:

  • Wärme Deine Muskulatur auf, bevor Du in das Eisloch gehst.
  • Trage eine Mütze
  • Bade nicht direkt nach der Sauna
  • Atme ruhig wenn Du ins Wasser gehst, das kalte Wasser kann die ersten Male zu einem ungefährlichen Atemkrampf führen
  • Bleibe die ersten Male nur kurz im Wasser
  • Ziehe Dich warm an nach dem Bad und trinke etwas lauwarmes
  • Bade nie alkoholisiert oder wenn Du krank bist
  • Nimm einen Freund mit
  • Falls Du unsicher bist, sprich mit Deinem Arzt
  • Höre auf Deinen Körper

Das letzte Mal Schnee?

Zum dritten Mal in Folge kam ordentlich Schnee vom Himmel. Den ganzen Tag, die ganze Nacht. Davon haben Lasse, den ich gestern in Kusfors besucht habe, und ich uns aber nicht abhalten lassen, draußen zu grillen.

In Kusfors liegt noch mehr Schnee als bei uns. Bis über die Knie brach ich teilweise durch die verharschte Zwischenschicht, als ich heute morgen vor dem Frühstück eine Runde im Wald machte.

Jetzt hoffe ich, dass der Schnee bald wegschmilzt und ich bald Frühlingsartikel schreiben kann. Mit Frühlingsfotos. Das sieht aber gut aus, denn die Prognosen versprechen wärmere Temperaturen für die nächste Woche.

Kleine Milchmädchenrechnung für Winter- und Schneefans: Wir hatten drei Mal Schneefall: 15cm, 20cm, 10cm. Macht zusammen 45cm. Plus vielleicht 5 cm, die nicht liegengeblieben sind: 50cm. Nassschnee hat etwa die dreifache Dichte von Pulverschnee. Das wäre dann 150cm. Plus 10cm Altschnee von vorher. Wäre also alles als Pulverschnee heruntergekommen und liegengeblieben, würde ich jetzt im Garten bis zur Nase im Schnee stehen.

Valborgsmässoafton

Gestern habe ich den Valborgsmässoafton – die schwedische Version der Walpurgisnacht – mit einigen Freunden in Kusfors im Café Ångloket verbracht.

Ich wusste, dass überall im Land große Feuer angezündet werden. Ich wusste aber nicht, wie existentiell es ist, große Stückchen Falukorv – eine schwedische Wurst – aufzuspießen und über dem Feuer zu grillen. Das Geschmackserlebnis hält sich in Grenzen, aber am Feuer sitzen und irgendwas hineinhalten macht ja immer Spaß.

Nichts mit Valborg zu tun hingegen hatte die Tipspromenad. An verschiedenen Bäumen kleben Zettel mit einer Frage und drei Antwortmöglichkeiten. Die richtige Antwort muss man auf seinem „Kontrollkupong“ ankreuzen. Ich wusste fast keine Frage, da mir dazu mehrere Jahrzehnte schwedischer Fernsehkonsum fehlten und ich habe mich an gewisse Klassenarbeiten zurückerinnert, als ich wild ratend 1, X oder 2 angekreuzt habe. (Warum das nicht 1–2–3 oder A–B–C, sondern 1–X–2 ist, weiß ich auch nicht).

Um halb elf, als es schon recht dunkel war, gab es dann ein richtiges professionelles Feuerwerk. Danach leerte sich das Café recht schnell und ich habe noch ein bisschen mit aufgeräumt, ehe wir den Abend in kleiner Runde bei Lasse und Martine fortgesetzt haben.

Tagestour nach Uganda

Gestern am Samstag war herrliches Frühsommerwetter. Genau den Tag, den man sich wünscht, wenn man nach Uganda fahren will. Uganda, wie jeder weiß, liegt in Afrika. Das ist zum Glück nicht so weit von hier. Eine Stunde Autofahrt und schon ist man da.

Ich habe unter dem blauen Himmel auf dem Gras gesessen und der traditionellen Musik Ugandas gelauscht. Die Rhythmen dieser Musik sind untrennbar mit Tanz verbunden und auch meine Hüften fingen irgendwann an, in den polyrhythmischen Strukturen nach einem Bezugspunkt, den auch ein ungebildeter Europäer versteht, zu suchen, während mir selbst im T-Shirt gut warm war.

Den fünf Ugandern fanden es allerdings eher kalt. Das mag daran liegen, dass dieser phantastische Auftritt zugegebenermaßen nicht in Uganda selbst, sondern in Kusfors im schwedischen Inland stattgefunden hat. Mich hat die Veranstaltung extrem inspiriert, da die Kultur so anders als jene, in der ich aufgewachsen bin, ist. Während die Rhythmen mich mehr musikalisch anregen, spricht mich die Lebensfreude, die die Gruppe ausgestrahlt hat, als ganzen Menschen an.

Ich will versuchen, diese Freude ein bisschen mehr in meinen Alltag zu übernehmen. Wahrscheinlich kein leichtes Unterfangen für einen tanzmuffeligen und kontrollierten Menschen wie mich.

Morgen Abend spielt die Gruppe in einer Schule in Skellefteå. Kommt einfach vorbei – Uganda ist nicht weit.

Die helle und die dunkle Seite

Heute morgen in Kusfors bin ich durch den Wald hinunter an den Fluss gelaufen. Trotz des klaren, warmen und sonnigen Wetters fand ich die Atmosphäre, die mich dort erwartete ein bisschen gespenstisch.

In der flachen Bucht, die durch eine schmale Landzunge vom Skellefteälven, dem Fluss abgetrennt ist, stehen hunderte alte, knorzige Baumwurzeln. Die Stämme sind alle abgesägt. Nur ein wenig Gras wächst auf dem schlammigen Ufer und den Untiefen, die einige Zentimeter aus dem Wasser ragen. Was mag hier passiert sein?

Auf der Südseite der Landzunge zeigt sich mir ein völlig anderes Bild: Ein Sandufer trennt den tiefblauen Fluss von einer Reihe grünender Bäume und man denkt an Sommer und Baden, selbst wenn das Flusswasser noch sehr kalt sein mag. Was für ein Kontrast zu der Mondlandschaft, die keine zehn Meter von diesem schönen Strand entfernt ist.

Lasse schließlich klärt mich auf: Früher war der Fluss hier schmal und der Wasserstand um einiges tiefer. Der Name Kusfors trägt das Wort „Fors“, zu deutsch Stromschnelle in sich. Der Skellefteälven wurde dann aber flussabwärts von Skelleftekraft zur Energiegewinnung gestaut und so wurde der ufernahe Wald abgeholzt, ehe der Wasserstand durch die Staumauer erhöht wurde. Nun wirkt diese Stelle öde und tot; selbst Wasservögel habe ich bei meinem Spaziergang kaum angetroffen.

Jazz in Kusfors

Ein bisschen schwebe ich noch. Ich hatte nämlich die Freude, heute mit zwei anderen Musikern ein Jazzkonzert im Café Ångloket in Kusfors zu geben. Mit dabei waren der Bassist Anders „Löwis“ Löfgren, mit dem ich im gleichen Café schon einmal im November Duo gespielt habe und dieses Mal neu die Sängerin Åsa Granlund Jonsson, die ich gefragt habe, ob sie das Konzert mit uns spielen möchte.

Wir hatten nur eine Probe und ein herrliches Durcheinander an Stücken, vom sehr traditionellen „All of me“ über von mir arrangierte schwedische Volkslieder wie z.B. „Jag vet en dejlig rosa“ bis hin zur harmonisch seltsamen Komposition „Kusfors“, die ich letzten Herbst für diesen Platz geschrieben habe. Trotz des Sammelsuriums hat die Folge der Stücke aber sehr gut funktioniert und mir macht es auch Spaß, nach einer offenen modalen¹ Ballade wieder ein 2-5-1²-Swingstück zu spielen.

Ich habe mich riesig gefreut, dass so viele Leute da waren, die ich kannte. Die besten Freunde waren ebenso da wie zwei Kollegen (mit Baby, das sich nur durch den Applaus hat irritieren lassen) und auch mancher gute Bekannte ist aufgetaucht. Toll! Letztendlich habe ich aber für alle Leute gerne gespielt, denn ich spürte, dass jeder erfrischend unvoreingenommen der Musik zugehört hat, auch wenn teilweise recht moderne und abstrakte Passagen dabei waren. Und so habe ich mich – auch wenn ich wie gewöhnlich nicht mit allem zufrieden war, was ich gespielt habe – doch rundum wohl gefühlt.

Und wie schon beim letzten Mal:

Danke, Åsa und Löwis für das schöne Zusammenspiel,
danke, Lasse für die Organisation,
danke, Martine für das leckere Essen,
danke, Per für das gute Klavierstimmen,
danke, Unbekannter für das oben verwendete Foto,
danke, Publikum für Euer dabei sein.

Wir haben beschlossen, uns nach dem Sommer (Sommer geht in Schweden immer vor) wieder zu treffen und ein bisschen zusammen zu spielen und ich hoffe auf ein weiteres Konzert im Herbst.

¹ modal: Thema und Improvisation beruhen nicht auf wechselnden Akkorden, sondern einer Tonleiter oder Skala. Schwer zu erklären, ohne weitere Musikbegriffe zu benutzen. Zu finden in Stücken wie „So what“ von Miles Davis oder „Cantaloupe Island“ von Herbie Hancock.

² 2-5-1: Wohl die häufigste Akkordverbindung im Jazz. Zu finden in Stücken wie „Tea for Two“ von Vincent Youman, „Satin Doll“ von Duke Ellington und etwa siebentausend anderen.

Wir nannten ihn Olaf

Ein Gastbeitrag von meinen Eltern aus Bremen.

Wir nannten ihn Olaf, weil uns der Klang des Namens gefiel und wir uns einige Male in Skandinavien sehr wohlgefühlt hatten. Und dort gehört dieser Name ja hin.

War es ein Bazillus, der sich auf ihn in verstärktem Maße übertrug? Kurzum: „Da haben wir den Salat!“ Olaf wohnt nun seit über zwei Jahren in Schweden.

Für uns gibt es zwei Seiten: Eine negative – die Entfernung zu Deutschland – aber auch eine positive: Wir haben Skelleftehamn und die weitere Umgebung inzwischen als jährliches Urlaubsziel entdeckt!

Olaf hat keine Mühen und Kilometer gescheut, uns Orte wie Örviken, Burträsk, Bygdsiljum, Kåge, Kusfors und andere zu zeigen. An einem warmen Sommertag konnten wir sogar ein „Kurzschwimmen“ in der kalten Ostsee veranstalten.

Auch bei lieben Freunden von Olaf durften wir schöne Stunden bei leckerem Essen in herrlicher Umgebung verleben – ganz herzlichen Dank dafür.

Lieber Olaf, es war wieder sehr schön bei und mit Dir. Danke!

Am Fluss entlang

Drei Mal war ich diese Woche in Kusfors, 7 Meilen¹ landeinwärts. Am Mittwoch habe ich mit Lasse die neue Website für unser Team Dark and Cold (ehemals „Mörkrets och Kylans Glada Vänner“) geplant. Am Samstag war die Einweihungsparty von FlarkenAdventure: ein Paar aus Frankreich ist mitsamt 46 Schlittenhunden nach Kusfors gezogen, um dort Hundeschlittentouren anzubieten. Am Samstag war ich dann bei dem 30. Geburtstag eines Bekannten. Mir wurde empfohlen, doch gleich nach Kusfors zu ziehen, so oft, wie ich da sei. Meinen Gegenvorschlag, gesamt Kusfors solle einfach nach Skelleftehamn ziehen, so viele seien das ja nicht, wurde allerdings ignoriert. Komisch eigentlich.


Gestern bin ich über kleinere Nebenstrecken nach Kusfors gefahren. Dabei habe ich vor allem gelernt, wie viele Kraftwerke es im Skellefteälven gibt. An jeder zweiten Kreuzung steht ein Wegweiser „Kraftstation“ und wenn man sich das Ganze auf der Karte anschaut, dann sieht man, wie stark der Mensch in den Flusslauf eingegriffen hat, ihn gestaut hat, ihn kanalisiert hat, um Strom zu gewinnen.

Länger stehengeblieben bin ich bei der Kvistforsens kraftstation, um den Lachsen² zuzusehen. Sie schnellen aus dem Wasser und springen dabei ein Vielfaches ihrer Körperlänge, um den Wasserfall an der Seite der Staustufe zu überwinden. Manche schwimmen sogar den Wasserfall hoch, ich kann aber nicht erkennen, ob sie es schaffen, da ich viel zu weit weg stehe. Das 300-er Tele zeigt zumindest einen kleinen Eindruck dieser Höchstleistungen.

Weiter stromaufwärts ist der Fluss geteilt, ein vermutlich ursprünglicher Teil, der wenig Wasser führt und ein Kanal, der das Kraftwerk speist.

An vielen der Staustufen stehen Warnschilder, die vor gefährlichen Strömungen und schwachem Eis warnen. Der Designer des Schildes hat gute Arbeit geleistet: Was für eine gruselige Vorstellung, vor einer Staustufe unter Wasser gezogen zu werden!

Die Birken zeigen ihre herbstlichen Blätter. Da es in der vorigen Nacht recht windig war, sehen einige Birken auch schon recht kahl aus. Dagegen ist es in Skelleftehamn noch richtig grün.

Heute auf dem Rückweg habe ich angehalten und die eine Insel im Gillervattnet fotografiert. Auf dem dritten Foto im Artikel Drei Zwischenstopps könnt Ihr sehen, wie es dort im Winter aussieht. Das Gillervattnet ist allerdings kein normaler See, sondern ein großer Absetzteich der nahen Grube. Wenn man das Gelände dort betritt und in die Gegenrichtung fotografiert, dann sieht man nur Sand- und Schlammflächen. Welch Kontrast.

¹ eine schwedische Meile sind genau 10 Kilometer.
² Ich hoffe, es sind Lachse. Mit Fischen kenn ich mich nicht aus.

Vom Herbst in den Winter

Heute war ich mal wieder in Kusfors, um dort zusammen mit Lasse an der neuen Website unseres Vereines „Dark & Cold“ zu arbeiten. Als ich ins Auto stieg, war es wie meist die letzten Wochen: Fünf Grad und graue Wolken.

Als ich Skellefteå hinter mir gelassen habe, konnte man sehr schön erkennen, dass der Herbst nun fortgeschritten ist. Prägten vor anderthalb Wochen noch das leuchtend bunte Laub die Landschaft, so sind jetzt viele Laubbäume schon kahl oder tragen braun-welke Blätter.

Am Varuträsket konnte man sehr schön sehen, wie viel es in letzter Zeit geregnet hat: Die Uferregionen waren landunter und die Birken standen im halbmeterhohen Wasser.

Nachdem ich mich nassgeregnet, wie ich war, wieder ins Auto gesetzt habe und weitergefahren bin, fuhr ich langsam von einer Jahreszeit in die andere: Dass die rot-weißen Wintermarkierungen wieder gesteckt waren, war mir schon vorher aufgefallen. Nun sah ich aber auch, dass die Außentemperatur mit jeder Meile landeinwärts sank und bald nur noch bei 2 °C lag. Ein Auto mit einem Hundeschlitten auf dem Dach kam mir entgegen. Ein anderes Auto verlor eine Ladung Schnee vom Dach, als es mir entgegen kam. In den Regen mischten sich dicke nasse Flocken, die auf die Windschutzscheibe klatschten. Und dann schneite es. Und plötzlich war alles hell und weiß. Was 40 Kilometer Abstand zur Ostsee so ausmachen.

Noch bevor ich eine schöne Stelle zum Schnee fotografieren gefunden habe, bin ich an einem kleinen, bewaldeten Moor vorbei gefahren. Und dort standen zwei Elche. Netterweise war keine hundert Meter weiter ein kleiner Parkplatz. Ich habe schnell das Tele auf die Kamera geschraubt und bin am Straßenrand durch den nassen Schnee zurück gelaufen. Die Elche – Mutter und Kind – haben aber, statt sich in den Wald zu verdrücken, die Straße überquert, und so habe ich nach zweieinhalb Jahren Schweden tatsächlich das erste Mal ein Elchfoto machen können, welches nicht nur unscharfe und verrauschte Schemen zeigt. Natürlich hätte das Kind sich gerne noch im Profil zeigen können, aber man kann nicht alles haben.

Nachdem die beiden Elche im Wald verschwunden waren, habe ich die Fahrt fortgesetzt. Bald lag die Temperatur bei 0 °C und es schneite heftig. Mir war ein bisschen mulmig zumute, denn ich war noch mit Sommerreifen unterwegs. Einige leichte Bremstests haben aber gezeigt, dass der Kontakt zum Asphalt dennoch gut war und so bin ich, wenn auch langsamer als sonst weitergefahren.

Ich bin dann auch gut in Kusfors angekommen. Immerhin ist der Boden noch warm genug, dass der Schneematsch nicht festfriert. Weil ich aber Angst hatte, dass es über Nacht kalt genug wird und morgen richtig glatt ist, bin ich heute Abend wieder zurück nach Hause gefahren. Und habe das erste mal erlebt, dass ich 70 statt der erlaubten 90 gefahren bin und die Schweden hinter mir mich nicht überholt haben. Die hatten eben auch nur Sommerreifen. Aber nun ging alles umgekehrt. Zuerst lagen auf der 95 noch einige Zentimeter nasser Schnee, doch dann stieg die Temperatur Grad für Grad und bei drei Grad konnte ich schon wieder normal fahren. Nach nur unwesentlich längerer Fahrt bin ich wieder in Skelleftehamn angekommen. Dort war das Wetter wie meist die letzten Wochen: Fünf Grad und graue Wolken.

Und als ich am Rechner sitze, sehe ich, was ich heute vor genau zwei Jahren in diesem Blog geschrieben habe: „Und der erste Schnee Teil 1 und Teil 2“. Aber da hatte es sogar in Skellefteå geschneit.

Big Steve und das Eisbaden

Big Steve from England lebt in Skellefteå und hat einen Youtube-Kanal, auf dem er zeigt, wie er viele für (Nord-)Schweden typische Dinge probiert, wie zum Beispiel Surströmming probieren oder Schneeskooter fahren. Gestern war er in Kusfors und das Thema war Eisbaden. Da der Winter im Inland immer kälter ist als an der Küste, war die große Bucht des Flusses Skellefteälven schon dick mit Eis zugefroren.

Also hat Jörgen, der mit Axt und Motorsäge umgehen kann, erst einmal ein großes Eisloch freigehackt. Gut, dass ich meinen knallroten Trockenanzug dabei hatte, den er sich dafür ausgeliehen hat.

Auch ohne Schnee war die Szenerie sehr winterlich, mit den dicken Eisblöcken, die Jörgen auf das Eis geschleudert hat. Ich habe keinen beneidet, der bei diesen Temperaturen ins Wasser geht, das ist nämlich bei einigen feuchten Plusgraden viel unangenehmer, als wenn es richtig frostig ist.

Schnell war das „vak“ – das Eisloch – groß genug und sogar ein Weg zum Ufer fertig. Allerdings nicht für Big Steve selbst. Das Drehbuch sah nämlich vor, dass statt ihm selbst sein Team baden soll. Und so stand Big Steve mit Mikrophon und Kopfhörer am Ufer, während Craig und Filip sich badefertig machten, barfuss über den kalten Sand ins Wasser liefen und zum ersten Mal in Ihrem Leben ein Eisbad genommen haben.

Big Steve hat aber fest vor, bei der nächsten Winterschwimmmeisterschaft, die am 9. und 10. Februar 2013 in Skellefteå stattfinden wird, mit teilzunehmen.

Nach einem schönen Abend bei Lasse und Martine bin ich um zehn mit dem Auto nach Hause gefahren. Nach 25 Kilometern musste ich das erste Mal abblenden, weil mir ein anderes Auto entgegen kam. So viel zum Autoverkehr in Nordschweden.


Das war gestern. Jetzt sitze ich – zwanzig nach drei – zu Hause. Draußen ist es stockfinster und der dicke Nebel hat den Mond verschluckt. Es ist kälter geworden und angeblich soll auch ab Mitte nächster Woche der erste Schnee fallen. Mal sehen, ob ich es dann am nächsten Wochenende bei den kurzen Tagen schaffe, zu paddeln und Ski zu laufen. Dann kann ich auch gleich meine neuen Skistiefel ausprobieren.

Das historische Dorf Gallejaur

Heute war ich fast den ganzen Tag mit Freunden zusammen unterwegs. Ein guter Tag! Erst habe ich meine ehemaligen Nachbarn in Klutmark besucht, dann bin ich weiter nach Kusfors gefahren, um dort Lasse und Martine zu besuchen. Wir haben uns dort mit einem Paar getroffen, welches diesen Sommer von Dubai nach Skellefteå gezogen ist und gerade einige Freunde aus ihrer alten Heimat zu Gast hatte. Mit zwei Autos sind wir kleine vereiste Kieswege entlanggefahren, an Rentieren und leicht weiß bepuderten Wäldern vorbei, bis wir unser Ziel Gallejaur erreicht haben. Gallejaur ist ein historisches Dorf, dessen noch gut erhaltenen Bauwerke bis 1800 zurückreichen.

In einigen Häusern kann man übernachten und das Geschirr, das Besteck, die Möbel sind alle noch aus dem originalen Hausstand und mindestens hundert Jahre alt. In einem der Häuser steht eine alte „Tramporgel“ (zu deutsch Harmonium), welche mit Hilfe von Lochscheiben selbst Stücke spielen kann.

Ein altes SchlafzimmerEin selbstspielendes Harmonium

Erst fand ich es ein bisschen schade, dass es schon früh dunkel wurde, doch schnell habe ich gesehen, dass das trübe Dämmerungslicht sehr schön ist und die Gebäude ein bisschen kalt, abweisend und unwirklich aussehen lässt. Ich habe mir vorgenommen, noch einmal wiederzukommen, wenn mehr Schnee liegt und der Mond scheint. Hoffentlich sind dann die netten Schafe noch draußen, die bei 1.3 Sekunden Belichtungszeit überraschend still gehalten haben.

Ein alter ErdkellerDie meisten Schafe halten stillWeg durch das Dorf GallejaurWohnhaus – ungefähr 100 Jahre alt

Nachdem ich noch bei Martine und Lasse zu Hause war, habe ich mich in mein Raumschiff gesetzt und bin mit Überlichtgeschwindigkeit (etwa Warp 8) nach Hause gedüst. Die Sterne zogen grell leuchtend an mir vorbei und Sternnebel umwaberten mein Schiff.

Glaubt Ihr nicht? Ist auch nicht ganz richtig! Bei +1 °C bin ich durch Nebel und Schneeschauer gefahren und als ich Fernlicht anhatte und gerade ein besonders starker Schneeschauer über der Straße hing, da irritierten die blendenden Schneeflocken, die strahlenförmig zu allen Richtungen wegschossen, so sehr, dass ich fast nicht mehr wusste, wo oben und unten ist. Das kam einem Flug mit Überlichtgeschwindigkeit schon recht nahe mit der Ausnahme, dass man im Auto gerne Bodenhaftung hat und weiß, wo die Straße ist. Ich war froh, dass es in Richtung Küste wieder wärmer wurde und bald der Schnee wieder als Regen herunterkam. In Skelleftehamn zeigte das Autothermometer dann +5 °C.

Links

Nachtrag

Samisches VorratshausEin Bild habe ich noch: Das vom samischen Vorratshaus. Es ist so konstruiert, dass die Ratten nicht hineinkommen, denn die können zwar mühelos die Stelzen, auf denen das Haus steht erklimmen, aber nicht kopfüber unter dem Boden weiterlaufen.

Auf norwegisch heißen diese Gebäude Stabbur, auf schwedisch (sagt Wikipedia) Härbre. Auf der iberischen Halbinsel gibt es Dinger auch unter dem Namen Hórreo, aber das hat mit meinem Blog nordwärts ja gar nichts mehr zu tun. Ich habe es auch nur erwähnt, damit der Text neben dem Bild nicht zu kurz ist.

Schwedischer Nationaltag

Gestern war der 6. Juni, das ist der schwedische Nationalfeiertag. Im Gegensatz zum 17. Mai in Norwegen wird der aber eher ruhig angegangen. Natürlich ist hier und dort eine Flagge gehisst, aber das war es dann auch schon. Glaube ich zumindest.

Gestern war ich mit dem Auto unterwegs und der kurvige Kiesweg, den ich von Kåge aus genommen habe, hat mich schon halb nach Kusfors geführt, wo Lasse und Martine leben. Die waren aber nicht zu Hause, sondern in Norsjö, um dort für das Dorf Kusfors den Preis „Årets by“ – Dorf des Jahres – der Kommune entgegenzunehmen. Ich bin deswegen über kleine Nebenwege (Åliden – Stöverfors – Krångfors – Finnfors – Bastuträsk) nach Norsjö gefahren, um mich dort mit meinen Freunden zu treffen und bin mitten in die Nationaltagsfeier geplumpst.

Dies hätte fast ein x-beliebiges Sommerfest sein können, mit Hüpfburg, Rede, Fika für alle (die kalten Getränke waren eine willkommene Erfrischung bei 27 °C) und Preisverleihung. Einige liefen tatsächlich in Tracht umher, aber das waren vermutlich die Mitglieder der Volkstanztruppe, deren Aufführung ich verpasst habe. Doch zwei Dinge waren schon ein bisschen nationalfeierig. Zum einen wurde die Nationalhymne gesungen. Das habe ich in Schweden noch nie erlebt. Aber weil ein Sänger am Mikrophon laut vorsang, hatte ich den Eindruck, dass die Schweden eher ein bisschen mitmurmelten, anstatt inbrünstig mitzuschmettern. Und dann die Flaggen: Die große Flagge war gehisst, an den alten Häusern wehten die Flaggen und auch die Tortenstückchen waren mit kleinen Schwedenflaggen geschmückt. Das sieht schön aus, denn die blau-gelben Flaggen fügen schöne, bunte Farbtupfer zu den frühlingsgrünen Birken und den roten Holzhäusern hinzu.

Fika: Kaffe und KuchenDie schwedische Flagge ist gehisst

Die Schweden sind angenehm integrierend, was den Nationaltag angeht: Nicht nur Volkstänze sind gezeigt worden, sondern auch Tänze aus Afrika (habe ich ebenfalls verpasst) – immerhin leben in Norsjö auch viel Zugezogene aus vielen verschiedenen Ländern. Und an der Hauptstraße hingen nicht nur schwedische, sondern auch dänische, norwegische und finnische Flaggen.


Anschließend haben wir noch Freunde von Lasse und Martine besucht und uns anschließend ein altes Gehöft angeschaut, welches seit 30 Jahren unbewohnt ist. Eine Traumlage direkt am Fluss, aber wer diese Häuser wieder komfortabel bewohnbar machen möchte, hat viel Arbeit vor sich. Für mich, der sich zum einen in Skelleftehamn sehr wohl fühlt und zum anderen kaum einen Nagel gerade einschlagen kann, wäre das nichts.

Verlassenes Haus …… auf großem Grundstück direkt am Fluss

Bis spätabends saßen wir dann noch draußen in Kusfors, bis wir irgendwann vor den Mücken nach drinnen geflohen sind, denn jetzt geht es langsam los mit dem Gesirre und Gepiekse diese kleinen Plagegeister.