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Nordwärts

Vom Leben in Skelleftehamn

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Luleå

In Luleå -25 °C um 10:00 und -22 °C um 16:00. In Skelleftehamn am Abend -18 °C.

Einer meiner „Vorsätze“ für 2011 war, mehr zu reisen und mehr von Nordschweden zu sehen. Das haben Sonya und ich vorgestern gleich zum Anlass genommen, mit dem Bus nach Luleå zu fahren.

Dazu mussten wir leider um sechs aufstehen, um nach drei Stunden Busfahrt nicht zu spät in Luleå anzukommen. Schon im Doppeldeckerbus konnte man erahnen, dass der Tag kalt werden würde. Wir saßen ab Byske vorne oben und hatten damit eigentlich die idealen Sightseeingplätze. Aber im gleichen Maße, wie es draußen heller wurde, wuchsen innen Eisblumen auf der Windschutzscheibe und so konnte man bald nur noch durch das Seitenfenster schauen.

Luleå empfing uns mit ziemlich ungemütlichen Wetter: Es war den ganzen Tag trübe, Schneestaub fiel vom Himmel und mit Temperaturen zwischen -25 und -22 °C konnte man den Tag auch nicht als übermäßig warm bezeichnen. Gut, dass wir warme Klamotten dabei hatten. (Ein Dank an Eddie Bauer für Ihren Superior Polar Parka, den ich vor Jahren günstig bei Ebay ersteigern konnte.)

Zum Anfang haben wir uns die Innenstadt angeschaut. Luleå liegt direkt an der Ostsee und überall hat man Blick auf die großen Eisflächen. Da ich aber die Ostsee selber vor der Tür habe, sind die beiden großen Outdoorläden viel interessanter (und gefährlicher) für mich. Mittags haben wir im ZAN eine ausgezeichnete Lasagne gegessen. Schade, dass der Dom geschlossen war.

Danach haben wir den Bus zur Gammelstad, dem alten Stadtzentrum Luleås genommen. Während dort draußen kein Mensch zu sehen war, standen in der alten Kirche die ersten Gäste einer Hochzeit. Wir wurden von der Mutter der Braut gleich eingeladen, Platz zu nehmen und Ihrer schwedischen Hochzeit beizuwohnen, aber wir wollten uns Gammelstad noch genauer anzuschauen, bevor es richtig dunkel wurde. Die vielen schneebedeckten alten Häuser, die Kirche und das Freiluftmuseum geben wunderschöne Fotomotive ab, aber ohne Stativ war die Ausbeute bei dem vorherrschenden diesig-dämmrigen Licht eher mager.

Da in der alten Stadt kein Café offen hatte und in Luleå die Cafés schon um vier schlossen, haben wir um halb fünf den Bus wieder zurück nach Skellefteå und dann nach Skelleftehamn genommen.

Luleå werde ich mir auf jeden Fall diesen Winter noch einmal anschauen. Bei besserem Wetter und mit Fotostativ. Und einer Einkaufsliste für die Outdoorgeschäfte …

Musikhochschule Piteå

heiter bis trüb und kalt: Zwischen -20 °C und -25 °C, auf der E4 bis -29 °C.

Heute habe ich nach einer sehr frühen Fahrstunde (Einparken!) nur bis mittags gearbeitet. Dann bin ich mit Annica nach Piteå zum Acusticum gefahren. Im Acusticum befindet sich neben verschiedenen Unternehmen vor allem die Musikhögskolan Piteå, eine der sechs schwedischen Musikhochschulen. Annica hat mich schon vor zwei Wochen mit einer Künstleragentur in Skellefteå bekannt gemacht und heute einigen Leuten der Musikhochschule vorgestellt. So habe ich den Dozenten für Jazzklavier kennengelernt und der Leiter des Tonstudiobereichs hat mich herumgeführt.

Ich habe mein Diplom als Jazzpianist 1996 gemacht, das ist also schon ein bisschen her. Und es war schon seltsam, wieder durch Gänge zu laufen, wo jeder Dritte einem mit Instrumentenkoffer entgegen kommt und sich die Klänge von Orgel, Klavier und Klarinette aus den verschiedenen Räumen zu einem Klangteppich vermischen, der an jeder Hochschule irgendwie gleich klingt.

Für mich interessant: Es gibt jeden Freitag Mittag eine Jazzsession. Das ist natürlich die Gelegenheit, andere Jazzmusiker kennen zu lernen, um ein paar Kontakte in der Region zu bekommen. Ich werde also sehen, dass ich – wenn die Projekte es zulassen – ab und zu mal die Arbeit auf Samstag verschiebe, um am Freitag bei der Session dabei zu sein. Von Skellefteå nach Piteå sind es „acht Meilen“, also achtzig Kilometer, das ist hier in der Region nicht so weit.

Vielen Dank an Annica, die mir einfach den Vorschlag gemacht hat, dort ein paar Leute zu treffen und alles organisiert hat. Toll!

Zum Abschluss noch ein paar Bilder vom Zentrum. Piteå scheint recht schön zu sein. Ich werde wohl immer mal wieder die Gelegenheit haben, mir die Stadt ein bisschen näher anzuschauen …

Brückenbau-Arbeits-Sommer-Bade-Stadtfest-Panorama

Manche Tage sind dichter als andere. Von so einem Tag komme ich gerade zurück.

Der Morgen

Knallblauer Himmel – schon am Morgen zwanzig Grad – das schreit danach, mit dem Fahrrad zu fahren. Es ist immer herrlich, wenn man schon morgens oben herum nur ein T-Shirt braucht und in den Sandalen mit den Zehen wackeln kann. Kurz vor der Stadt mache ich eine kurze Fotopause, denn da wird eine neue Brücke über den Skellefteälven gebaut. Da habe ich noch nichts von mitbekommen, da ich diese Strecke nicht so oft fahre. Zum Schluss schlängele ich mich durch das Zentrum, denn heute beginnt das Stadtfest und überall stehen Zäune, Autos, Zelte, Menschen und nochmal Autos.

Arbeit

Ich hätte ja jetzt schon gerne Urlaub, aber bis zum Ende der Woche muss ich noch durchhalten. Im Büro ist es überraschend kühl und die Hitze schlägt uns ins Gesicht, als wir zum Mittagessen aufs Stadtfest gehen. Kein Wunder, denn mit 30.4 °C ist Skellefteå heute laut SMHI-Messungen der wärmste Ort Schwedens.
Das Stadtfest? Wie alle Stadtfeste, aber dazu später mehr.

Danach arbeite ich noch ein bisschen, aber die Konzentration geht gegen null und ich beschließe, eine Badepause zu machen.

Badesee

Kurz darauf sitze ich bei einer Freundin im Auto, sie hat ihren Lieblingsbadesee wiedergefunden. Für schwedische Verhältnisse ist dort einiges los. Ich kann das nicht ernst nehmen, die fünfzehn Leute. Die Luft ist warm, das Wasser des kleinen Waldsees herrlich erfrischend kühl, man möchte gar nicht mehr aus dem Wasser heraussteigen. Und zum Schluß sind wir fast alleine da. Aber … noch habe ich keinen Urlaub, die Arbeit wartet.

Arbeit

Die Kollegen gehen nach Hause, ich bleibe noch. Zum einen habe ich ja eine sehr lange Badepause eingelegt, zum anderen bin ich mit Freunden zum Stadtfest verabredet. Aber irgendwann ist es sechs und ich verlasse als letzter das Bürogebäude.

Stadtfest

Und nachdem alle am Treffpunkt eingetrudelt sind, ziehen wir zu neunt über das Stadtfest. Ich bin – wie schon im letzten Jahr – geneigt zu schreiben, dass alle Stadtfeste gleich sind: Fressgassen mit internationaler Imbissküche, die immer gleichen hässlichen Sweater mit Reggaemotiven, billige Taschen, Losbuden und dazwischen Menschen, Menschen, Menschen. Wo kommen die bloß alle her? Von den Menschen hört man allerdings gar nicht so viel, denn was gehört zu jedem Stadtfest dazu? Richtig, lokale Partybands, die unfassbar schlecht abgemischt sind. Die Musik dröhnt und wummert in Lautstärken nah der Schmerzgrenze durch das Stadtzentrum. Wer etwas mitteilen will, der muss halt schreien.

Aber halt, ein paar Sachen sind ein bisschen anders: Alle Festzelte sind abgeriegelt und alle müssen an der Security vorbei, vermutlich damit keine Minderjährigen Bier oder Wein kaufen können. Da es mehrere Festzelte gibt, besteht die Innenstadt eigentlich nur aus Zäunen, die ein gigantisches Labyrinth bilden, denn jede zweite Straße und fast alle Fußwege enden irgendwann vor einem hohen Drahtzaun.

Das Essen wie oft: Von Fast food (amerikanisch bis asiatisch) bis zu den unvermeidbaren ungarischen Langos wird das ganze Stadtfestessen gut abgedeckt. Aber es gibt auch Toast mit Pfifferlingen und dem lokalen Käse überbacken. Oder Ren als chinesisches Wokgericht. Und knatsch-buntes Gebäck, welches vermutlich im Dunkeln leuchtet. An dem unten abgebildeten Gebäck stand „Blåbär“, aber ich vermute eher, dass dort jede Menge Schlumpf mit drin war.

Auf dem Dach

Ich gehe ins Büro, um meine Sachen zu holen und nutze die Gelegenheit, auf dem Dach des Gebäudes die iPhone-Applikation „Photosynth“ auszuprobieren. Dafür, dass das Programm nichts kostet und ich mir auch nicht wirklich Mühe gegeben habe, ist das Panorama eigentlich ganz gut geworden, auch wenn man teilweise deutlich sieht, wo die vielen Einzelfotos aneinanderstoßen.

Nach Hause

Ich bin immer schon lärmempfindlich gewesen und das ist heute nicht anders. Und so verabschiede ich mich als erster und radele um kurz vor elf wieder nach Hause. Ich genieße die Stille und das herrliche Licht auf dem Heimweg. Und um zehn vor zwölf bin ich auch wieder zu Hause.

Und jetzt geht‘s ins Bett. Aber nicht das im Schlafzimmer, sondern das im Gästerzimmer im Keller, denn da ist es dunkel und herrlich kühl.

Nachtrag

  • Laut Norran, der lokalen Zeitung war gestern mit 31,1 °C der wärmste Tag des Jahres.
  • Gestern war auch ein Drachenbootrennen auf dem Fluss. Da habe ich allerdings nur die Rufe durch den Lautsprecher gehört. Man kann nicht überall sein.

Kiruna – Licht und Schatten

Nach dem die TEDxKiruna vorbei war und ich sicher wieder auf der Erde gelandet war, brauchte ich erst einmal Bewegung. Ich bin in Richtung Stadt gelaufen, habe wie wohl alle Touristen die alte Holzkirche fotografiert und im Zentrum wie wohl alle Touristen auch das Backsteinrathaus mit seinem markanten Turm fotografiert. Auch wenn ich das Stadtbild von Kiruna nicht gerade schön finde, so sah das in der untergehenden Sonne doch hübsch aus.

Eigentlich wollte ich früh ins Bett gehen, aber bei schönem Polarlicht macht man dann doch gerne eine Ausnahme. Und es hat sich gelohnt, auch wenn die Fotos dieses Erlebnis wie immer nur unzulänglich wiedergeben.


Heute, am Tag danach, bin ich nicht aus dem Bett gekommen. Teils, weil ich doch ein bisschen erkältet bin, teils, weil draußen alles grau war, wenn es zum Glück auch nicht geregnet hat. Irgendwann habe ich mich dann aber doch aufgerafft und bin durch die Stadt gebummelt.

Vielleicht ist Kiruna als Bergbaustadt zu neu, um Entstehungslegenden zu haben. Hier ist meine:

Ein einjähriges Kind hat auf hügeligem Gelände einen großen Sack mit Häusern aller Art ausgeschüttet. Sein dreijähriger Bruder hat dann alle Häuser an Ort und Stelle hingestellt. Dann kam die Kommune und hat die Zwischenräume mit Straßennamen bedacht.

Mir erscheint die ganze Stadt als sinnloses Chaos von verschiedenen Häusern, die sich gegenseitig im Wege stehen zu scheinen und nur dann zusammenpassen, wenn sie sich auf den kleinsten gemeinsamen Nenner der modernen Architektur, den Quader reduziert haben. Farbe versucht vergeblich, dem ganzen ein bisschen Alltagsästhetik überzustülpen und die wenigen roten Klischee-Holzhäuser wirken deplaziert und verloren.

Auf der anderen Seite: Das Stadtzentrum Kirunas wird ohnehin bald fünf Kilometer nach Osten verlegt werden, da die Schächte und Stollen, die bei der Eisenerzförderung entstehen, sich dem alten Zentrum immer weiter nähern und die Gefahr von Einbrüchen zu hoch wird. Das muss ein seltsames Gefühl sein, in einer Stadt zu wohnen, die umzieht. Die Bahnlinie wird jetzt schon verlegt.

Ihr merkt, wenn das Wetter doof ist und ich erkältet, dann kommen Städte wie beispielsweise Kiruna nicht sonderlich gut weg bei mir. Was ich hier allerdings verlockend finde, sind die vielen Wegweiser: Nikkaluokta, das am Kebnekaise, dem höchsten Berg Schwedens liegt, ist nicht mehr weit. Abisko, Ausgangspunkt für viele Streckenwanderungen, zum Beispiel auf dem Kungsleden, ebenfalls nicht. Und auch die norwegische Hafenstadt Narvik ist keine 200 Kilometer mehr entfernt.

Und man muss nur ein paar Kilometer aus der Stadt herausfahren und schon hat man den Blick auf weite schneebedeckte Moorflächen und weiße Bergrücken, die zu langen Skitouren einladen. Da die Wettervorhersage aber eher mäßig ist, werde ich vermutlich morgen wieder nach Hause fahren. Denn da ist es auch schön!

P.S.: Ich finde die meisten Städte in Nordskandinavien nicht wirklich schön. Die einzige Ausnahme ist Tromsø, welches mir extrem gut gefällt. Bevor ich nach Skellefteå kam, war ich drauf und dran, mich auf einen Job in Tromsø zu bewerben. Doch während ich noch das Anschreiben formulierte, habe ich den Plan verworfen, denn mein Bauch meinte, dass zwei Monate Polarnacht jedes Jahr vielleicht doch ein bisschen zu lange sind.

Lövånger Kyrkstad – das Kirchendorf in Lövånger

Heute war ich in Lövånger, 40 Kilometer südlich von Skelleftehamn, und war überrascht, dass es dort auch ein Kirchendorf gibt, wie hier die Bonnstan. Im Gegensatz zu den unlackierten Blockhäusern der Bonnstan sind hier die Häuser im typischen falunrot gehalten und wirken mit ihren gelben Fensterläden um Jahrhunderte moderner. Doch auch diese „Kyrkstad“ ist Jahrhunderte alt, die ersten Häuser wurden wohl 1642 errichtet, wenn auch bestimmt nicht die von mir fotografierten. Das nächste Mal muss ich mir auch die Kirche anschauen, denn die ist wohl um 1500 errichtet worden.

Lövånger kyrkstadLövånger kyrkstad

Lövånger kyrkstad

Erst schien die Sonne, die für freundliche Farben aber extrem harte Kontraste sorgte. Die Schattenseite der roten Holzhäuser wirkte fast schwarz. Dann kam eine große Quellwolke und parkte zwischen Sonne und Lövånger. Damit waren zwar die Kontraste milder aber die Häuser wirkten ein bisschen trist gegen den blauen Himmel. Man sollte einfach um die Mittagszeit keine Fotos machen.

Zum SockenmuseumSehr schön fand ich das Schild „Sockenmuseum“. Sollten hier all meine Socken gelandet sein, die nie den Wag aus der Waschmaschine wieder zurückgefunden haben? Zu Hause hat mir das Internet dann beigebracht, dass Socken ein altes nordisches Wort für Kirchspiel oder Landgemeinde ist. Das steht sogar in der deutschen Wikipedia.

Nächtliche Baustelle

Nach einem Jahr ist der große Kreisel auf dem Weg zwischen Skellefteå und Skelleftehamn fertig geworden. Ich muss immer noch schmunzeln, denn der Kreisel wurde ja gebaut, um den Verkehr an der Kreuzung bei Bergsbyn zu entlasten. Nun, ich finde auch, dass Kreisel praktisch sind, aber ich habe mich immer gefragt, „Ja welcher Verkehr denn?“. Dass man manchmal dort anderthalb Minuten stand, wenn man auf die Hauptstraße wollte? Ihr lieben Skellefteåeinwohner, seid Ihr denn nie in einer richtigen Stadt gewesen und wisst Ihr nicht, was Verkehr ist? Letzte Frage ist natürlich zugleich dumm und arrogant. Arrogant, weil sie versucht, meinen Maßstab der deutschen Rushhour um Köln herum auf das eher beschauliche Nordschweden zu stülpen. Und dumm, weil viele Menschen hier mehr herumkommen als ich. Ich kenne ja eigentlich nur Nordeuropa ganz gut.

Etwas Gutes haben die Baustellen, nämlich Fotomotive. Vor einem Jahr habe ich schon einmal fotografiert, da war man noch ganz am Anfang. Den Bau des Tunnels leider etwas verpasst, aber heute bin ich noch einmal stehengeblieben, um die neugegrabene Unterführung zu fotografieren.

Baustelle bei Nacht – der Ton glitzert im Mondschein

Mit dem Begehen war das allerdings ein bisschen schwierig, denn die Schrägen waren glatt wie Schmierseife und der zähe, schlammige Boden in der Mitte klebte wie Kleister. Als ich meine Fotos gemacht habe, waren meine Gummistiefel bestimmt doppelt so schwer, und ich habe sie in Skelleftehamn in der Ostsee gewaschen, um mir nicht das ganze Badezimmer einzusauen.

Geschäftsreise

Vor dem AbflugEines hat mir mein Stoffhund Bello voraus: Er kann schon auf eine große Anzahl Geschäftsreisen zurückblicken, die er gemacht hat, als ich Kind war. Was eine Geschäftsreise ist, hätte ich damals keinem erklären können. Inzwischen habe ich eine leise Ahnung, um was es sich handeln könnte. Mit meinem Arbeitgeber Hello Future war ich schon ein paar Mal in Umeå (130 km) und in Lycksele (170 km), aber in Stockholm war ich noch nie. Gestern bin ich zusammen mit Leif nach Stockholm geflogen und war so nicht nur seit langem mal wieder in der schwedischen Hauptstadt, sondern konnte auch die Anzahl „so richtiger“ Geschäftsreisen mit Flugzeug von Null auf Eins erhöhen.

Besonderheit eins: Noch nie bin ich ohne schweren Koffer geflogen. Dieses Mal kam nur ein kleiner Rucksack mit ein bisschen Kleidung, Zahnbürste, Laptop und neuer Kamera als Handgepäck mit.

Besonderheit zwei: Noch nie habe ich Stockholm von Norden aus als Ziel gehabt. Das letzte Mal bin ich im Frühjahr 2008 von München aus für einige Tage dorthin geflogen.

Besonderheit drei: Stockholm ist ein anderer Planet! Wie riesig die Stadt verglichen mit dem eher beschaulichen Skellefteå wirkt. Die Geräusche sind anders, die Gerüche sind anders und sogar das Licht ist anders.

Ausblick vom Observatorielunden

Wir mit Hello Future haben den Luxus, ein Büro mitten in der Kungsgatan zu haben, noch zentraler geht eigentlich nicht. Und da nicht die ganze Zeit Meeting war und ich keine dringenden Aufgaben hatte, konnte ich gestern und heute mal zwischendurch aus dem Büro herauswitschen und mir ein bisschen das große, große Stockholm anschauen. Zum Beispiel die Schaufenster aller Geschäfte, in denen man zum Beispiel nur Schlipse, uralte Bücher, richtiges Brot oder 70er-Jahre-Klamotten kaufen konnte …

Ein SchlipsgeschäftEine richtige Bäckerei!

… oder einfach die Fußgängerzonen an sich …

Gemüsestand auf dem „Hötorget“Steinlöwe in der Drottningsgatan

… oder das Wechselspiel zwischen der kompakten Architektur in den Straßen und den weiten Blicken über das Wasser …

Mitten in der StadtAussicht über das Wasser

… oder die vielen Weihnachtsdekorationen draußen und drinnen …

Weihnachtsdekoration am Sergels TorgEin Kind verguckt sich in einen großen Stoffhusky

… doch am besten gefiel mir Stockholm nach Sonnenuntergang (der siebzig Minuten später als in Skellefteå ist) und es erst dämmrig und dann dunkel wurde.

Stockholm in der AbenddämmerungStockholm in der Abenddämmerung

Vierunddreißig Stunden und fünf Meetings später saßen wir wieder im Flugzeug, dieses Mal im Landeanflug auf den Flugplatz Skellefteå. Und als ich über den beleuchteten Orten Bureå, Skellefteå und Skelleftehamn nicht nur den Sternenhimmel, sondern auch ein schwaches Nordlicht gesehen habe, wusste ich, dass ich wieder auf meinem Heimatplaneten gelandet bin.

Alle Fotos stammen von der neuen Nikon AW1, die ich mir der Wasserdichtigkeit wegen gekauft habe, die sich aber auch gut als handliche Reisekamera verwenden lässt. Die Qualität ist gemessen an dem kleinen Sensor ordentlich bis gut, aber Wunder darf man natürlich nicht erwarten, vor allem wenn man sie mit einer mehrfach teureren Vollformatkamera vergleicht.

Alltag: Ein Januarmittwoch

Ich habe festgestellt, dass ich hauptsächlich über meine zugegebenermaßen recht zahlreichen Freizeitaktivitäten berichte. Das will ich ein bisschen ändern und beginne mit einer Alltagsreihe. Heute ist

Mittwoch, der 15. Januar 2014

Um halb acht klingelt der Smartphone-Wecker. Schön für ihn, ich bin nämlich schon eine viertel Stunde wach. Mein erster Blick geht immer auf das Thermometer: -15.4 °C, einige Grad wärmer als am Vorabend, ein Zeichen dafür, dass es sich zugezogen hat. Mein Frühstück besteht aus Müsli mit Filmjölk, einem Art Sauermilch, die ich sehr gerne esse.

Dann das Anziehen: Skihose, Winterstiefel, Polarparka, Mütze und Handschuhe angezogen und auf geht es zum Bus, das sind nur fünf Minuten von mir. Dort räumt gerade ein Bagger Schnee von A nach B. Und bald kommt der Bus, wo beim Fahrer eine Fahrt von meiner Plastikkarte abgebucht wird.

Ein Bagger räumt SchneeWarten auf den Bus

Heute gibt es kein WLAN im Bus, etwa die Hälfte hat das schon, aber das macht nichts, denn auch über das Handynetz lässt sich gut im Internet unterwegs sein, zum Beispiel um Zeitung zu lesen oder bei Facebook zu schauen. Heute bin ich auch mit Fotografieren beschäftigt. Nach einer guten halben Stunde Fahrt – der Bus fährt Umwege und hält fast überall – bin ich in der Stadt. Normalerweise gehe ich jetzt durch die fußbodenbeheizte Fußgängerzone zur Arbeit, heute jedoch mache ich einen kurzen Abstecher zum Fluss, wo in dreieinhalb Wochen das Winterschwimmen stattfinden soll. Der Fluss ist teilweise noch offen und ich glaube nicht, dass wir dort in ein paar Wochen festes, begehbares Eis haben.

Busfahrt in die StadtDer Fluss ist teilweise noch eisfrei

In der Küche erfahre ich, dass wir zwei große Projekte zugesagt bekommen haben. Das sind natürlich gute Neuigkeiten, zumal ich die Projekte interessant finde. Die meisten trinken erst einmal einen Kaffee, denn Schweden ist ein Land der Kaffeetrinker. Dann fange ich an zu arbeiten.

Gegen zwölf gehen wir zum Mittagessen. Fast alle anderen arbeiten heute zu Hause oder sind in Meetings verschwunden und so sind wir nur zu dritt. Typisch wäre folgendes Mittagessen gewesen: Fleisch, Kartoffeln, braune Soße, Salat und ein „Måltidsdrick“, ein Mischung aus zu viel süßem Sirup und zu wenig Wasser. Danach einen Kaffee und einen Keks. Heute hingegen gehen wir ins „Café lilla Mari“, welches verschiedene kleine Gerichte hat und die vermutlich größte Auswahl an Kuchen und herrlich gemütlich ist.

Verlockungen an der KasseUnser Essen kommt!Mein heutiges MittagessenIm Café Lilla Mari

Eine normale Mittagspause mit Hin- und Rückweg dauert exakt eine Stunde. Ob „Der Schwede an sich“ das im Gefühl hat oder er das so gut abpasst, weil er ohnehin dauernd aufs Smartphone schaut, habe ich noch nicht ergründet. Danach arbeite ich weiter. (Webseiten mit DOM und XPath parsen, um damit eine JSON-API zu bauen, die ein Dienst im Webview unserer App anrufen kann. Nun wisst Ihr Bescheid.) Gegen halb sechs beende ich meinen Arbeitstag. Meistens höre ich aber schon eher auf, fange allerdings auch früher an.

Weil noch Platz ist: Unsere Kissenecke im BüroAbkürzung zur Fußgängerzone

Ich gehe kurz in die Stadt, um nach Winterstiefeln zu schauen. Nicht, dass ich nicht schon drei sehr warme Paar besitze, aber das sind alle hohe Stiefel und sie sehen mir ein bisschen zu sehr nach Extremoutdoor aus. Aber ich finde nichts. Dann kaufe ich bei ICA – der schwedischen Lebensmittelkette das übliche Käseschinkenbrötchen, was ich oft esse, wenn ich danach noch in der Stadt etwas vorhabe.

Heute haben wir unser regelmäßiges Mittwochstreffen mit „Dark & Cold“. Da wir nun in der heißen Phase der Winterschwimmeisterschaftsplanung sind, sitzen wir drei Stunden da und diskutieren. Über Dinge wie Eisdicken, Polizeigenehmigung, Plakate, Pressearbeit, Sponsoren, Rettungstaucher und vieles mehr. Die anderen gehen davon aus, dass der Fluss in ein paar Wochen fest zugefroren sein wird. Sie haben mehr Erfahrung damit als ich und ich glaube es ihnen einfach einmal. Nach dem Treffen habe ich es gut, weil ich von Freunden nach Hause gebracht werde, obwohl das für sie ein Umweg ist. Unterwegs zeigt das Thermometer -21 °C an und auch in Skelleftehamn sind es -20 °C, der kälteste Abend bisher in diesem Winter, als ich zu Hause ankomme.

Ein Samstag im frühlingshaften Stockholm

4:50 klingelte der Wecker am Freitag. Nicht der beste Anfang für einen Tag, aber ich musste den 6:30-Flieger nach Stockholm erwischen, wo ich zwei lange Meetings hatte.

Die sind auch gut gelaufen, dennoch hatte ich am Freitag Abend schon die Schnauze von Stadt ein bisschen voll. Ich war ohnehin platt und müde; nach einer nervigen mittäglichen Toilettensuche in Stockholms Zentrum, die einer kleinen Odyssee glich und eigentlich fast einen eigenen Artikel wert ist, war es am Abend der Verkehrslärm und das Gegröle der schon früh betrunkenen Jungmännerhorden, die mich genervt haben. Dass ich dann kurz nach dem Einschlafen von dem Geknalle einiger Explosionen aus dem Schlaf gerissen wurde, machte die Sache nicht besser. Ich nehme an, dass es nur einige von Silvester übrig gebliebene Kanonenschläge waren, deren Explosion durch die Straßen Stockholms hallte, denn am nächsten Tag stand die Stadt noch.

Und wartete mit wunderschönem Frühlingswetter auf. Es war zwar am Morgen noch leicht frostig, aber was macht das schon, wenn sich ein wolkenlos blauer Himmel über Stockholm ausbreitet. Und so war ich fast den ganzen Tag in Stockholm zu Fuss unterwegs und meine Füße sind heute immer noch etwas beleidigt, denn ich habe sie gestern bestimmt 25 Kilometer über die Inseln Norrmalm, Kungsholmen, Långholmen, Södermalm, Stadsholmen und Helgeandsholmen geschickt.

Mein erster Weg führte am Nordufer der Insel Kungsholmen westwärts nach Solna, denn dort gibt es ein Kajakgeschäft. Es ist einfach toll, dass man in Stockholm überall am Wasser entlanglaufen kann und viele Stockholmer nutzen die zahlreichen Uferwege für ihre morgendlichen Joggingrunden. Überall blühen Krokusse, Zilla und kleine Osterglocken; der Frühling ist hier natürlich dem Norden um Wochen voraus.

Ein klarer Aprilmorgen in Stockholm

Das „Bonnierhuset“Karlbergs schlossFundplatz für HandschuheKopflos?

Toll, mal in einem richtigen Kajakgeschäft zu sein, so etwas ist in einer Stadt wie in Skellefteå undenkbar. Ich wollte gerne einen Trockenanzug kaufen, aber der eine war nicht in meiner Größe da und der andere taugte meiner Meinung nach nichts. Da die meisten anderen Kajakgeschäfte hauptsächlich vom Verleih leben und daher nur die Sommermonate geöffnet haben, muss ich den Kauf wohl auf später verschieben.

Badeplatz am UlvsundasjönKajakgeschäft in Solna

Ich bin dann wieder ostwärts ins Zentrum gelaufen und habe vor allem Buch-, Foto- und Outdoorläden gesucht. Das große Shopping-Ereignis hat sich dann aber auf ein paar DVDs und zwei heruntergesetzte Bücher über Fotografie beschränkt.

In Stockholm gibt es viele, viele TreppenSelbstportrait

KungsholmstorgNach einer kurzen Pause im Hotel bin ich noch einmal losgelaufen. Dieses Mal am Südstrand von Kungsholmen, den „Norr Mälarstand“ in Richtung Westen zur „Västerbron“-Brücke. Auf dem Weg bin ich auch die Straße namens Kungsholmstorg gelaufen. Solche Straßen gibt es einige in Stockholm und sie sind, finde ich, ein Traum für Fußgänger, die auf breiten von Bäumen umrahmten Kieswegen in der Mitte laufen dürfen, während die Autos ihre Spuren links und rechts haben.

Blick von der VästerbronÜberall blühen Zilla und Krokusse

Von der hohen Västerbron hat man einen herrlichen Ausblick über den „Riddarfjärden“ und die Stadt. Leider hatte es sich inzwischen eingetrübt und das Licht war nicht mehr so schön wie am Vormittag. Eine seitliche Treppe hat mich von der Brücke auf die grüne und hügelige Insel Södermalm geführt, wo am Rand die Krokusse blühten. Es hat ein bisschen gedauert, bis ich gemerkt habe, dass ich nicht einfach geradeaus am Ufer zurücklaufen kann, sondern auf der Insel Långholmen bin. Eine kleine Brücke führte mich dann weiter zur Insel Södermalm. Menschen, die Ausblicke und Treppen mögen, sind hier gut aufgehoben. Man kann oben auf kleinen Wegen die Hügel entlang spazieren oder auch unten direkt am Ufer die großen und kleinen Schiffe bewundern, die teilweise als Wohnung oder Hotel benutzt werden.

Häuser auf SödermalmHäuser auf SödermalmBlick auf Södermalms HausfassadenBlick vom südlichen auf den nördlichen Mälarstrand

Blick von Södermalm über Stockholm

Inzwischen fing es an, dämmrig zu werden und so bin ich ein bisschen zielstrebiger wieder in Richtung Hotel gelaufen, denn dort in der Nähe gab es einen Inder und ich hatte doch erst zweimal am Wochenende indisch gegessen … . (Es gibt keinen Inder in Skellefteå – ein großes Manko!). Der Weg führte mich über die Insel Stadsholmen, auf der die alte Stadt „Gamla Stan“ liegt und die kleine Insel Helgeandsholmen, die den Reichstag beherbergt am zentralen Sergelstorg vorbei zum Inder und dann wieder ins Hotel, wo ich auch diese Nacht wieder Motorrad-Burnouts, schlechtem Techno und Jungmännerhordengegröhle lauschen durfte.

Blick zurück auf SödermalmEine Gasse in der „Gamla Stan“Auf HelgeandsholmenSergels Torg

Heute morgen ist schönstes Abreisewetter: Grauer Sprühregen. Das macht den Abschied leicht, aber so oder so sehne ich mich ein bisschen nach meinen eigenen vier Wänden im beschaulich-ruhigen Skelleftehamn. Aber dennoch freue ich mich schon auf den nächsten Stockholmbesuch. Hoffentlich in diesem Jahr.

Punktlandung: Der Artikel ist fertig und ich habe noch fünfzehn Minuten bis zum Check-In. Das reicht, um das Laptop zuzuklappen, noch etwas zu trinken zu kaufen und zum Gate 43 zu schlendern.

Nordisches Entfernungsempfinden

In manchen Punkten werde ich immer nordschwedischer. Ein solcher Punkt ist mein Entfernungsempfinden. Sieben Meilen (also siebzig Kilometer), um bei Freunden vorbeizuschauen, dass finde ich nicht wirklich weit. Zehn Minuten zu Fuß in Skellefteå hingegen, das ist schon richtig was.

Das ist gewiss ein wenig übertrieben, dennoch war es interessant, was passiert ist, als ich heute ein Meeting bei Skellefteå Kraft hatte: Der Hinweg hat zehn Minuten gedauert, aber der Rückweg über eine Stunde.

Als das Meeting zu Ende war, bin ich erst nebenan in die Bibliothek gegangen, um ein Buch und passendes Hörbuch auszuleihen. Das ganze ist für den Schwedischunterricht, den ich nehme, um meine Aussprache zu verbessern. Dann zurück über die E4, die mitten durch die Stadt führt und wieder in die Fußgängerzone. An der Kreuzung liegen nasse und einfrierende Schneehaufen. Viel ist ja nicht gefallen, aber wenn man beim Straßenräumen das bisschen zusammenschiebt, kommt auch was zusammen.

Hörbücher von Torgny LindgrenSchneehaufen an der Kreuzung

Die Fußgängerzone hingegen ist schneefrei und trocken, denn die hat ja Fußbodenheizung. Dann noch mal kurz in den Teeladen, grüner Tee ist alle. Also, wenn man schon mal in der Nähe ist … (Ich arbeite 500 Meter weiter!) Den kleinen Flohmarkt der Schwedischen Missionskirche lasse ich aus, in das Schaufenster des kleinen Sportlädchens schaue ich nur kurz. Aber bei der Bank schaue ich rein, denn dort bin ich auch versichert. Ich will für meine Winterreise das Gepäck gegen Diebstahl versichern lassen, denn mit Kameraausrüstung, Pulka, Daunenparka, Winterschlafsack und so kommt da ganz schön was zusammen. Aber – wie ich schon vermutete – muss ich bei der Versicherung direkt anrufen, das ist zu speziell.

Weiter in Richtung Büro. Aber kurz vorher noch bei ICA rein, ein paar Lebensmittel für den Abend kaufen. Danach bin ich dann aber tatsächlich wieder ohne weiteren Zwischenstopp ins Büro gegangen. Ein bisschen doof kam ich mir vor, denn das Stadtzentrum ist so klein, dass ich jederzeit Besorgungen machen könnte. Aber ich tue es nicht, denn nach der Arbeit will ich lieber nach Hause ins beschauliche Skelleftehamn, als noch in der Stadt Besorgungen zu machen.

Um fünf bringt mich der Bus nach Hause. Auch er überquert die E4 und fährt an Skellefteå Kraft und der Bibliothek vorbei. Überall liegen Schneereste und der kurze Blick auf den Skihügel zeigt diesen sogar ganz in weiß. Nur der äußerste Teil von Skelleftehamn ist komplett schneefrei, denn hier ist es ein Grad wärmer, weil das Meer noch offen ist.

Skellefteå Kraft und Bibliothek