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Nordwärts

Vom Leben in Skelleftehamn

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Nebelbänke

Als ich heute mit dem Auto den „Näsuddsvägen“ langgefahren bin, habe ich mich gewundert. Blauer Himmel und Sonne, aber wo ist denn die Insel Gåsören mit ihrem markanten kleinen Leuchtturm geblieben? Ach dort hinten, fast im Nebel verschwunden.

Fünf Minuten später war ich an der Lotsenstation und habe den kleinen Seenebelbänken zugeschaut, die fast wie große Geisterquallen über der Ostsee entlang trieben.

Kleine Nebelbank auf der Ostsee

Ich habe zwar vor vielen Jahren auf Sylt einmal Seenebel erlebt und gestaunt, wie schnell der kam und wie dicht der sein kann, doch heute war der Nebel viel lokaler und manchmal sah man einen Teil der Inseln klar und deutlich, manchmal waren sie komplett verschwunden. Und manchmal war der Nebel dicht, aber so flach, dass die Bäume und der Leuchtturm der Insel Gåsören oben heraus schauten.

Gåsören im flachen Nebel

Bestimmt eine Stunde habe ich mir die Sonne auf den Rücken scheinen lassen und die Inseln verschwinden und wieder auftauchen sehen. Wie gut, dachte ich, dass ich am Kajak immer einen Kompass dabei habe, auch wenn ich ihn bis jetzt noch nie ernsthaft gebraucht habe.

Heute Abend bin ich hingegen faul und schaue DVD, nur für diesen Blogartikel unterbrochen. Eigentlich sollte ich jetzt lieber mit dem Kajak draußen sein, dachte ich gerade, doch höre es keine Minute später draußen Grollen. Ein Gewitter? Sehr schön, dann darf ich auch faul zu Hause sein und DVD schauen.

Noch zwei Fotos von vorhin:

Gåsören bei klarer Sicht

Gåsören wenig später im Nebel verschwindend

Schwedischer Nationaltag

Gestern war der 6. Juni, das ist der schwedische Nationalfeiertag. Im Gegensatz zum 17. Mai in Norwegen wird der aber eher ruhig angegangen. Natürlich ist hier und dort eine Flagge gehisst, aber das war es dann auch schon. Glaube ich zumindest.

Gestern war ich mit dem Auto unterwegs und der kurvige Kiesweg, den ich von Kåge aus genommen habe, hat mich schon halb nach Kusfors geführt, wo Lasse und Martine leben. Die waren aber nicht zu Hause, sondern in Norsjö, um dort für das Dorf Kusfors den Preis „Årets by“ – Dorf des Jahres – der Kommune entgegenzunehmen. Ich bin deswegen über kleine Nebenwege (Åliden – Stöverfors – Krångfors – Finnfors – Bastuträsk) nach Norsjö gefahren, um mich dort mit meinen Freunden zu treffen und bin mitten in die Nationaltagsfeier geplumpst.

Dies hätte fast ein x-beliebiges Sommerfest sein können, mit Hüpfburg, Rede, Fika für alle (die kalten Getränke waren eine willkommene Erfrischung bei 27 °C) und Preisverleihung. Einige liefen tatsächlich in Tracht umher, aber das waren vermutlich die Mitglieder der Volkstanztruppe, deren Aufführung ich verpasst habe. Doch zwei Dinge waren schon ein bisschen nationalfeierig. Zum einen wurde die Nationalhymne gesungen. Das habe ich in Schweden noch nie erlebt. Aber weil ein Sänger am Mikrophon laut vorsang, hatte ich den Eindruck, dass die Schweden eher ein bisschen mitmurmelten, anstatt inbrünstig mitzuschmettern. Und dann die Flaggen: Die große Flagge war gehisst, an den alten Häusern wehten die Flaggen und auch die Tortenstückchen waren mit kleinen Schwedenflaggen geschmückt. Das sieht schön aus, denn die blau-gelben Flaggen fügen schöne, bunte Farbtupfer zu den frühlingsgrünen Birken und den roten Holzhäusern hinzu.

Fika: Kaffe und KuchenDie schwedische Flagge ist gehisst

Die Schweden sind angenehm integrierend, was den Nationaltag angeht: Nicht nur Volkstänze sind gezeigt worden, sondern auch Tänze aus Afrika (habe ich ebenfalls verpasst) – immerhin leben in Norsjö auch viel Zugezogene aus vielen verschiedenen Ländern. Und an der Hauptstraße hingen nicht nur schwedische, sondern auch dänische, norwegische und finnische Flaggen.


Anschließend haben wir noch Freunde von Lasse und Martine besucht und uns anschließend ein altes Gehöft angeschaut, welches seit 30 Jahren unbewohnt ist. Eine Traumlage direkt am Fluss, aber wer diese Häuser wieder komfortabel bewohnbar machen möchte, hat viel Arbeit vor sich. Für mich, der sich zum einen in Skelleftehamn sehr wohl fühlt und zum anderen kaum einen Nagel gerade einschlagen kann, wäre das nichts.

Verlassenes Haus …… auf großem Grundstück direkt am Fluss

Bis spätabends saßen wir dann noch draußen in Kusfors, bis wir irgendwann vor den Mücken nach drinnen geflohen sind, denn jetzt geht es langsam los mit dem Gesirre und Gepiekse diese kleinen Plagegeister.

Sommerpaddeln

Wie soll ich es bitte schön schaffen, noch drei Wochen zu arbeiten, wenn sich alles jetzt schon so schön sommerig anfühlt. Wenn die Schweden nur noch Bilder von Booten und Sommerhäusern posten und sich die Gesprächsthemen nur noch um das schöne Wetter oder eventuelle Urlaubspläne drehen.

Aber – es hilft nichts, drei Wochen muss ich noch durchhalten, ehe Hello Future in die Sommerpause geht und ich vier Wochen frei habe. Heute hatte ich schon einen kleinen Vorgeschmack: Eine kleine Paddeltour. Aber nicht wie vor zehn Tagen mit Handschuhen, Mütze und Trockenanzug, sondern barfuß und mit T-Shirt (und Schwimmweste). Was für ein herrlicher Kontrast. Ein bisschen vor mich hinträumend paddelte ich gemütlich vorwärts oder ließ mich treiben. Es ist absolut unvorstellbar, dass hier im Winter alles dick zugefroren ist. Überhaupt – Winter, was ist das? Doch nicht hier? In Sommerschweden?

Als ich nach der Tour wieder an Land wollte, musste ich aufpassen, dass ich keinen mit meinem Kajak überfahre, denn zwei Familien badeten im Wasser. Wenige Minuten später planschte auch ich in Badehose im kühlen Wasser der Ostsee. Mein erstes Sommerbaden – herrlich!

Quellwolken über dem LandUnter- und Überwasser

Sommerdämmerung

Nennt man das nun eigentlich Abend- oder Morgendämmerung, wenn es ohnehin nicht dunkel wird? Ich entscheide mich für Sommerdämmerung, das klingt am nettesten.

Heute Abend habe ich trotz Müdigkeit keinen Weg ins Bett gefunden und als es um ein Uhr nachts draußen so schön aussah, habe ich mich noch einmal ins Auto gesetzt und bin an den Ostsee-Bootshafen Tjuvkistan gefahren. Dort habe ich lange gestanden und mich an den schönen Dämmerungsfarben erfreut.

Sommerdämmerung

Die Sonne, die um zehn vor zwei aufging, hat sich allerdings hinter den aufziehenden lila-grauen Wolken versteckt und immer nur mal hier und dort einige rotorange Strahlen durch die Wolkenlücken auf die sanft wellige Wasseroberfläche geschickt. Ein völliger Kontrast dazu die Bucht des Bootshafens: Hier war die See spiegelglatt und das Licht immer noch fahl und wäre die Spiegelung der Bojen nicht dunkler als ihr Original über Wasser, so könnte man das Bild auch umdrehen.

Nächtliches WolkendramaSpiegelglatte Bucht

Erst kam ich mir ein bisschen albern vor. Hose und dicke Winterjacke über den Schlafanzug, ist das nicht viel zu warm? Nein, ist es nicht, denn schon seit Mittsommer ist es kalt: Lag die Höchttemperatur vor drei Wochen noch bei 26 °C, wurden heute gerade noch 12 °C erreicht. Und die Nacht war frisch. Irgendwann habe ich sogar die Kapuze aufgesetzt, weil mir kalt war. Als ich gegen halb drei wieder zu Hause war, zeigte das Thermometer gerade noch ein Grad an.

SommerfotografieSommerkälte

Nun hoffe ich, dass es die nächsten Wochen wärmer wird, denn ab Dienstag habe ich vier Wochen Urlaub und erwarte Gäste aus Deutschland. Denen möchte ich gerne schwedischen Hochsommer zeigen, nicht herbstliches Fröstelwetter. Nur einen kleinen Vorteil bietet das Ganze: Auch diese Nacht keine einzige Mücke!


Nachtrag: Das zweite Bilder ist wesentlich dunkler als die Wirklichkeit, so „finster“ wird es bei uns zur Zeit nicht. Aber wenn das Fotos die richtige Helligkeit hätte, wären die Farben zu blass. Fotografie ist oft ein Kompromiss.

Ein Abend auf der M/S Stormvind

Gestern war ich bei Freunden aus Dubai eingeladen und als ich gefragt habe, ob Annika mit kann, kam direkt ein „Sure thing mein herr!“ als Antwort. Praktischerweise brauchten wir nicht nach Dubai fliegen, denn die Freunde sind vor einem Jahr von Dubai nach Skellefteå gezogen. Wir hatten es sogar noch besser, denn die Feier fand auf der M/S Stormvind in Skelleftehamn statt, das ist quasi gleich um die Ecke. Und die Feier war rundum schön!

Zum einen war diese Feier ein „knytkalas“, das bedeutet, dass jeder etwas zu essen mitbringt. Es waren nicht nur lokale Gerichte, sondern auch viele asiatische, zum Beispiel aus Indien oder Syrien vertreten und natürlich musste ich alles probieren. Denn wann bekommt man schon einmal solches Essen im kulinarisch eher konservativen Skellefteå. Puh, wie satt ich war!

Dann der Himmel! Die meisten von uns saßen auf dem Oberdeck des Schiffes und immer wieder schaute ich fasziniert auf die Wolken, die von Süden aufzogen und das sich minütlich ändernde Licht. Immer näher rückten die bauschigen Wolken und glühten in warmen Orangetönen, als sie seitlich von der tiefen Sonne angestrahlt wurden.

Abendsonne auf dem Ursviksfjärdenleuchtender Wolkenaufzug

Wolkenpanorama

Doch ehrlich gesagt war es nicht das Essen oder das phantastische Somernachtslicht, sondern es waren die vielen unglaublich netten Leute, die mit dabei waren. Mit der Truppe wäre ich sofort ein paar Tage zusammen weggefahren, um jeden ein bisschen besser kennen zu lernen. Mit Zweien habe ich das Vergnügen, denn ich fahre nächsten Donnerstag mit Martine und Lasse, die gestern auch dabei waren, auf die Lofoten, um gemeinsam Elisabet zu besuchen. Darauf freue ich mich schon riesig!

Und als ich mich heute (schön modern per Facebook) bei den beiden Gastgebern bedankt habe, schrieb ich:

It’s nature why I came to Northern Sweden. It’s people, why I stayed.

Das trifft es eigentlich ganz gut.

Thank you, N. und S., for the invitation, it was a great pleasure meeting you.

Noch mehr Hitze

32.5 °C im Schatten31.5 °C in Skelleftehamn. Im Haus hatte ich ähnliche Temperaturen. Im Wintergarten mehr als 40 °C. Sauna mit Solarantrieb.

Am Wasser gibt es ein bisschen Wind und Abkühlung, im Wasser noch mehr. Mit dem Fahrrad fahre ich an die Badestelle, dort liegt in einer kleinen Privatbucht mein Kajak, welches ich dort parken darf.

Auf dem Wasser ist es schön, aber warm. Immer wieder lasse ich die Arme ins gar nicht mehr so kalte Meerwasser hängen, um mich ein wenig abzukühlen.

Natürlich hatte ich wieder eine Kamera dabei, diesmal die kleinere Nikonspiegelreflex mit dem 70-300mm-Tele. Denn heute wollte ich gerne Wasservögel fotografieren, vor allem die Jungvögel, die in großen Gruppen, oft nur von einem ausgewachsenen Vogel begleitet unterwegs sind. Die Vögel fanden die Idee mit dem Fotografieren eher doof und beäugten mich misstrauisch. Wirklich nah herangelassen haben sie mich nicht. Meistens setzte irgendwann der Fluchtreflex ein, der darin besteht, dass die noch flugunfähigen Jungvögel anfangen, auf dem Wasser zu rennen, was urkomisch aussieht, aber bestimmt viel Energie kostet. Deswegen habe ich alle Vögel, die einmal vor mir und meinem Kajak geflohen sind, anschließend in Ruhe gelassen.

Viele Fotos sind unscharf geworden, so lichtstark ist das alte Tele nicht, aber ein paar sind doch ganz nett geworden. Die ersten beiden Bilder zeigen Samtenten, die beiden danach Gänsesäger. Danke an die Facebooker Maria und Tore, die mir beim Bestimmen der Samtente geholfen haben.

Samtenten

Samtenten im Gegenlicht

Gänsesäger

Gänsesäger auf der Flucht

Hund, Katze, Vogel, Krebs

Letzte Woche hatte ich noch einmal Besuch von Annika, die schon einige Wochen zuvor hier war. Unter der Woche musste ich leider arbeiten, aber am Wochenende waren wir zusammen in Kusfors, um dort den Geburtstag von Lasse – einem meiner besten Freunde hier – zu feiern. Da wir am Freitag hinein gefeiert haben, aber auch am Samstag Abend Gäste da waren, kamen wir in den Genuss von gleich zwei Geburtstagsfeiern.

Am Freitag wurde es erwartungsgemäß ziemlich spät, daher wurde aus dem gemeinsamen Frühstück eher ein Brunch. Dabei haben Lasse und wir einige Pläne für seinen Geburtstagstag gemacht und den Rest des Tages dann damit verbracht, die Pläne zu ignorieren. Sehr entspannend!

Erst haben wir kurz bei Flarken vorbei geschaut, einem Hof unweit von Kusfors. Diesen Hof haben Daphne und Fabien, die ebenfalls aus Frankreich stammen, vor zwei Jahren gekauft, um hier Hundeschlittentouren und mehr anzubieten. Die Aufregung war groß bei den 40 Huskys. Gäste, da kann man auch schon mal ein bisschen heulen! Und wie die meisten Huskys waren auch diese hier echte Schmusebacken, die sich wohl stundenlang hätten streicheln lassen können.

Einer der auf Flarken lebenden HuskysSehr lieb und verschmust

Auf Flarken steht auch ein Achtung-Warnschild. Es warnt allerdings nicht vor den Hunden, sondern vor Mücken mit großen, scharfen Zähnen!

Achtung Mücke!

Wieder in Kusfors zeigte Bacchus, der Kater Zähne. An diesem Tag hat er eine Ratte (oder ein ähnlich großes Nagetier) und eine Maus erlegt und ratzeputz aufgefressen. Er hat auch versucht, Vögel zu fangen, aber dafür waren die Vögel zu schnell, auch wenn es einige Male ziemlich knapp war. Aber Bacchus kann auch faul sein, genau so wie manchmal ich …

Bacchus als JägerFaul mit Kater (Foto: Annika Kramer)

Das freut die Vögel bestimmt, denn hier gibt es gutes Futter und die kleinen Piepmätze sind so zutraulich, dass auch ich mich an sie nah heran robben kann, ehe sie dann doch ein Stückchen weg flattern. Der Vogelsenior war allerdings sehr müde und hatte die Augen meistens geschlossen. Ihn fand Bacchus zum Glück völlig uninteressant.

Ein munterer Grünfink (oder?)Ein sehr müder Vogelsenior

Wir wollten zu einem Badesee, haben aber an einem anderen See angehalten, da dort Freunde grillten. Dort haben wir ebenfalls gegrillt und einige von uns auch gebadet. Schwimmen war toll, beim Stehen steckte man allerdings tief im moorigen Seeboden.

MoorseeSteg am Moorsee

Zu Hause sind wir zu dritt in den Wald gegangen, um Heidelbeeren zu sammeln. Wir haben aber fast keine gefunden. Ich hatte schon gehört, dass es wegen der Trockenheit wenige Blaubeeren gibt dieses Jahr, aber vielleicht waren auch einfach die gewerblichen Beerenpflücker schon da. Nun, da kann man nichts machen, dachte ich und legte mich faul auf das Gras.

„Faul sein ist wunderschön“

Am Abend kamen ja noch andere Gäste und die haben Krebse mitgebracht. Das Krebsessen im August ist ein schwedischer Brauch, der meistens von lustigen Papierhütchen und nicht unwesentlichen Mengen Schnaps begleitet ist. Schnaps gab es nicht und Partyhütchen ebenso wenig. Ehrlich gesagt hätten von mir aus sogar die Krebse fehlen dürfen, die ich nun zum ersten Mal gegessen habe. Was für ein Aufwand, um an ein paar Gramm Fleisch zu kommen und auch auf das Aussaugen kann ich verzichten. Mit sind Garnelen lieber, denn sie sind leichter zu pulen und schmecken mir auch besser. Als ich von all den anderen leckeren Dingen satt war, habe ich mir lieber den fast vollen Mond angeschaut, der warm leuchtend zwischen den Bäumen aufging.

KrebseFast Vollmond

An diesem Wochenende habe ich mir übrigens das erste Mal seit drei Wochen wieder etwas über das T-Shirt gezogen, weil es mir sonst ein bisschen frisch war. Die heißen Hochsommertage sind wohl vorbei und dunkel wird es auch wieder. Es darf gerne noch warm bleiben, aber ich freue mich schon aufs erste Polarlicht.

Mit dem Kajak nach Långhällan

Mit dem Fahrrad war ich schon da, mit dem Auto war ich schon da, im Sommer und im Winter. Auf Skiern war ich schon da und sogar Teile schon zu Fuß. Aber mit dem Kajak bin ich noch nie nach Långhällan gefahren. Heute war der Tag dafür: Schönes ruhiges Wetter und nicht zu heiß. Da ich doch einiges Zeugs brauchte, bin ich mit dem Auto zum Strand gefahren und habe dann das Kajak rückwärts von seinem momentanen Liegeplatz ausgeparkt. Wenig später lasse ich das Festland hinter mir und steuere Själagrundet an, eine Erhebung irgendwo zwischen Insel und Kiesbank.

Rückwärts ausparkenTourstart

Själagrundet gehört den Möwen. Wäre ich dort in der Nistzeit angelandet, wäre das Geschrei vermutlich groß gewesen, aber jetzt sind wohl alle Möwen flügge und die kleine Insel verlassen. Doch deutlich sieht man, wo die Möwen gerne hocken, vor allem mancher großer Felsen ist fast vollständig weiß.

SjälagrundetMöwenfelsen

Bis jetzt bin ich im T-Shirt und mit Schwimmweste gepaddelt. Da zwischen Medgrundet, der nächsten Insel und Snusan, der übernächsten fast zwei Kilometer liegen, ziehe ich jetzt den Trockenanzug an, sicher ist sicher. Bei Medgrundet werden die Wellen ein bisschen höher, sind aber so lang, dass die Fahrt weiterhin ruhig ist. Nun ist mir auch wieder warm, denn T-Shirt war bei 12 °C Frühtemperatur doch ein bisschen wenig und die Sonne hat sich noch nicht groß gezeigt. Große Wolkenfelder werfen ihren Schatten. Zwei, drei Paddelkilometer später lege ich am Südufer von Snusan an.

SchichtwolkenmeerAngelandet

Bestand Själagrundet noch aus einem Haufen runder Steine und Felsen, hat Snusan soliden Felsen zu bieten und am Nordufer bricht sich die Gischt. Hoch ist die Insel nicht, aber als ich auf einen großen Stein klettere, habe ich Ausblick über die flache Insel und auch auf mein nächstes Ziel – die Insel Kågnäshällan mit ihrem weißen Leuchtturm.

Gischt am NorduferFelsinsel Snusan

Blick über Snusan und auf Kågnäshällan, die nächste Insel

Auf Kågnäshällan mache ich Mittagspause und bereue, dass ich vor kurzem wieder aufgehört habe, Süßigkeiten zu essen. Schokolade wäre jetzt toll! Aber Käsebrot und Joghurt machen auch satt. Natürlich muss ich den Leuchtturm fotografieren.

Der Leuchtturm auf KågnäshällanDer Leuchtturm auf Kågnäshällan

Am Horizont schweben halbe Schiffe und gespiegelte Baumwipfel. Auch auf dem Meer gibt es Luftspiegelungen. Wie gut, dass ich mein Tele dabei habe. (Als ich vom Kajak aus den Adler gesehen habe, war das Tele natürlich unerreichbar in einem Packsack in einer Packluke verstaut. Typisch!) Doch genug Pause gemacht, jetzt will ich noch einmal mit dem Kajak am Leuchtturm vorbei und dann das kleine restliche Stück nach Långhällan.

Fata MorganaKågnäshällan vom Boot aus

Ein bisschen aufpassen muss ich, denn hier gibt es viele Untiefen und überall brechen sich die Wellen. Gut, dass sie nicht so hoch sind. Doch Långhällan, welches eine meiner Lieblingsstellen ist, enttäuscht vom Wasser aus. Die Felsen sind keine zwei Meter hoch und nur halbherzig mache ich ein Beweisfoto. Da faszinieren mich die unterschiedlichen Farben des Meeres wesentlich mehr. Jetzt ist das Meer richtig zweigeteilt: Links strahlend blau und rechts diesig grau.

Blick auf LånghällanZweigeteilte See

Nun bin ich auf dem Rückweg. Der wird eine Ecke länger sein, denn ich will nicht wie beim Hinweg quer übers Meer von Insel zu Insel paddeln, sondern gemütlich an der Küste zurück. Schnell kommt das Fischerdorf Kågnäsudden, deren Häuser nur im Sommer als Freizeithäuser genutzt werden, in Sicht. Ich werde ein bisschen fotofaul. Meine Rücken- und Schultermuskeln sind ein bisschen beleidigt, sie haben sonst so selten etwas zu tun und kennen es noch nicht, dass ich auch mal eine etwas längere Paddeltour mache. Erst bekomme ich einen kleinen Schreck: noch 16 Kilometer nach Hause! Aber mir fällt schnell ein, dass meine Karte 1:50000 und nicht 1:100000 als Maßstab hat. Trotzdem kürze ich an manchen Stellen ab, man muss nicht in jede Bucht hineinfahren. Trotzdem dauert es ein bisschen, bis ich die Insel Björkskär erreiche.

KågnäsuddenBjörkskär voraus

Von dort aus sind es noch etwa drei Kilometer bis zum Startpunkt. Etwa sieben Stunden nach dem Aufbruch bin ich wieder an Land und wenig später zu Hause. Ein guter Tag.

Von der Kunst, einen Arzttermin zu bekommen

Am Mittwoch wachte ich auf und hatte einen Grashüpfer im Ohr. Also keinen echten, sondern ein bisschen das Geräusch, welches durch das Zirpen einer kleinen Heuschrecke entsteht. Zzzrrr – zz zzzrr – Pause – zzzrrr. Das ist ein Symptom, welches einem Musiker nicht gerade gefällt, denn da ist bei den meisten Musikstilen das feine Ohr doch recht wichtig.

Also wollte ich einen Arzttermin machen. Und das ging folgendermaßen:

Zuerst habe ich die Telefonnummer der Zusatzversicherung angerufen, die mein Arbeitgeber Hello Future für uns alle abgeschlossen hat. Da ging auch gleich jemand dran. Ich schildere meine Symptome. Er: Ja, also Hals-Nasen-Ohren-Spezialisten hätten sie in Skellefteå keinen, mit denen sie zusammenarbeiten würden. Was denn bei mir in der Nähe wäre. Ich: Ich weiß ja nicht, wo sie Spezialisten haben. Er: Ja, das stimmt. Ob ich vielleicht nach Sundsvall kommen könnte.

Sundsvall ist 400 Kilometer von Skelleftehamn entfernt. Von dort aus bin ich schneller in Stockholm als wieder zu Hause.

Ich: Das ist zu weit. Er: Ob ich dann vielleicht erst einmal zu einem allgemeinen Arzt möchte. Ich: Ja, dann das. (Der kennt sich ja vielleicht auch aus). Er: Ja dann machen wir das. Das kostet dann 650 Kronen „självrisk“, also Selbstbeteiligung.

70 Euro für einen Besuch bei einem Arzt, der mit vielleicht gar nicht helfen kann, erscheint mir zu teuer, also lehne ich ab. Dann mache ich lieber einen Termin mit der Vårdcentralen, dem Gesundheitszentrum aus.

Das funktioniert so: Ich rufe ein System an, welches meine Nummer feststellt. Dieses bucht dann einen Termin für den Rückruf eines Mitarbeiters des Gesundheitszentrums, mit dem ich dann einen Termin ausmachen kann. Ich bekomme sozusagen einen Termin für einen Termin. Allein, dieses System sagt mir nur, dass es zur Zeit nichts entgegennehmen könne, ich solle doch später mal probieren. Das sagt es den ganzen Mittwoch.

Ich bin genervt.

Ich rufe direkt die Rezeption der Vårdcentralen an, irgendwann am Nachmittag geht auch jemand dran. Ich gehe davon aus, dass dieses blöde Rückrufystem kaputt ist und ich einfach jetzt einen Termin abmachen kann, denn dafür ist die Rezeption wohl auch da. Weit gefehlt! Termine abmachen darf ich nur über das System und wenn es nicht antwortet, dann ist es für diesen Tag schon voll.

Wir reden wohlgemerkt von der Möglichkeit, ein Gespräch zu bekommen, um in diesem Gespräch einen Termin vereinbaren zu dürfen. Mit einem echten Termin am gleichen Tag habe ich gar nicht gerechnet.

Ich rufe die 1177 an, eine Art Gesundheitsberatung des Landes. Aber auch dort komme ich nicht weiter. Der einzigen Tipp, den ich bekomme: Ich solle das System direkt am nächsten Morgen anrufen, am besten schon einige Minuten vor acht.

In meinem Ohr zirpt es und ich bin sehr genervt.


Donnerstag, 7:56: Ich wähle leicht aufgeregt die Nummer. Meinem Ohr geht es zwar wieder besser, aber ich möchte das auf jeden Fall überprüfen lassen. Und – hurra! – um 8:50 soll ich zurückgerufen werden. Ich tippe noch meine Personennummer ein, um das System glücklich zu machen.

Donnerstag, 8:51: Das Telefon klingelt. Eine Frau von der Vårdcentralen meldet sich. Prima, das hat also geklappt! Ich schildere mein Problem. Sie hat meine Personennummer und weiß deswegen schon, dass ich in Skelleftehamn wohne und auch, welche Straße.

Sie: Ah ja, Tallvägen, da ist […] für Dich zuständig. Ich: (zustimmendes Gemurmel). Sie: Der hat aber diese Woche frei. Danach schweigt sie. Vermutlich wünscht sie sich, dass ich mich entschuldige und auflege. Aber ehrlich gesagt ist es mir pipsegal, wie dort organisiert wird und wer wann für mich wo zuständig ist. Also mache ich es dringend. Ich erzähle zum einen, dass ich Musiker bin, zum anderen, dass ich mir von keinem Arzt in einigen Wochen anhören möchte: „Ja, wärest Du mal früher gekommen!“.

Das letzte Argument zählt. Ich bekomme einen Termin für Freitag, 10 Uhr.


Freitag 9:55. Ich melde mich bei der Rezeption und darf 200 Kronen zahlen, weil ich direkt zum Arzt komme. Normalerweise kommt man erst zu einer Art Gesundheitsbetreuer, der gute allgemeinmedizinische Kenntnisse hat und auch Rezepte ausstellen darf, dann kostet es nur 100 Kronen.

Freitag, 10:02. Ich werde von einer jungen Ärztin aufgerufen und folge Ihr in ein „Hals-Nasen-Ohren“-Zimmer. Sie macht einige Hörtests mit einer Stimmgabel mit mir. Wie man eine Stimmgabel anschlägt, weiß sie nicht. Wie die Tests gehen, googelt sie ganz offen am Computer neben mir. Sie war, so erzählt sie, ein Jahr „mammaledig“, also in Elternzeit und muss erst wieder reinkommen. Aber zumindest misst sie meinen Druck im Ohr und auch ein Hörtest wird gemacht, letzterer mit einem Kasten der aussieht wie ein Experimentierkasten „Der kleine Radiotechniker“ von 1957. Nächste Woche wird sie mich wohl zurückrufen, um zu erzählen, dass sie nichts gefunden hat und ich warten soll, bis es besser wird. Das ist meine Prognose.


Ich gebe hiermit die Empfehlung, in Schweden nur ernsthafte und akute Gesundheitsprobleme zu haben (Vom Elch niedergetrampelt, der Bär hat einen Arm abgebissen …), denn dann darf man die 112 anrufen. Oder – noch besser – werdet in Schweden einfach nicht krank. Bleibt gesund und munter. Und wenn Ihr was habt, dann stellt Euch bitte nicht so an wie ein gewisser deutscher Blogschreiber in Skelleftehamn!

NB: Ich habe bei der gleichen Zusatzversicherung (ganz oben im Text, Ihr erinnert Euch?) auch nach einem Fußexperten gefragt, weil der rechte Fuß manchmal ein bisschen herumzickt. Da hat dann am Nachmittag ein Krankengymnast zurückgerufen und am Freitag morgen hatte ich direkt den ersten Termin. Manches läuft also auch rund.

Seele baumeln lassen in Skelleftehamn

Ein Gastbeitrag von Annika.

Dank meines Jobwechsels und damit verbundener kurzer (und gewollter) Arbeitslosigkeit hatte ich dieses Jahr für den Sommerurlaub sagenhaft sechs Wochen Zeit. Die erste sollte mich nach Skelleftehamn führen. Olaf hatte nach unserem Kennenlernen in Abisko im März ja gesagt, wir dürften ihn besuchen. Ralf hatte leider keinen Urlaub, also fuhr ich allein. Etwas aufgeregt war ich schon wieder, wir hatten uns ja erst einmal gesehen, und da gings zwischen Ralf und Olaf immer viel um Fotografie, wovon ich ja nunmal nix verstehe. Aber dann wurde es doch eine sehr tolle Woche.

Wieder war es merkwürdig, all das zu sehen, was ich aus dem Blog „kannte“ – letztes Mal den Menschen Olaf, jetzt sein Zuhause, das grüne Haus, den weißen Flügel, den Keller, der immer getrocknet wird – nach kurzer Zeit war alles schon so vertraut!

Wir hatten durchgehend Traumwetter, so dass wir jeden Tag draußen sein konnten und auch erste Blaubeeren gefunden haben. 30°C-Sommer mit Meer und Baden, das war bislang nie meine Vorstellung von Urlaub, hier habe ich es so genossen.Von meiner Quasi-Premiere im Kajak hat Olaf ja schon erzählt – ich bin gerne wieder dabei!!!

Steinstrand bei BjuröklubbBlumenfotografieStrand bei GrundskatanGiraffenmuster

Paddeltour auf dem Kågefjärden

Und auch von meinem Abschiedsabend auf der M/S Stormvind gibt es ja schon einen Bericht. Dass es die Menschen waren, die Olaf dazu bringen hier zu bleiben, das konnte ich schon nach einem Abend auf dem Boot verstehen. Und so leckeres Essen gabs :-).

Einen Abend war ich dann noch in Skellefteå zum Tango tanzen am Fluss. Auch das war einfach schön und unkompliziert. Die Tangoskällskap Skellefteå schien ziemlich stolz zu seine, dass ich sie extra via google gesucht hatte, aber es war auch wirklich ein toller Abend, und ich habe jetzt zahlreiche neue Tango-Bekanntschaften in Skellefteå, Umeå und Piteå (und die wichtigste Lektion des Abends an eine Tango-Argentino-Anfängerin wie mich: „Never do travel without your tango shoes!“)

Tango am Skellefteälven

Ansonsten bleiben in meiner Erinnerung:

  • Endlich weiß ich, wie Österreich wirklich ist („The hiiiills are alive with the sound of muuuuusic“)
  • meine ersten beiden Intensiv-Lehrstunden in Musiktheorie am weißen Flügel. Jederzeit mehr davon
  • Ich weiß jetzt, wen alle Klavierlehrer in ihren riesigen Kellern eingesperrt haben („The 5000 fingers of Dr. T“)
  • Auch zu Lupinen habe ich jetzt ein völlig neues Verhältnis („Dennis Moore, Dennis Moore …“)
    und Vielesvielesvieles mehr
LånghällanAuf dem Weg zur Fotostelle

Långhällan

Blick auf den SkellefteälvenKatzenfotografie in KusforsNach meinem Besuch in Skelleftehamn bin ich dann vier Wochen durch Schweden (und auch kurz Norwegen) gereist, bin gewandert, habe noch mehr Menschen kennengelernt und meine Zeit sehr genossen. Anschließend durfte ich noch mal nach Skelleftehamn kommen zum Akkus aufladen, Geburtstag feiern undundund. Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.

Ich danke Dir für die schöne Zeit. Und ich käme gerne wieder, schon allein aus zwei Gründen:
1) Ein Gästezimmer, in dem an drei von vier Wänden Bücher über absolut alles zu finden sind, was einen immer schonmal interessiert hat … . Lesestoff für lange Winter.
2) Olaf. Immer eine Reise wert ;-)

Strand von SorgrundetGästezimmer und Bibliothek

Mit dem Kajak in den Wald?

Sonne, warm, Wochenende und keinen Termin, da blieb der Vormittag faul, doch am Nachmittag war ich mit dem Kajak unterwegs. Außen an Storgrundet vorbei paddelnd habe ich die Idee, vielleicht nach Gåsören zu paddeln schnell verworfen, dazu war mir das Meer zu zappelig. Statt dessen habe ich wie schon oft die Insel Norrskär angesteuert. Dabei ist mir aufgefallen, dass ich außer im Winter noch nie richtig auf dieser Insel war und bin deswegen an Land gegangen.

Mit dem Kajak auf der OstseeLandgang auf die Insel Norrskär

Da sind erst einmal zehn Meter Fels- und Steinufer und dann steht man im Wald. Dort zeigen sich schon vorsichtig die ersten Herbstfarben und die Fliegenpilze spriessen um die Wette.

Im Wald von NorrskärDie ersten Herbstfarben

Vor allem Flechten und Pilze haben es mir dieses Mal angetan, manche bilden Miniaturlandschaften, manche abstrakte Formen, andere zeigen kreisrunde Motive.

Fliegenpilz von obenRunde FlechtenformationFast abstraktes FlechtenmusterKleine Flechtenkolonie

Es ist kaum zu glauben, dass mein Kajak keine 50 Meter entfernt an der Ostsee steht. Auch die letzten Mücken der Saison können kaum glauben, dass sich ein Mensch bei ihnen im Wald herumtreibt, finden es es aber durchaus begrüßenswert. Deswegen habe ich den Wald wieder verlassen und bin weitergepaddelt. Um Norrskär und Bredskär herum und wieder zurück, jetzt mit dem Wind, zum Anlegeplatz. Eine kurze, aber schöne Samstagnachmittagstour.

Das Kajak wartetWieder auf der Ostsee

Eine Nacht auf Gåsören

Gestern stand die Polarlichtvorhersage auf „5 – High“ und klarer Himmel sollte auch sein. Perfekte Bedingungen, um nach der Arbeit zur Insel Gåsören zu paddeln und dort zu übernachten. Um drei habe ich das Büro verlassen, bin nach Hause gefahren und habe gepackt. Und gepackt.

Schlafsack · Isomatte · Zelt · Kocher · Wasser · Lebensmittel · Kamera · Stativ · Objektive · warme Kleidung · Sandalen · Schwimmweste · Trockenanzug · Neoprenschuhe · Taschenlampe · Messer · Handy · Streichhölzer · Badezeugs · Kleinkrams

Meine bange Frage: passt das alles in mein Kajak? Ich habe noch nie mit meinem Kajak eine Zweitagestour unternommen, doch zu meiner großen Überraschung passte alles in die beiden Luken des Bootes, nur der Fünfliterkanister Wasser fand hinter dem Sitz Platz. Und so konnte ich bald in See stechen, an den Inseln Storgrundet, Bredskär und Flottgrundet vorbei paddeln und Kurs auf Gåsören nehmen.

Viel Gepäck im KofferraumGåsören voraus

Eine Stunde später war ich da, denn wirklich weit weg ist Gåsören nicht. Nun musste ich als erstes einen Zeltplatz suchen, bevor es dunkel wird. Ich war nicht sicher, ob es überhaupt irgendwo eine plane Fläche gibt, denn Gåsören ist im Grunde ein großer bewachsener und bebauter Steinhaufen. Eine erste Möglichkeit: der sandige Spielplatz am Hafen, Schaufel und Förmchen inklusive. Nicht schön, aber machbar. Der Inselrundgang hatte erst nichts ergeben, doch zum Schluss habe ich einen fast steinfreien Platz mit Feuerstelle gefunden, da war ich bestimmt nicht der erste, der dort sein Zelt aufgeschlagen hat.

Auf der Suche nach einem Zeltplatz auf Gåsören

Das Heim steht …… und ist fertig eingerichtet

Nun war das Abendessen dran. Ich hatte noch eine norwegische Tüte „Turmat“ – Tourenessen mit Chili con Carne und meinen kleinen Gaskocher dabei. Das „Kochen“ geht schnell: Wasser kochen, in die Tüte giessen, Tüte wieder verschließen, fünf Minuten warten (da kann man ja fotografieren), fertig. Nun ja – ich glaube, dass das Tütenessen wesentlich besser schmeckt, wenn man ausgehungert darüber herfällt. Aber es war warm und machte satt. Und mit einem schönen kleinen Feuer ist das ganze richtig gemütlich, zumal es noch recht warm war. (Ich sehe ein bisschen verkrampft aus auf dem Foto, schließlich darf ich mich vier Sekunden lang nicht bewegen.)

OutdoorkücheRönnskär im Dämmerungslicht

Abendessen am Feuer

Nur das Wetter spielte nicht richtig mit. Der ganze Himmel war bewölkt und selbst der helle Mond konnte sich nur ab und zu mal durch eine kleine Wolkenlücke sichtbar machen. Deswegen bin ich ins Zelt gegangen und habe mich schlafen gelegt. Ich kann ja später gucken, ob das Wetter besser wird. Einen Wecker brauchte ich dafür nicht, denn in der ersten (und hier einzigen) Zeltnacht schlafe ich nie besonders gut, selbst wenn ich so luxuriös viel Platz habe wie dieses Mal.


Ich wache auf, das Handy zeigt 0:52. Es scheint heller draußen als vorhin. Ich öffne die hinteren Reißverschlüsse und luge hinaus. Der Mond ist sichtbar, auch einige Sterne, doch der halbe Himmel hängt voll Schleierwolken. Richtig klar ist es also nicht. Schade! Ich stehe aber dennoch auf, um ein paar Nachtaufnahmen zu machen. Oben herum Daunenjacke, denn wenn ich müde bin, friere ich leicht, aber unten herum barfuß in Sandalen, denn soo kalt ist es auch wieder nicht. Das sieht bestimmt lustig aus.

Ich stelle das Stativ auf und mache ein Foto direkt neben dem Zelt.

Nachts um eins

Ich gehe los und merke, dass die eine Schleierwolke am Südhorizont zu verschwinden scheint. Nun schaue ich genauer und sehe, dass der ganze Himmel nicht mit Wolken, sondern mit fahlem Polarlicht bedeckt ist, vom Nord- bis zum Südhorizont. Das Licht ist so fahl, dass es farblos zu sein scheint, die sonst typischen Grüntöne sind kaum wahrzunehmen, nur die Kamera zeigt sie, denn die nächtlichen Langzeitbelichtungen verstärken die Farben. Zwei Stunden wandere ich in dem vorderen Teil der Insel umher und fotografiere. Die Aurora wird tatsächlich ein bisschen stärker, aber richtig deutlich wie vor zwei Wochen wird sie nicht mehr. Aber einige Fotos werden doch recht schön, denn auf der Insel gibt es einfach schöne Motive.

Leuchtturm und Polarlicht

Insel im MondlichtDas alte Leuchtturmhaus

Farbspiel – im Hintergrund Rönnskär

Eine der kleinen Angenehmlichkeiten Gåsörens ist das „utedass“, das Plumpsklo. Meistens liegen auf einem utedass Zeitschriften und oft hängen an den Wänden kleine Natur- oder Landschaftsfotos. Hier gibt es gleich zwei nebeneinander. Als ich die linke Tür aufmache, lächelt mir von den Fotos kein Rentier, sondern der Adel entgegen. Das ist Grund genug, ein Foto zu machen. Als ich die Tür wieder schließe, sehe ich eine holzgeschnitzte Frauenfigur an der Tür. Oops – hier gibt es tatsächlich Klos nach Männlein und Weiblein getrennt. Das habe ich in Schweden noch nie erlebt, erst recht nicht beim utedass! Neugierig mache ich nun die rechte Tür zum Männerklo auf und erwarte Fotos von Traktoren oder Schneemobilen, doch nein, die Herrentoilette ist karg und hat kein einziges Foto an den Holzwänden. Wie langweilig!

Um drei gehe ich wieder ins Bett. Es ist kühler geworden und irgendwann mache ich den Schlafsack, den ich bis jetzt nur als Decke verwendet habe, zu. Kurz vor Sonnenaufgang wache ich wieder auf. Ich könnte jetzt (A) herausgehen und Morgendämmerungsfotos machen oder (B) weiterschlafen. Ich entscheide mich für B (sorry, liebe Leser) und schlafe bis acht Uhr so gut wie durch.


Den Tag beginne ich mit einem Frühstück: Graved Lachs und auf Feuer frisch geröstetem Ökoroggenbrot. Um Längen besser als das Abendessen. Auch wenn die Luft noch kühl ist, die Sonne wärmt schon.

Frühstück auf der Insel

Ich hänge den Schlafsack auf das Zelt zum Trocknen und laufe auf der Insel herum: Manche Birke und Eberesche trägt Herbstfarben – hunderte Fliegenpilze sprießen im Wald aus dem Boden – Holzwürmer haben geheime Zeichen in den alten Baumstamm geschrieben – Tausend gespiegelte Sonnen glänzen auf dem Meer – ein Bootssteg lädt zum Verweilen ein – ein Glücksbringer hängt an einem alten Stück Mast am Strand.

Ich treffe die Besitzer einer der beiden Stugas, später beginnen erste Boote in dem kleinen Hafen anzulegen. Ich habe kurz überlegt, noch eine weitere Nacht zu bleiben, doch mir fehlen Essen und mein Buch und so mache ich nur noch ein kleines Abschiedsfeuer zum Rösten des restlichen Brotes, verstaue alles wieder im Kajak und paddele gemütlich und mit Rückenwind über die glatte, sonnenbeschienene Ostsee.

Herbstfarbe gelbHerbstfarbe rotFliegenpilzeHorzwurmische LyrikTausend SonnenBootsstegGlücksbringerAbschiedsfeuer

Wahlsonntag

Valkuvert – WahlumschlagHeute ist Wahl in Schweden und das gleich dreifach. Denn im Gegensatz zu Deutschland wird in Schweden alles gleichzeitig gewählt: Kommune, Landsting und Reichstag. Wie schon vor vier Jahren darf ich an der Kommunalwahl und der Wahl zum Landstinget teilnehmen, jedoch nicht am Reichstag, da ich kein schwedischer Staatsbürger bin.

Viele, die ich kenne, sind unzufrieden mit der Politik der Allianz der letzten 4 Jahre und wünschen sich einen Wechsel. Allianz ist keine Partei, sondern ein Parteibündnis aus vier bürgerlichen Parteien, welches seit 2006 besteht. (Das wäre in Deutschland mit seinen Koalitionsbildungsritualen vermutlich völlig undenkbar.) Drei Fragen finde ich heute spannend:

  • Wird es einen politischen Wechsel geben? Die Prognosen tendieren recht klar zu einem Ja.
  • Wird die Feministiskt Initiativ (F!) die Vierprozenthürde knacken? Laut Prognose wird es sehr knapp, obwohl sie bei der Europawahl 5,3 % der Stimmen bekommen hat.
  • Wie viel werden die Sverigedemokraterna (SD) bekommen? Die Prognosen sagen um 10% und das macht mir Angst!

Die nationalistische und rassistische SD hat zur Zeit 20 der 349 Sitze im Reichstag – das entspricht 5.7 % und das ist schlimm genug. Sollten die Prognosen eintreffen, wäre das erschreckend und alarmierend. Das würde heißen, dass jeder zehnte Wähler gegen Ausländer ist, gegen Moslems, gegen Homosexuelle und gegen was weiß ich noch alles. Ein Schlag ins Gesicht für ein so frei denkendes und tolerantes Land wie Schweden!

Wer mehr wissen möchte, findet auf der Wikipediaseite Wahl zum Schwedischen Reichstag 2014 mehr Informationen.


Nachtrag

Es ist halb elf und die meisten Stimmen sind schon gezählt. F! wird es wohl nicht schaffen, sie liegen bei 3.1 %. Die konservativen Moderaterna (M) sind von 30 % auf etwa 23 % abgestürzt, was mich freuen könnte, wenn nicht, wenn nicht …

Es ist schlimm. SD hat 13 % der Stimmen erhalten, das ist mehr als doppelt so viel wie vor vier Jahren. Fast jeder siebte hat damit dieser nationalistischen, rassistischen, islamfeindlichen, homophonen und ausländerfeindlichen Partei seine Stimme gegeben. Selbst im traditionell sozialdemokratischen Västerbotten kam sie auf 7.5 % und in Skelleftehamn Ö (meinem Wahlbezirk) sogar auf 10 %. Heißt das, das mich jeder zehnte hier nicht will? Dass sie mich zurück nach Deutschland wünschen? Oder Schlimmeres? Oder bin ich eben doch der gute und erwünschte Ausländer, weil ich hellhäutig und germanisch bin? Aber ganz ehrlich – macht das einen Unterschied?

Mit diesen düsteren Gedanken verabschiede ich mich für heute.

Sch**** (Achtung, Vulgärsprache!)

Heute schreibe ich mal über Scheiße. Das hatte ich schon lange vor. Ich will auch gar nicht so ausführlich berichten, zumal Euch einige Hinterlassenschaften bekannt sein dürften. Dazu gehört zum Beispiel der gemeine Möwenschiet, der hier viele Felsen rund um die Inseln bedeckt.

Möwenschiet

In deutschen Gefilden fast gar nicht, doch hier in jedem Wäldchen anzutreffen ist der Elchkot (nicht mit Nougateiern oder Zimtmandeln zu verwechseln), der so viel Zellulose enthält, dass man daraus Papier herstellen und an deutsche Touristen verkaufen kann.

Elchkot

Während Elche meist recht fantasielose Häufchen scheißen, erinnert mancher Möwenschietfelsen an abstrakte Kunst, auch wenn das von den Verursachern so nicht beabsichtigt sein mag.

Möwenkunst

Warum ich das Ganze schreibe, so spät in der Nacht? Ich fand, dass das Thema heute gut passt, zum Ausgang der schwedischen Reichstagswahl 2014, bei der die Rechtsextremen um die 13 % bekommen haben. Und als ich das las, da dachte ich einfach nur – Scheiße!

Entschuldigung, liebe Blogleser, normalerweise ist meine Sprache artiger und kinderfreundlicher. Aber manchmal gibt es Momente, die durch das unfeine und doch so praktische Wort „Scheiße“ einfach am besten beschrieben werden können. Heute beim Lesen des ersten vorläufigen Wahlergebnisses war so ein Moment.

:-(

Kühler Morgen

Glockenblume in der MorgenkälteHeute morgen zeigte das Thermometer 2 °C, ganz ungewohnte Temperaturen für den warm bis heißen Sommer und milden Herbst. Die Blüte der einzigen Glockenblume in meinem Rasen hing matt auf ihrem Stengel und war mit winzigen gefrorenen Wassertröpfchen bedeckt und auf einer Abdeckung schimmert der erste Reif.

Heute mittag soll die Sonne scheinen und die Temperatur auf etwa 15 °C ansteigen, dass ist in der Sommer immer noch ziemlich warm. Jetzt beginnt wieder die Zeit der zwei Jacken. Und irgendwann greift man wohl wieder wie selbstverständlich zu Mütze und Schal, wenn man aus dem Haus geht. Sommerabschied.

AÅO-Trio

Am 21. August habe ich mit Åsa und Löwis ein kleines schönes Triokonzert im Café Nordanå gegeben. Nach unserem Auftritt wurden wir vom Jazzklub gefragt, ob wir nicht nächstes Frühjahr eine kleine Minitour spielen wollen. Das wollten wir gerne und deswegen ist auch ein Teil unseres Konzertes jetzt als Demo-Material auf YouTube zu finden. Aus dem gleichen Grund haben wir seit ein, zwei Wochen auch einen Namen: AÅO-Trio.

0:00 – Peel me a grape | 0:57 – Horgalåten | 2:22 – All of me | 3:47 – Marionett
5:37 – I feel pretty | 6:22 – Jag vet en dejlig rosa | 8:32 – Some other time

0:00 – Summertime

Heute Abend

Heute Abend bin ich zum „Oljehamn“ gefahren. Dort hatte ich einen schönen Blick auf die gelbgefärbten Birken, die in der tiefen Abendsonne leuchteten. Aber dann klingelte das Telefon und in den paar Minuten Telefonat ging die Sonne unter.

Aber es gibt ja auch andere schöne Motive und das muss, finde ich, nicht immer Natur sein. Rönnskär sah unter den rosa Wolken eigentlich auch ziemlich schön aus. Vermutlich hätte ich eine halbe Stunde später noch ein schöneres Foto bekommen, aber zum einen war ich hungrig, zum anderen hatte ich das erste Mal seit Monaten kalte Hände beim Fotografieren. Waren es am Samstag noch über 15 Grad, so bewegte sich heute das Ganze zwischen 1 °C und 7 °C bei frischem Wind. Und aus Kiruna wurden gestern auf Facebook Schneebilder gepostet.

Rönnskär im herbstlichen Abendlicht

Zwei morgendliche Schnappschüsse

Die Nacht war sternenklar. Man konnte sogar Nordlicht sehen, einen breiten Bogen am Nordhimmel, aber das war ziemlich blass und verschwand bald.

Die Temperatur fiel auf -5 °C, die kälteste Nacht seit dem Frühling. I wachte um halb sieben auf, gerade ein paar Minuten zu spät für den Sonnenaufgang, aber ich gang trotzdem raus. Es war immer noch frostig heute morgen und der Himmel war klar.

Zu meiner großen Überraschung gab es kein Eis, noch nicht einmal auf der kleinsten Pfütze. Ich vermute, dass der Boden immer noch zu warm ist, als dass das Wasser über Nacht friert. Wie auch immer, wenn ich draußen bin, dann will ich auch fotografieren. Zwei der heutigen Schnappschüsse.

HerbstfarbenMooskissen

Kommentar des Fotografen: Die Kontraste auf diesen Gegenlichtaufnahmen sind ziemlich extrem, deswegen ist der Himmel weiß statt farbig. Ich hätte meine Verlaufsfilter mitnehmen sollen, um die Belichtung zu verbessern.


English version on way-up-north.

Von der Kunst, einen Arzttermin zu bekommen – Teil II

Dieser Artikel ist eine Fortsetzung vom Artikel „Von der Kunst, einen Arzttermin zu bekommen“, den ich vor sechseinhalb Wochen am 24. August schrieb.

„Nächste Woche wird sie mich wohl zurückrufen“ schrieb ich im Artikel. Die Betonung liegt auf dem Wörtchen „wohl“, ich höre nämlich nichts von ihr. Nach einer Woche melde ich mich bei der Rezeption, sie will die Ärztin an den Rückruf erinnern. Nach einer weiteren Woche melde ich mich wieder bei der Rezeption, sie will die Ärztin an den Rückruf erinnern. Dieses Mal kommt er.

Was ich erfahre ist nicht gerade erbaulich: Ich könne ja Nasentropfen nehmen (aha?). Und es gebe ja auch Mittel, die gegen Depression eingesetzt werden. (was!?) Ich hab’s am Ohr, liebe Ärztin, an Depression leide ich nicht. Auf meinen Kommentar, dass ich nicht vorhätte, Medikamente ohne jegliche Diagnose zu nehmen, bekomme ich keine Antwort. Meine einzige Chance bleibt: Jammern und übertreiben. Es hilft nicht wirklich, aber schließlich stellt sie mir widerstrebend eine Überweisung zum HNO-Arzt aus und legt mit dem Kommentar, man würde sich melden, das könne aber dauern, auf.

Ich höre von einem Schweden, dass man Antidepressiva gerne für und gegen alles mögliche verschreibe. Mehrere andere beschreiben das System als darauf angelegt, die Patienten abzuwimmeln und sich vom Leib zu halten. Ich beginne mich zu fragen, ob es da einen Zusammenhang gibt.

Einen Fehler habe ich gemacht: Ich habe nicht gefragt, was „könne aber dauern“ bedeutet. Wiederum eine gute Woche später rufe ich wieder bei der Vårdcentralen an. Dort erfahre ich dann, dass man versuche, den Leuten innerhalb von drei Monaten (!) einen Termin zu geben. Mein Kommentar, dass ich Musiker sei, perlt an meinem telefonischen Bürokraten-Gegenüber ab: Ich sei als nicht eilig eingestuft. Eine interessante Aussage, denn eine Diagnose habe ich ja immer noch nicht. Immerhin ringe ich der Abwimmel-Angestellten eine weitere Telefonnummer ab.

Sauer bin ich. Und sauer schimpfe ich auf Facebook über das unmögliche Gesundheitssystem hier. Die Reaktion der Schweden ist recht verhalten, doch so mancher andere Einwanderer kommentiert und schreibt über seine ebenfalls schlechten Erfahrungen. Es scheint so, dass dieser Teil der nordschwedischen Wirklichkeit qualitativ bei weitem nicht mit den Systemen in anderen europäischen Ländern mithalten kann.

Die weitere Telefonnummer führt mich über Umwegen und einer noch weiteren Nummer ins nächste Dickicht der Telefonsysteme, die leider gerade keine Zeit für mich haben. Da es meinem Ohr etwas besser geht, gebe ich das Ganze auf. Wird schon!


Chorprobe am Dienstag. Mein Ohr ist halb dicht, es pfeift und die Musik tut weh. Um acht verlasse ich die Probe und bin frustriert. Am nächsten Morgen rufe ich gleichzeitig die Vårdcentralen und die HNO-Klinik an, dieses Mal rechtzeitig genug, dass beide Systeme einen Rückruf versprechen.

Rückruf eins: Vårdcentralen. Mein Kommentar, es sei schlimmer geworden, interessiert überhaupt nicht. Mein Kommentar, dass dies für mich bedrohlich sei als Musiker, sowohl was das Finanzielle als auch die Lebensqualität angehe, ebenso wenig. Ich sei Prio 3 (drei Monate) und für Anfang November vorgemerkt.

Vårdcentralen, so darf man nicht mit Hilfesuchenden umgehen!

Rückruf zwei: Die HNO-Klinik, die tatsächlich damals eine Überweisung bekommen hat, aber – man merke auf – mich für Anfang Dezember vorgemerkt hat. Also hat die Frau von der Vårdcentralen sich geirrt oder mich schlichtweg angelogen. Auch mein Hinweis, dass die Probleme schlimmer geworden sind, interessieren hier ebenso wenig. Nun mache ich Stunk! Ergebnis: Ja, jemand könne mich ja zurückrufen, höre ich. Und kann fast die Gedanken lesen: Aber glaube nicht, dass das etwas nützt.

Da fällt mir wieder die Zusatzversicherung ein, die mein Arbeitgeber „Hello Future“ für mich abgeschlossen hat und ich rufe die Servicenummer an.

Schon wenig später hebt jemand ab.

Ein Mensch.

Die Frau am Telefon hört mein Problem an und signalisiert sofort Hilfe. Leider gibt es hier keinen HNO-Arzt, mit dem sie zusammenarbeiten, ich weiß ja schon, dass der nächste in Sundsvall ist, also 400 Kilometer Busreise. Da sage ich, da sei ich ja schneller in Stockholm und während ich noch darüber rede, dass ich dann ja den Flug und …

… unterbricht mich die Frau und sagt, es wird alles organisiert und bezahlt. Und ich bekomme für Freitag einen Arzttermin in Stockholm. Wartezeit zwei Tage statt drei Monate oder mehr.

Wenig später bekomme ich einen Anruf und man fragt mich nach meinen Flugwünschen. In Ruhe bekomme ich Vorschläge und suche die beste Verbindung aus. Dann bietet man mir Taxifahrten an: Von mir zu Hause zum Flugplatz, vom Flughafen Arlanda in die Stadt. Alles bezahlt. Doch die Taxifahren schlage ich aus, das finde ich doch ein bisschen übertrieben, denn hier kann ich das Auto nehmen und in Stockholm den Flugbus. Ich bedanke mich leicht euphorisch und lege begeistert auf.

Wenig später kommt eine SMS mit allen Informationen für den Arztbesuch, gefolgt von einer weiteren mit allen Buchungen für Flug und Flugbus. Als ich heute morgen einchecke, sehe ich, dass Business-Class gebucht wurde.

Also fliege ich morgen 700 Kilometer nach Stockholm zu einem Arzttermin, weil ich hier in Skellefteå keinen in akzeptabler Zeit bekomme. Eine verrückte Welt!

Releaseparty.

Wir – das heißt in diesem Fall Hello Future, mein Arbeitgeber – haben zusammen mit einer anderen Agentur den ersten Teil der neuen Webseite von Skellefteå Kraft entworfen, programmiert und online gestellt. Gestern hat Skellefteå Kraft unsere Teams zur Releaseparty ins Eishockeystadion eingeladen. Das Stadion heißt Skellefteå Kraft Arena, denn unser Gastgeber ist nicht nur eines der größten Unternehmen in der Region, sondern auch einer der Hauptsponsoren.

Um fünf sind wir die Treppen hoch zur obersten Etage gelaufen, denn dort sind die Logen der Sponsoren. Direkt der erste Raum in der Ecke war für uns in einer herrlichen Farbkombination gedeckt: Servietten in Gelb (AIK hat schwarz-gelb als Vereinsfarben) und Giveaways in knallviolett, der neuen Hauptfarbe von Skellefteå Kraft. Dann gibt es Abendessen – wie in über 95% solcher Fälle in Form eines Buffets. E. fragt, ob es ein Nachtischbuffet gibt (Die Frage hätte von mir kommen können!) aber dies verneint die Kellnerin, die uns mit Getränken versorgt. Vielleicht ganz gut, denn auch so hatte ich heute morgen fast ein Kilo mehr auf der Waage, woran die zwei Stück der gelben AIK-Küchlein vielleicht nicht ganz unschuldig sind …

Unsere Loge für den AbendAIK-Kuchen

Nebenan, durch die Glasscheibe gut zu überblicken, füllte sich langsam das große Eishockeystadion. Wir konnten noch in Ruhe sitzen bleiben und sind erst in letzter Minute aufgestanden, um zu unseren Logenplätzen zu gehen. Dann ging die erste Spielzeit los. Ich bin zu langsam für dieses Spiel. Wenn ich glaube, dass der Puck in der einen Ecke ist, rennen die Spieler wieder schon woanders hin und das 1:0 für Skellefteå habe ich komplett verpasst. Nun ja, ich werde nie ein richtiger Sportzuschauer werden.

In der „Heimecke“ saßen und standen die Hardcorefans, die, von einem Trommler unterstützt, minutenlang die gleichen Fangesänge verlauten liessen. Die klangen alle für mich so:

Nuschel, nuschel, nuschel A-I-Koooh! A-I-Koooh! A-I-Koo-oo-oh!

AIK-Fans

Meine schwedischen Kollegen haben auch nicht mehr verstanden. Nett war, dass wir in den beiden Pausen gemütlich wieder am Tisch sitzen, etwas trinken und Unsinn reden konnten, denn die meisten von uns haben mit Eishockey, welches doch so wichtig und zentral in Skellefteå ist, nicht viel am Hut.

Ganz oben im StadionSkellefteå AIK gegen Växjö Lakers

Nach zwei weiteren Toren hat Skellefteå AIK das Spiel gegen die Växjö Lakers 2:1 gewonnen und wenn das Spiel vorbei ist, dann gehen die Schweden gesittet nach Hause. Kein großes Gejubel mehr, nein, fünf Sekunden höflicher Applaus reichen aus und alle verlassen die Arena, auch um zu ihren Autos zu gelangen.

Tack, tack, tack, tack, tack …

Ich dachte, dass ich wohl Ewigkeiten brauchen würde, um das Gelände mit dem Auto zu verlassen, aber auch hier sind die Schweden sehr diszipliniert. Es gilt kugghjul – auf deutsch Zahnrad, das schwedische Wort für Reißverschlußverfahren – an allen Ausfahrten und Kreuzungen und das funktioniert richtig gut. So war ich doch einiges früher erwartet wieder zu Hause in Skelleftehamn.

Doch, so alle zwei, drei Jahre kann man sich so ein Spiel durchaus mal anschauen, vor allem, wenn man so gut und nett bewirtet wird und so schöne Plätze hoch oben hat. Tack för igår, Skellefteå Kraft, danke für gestern!

Meine große Spiegelreflexkamera habe ich zu Hause gelassen und alle Fotos mit dem iPhone gemacht.