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Nordwärts

Vom Leben in Skelleftehamn

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Ich wollte Winter und bekam ihn · Teil 1: Schnee

Dieser Artikel ist Teil der vierteiligen Serie Ich wollte Winter.

„Ich wollte Winter und bekam ihn“
1: Schnee
2: Der Morgen
3: Skitour
4: Trendsport

Noch am Montag dieser Woche legen vielleicht gerade zehn Zentimeter alter Schnee in Skelleftehamn. Nun, das hat sich geändert! Am Dienstag vor vier Tagen fing es an zu schneien und hat seitdem nicht mehr aufgehört. Ein recht frischer Wind hat zudem zu einigen Schneeverwehungen geführt, so dass sich gar nicht genau sagen lässt, wie viel Schnee jetzt eigentlich liegt, in meinem Garten sind es jetzt vielleicht durchschnittlich 65 cm; an manchen Stellen etwas weniger, an manchen über ein Meter.

Im Wald lagen heute 50 – 100 cm. Direkt an der Küste war durch den stürmischen Wind der Boden an der einen Stelle fast schneefrei und direkt daneben türmte sich eine über drei Meter hohe Schneewehe auf.

Interessant ist, dass der Schneefall so lokal ist. In Bureå (10 km südlich) wurden gestern 80 – 85 cm gemessen, in Skellefteå (18 km westlich) lag schon wesentlich weniger, und in Boliden (45 km im Inland) nur 10 cm! Ich vermute, dass dieses Phänomen eine Art Lake Effect ist, der an den großen Seen zwischen Kanada und den USA für große Schneemengen sorgen kann. Aber ich bin kein Meteorologe und weiß es nicht.

Spannend ist, wie lange dieses Wetter noch anhält, von den Wetterdiensten wurde es nämlich eher ignoriert und erst gestern hat der SMHI eine Warnung der Stufe 1 „Snöbyar som tidvis kan vara kraftiga, främst vid norra Västerbottenskusten.“ herausgebracht.

Bevor ich mich vielleicht an Teil 2 mache, muss ich erst mal Schnee schippen …

Für die Zahlenliebhaber:

Mittwoch morgen etwa 20 cm
Donnerstag morgen etwa 30 cm
Freitag morgen etwa 50 cm
heute früh etwa 60 cm
morgen früh vermutlich 70 cm

Ich wollte Winter und bekam ihn · Teil 2: Der Morgen

Dieser Artikel ist Teil der vierteiligen Serie Ich wollte Winter.

„Ich wollte Winter und bekam ihn“
1: Schnee
2: Der Morgen
3: Skitour
4: Trendsport

Nachdem ich die ganze Woche Skelleftehamn nur im Dunkeln gesehen habe, wollte ich heute endlich das Haus (links im Bild) im Hellen Fotografieren und dann eine schöne Skitour machen. Allerdings habe ich Intelligenzbolzen die Skier in der Garage (rechts im Bild). Und vor der Garagentür sind meterhohe Schneewehen, die ich gelassen habe, weil das auf Fotos so schön aussieht. Also war erst einmal Schneeschaufeln angesagt und das sah so aus:

Nachdem ich dann meine Skier endlich hatte, musste ich nur noch den fertig gepackten Rucksack und die Kamera aus dem Haus holen, die Skier im Garten unterschnallen und losfahren.

Ich wollte Winter und bekam ihn · Teil 4: Trendsport

Dieser Artikel ist Teil der vierteiligen Serie Ich wollte Winter.

„Ich wollte Winter und bekam ihn“
1: Schnee
2: Der Morgen
3: Skitour
4: Trendsport

Heute möchte ich über einige neue Trendsportarten berichten, für die ich in dieser Saison ein großes Potential sehe. Auf der einen Seite dienen sie der Verbesserung von Kondition, Kraft und Beweglichkeit, auf der anderen Seite bieten diese durch die attraktive Bewegung in der Natur einen starken „Fun-Faktor“. Daher können sie sowohl die Volksgesundheit verbessern, als auch die Tourismus- und Kleidungsbranche stärken.

I. Tiefsnow stapfing

Diese Sportart kann man alleine und in der Gruppe ausüben. Sie stärkt die Kondition sowie Kraft und Beweglichkeit in Hüfte und Beinen. Je nach dem Niveau des Sportlers braucht man Schnee. Viel Schnee.

II. Power snowangeling

Hier haben wir es mit einem Sport zu tun, der als typischer Funsport ausgeübt werden kann. Es wäre aber auch denkbar, die Athleten in der Disziplin des Kunst-Snowangeling von unabhängigen Richtern mit A- und B-Note bewerten zu lassen.

Nachtrag vom 13.12. für Nachahmer: Bitte testet vorher aus, was sich unter dem Schnee verbirgt, wenn Ihr Euren Rücken nicht auf einen Felsen rammen wollt. Ich habe vorher mit einem Trekkingstock ein bisschen sondiert und an einer Stelle auch einen hübschen Felsen gefunden.

Da die Bilder nur bedingt aussagekräftig sind, präsentiere ich beide Sportarten in einem kleinen Video, welches das letzte Wochenende hier in Skelleftehamn entstanden ist:

III. Schneeräuming

Die dritte neue Trendsportart, das Schneeräuming, findet eher im urbanen Umfeld statt. Ihr fehlt allerdings noch ein gewisses Marketingkonzept, um sie der breiten Bevölkerung schmackhaft zu machen. Dabei wäre sie eine ideale Ergänzung zum Tiefsnow stapfing, da sie eher die oberen Körperbereiche wie Arm und Schulter anspricht. Sportler, die das Schneeräuming einmal probieren möchten, dürfen sich gerne bei mir in Skelleftehamn einfinden.

Wo ist Weihnachten?

Heute morgen sonnig, -16 °C. Gestern zwei cm Neuschnee bei ± 10 °C.

Es sind noch drei Wochen bis Weihnachten und während man in Deutschland der allgegenwärtigen Vorweihnachtsstimmung kaum entkommen kann, bekomme ich hier wenig davon mit, dass wir uns mitten in der Adventszeit befinden. Aber halt, ein paar Sachen gibt es doch:

1. Musik

In einigen Läden hört man Weihnachtslieder; bevorzugt amerikanische im Frank-Sinatra-Stil. Schwedische Lieder (und da gibt es viele) habe ich noch nicht gehört.

2. Süßes

Meine Eltern haben mir ein riesiges Paket geschickt. Mit Lebkuchen, Spekulatius, Zimtsternen, Pfeffernüssen und hausgemachten Keksen. Toll! Hier gibt es in den Supermärkten neben den im ganzen Jahr erhältlichen Pfefferkuchen als einziges weihnachtlich angehauchtes Süßes nur „Mäusespeck“ und Fruchtgummis in Form von Jultomte, Schneemann, Baum und Glocke. Die schmecken zwar ganz OK, das war‘s dann aber auch. Und über den Brauch, Schmierkäse aus der Tube auf die Pfefferkuchen zu streichen, schreibe ich hier mal lieber nichts …

3. Licht

Ich weiß nicht, ob es der dunkle Winter oder die Adventszeit mit sich bringt; in vielen Fenstern ist Licht. Als Kerzenpyramide, in Sternform oder Lichterkette (gerne auch mal in blau, rot oder bunt), viele Häuser sind beleuchtet und das gibt eine sehr schöne Atmosphäre, wenn es um drei Uhr nachmittags schon dunkel ist.

Björkskär,

Mininum in der Nacht -17.2 °C, tagsüber um -11 °C. Damit ähnlich wie die letzten Tage.

so heißt die kleine Insel, auf der ich heute bei meiner Skitagestour gelandet bin. Tagestour heißt, solange richtig Licht da ist, also so etwa von neun bis zwei.

Auf dem nahen See lässt sich jetzt hervorragend laufen. Dort bin ich auf eine andere Skispur gestoßen, der ich einige Zeit gefolgt bin. Sie führte durch Wald zu einem Bootsanleger an der Ostsee und von dort aus ufernah auf der Ostsee weiter. Irgendwann bog sie wieder in Richtung Land und durch dichtes Gestrüpp wieder in den Wald. Irgendwann stieß sie dann auf eine Straße, die wiederum zu einem anderen Bootsanleger an der Ostsee führte.

Hier überlege ich dann, ob ich zu der kleinen Insel, die keine 200 Meter entfernt war, laufen soll. Kleine Bäumchen als Markierung waren gesteckt, Fußspuren auch zu sehen und vor der Insel läuft ein Mann zu Fuß über das Eis und winkt mir zu. Das ist mir sicher genug und ich gleite mit meinen Ski über die schneebedeckte Eisschicht zur Insel, wo ich auf den Mann treffe, der gerade von seinem kleinen Spaziergang auf dem Eis zurückkommt. Nach drei Sätzen lädt er mich direkt zum Kaffee in seine Sommerstuga auf der Insel ein und ich nehme gerne an, auch wenn ich auf den Kaffee selber gut hätte verzichten können.

Zu recht ein wenig stolz zeigt mir der Schwede das Bootshaus mit Sauna, das in diesem Sommer gebaute Gästehäuschen, den snickarboden, zu deutsch Tischlerschuppen mit Kajak und Dusche und zum Schluss sein Sommerhäuschen, welches ich bei 50 Quadratmeter Grundfläche gar nicht mehr Häuschen nennen möchte. Wenn ich da an mein Einzimmerapartment in München zurückdenke, das war um einiges kleiner. Nach einem netten Gespräch, bei dem ich erfahren habe, dass die Insel Björksjär heißt und auch, dass mein Gastgeber mir zugewunken hat, weil er mich mit seinem Nachbarn verwechselt hat, habe ich mich bedankt und verabschiedet und bin mit den Skiern einmal um die ganze Insel gefahren. Sozusagen meine erste Inselumrundung mit Ski auf dem Meer. Das habe ich mich aber auch nur getraut, weil der Schwede wusste, dass das kein Problem ist. Danach bin ich relativ geradeaus wieder zurückgelaufen und war überraschend schnell wieder zu Hause. Im Winter kann man hier so schön über Meerbucht, See und Sumpf abkürzen; im Sommer hätte das länger gedauert.

Dadurch, dass die Sonne jetzt so tief steht, hat man den ganzen kurzen Tag ein wunderschönes Licht. Die Morgendämmerung geht quasi in die Abenddämmerung nahtlos über. In Sonnenrichtung leuchtet der Himmel warm orangegolden, während die ganze Gegenseite in zarte rosaviolette Pastelltöne getaucht ist. Die Fotos beispielsweise sind um elf und halb eins gemacht. Allerdings werfen die Bäume so lange Schatten, dass man direktes Sonnenlicht nur auf den Baumkronen oder weit draußen auf dem Meer hat. Oder eben in einer schicken Stuga auf der Insel Björkskär.

Fensterbilder

Maximum tagsüber gestern -16.3 °C, Maximum seit einer Woche: -8.7 °C. Jetzt (11:00) -15.8 °C

Heute arbeite ich zu Hause und – ich sehe das schon – werde abends einiges nachholen müssen. Denn das warme Licht ist dermaßen schön, dass ich die ganze Zeit nur heraus schaue. Ich habe einfach in jede Richtung Knips gemacht und die Fotos ohne große Nachbearbeitung hier eingefügt:

Nachtrag:

Jetzt hat die Sonne eine orangefarbene Lichtsäule und Eisstaub in der Luft bricht das Licht in Regenbogenfarben auf. Ich verschiebe jetzt das Arbeiten komplett auf heute Nachmittag und Abend und gehe raus. Toll, wenn man so flexibel arbeiten kann.

Happy Holidays · The Lodge

Heute schreibe ich mal – entgegen meinen Gewohnheiten – ein bisschen was Berufliches.

Unsere „Hello Future“-Weihnachtskarte ist fertig. Wir haben diese Woche echte Postkarten (sowas gibt‘s noch!) an die Kunden geschickt und dazu ein Video produziert, in dem erklärt wird, wie man diese Weihnachtskarte bedient und was man damit alles machen kann. Da hatte ich einiges mit zu tun, denn erst wurde ich letzte Woche gefilmt, dann habe ich abends die Hinter­grunds­musik „Happy Holidays“ eingespielt und dann noch am Sonntag Abend den englischen Text aufgesprochen. Ich kann das Video zwar nicht mehr sehen und hören, aber es haben mich einige von The Lodge heute darauf angesprochen, denen es wohl sehr gut gefallen hat. Ihr könnt es Euch unter http://www.hellofuture.se/jul anschauen.

Und was ist The Lodge? The Lodge ist auf der einen Seite ein Produktionsnetzwerk aus Unternehmen verschiedener Fachrichtungen. Die Unternehmen sind hauptsächlich im Bereich Werbung, Internet, Fotografie oder Filmproduktion angesiedelt. Auf der anderen Seite ist es auch eine Art Branchenverband, der diese Bereiche verbindet. Und Hello Future ist natürlich auch mit dabei.

Ich komme gerade vom Weihnachtsfest von The Lodge bei North Kingdom, einer Werbeagentur, die in Skellefteå und Stockholm sitzt, wieder. Wir haben uns alle um sechs getroffen und erst Julskinka (Weihnachtsschinken) und Gröt (Haferbrei mit Zimt und Milch) gegessen und danach den offiziellen Teil eröffnet, in dem jedes Unternehmen sehr ehrlich dargestellt hat, wie das Jahr gelaufen ist. Dann wurden aber auch einige Sachen besprochen, die nächstes Jahr geplant sind und 2011 recht spannend aussehen lassen. Um acht begann der inoffizielle Teil, den ich allerdings eine gute Stunde später schon verlassen habe, weil ich so müde war.

Das hängt zum einen damit zusammen, dass ich heute wieder viel Schwedisch gehört und gesprochen habe – da ist nach spätestens fünf Stunden meine Konzentration im Eimer. Zum anderen habe ich aber auch leider noch keinen richtigen Winterschlafrhythmus gefunden. Ich bin sehr früh müde – oft schon um halb neun, komme dann über den toten Punkt und gehe um halb zwölf ins Bett. (Da war es dann schon neun Stunden lang dunkel). Gegen vier wache ich auf und bin wach. Das ist alles nicht so ideal und ich werde auch dieses Wochenende wieder Schlaf nachholen.

Es ist natürlich schade, dass ich früh gehe und damit vielleicht einige Kontakte verpasse, aber seien wir ehrlich, ab dreißig Leuten waren mir solche Treffen in Deutschland auch nicht so mein Ding.

Und sonst …

… habe ich jetzt auch wieder Licht im Bad. Jetzt muss nur Kleinkrams an die Wände und das kann ich selber machen. Endlich ist nun mein kleines Bad im Erdgeschoss nach vier Monaten wieder benutzbar. Toll!

Und das Wetter? Vorgestern tagsüber waren es noch -15 °C, am Abend nur noch -3 °C und Schnee sollte kommen. Kam aber nicht. Gestern lagen die Temperaturen bei minus ein, zwei Grad und am Nachmittag fing es an zu schneien. Der Schneefall nahm dann immer weiter zu, genau so wie der Wind, der die halbe Nacht im Schornstein geheult hat und Schnee an das Schlaf­zimmer­fenster geworfen hat. Heute morgen lagen dann 15 – 20 cm Neuschnee. Aber wie soll man feststellen, wie viel es wirklich war, wenn auf der in Windrichtung gelegenen Straße nur 10 cm liegen, aber an der Leeseite des Hauses der noch am Vorabend geräumte Weg halbmeterhoch mit Pulverschnee bedeckt ist und die meisten Zäune und Hecken wieder fast verschwunden sind. Heute ist tagsüber nicht mehr viel heruntergekommen, aber im Garten liegen jetzt wieder etwa 60 cm Schnee. Temperatur 22:50: -6.6 °C.

Schnee schieben

skotta snö – Schnee schaufeln oder Schnee schieben, das hört man hier sehr häufig. Und wenn sich, wie jetzt zum zweiten Mal in diesem Winter, ein kleines Schneefallgebiet just über Skelleftehamn vor Anker geht, so ist auch einiges zu tun.

Stufe 1: Die normale Schneeschaufel

Wie in Deutschland hat auch jeder in Schweden eine Schneeschaufel. Ich habe es allerdings noch nicht erlebt, dass die jemand benutzt. Die Eingangsstufe für att skotta snö ist hier:

Stufe 2: Die „Snösläde“

(zu deutsch in etwa Schneeschlitten). Dieses Ding ist schon eine Ecke breiter und auf die große Lade passt auch viel mehr Schnee. Ich durfte einen Nachbarn heute bei der Anwendung fotografieren.

Eine Snösläde benutze ich auch, aber da ich kein Auto habe, habe ich auf dem Grundstück auch nicht so viel zu tun. Viele, die mehr zu räumen haben, gehen deswegen über zu:

Stufe 3: Die Schneefräse

Wenn der Benzinmotor erst angeworfen ist, fräst sie sich buchstäblich durch den Neuschnee und wirft den Schnee im hohen Bogen auf das Grundstück. Der Nachbar war heute damit zu Gange und auch ihn durfte ich fotografieren. Tack!

Allerdings gibt es auch manche, die einfach mehr zu räumen haben oder vielleicht auch nur Spaß daran haben, Fahrzeuge zu besitzen und die gehen über zu:

Stufe 4: das eigene Räumfahrzeug

Das kaufe ich mir dann später …

Der letzte „Herbsttag“

Geht es nach den Astronomen, dann ist heute am 21. Dezember der letzte Herbsttag, denn in der kommenden Nacht um 0:58 ist Wintersonnenwende und damit morgen astronomischer Winteranfang. Ich finde das ein bisschen lustig, denn der erste Schnee ist hier vor knapp zehn Wochen gefallen und die letzten 40 Tage hatten wir pausenlos Dauerfrost und Temperaturen bis -20 °C.

Während in Südschweden über 150 Jahre alte Tiefsttemperaturrekorde gebrochen wurden, ist es hier eher der Schnee, der dieses Jahr früh und viel kam.

Wir haben jetzt wieder eine ähnliche Situation wie vor vier Wochen. Vor fünf Tagen hat es angefangen zu schneien und seitdem sind fast pausenlos Flocken vom Himmel gefallen. Mal mehr, mal weniger; mal mit viel Wind, mal mit weniger. Ich habe ein hochwissenschaftliches Schneehöhenmessystem auf dem Grundstück installiert (Drei Zollstöcke stecken an unterschiedlichen Stellen im Schnee) und heute Abend lag die gemittelte Schneehöhe bei 107 cm (97 cm, 108cm, 116cm). Die 90 cm lange Metallstange, die ich vor dem Zollstockkauf zum Messen benutzt habe, habe ich heute morgen nicht mehr gefunden. Sie steckt noch irgendwo im Vorgarten.

Der Nachbar, der vorhin vorbei kam, kann sich nicht entsinnen, hier jemals soviel Schnee gesehen zu haben. Jetzt schneit es zwar mit mehr Pausen noch weiter, aber heute Abend hat der schwedische Wetterdienst zum ersten Mal seit sechs Tagen keine Wetterwarnung mehr für die Region herausgegeben. Aber wer weiß, was diesen Winter noch alles herunterkommt. Und ich frage mich langsam, wo der ganze Schnee bleiben soll.

Ich als extremer Schneefan versuche aber, meine Begeisterung nicht allzu offensichtlich zur Schau zu stellen¹, denn die meisten Schweden denken bei Schnee hauptsächlich an die zusätzliche Arbeit wie Schneeräumen oder die Probleme im Zug- und Flugverkehr. Ich hingegen sehe hauptsächlich tolle Motive (leider meist im Dunkeln) und viel Schnee für die nächste Ski- oder Schneeschuhtour. Und weiteren Schnee für Tiefsnow stapfing und Power snowangeling.

____
¹ Danke an Sonya für die schöne Formulierung.

Der „erste“ Wintertag

Heute war Wintersonnenwende, und damit der kürzeste Tag des Jahres. Für die Astronomen ist heute Winteranfang. Die Sonne ging um 9:42 auf, stand mittags gerade mal 2.1° über dem Horizont, um dann nach 3¾ Stunden Sonne um 13:27 wieder unterzugehen. Zum Glück ist die Dämmerung bei der flachen Sonnenbahn recht lang und verlängert die hellen Stunden, aber ich freue mich – so sehr ich Schnee und Kälte mag – dass die Tage wieder länger werden. Licht ist einfach etwas Tolles!

Vor einem halben Jahr hat mir Sonya die Idee gegeben, am längsten Tag mitten in der Nacht, wenn die Sonne am tiefsten steht, ein Foto zu machen. Da ich heute an meinem letzten Arbeitstag in diesem Jahr ohnehin nicht arg produktiv war, bin ich kurz vor dem Sonnenhöchststand um 11:35 zum Fluss gelaufen, um jetzt ein Foto am kürzesten Tag zu machen, wenn die Sonne am höchsten steht. Wenn man denn die Sonne sieht …

… aber ich hatte Glück: Nach dem tagelangen Schneefall ist heute die Sonne wieder herausgekommen und hat die Teile der Stadt, die sie erreichen konnte, in warmes Licht getaucht. Das meiste allerdings liegt im Schatten. Passend zu dem klaren Himmel ist die Temperatur in der Stadt von anfangs -17 °C auf -19.5 °C gesunken und jetzt zeigt das Alkoholthermometer -23 °C.

Wenn man einfach nur draußen ist, fühlen sich die Temperaturen gar nicht so kalt an, aber beim Schnee schippen habe ich schon durch die Nase geatmet, weil sich sonst die eiskalte Luft ziemlich unangenehm anfühlt. Ich frage mich, ob der Mann, der auf Dach des Nachbarhauses der Agentur Schnee geräumt hat, das auch so kalt fand, aber er macht das bestimmt öfter und kommt dabei nicht so ins Schwitzen wie ich.

Der Schnee auf meinem Grundstück ist übrigens schon gut 10 cm in sich zusammengesunken, der Meter ist also wieder unterschritten. Die nächsten Tage ist es wohl wieder sonniger und das sieht bestimmt toll aus nach dem vielen Neuschnee. Da morgen mein erster Urlaubstag ist, werde ich mir das mal genauer anschauen. Sonya, die gerade bei mir zu Gast ist, muss leider morgen noch einen Tag arbeiten.

Meine Reise von München nach Skelleftehamn, Teil I

Ein Gastbeitrag von Sonya.

Die Anreise

In Europa ist der Flugverkehr in den letzten Tagen aufgrund des unerwartet schneereichen Winters regelmäßig zusammengebrochen. Es kam zu Verspätungen und Flugausfällen. Meine Hauptsorge ist, ob ich mein Flugzeug nach Stockholm überhaupt noch rechtzeitig erreiche.

Es ist der 18. Dezember. Am Abend zuvor fand in der Agentur, in der ich arbeite, die Weihnachtsfeier statt. Die Nacht war entsprechend kurz. Hinzu kommt, dass ich immer auf den letzten Drücker packe. Bereits Tage vor Reisebeginn auf gepackten Koffern zu sitzen, entspricht nicht meinem Reiseverhalten. Immerhin nutze ich sonst eine sorgfältig durchdachte Packliste. Diese Liste fehlte diesmal und so kam es, dass ich viel zu viele Dinge eingepackt und trotzdem viel zu viele Dinge vergessen habe.

Eine Stunde vor Abflug komme ich am Flughafen an, mit etwa zwanzig Minuten Verspätung hebt das Flugzeug ab. Meine Reise von München nach Skelleftehamn beginnt.

In Stockholm besteht die größte Herausforderung darin, die Bushaltestelle der Linie 65 zu finden. Ich ärgere mich schon, dass ich unbedingt eine Nacht in der schwedischen Hauptstadt verbringen will und nicht gleich in den Nachtzug steigen kann. Meine Tasche ist schwer und dieser verdammte Bus 65 zu meinem Hostel ist nicht zu finden. Als ich ihn endlich finde, erklärt mir die Fahrerin, dass ich keine Fahrkarten im Bus kaufen könne. Grummel.

Als ich mein Nachtquartier sehe, ist jede Anstrengung der Anreise vergessen. Prächtig liegt die Chapman am Ufer der Insel Skeppsholmen. Ich beziehe meine Kajüte, durch das Bullauge blicke ich auf einen riesigen Weihnachtsbaum und Gamla Stan, die Altstadt von Stockholm.

Die nächsten Stunden laufe ich kreuz und quer durch Gamla Stan und treffe Freunde aus München, die ebenfalls gerade in Stockholm sind, zum Essen. Später sitze ich in meiner Kajüte und skype mit Olaf. Über die Webcam zeige ich ihm den Blick aus dem Bullauge. Internet ist fantastisch.

Den Sonntag spaziere ich durch das verschneite und vorweihnachtliche Stockholm, trinke einen Glögg, mache Fotos. Ich bin sehr froh über den Winterparka und die Stiefel, die ich mir kurz vor meiner Reise gekauft habe, denn trotz Minusgraden und eisigem Wind ist mir mollig warm.

Am Abend verlässt mit eineinhalb Stunden Verspätung der Nachtzug Stockholm in Richtung Norden. Sanft ruckel ich im Schlaf durch Schweden. Ich fahre gerne mit dem Zug. Am nächsten Morgen hat der Zug schon zweieinhalb Stunden Verspätung, doch das ist nicht schlimm. In Bastuträsk wartet ein neuer Bus, der mich nach Skellefteå bringt. Um die Mittagszeit habe ich mein erstes Etappenziel erreicht. Olaf holt mich von der Bushaltestelle ab. Gemeinsam laufen wir durch die Köpmansgatan zum Haus 10 Merchant Street, wo in den kommenden Tagen auch mein Arbeitsplatz sein wird.

Die Arbeitswoche

Mit Laptop und Internetzugang kann ich im Prinzip von jedem Ort arbeiten, also auch von Schweden aus. In den Räumen von Hello Future in der 10 Merchant Street richte ich mein Heimbüro (englisch: Home Office, schwedisch: Hemmakontor) ein.

Ich finde es schön, dass ich auch einen Einblick in Olafs Arbeitsleben in Schweden erhalte und seine Kollegen treffe, von denen er mir schon oft erzählt hat und die ich bereits von kleinen Buddy-Icons auf Twitter kenne. Internet hin oder her, die Menschen und Räume mit eigenen Augen zu sehen, ist doch nochmal etwas anderes.

Die Mittagspause ist der einzige Zeitpunkt, bei Tageslicht draußen zu sein, wenn auch nur sehr kurz auf dem Weg zu einem der Restaurants. Dort gibt es den Dagens Lunch, ein Mittagsbuffet mit Salaten und ein bis zwei Hauptgerichten sowie Wasser und Kaffee. Für 75 bis 90 Kronen ein vergleichsweise preiswertes Mittagessen.

Nachmittags klingt der Ruf „Fika“ durch die Räume, Kaffeepause. Wir sitzen alle zusammen in der kleinen Sitzecke und reden über berufliches (Internetzeugs) und privates. An meinem letzten Tag bei Hello Future bringe ich eine Linzertorte mit, die es bei meiner Familie traditionell zur Weihnachtszeit gibt. Um die schwedisch-münchnerische Verbindung herzustellen, zieren drei Elche und die Münchner Frauenkirche den Kuchen, der auch im Fotoblog der 10 Merchant Street verewigt wird.

Am 23.12. hat Olaf bereits Urlaub und ich baue meinen Rechner in seinem Haus vor dem Fenster auf. Es ist der erste Tag, an dem ich richtig mitbekomme, wie es gegen halb zehn hell und gegen 14 Uhr wieder dunkel wird. Ich muss zugeben, dass mich der kurze Tag durcheinander bringt. Ich fühle mich unglaublich müde und gähne mich durch meinen letzten Arbeitstag für dieses Jahr. Am Abend heißt es dann endlich: Feierabend und Weihnachtsferien.

Acht Freunde

Und plötzlich ist es wieder ruhig im Haus. Ich hatte am 30. Juni letzten Jahres unter dem Motto „6 Monate noch …“ neun Freunde aus Deutschland eingeladen und sieben waren tatsächlich über den Jahreswechsel bei mir zu Besuch. Zwei sind gestern schon abgereist, vier sitzen jetzt im Nachtzug nach Stockholm, Sonya ist noch für ein paar Tage da.

Für mich ist es Reichtum, ein Haus zu besitzen, in dem man ohne Probleme sieben Menschen unterbringen kann. Und es ist ein großes Glücksgefühl, wenn das Haus dann wirklich voller Freunde ist. Tatsächlich ist mein Haus so groß, dass keiner im Wohnzimmer schlafen musste und jeder sich mal zum Lesen, Schlafen oder Computern zurückziehen konnte.

Ich könnte vermutlich drei Blogartikel alleine über die kulinarischen Höhepunkte der letzten Tage schreiben. Eine große Küche, Freunde die gerne – und hervorragend – kochen und mein Appetit passen einfach toll zusammen! Es gab Lussekatter, Pilzrisotto, Eis mit warmen Moltebeeren, Elchbraten zu Silvester, Couscous mit Huhn und Tahina, Blaubeerpie und Kanelbullar, um hier nur eine Auswahl der letzten Tage zu nennen. Ich werde mich die nächsten Wochen definitiv nicht auf die Waage stellen.

In der Neujahrsnacht haben wir zu acht in meinen Outdoorpool, den ich alleine eigentlich nie benutze, gesessen, uns über die wechselnden Farben amüsiert und über den Whirlpool gefreut. Acht Deutsche mit Mütze im Pool bei Schneefall gaben bestimmt ein lustiges Bild ab und vermutlich weiß halb Skelleftehamn davon. Eine Freundin hat beim im Schnee rollen einen weißen Badelatschen verloren, den ich vor April nicht suchen muss, denn hier liegen immer noch gut 70 Zentimeter Schnee und ein wenig Neuschnee kommt auch gerade dazu.

Das könnte jetzt so klingen, als seien wir nur zu Hause gewesen. Aber natürlich haben wir auch schöne Touren hier in der Umgebung gedreht, sind gemeinsam zu Fuß zur Insel Storgrundet gelaufen, mit Schneeschuhen durch den Wald gestapft oder haben einen Spaziergang durch Skelleftehamn gemacht. Bei fünf Spiegelreflexkameras auf acht Personen gab es so manche Fotopause mit lustigen fotografischen Verrenkungen. (Das kann ich aber auch ganz gut …)

Am letzten gemeinsamen Tag sind wir zum Snesviken, dem nah gelegenen See gelaufen und haben auf der Eisfläche Kubb gespielt. Erst haben wir mit den mitgebrachten Schneeschiebern den Schnee geräumt und dann vier lange Runden gespielt, ehe einige kalte Zehen bekommen haben und wir wieder nach Hause gelaufen sind.

Leer wird das Haus sein, wenn am Freitag auch Sonya wieder nach München zurückkehrt und meine Freunde wieder zwei-, zweiein­halb­tausend Kilometer entfernt sind. Ich bin ein bisschen traurig darüber, freue mich aber auch über die gemeinsame Zeit und die schönen Erlebnisse, die wir hier miteinander teilen konnten.

Liebe Freunde: Vielen Dank für die schöne Zeit, die wir hier hatten. Liebe Freunde, die ihr nicht kommen konntet: Ja, Ihr habt gefehlt.

Luleå

In Luleå -25 °C um 10:00 und -22 °C um 16:00. In Skelleftehamn am Abend -18 °C.

Einer meiner „Vorsätze“ für 2011 war, mehr zu reisen und mehr von Nordschweden zu sehen. Das haben Sonya und ich vorgestern gleich zum Anlass genommen, mit dem Bus nach Luleå zu fahren.

Dazu mussten wir leider um sechs aufstehen, um nach drei Stunden Busfahrt nicht zu spät in Luleå anzukommen. Schon im Doppeldeckerbus konnte man erahnen, dass der Tag kalt werden würde. Wir saßen ab Byske vorne oben und hatten damit eigentlich die idealen Sightseeingplätze. Aber im gleichen Maße, wie es draußen heller wurde, wuchsen innen Eisblumen auf der Windschutzscheibe und so konnte man bald nur noch durch das Seitenfenster schauen.

Luleå empfing uns mit ziemlich ungemütlichen Wetter: Es war den ganzen Tag trübe, Schneestaub fiel vom Himmel und mit Temperaturen zwischen -25 und -22 °C konnte man den Tag auch nicht als übermäßig warm bezeichnen. Gut, dass wir warme Klamotten dabei hatten. (Ein Dank an Eddie Bauer für Ihren Superior Polar Parka, den ich vor Jahren günstig bei Ebay ersteigern konnte.)

Zum Anfang haben wir uns die Innenstadt angeschaut. Luleå liegt direkt an der Ostsee und überall hat man Blick auf die großen Eisflächen. Da ich aber die Ostsee selber vor der Tür habe, sind die beiden großen Outdoorläden viel interessanter (und gefährlicher) für mich. Mittags haben wir im ZAN eine ausgezeichnete Lasagne gegessen. Schade, dass der Dom geschlossen war.

Danach haben wir den Bus zur Gammelstad, dem alten Stadtzentrum Luleås genommen. Während dort draußen kein Mensch zu sehen war, standen in der alten Kirche die ersten Gäste einer Hochzeit. Wir wurden von der Mutter der Braut gleich eingeladen, Platz zu nehmen und Ihrer schwedischen Hochzeit beizuwohnen, aber wir wollten uns Gammelstad noch genauer anzuschauen, bevor es richtig dunkel wurde. Die vielen schneebedeckten alten Häuser, die Kirche und das Freiluftmuseum geben wunderschöne Fotomotive ab, aber ohne Stativ war die Ausbeute bei dem vorherrschenden diesig-dämmrigen Licht eher mager.

Da in der alten Stadt kein Café offen hatte und in Luleå die Cafés schon um vier schlossen, haben wir um halb fünf den Bus wieder zurück nach Skellefteå und dann nach Skelleftehamn genommen.

Luleå werde ich mir auf jeden Fall diesen Winter noch einmal anschauen. Bei besserem Wetter und mit Fotostativ. Und einer Einkaufsliste für die Outdoorgeschäfte …

Wieder allein

Immer wärmer, Maximum heute bei -3.5 °C, jetzt -4 °C. Seit gestern starke Schneeschauer und etwa 10 cm Neuschnee.

Heute ist mit Sonya der letzte Besuch aus Deutschland abgereist und ich muss mich erst einmal wieder daran gewöhnen, alleine zu sein. Das Haus kommt mir plötzlich so riesig vor. Vor ein paar Tagen waren wir noch zu acht und jetzt gehört der ganze Platz wieder mir alleine und ich frage mich, wie ich ihn nutzen soll.

Aber die Antwort ist ja ganz einfach: Um jederzeit wieder Gäste beherbergen zu können!

Das Bild zeigt nicht mein leeres Haus, sondern die Ostsee, wie sie heute bei starkem Schneefall aussah. Sonya und ich haben eine letzte gemeinsame Schneeschuhtour zu Björkskär, einer ufernahen Insel gemacht. Da wir immer in Ufernähe waren, habe ich den Kompass nicht gebraucht. Aber war ich bei diesem Wetter froh, ihn dabei zu haben.

Schon schade, dass der Himmel die letzten Wochen oft eher trübe war. Die Landschaft sieht bei Sonne einfach schöner aus und man hätte auch vermutlich einige Male Polarlicht sehen können. Hoffentlich klappt‘s nächstes Mal …

Ein herrlicher Wintertag

So mag ich das. Am Freitag klart es auf und es wird kälter. Der Samstag präsentiert sich dann in herrlichster Winterlaune: Das Thermometer zeigt -24 °C ¹, es ist windstill und über Skelleftehamn spannt sich ein klarer, blauer Winterhimmel. Um zehn vor neun sind meine üblichen Dinge im Rucksack verstaut und ich breche auf. Im und am Rucksack befinden sich neben Kleinkrams:

  • Mein Fotoapparat. Ersatzakkus sind in der Hosentasche
  • Erste Hilfe und Biwaksack. Zum Nichtbenutzen
  • Tee aus frischem Ingwer und Proviant
  • Ein Fotostativ
  • Meine Isdubbar
  • Heute mal ein GPS zum Weg mittracken
  • Karte und Kompaß. Benutze ich aber fast nie
  • Ersatzhandschuhe und -socken
  • Ein kleines Thermometer
  • Eine warme Daunenjacke (heute nicht gebraucht)

Im Wald sitzt ein Baum voller runder Vögel. Ich könnte ein Foto machen. Aber zum einen habe ich kein Tele dabei, zum anderen zieht es mich auf die Ostsee. Also laufe ich weiter und die Vögel fliegen auf. Bald bin ich schon am Ostseeufer und laufe quer über das Eis zur Insel Klubben, von da aus weiter nach Flottgrundet, ein bisschen weiter nach Gråsidan, dort nach einer kleinen Teepause am gesamten Nordostufer entlang und dann wieder auf dem Rückweg nach Bredskär.

Wie immer begeistert mich das Licht auf der Ostsee und die schneebedeckten Flächen, in die der Wind verschiedene Strukturen und Texturen hinein geblasen hat. Dieses Mal komme ich aber auch in Gebiete, wo die Inseln von bis zu zwei Meter hohen Eisformationen umgeben sind. An manchen Stellen haben sich kleine Tropfsteinhöhlen gebildet. Ich komme mir vor wie einer Ausstellung mit sorgfältig von der Natur geformten Skulpturen. Am Ufer von Gråsidan hat man Blick auf das zusammengefrorene Packeis und später auf weitere Eisformationen. Es erfordert einiges an Disziplin, nicht jede einzelne Skulptur, jeden Eiszapfen und jeden Felsen fotografisch zu kartografieren, sondern sich in der Motivanzahl zu beschränken. Nachdem ich zu Hause aber gerade fast 30 Gigabyte überflüssiger Fotos auf dem Rechner gelöscht habe, gelingt mir das recht gut. Zumal ich weiß, dass mir manche Motive auch nicht wegrennen.

Auf Bredskär passiert es dann! Ich sehe einen anderen Skiläufer! Und ich dachte schon, dass ich der einzige bin, der bei jedem Wetter in der Natur unterwegs ist. Wir sind wohl beide neugierig und steuern aufeinander zu. Ich treffe auf einen Lehrer, der weiter draußen auf der See Blankeis suchen möchte, damit er dort Schlittschuh laufen kann. Nach fünf Minuten Gespräch lädt er mich schon im Sommer zu einer gemeinsamen Kajaktour ein, er hat zwei Seekayaks. Wir laufen dann gemeinsam einen guten Kilometer auf das offene Meer hinaus und man sieht nur Eis, Eis, Eis. Blankes Eis finden wir allerdings nicht und wir kehren um. Ich habe echte Mühe, Schritt zu halten, denn der Lehrer hat eine extrem gute Kondition, ist ziemlich schnell in diesem Gelände und benutzt dabei noch nicht einmal die Stöcke. Wie macht der das?

Bei einer Kaffeeeinlandung in sein Haus wird es mir klarer: Zum einen ist das Haus voller Sportgeräte und Outdoorausrüstung, zum anderen erzählt er von den vielen Touren, die er schon gemacht hat. Ich komme mir ziemlich unsportlich vor, freue mich aber riesig, dass es hier Gleichgesinnte gibt und dass man sie auch trifft. Und vielleicht ergibt sich ja wirklich mal etwas. Ich bin mir nämlich nicht immer so sicher, wie schnell man Einladungen zu einer eventuellen Kajaktour hier in Nordschweden auch annehmen darf.

Zu Hause ziehe ich mir erst einmal trockene Sachen an und hänge den Rest der Kleidung zum Trocknen auf. Heute hatte ich an:

  • Woll-Funktionsunterwäsche von Aklima. Genial! Das Oberteil hat eine Sturmhaube als Kapuze
  • Pullover aus Powerstretch-Fleece. Anfangs zu warm, später war ich froh, ihn anzuhaben
  • Dünne winddichte Mikrofaserjacke mit Kapuze und Fellrand. Hat man die Kapuze auf, vereist sie. Sonst vereisen Haare, Nase und Wimpern
  • Ein Schlauchschal (Buff) vor dem Mund
  • Zweilagige Fingerhandschuhe. Heute gerade noch warm genug. Nächstes Mal Fäustlinge
  • Eine x-beliebige Skihose
  • Warme Socken
  • Zur Skibindung passende Lederstiefel. Die sind leider nicht sehr warm und der schwächste Ausrüstungsgegenstand

Als ich dann um sechs einkaufen wollte, waren draußen immer noch -24 °C. Ich hatte aber eigentlich mehr Lust auf gemütliche Wärme und habe deshalb zum ersten Mal hier meine Canada Goose Daunenhose und den passenden antarktistauglichen Daunenparka dazu getragen. Das ist so, als ob man sein eigenes Heizkraftwerk mit sich herumträgt und man sollte keine großen Strecken laufen, weil es einem sonst zu warm wird. Egal bei welcher Temperatur! Jetzt sitze ich aber wieder schön im Warmen; das hat doch auch was!

¹ Wer meint, das sei kalt: Bei einem Freund, der 50 km landeinwärts wohnt, waren es heute -34 °C. Wem immer noch kalt ist: In der letzten Stunde ist die Temperatur hier um 5 Grad angestiegen. Morgen Nachmittag sollen es nur noch -6 °C sein und es soll 10-20 cm Neuschnee geben. Mal schaun …

Alltagsbeobachtungen

Einen Teil dieses Artikels habe ich letztes Jahr im Oktober geschrieben. Es wird Zeit, dass ich ihn mal online stelle.

ICA, der Lebensmittelladen in Skelleftehamn hat auch am Sonntag geöffnet. An der Kasse häuft man seine Lebensmittel nicht möglichst platzsparend aufs Band, sondern legt alles hintereinander in eine Schlange.

Bargeld kommt hier viel weniger zum Einsatz als in Deutschland. Auch kleine Beträge unter 100 Kronen werden im Restaurant, im Bus oder im Lebensmittelladen überwiegend mit Karte bezahlt.

In vielen schwedischen Häusern gibt es noch gemusterte Tapeten. Vom altmodischen Blümchen­muster bis zum 70er-Jahre-Dekor ist alles dabei. Auch wenn ich nicht jede einzelne Tapete wirklich schön finde, abwechslungsreicher als die in Deutschland allgegenwärtige Rauhfasertapete ist es in jedem Fall.

Busfahrkarten aus Papier sind unbekannt. Stattdessen bekommt man eine computerlesbare Karte, die man mit zehn Fahrten oder einer Monatskarte auflädt. Und die hält man nur kurz ans Lesegerät vorne beim Busfahrer.

Ein Taxi braucht man schon manchmal, wenn man kein eigenes Auto hat. Wenn man hier telefonisch ein Taxi bestellt, kommt es. Oder auch nicht …

Briefumschläge sind hier so dimensioniert, dass man A4 nur einmal knicken muss. Die Origamikünste, Briefe in einen DIN-Lang-Umschlag zu bekommen, sind hier nicht vonnöten.

Bordsteine sind meistens abgeschrägt, so dass man eigentlich überall mit dem Fahrrad hochfahren kann, ohne sich gleich eine Delle in die Radfelge zu hauen.

Als ich jetzt im Januar den letzten Absatz lese, muss ich ein bisschen lachen. Zur Zeit sind nämlich alle Bordsteine unter dem Schnee verschwunden, auch auf den geräumten Straßen. Und viel Fahrrad fahren tue ich zur Zeit auch nicht gerade.

Vårvinter

Vårvinter heißt auf deutsch Frühlingswinter. Und obwohl der Frühling noch weit weg ist, hatte der heutige Sonntag schon einen „frühlingswintrigen“ Charakter.

Die Wärme der letzten beiden Tage und der lebhafte Wind, der die letzte Nacht im Schornstein heulte, haben alle Bäume vom Schnee befreit. Da neben einigen kahlen Birken hier hauptsächlich Nadelbäume wachsen, wirkte der Wald lichter und grüner als sonst. Dort konnte ich bei Temperaturen um -5 °C auch ohne Mütze und Handschuhe laufen, bloß auf der Ostsee waren die Sachen doch sehr angenehm, da es doch immer ein bisschen windig ist.

Eigentlich wollte ich heute hinter den Inseln weiter auf das Meer hinauslaufen, aber zum einen war am Horizont ein breiter dunkelblauer Streifen zu sehen – offenes Wasser?, zum anderen war meine linke Wade vom Badmintonspiel am Mittwoch immer noch leicht beleidigt und wollte an einer längeren Tour nicht teilhaben. So bin ich nur ein bisschen um ein paar Inseln gelaufen und habe mich über das Licht und über hohen Eiswände vor den Inseln gefreut. Aber erst zu Hause ist mir beim Betrachten der Fotos bewusst geworden, wie hoch sich das Eis an manchen Stellen so aufgetürmt hat.

Einige Stunden später zu Hause: Was ist das? Ist da jemand im Schnee verschüttet? Muss jemand ausgebuddelt werden? Habe ich es beim Tiefsnow stapfing übertrieben?

Nein, ich kann beruhigen: Ich habe heute das Dach vom Wintergarten so weit es ging vom Schnee befreit. Ich habe mir vom Nachbarn eine Leiter geborgt und sie ringsherum angelehnt. Die ersten beiden Schritte haben nicht mich hoch befördert, sondern die Leiter in den tiefen Schnee gedrückt. Dann konnte ich hochklettern und mit dem Schneeschieber von der Leiter aus den meisten Schnee vom Dach wegräumen. Und das war doch eine Menge. Hm, mal ausrechnen: ca. 3 Meter × ca. 6 Meter × ca. 40 Zentimeter sind ca. 7 Kubikmeter. Bei einer angenommenen Dichte von 200 Kilo pro Kubikmeter sind das also knapp anderthalb Tonnen, von denen jetzt bestimmt eine Tonne um den Wintergarten herum liegt. Kein Wunder, dass ich ins Schwitzen geraten bin und die Jacke irgendwann in den Schnee geworfen habe. Ja, und da hat sie dann doch noch einigen Schnee vom Dach abbekommen. Also: Keiner verschüttet, alles ist gut! Und auch dem Kunststoffdach des Wintergartens tut es bestimmt gut, einen Großteil seiner Last losgeworden zu sein.

Outdoorpool

Heute morgen -9.3 °C, jetzt -21.3 °C und weiterhin abnehmend.

Eigentlich wollte ich meinen Outdoorpool ja verkaufen, denn was der an Energie frisst, um das Wasser auch im Winter konstant auf 39 Grad zu heizen, da reden wir lieber nicht drüber.

Aber so lange ich ihn noch nicht verkauft habe, kann ich ihn ja auch nutzen, denn das macht doch mehr Spaß, als ich ursprünglich gedacht habe.

Auch heute habe ich den Pool aufgeklappt, mich drinnen von Wohnungskleidung auf Badehose umgezogen und bin barfuß durch den kalten Schnee zum Pool gelaufen. Dann schnell rein, ehe die Füße abfrieren. Herrlich! Entgegen der Wettervorhersage war der Himmel klar und ich konnte vom Pool aus die Wintersternbilder betrachten. Orion stand im Süden und der Löwe war auch schon aufgegangen. Allerdings dampfte der Pool ganz schön, denn heute war erstmalig die Temperaturdifferenz 60 Grad: -21 °C Luft, +39 °C Wasser.

Das Licht benutze ich nicht, das ist mir alleine zu dämlich, aber die Massagedüsen sind toll. Und wenn einem zu warm ist, dann liegt ja massig Schnee in Reichweite. Der Kopf bleibt dank meiner 99-Kronen-Polyesterfellmütze mit Ohrenklappen schön warm und sowohl das Gefühl im Pool als auch das danach ist immer herrlich.

Vor dem Gefühl danach kommt aber noch meine kleine Übung: Nass und barfuß den Pool wieder abdecken. Heute wollte die Abdeckung nicht richtig und meine Füße waren dann so kalt, als ich wieder im Haus war, dass ich sie erst einmal wieder unter heißes Wasser halten musste.

Skelleftehamn

Höchsttemperatur heute -16.0 °C, jetzt um zehn vor sechs -21.4 °C. Herrlicher blauer Himmel.

Ja, eigentlich wollte ich heute mit einer Bekannten nach Bygdsiljum fahren und seit Jahren mal wieder Abfahrt skilaufen. Aber ich bin ein bisschen erkältet und die Bekannte war auch nicht böse, denn es ist ganz schön frisch draußen. Statt dessen habe ich mich mittags auf‘s Rad gesetzt und einfach mal ein paar Tourifotos in Skelleftehamn gemacht. War mal an der Zeit.

Musikhochschule Piteå

heiter bis trüb und kalt: Zwischen -20 °C und -25 °C, auf der E4 bis -29 °C.

Heute habe ich nach einer sehr frühen Fahrstunde (Einparken!) nur bis mittags gearbeitet. Dann bin ich mit Annica nach Piteå zum Acusticum gefahren. Im Acusticum befindet sich neben verschiedenen Unternehmen vor allem die Musikhögskolan Piteå, eine der sechs schwedischen Musikhochschulen. Annica hat mich schon vor zwei Wochen mit einer Künstleragentur in Skellefteå bekannt gemacht und heute einigen Leuten der Musikhochschule vorgestellt. So habe ich den Dozenten für Jazzklavier kennengelernt und der Leiter des Tonstudiobereichs hat mich herumgeführt.

Ich habe mein Diplom als Jazzpianist 1996 gemacht, das ist also schon ein bisschen her. Und es war schon seltsam, wieder durch Gänge zu laufen, wo jeder Dritte einem mit Instrumentenkoffer entgegen kommt und sich die Klänge von Orgel, Klavier und Klarinette aus den verschiedenen Räumen zu einem Klangteppich vermischen, der an jeder Hochschule irgendwie gleich klingt.

Für mich interessant: Es gibt jeden Freitag Mittag eine Jazzsession. Das ist natürlich die Gelegenheit, andere Jazzmusiker kennen zu lernen, um ein paar Kontakte in der Region zu bekommen. Ich werde also sehen, dass ich – wenn die Projekte es zulassen – ab und zu mal die Arbeit auf Samstag verschiebe, um am Freitag bei der Session dabei zu sein. Von Skellefteå nach Piteå sind es „acht Meilen“, also achtzig Kilometer, das ist hier in der Region nicht so weit.

Vielen Dank an Annica, die mir einfach den Vorschlag gemacht hat, dort ein paar Leute zu treffen und alles organisiert hat. Toll!

Zum Abschluss noch ein paar Bilder vom Zentrum. Piteå scheint recht schön zu sein. Ich werde wohl immer mal wieder die Gelegenheit haben, mir die Stadt ein bisschen näher anzuschauen …