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Nordwärts

Vom Leben in Skelleftehamn

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Gåsören in der Abendsonne

Gåsören i kvällssolen På svenska

Denna vecka är jag ganska upptagen på grund av berättarfestivalen, som jag är med som pianist på första gången. Och så har jag förutom mitt vanligt jobb också en jazzkonsert på fredag kväll och spelar piano på en teaterprogram på lördag. Igår, i morgon och dagen efter har jag rep men i kväll hade jag ledig. Och därför åkte jag till lotsstationen kort innan solnergång och gladde mig åt de varma kvällsfärgarna.

Igår försvann den sista biten snö på taket, men isen på havet håller sig rätt seg. Men jag har väl ingen tid att paddla på helgen ändå eftersom jag blev också inbjudan till en vårfest och jag måste också deklarera, men det är ett annat tema …

Förresten: I förrgår för tre år sedan kom jag hit till Skellefteå. Och jag trivs det jättebra här fortfarande.

Diese Woche bin ich ganz gut beschäftigt und das liegt am Berättarfestivalen – dem Erzählfestival in Skellefteå, bei dem ich zum ersten Mal als Pianist beteiligt bin und das gleich zwei Mal. Und so habe ich neben meiner regulären Arbeit einen Jazzauftritt am Freitag Abend und wirke Samstag Nachmittag bei einem Theaterprogramm mit. Gestern, morgen und übermorgen habe ich Proben, aber heute Abend hatte ich frei. Und so bin ich kurz vor Sonnenaufgang zur Lotsenstation gefahren und habe mich über die warmen Abendfarben gefreut.

Gåsören in der Abendsonne

Während gestern der letzte kleine Rest Schnee auf meinem Dach verschwunden ist, hält sich das Eis noch hartnäckig auf dem Meer. Aber am Wochenende habe ich zum paddeln vermutlich eh keine Zeit, denn neben dem Theaterauftritt habe ich auch eine nette Einladung zum Frühlingsfest und die schwedische Steuererklärung muss ich auch bis zum zweiten Mai abgegeben haben. Aber das ist ein anderes Thema …

Übrigens: Vorgestern vor drei Jahren bin ich in Skellefteå angekommen. Und ich fühle mich immer noch sauwohl hier.

Falkberget – Nordostseite

Heute Abend habe ich mich zum ersten Mal mit Kirchenslawisch beschäftigt. Hier ein kleiner Ausschnitt:

Святей Троице во едином существе, с серафимы зовуще: “свят, свят, свят, еси Господи.” — Sṽı͡at̃éy Tróitse vo yed̃ínom sushchestṽé s S̃eraf̃ímï zovúshche: “Sṽı͡at, Sṽı͡at, Sṽı͡at, yes̃í Ghóspod̃i!”

Nun bin ich weder besonders sprachgewandt noch ausdrücklich an der Liturgie der russisch-ortodoxen Kirche interessiert. Nein, ich habe heute zum ersten Mal bei einer Probe von Skellefteås Kammerchor mitgesungen. Und auf dem Programm steht Sergei Wassiljewitsch Rachmaninows Opus 37 „Vesper“. Ein wunderschönes Stück, dessen Noten ich im Bass 1 ganz gut vom Blatt hätte singen können, wenn da nicht der kirchenslawische Text wäre. Die kyrillischen Buchstaben ignorieren wir eh alle, aber auch die Transkription in lateinischen Lettern hat es ganz schön in sich, zumal noch auf jedem dritten Konsonant eine Tilde steht, um diesen als weich zu markieren.

Ich war überrascht, wie gut die Choristen vom Blatt singen, denn die Musik ist nicht einfach zu lesen, auch da es keine Taktarten gibt. Ende Oktober sind die Konzerte, bis dahin muss ich noch oft in die Noten schauen, bis ich mich wohl fühle.


Die Chorprobe war heute um sieben. Da ich schon um viertel vor fünf mit der Arbeit fertig war, bin ich ein kleines Stückchen mit dem Auto gefahren und dann vom Süden her auf den flach ansteigenden Falkberget gegangen. Das schafft man vom Parkplatz in fünfzehn Minuten, wenn man flink ist. Ich bin deswegen einen anderen Weg hinunter gelaufen und war überrascht, wie schroff, felsig und steil die Nordostseite dieses Berges ist. Ich habe fein aufgepasst, dass ich nur dort hinabklettere, wo ich auch wieder hochkomme.

Schroffe Felsen an der Nordostseite

Steile AbbruchkanteEine kleine Schlucht

Toter Ast in der kleinen Schlucht

Leider war die Nordostseite im Schatten, die Sonne im Südwesten und bewölkt war es außerdem. Also nicht gerade günstige Voraussetzungen für schöne Photos. Eigentlich müsste ich einen der nächsten Tage mal vor dem Aufstehen dort hin, oder vielleicht lieber nächsten Juni gegen Mitternacht. Aber, ich hatte ja ohnehin nicht viel Zeit, denn auf mich wartete ja der Kammerchor. Und mit ihm das Kirchenslawisch.

Ganz schön mühsam, diese ganzen Sonderzeichen für das Zitat oben einzugeben. Das  ͡  -Zeichen heißt zum Beispiel „Combining Double Inverted Breve“. Toll!

Всенощное бдение от Сергей Рахманинов

Dieses Wochenende hatte ich meine ersten Auftritte mit dem Skellefteå Kammarkör: Gestern in der großen Kirche in Burträsk, heute in Skellefteå in der Sankt-Olov-Kirche. Und ich bin gleich mit einem sehr anspruchsvollen Programm eingestiegen, den „Vespers von Sergei Rachmaninow“. Die 15 Stücke haben es wirklich in sich, denn zum einen haben die wenigsten feste Taktarten und teilen oft die Stimmen, und zum anderen ist das Kirchenslawisch auch mit lateinischer Umschrift schwer zu singen.

Burträsk vor dem AuftrittAuftritt in der Sankt-Olov-Kirche

Dafür, dass der Chor dieses Werk in kaum mehr als zwei Monaten einstudiert hat, können wir mehr als zufrieden mit dem Ergebnis sein. Ich war schon bei den Proben imponiert, wie gut viele Choristen vom Blatt singen. Ich finde es dennoch ein bisschen schade, dass wir nicht mehr Zeit zum Üben und Proben hatten, denn der Chor könnte das Stück noch wesentlich besser singen, wenn er sich sicherer fühlen würde.

Ein paar Dinge waren übrigens anders als meine früheren Chorauftritte in Deutschland oder England.

Positiv: Die Kirchen sind wohnzimmerwarm beheizt. Der dicke Rollkragenpullover, den ich wegen früherer Fröstelerfahrungen in eiseskalten deutschen Kirchen mitgenommen hatte, konnte getrost im Auto liegen bleiben.

Positiv: Die Kirchen haben passend zurechtgesägte Podeste für die Männer, die erhöht hinter den Frauen stehen und so alle problemlos den Dirigenten sehen (wenn sie nicht wieder ihre Nasen in die Noten vergraben).

Negativ und für mich extrem irritierend: Beide Male wurde das Werk durch eine Predigt unterbrochen. Ich habe schon in Gottesdiensten gesungen, dann ist man natürlich in den Ablauf eingebettet, aber dass bei einem richtigen Chorkonzert plötzlich mitten im Stück der Pastor kommt und von Heil und Jesus spricht und betet, finde ich extrem befremdlich. Heute wurde sogar mit dem Publikum ein Choral gesungen. Mit Orgelbegleitung! Und dann singen wir danach mit dem Kammerchor weiter, als wäre nichts gewesen. Für mich ist so eine christliche Werbeunterbrechung extrem störend und gehört meiner Meinung nach nicht in so ein Konzert! Ein Tenor, den ich darauf ansprach, fand das hingegen völlig normal. Es scheint aber auch so, dass die Kirche durch die unterbrechende Predigt irgendwelche Fördermittel bekommt, die ihr aus einem reinem Konzert nicht zuständen. Ja, das liebe Geld …

Mir haben die Konzerte auf jeden Fall großen Spaß gemacht und ich freue mich schon auf den nächsten Dienstag, denn dort wird die erste Probe für das Weihnachtskonzert sein. Ich hoffe, dass meine Basskollegen sich trauen, meine schwedische Aussprache zu verbessern, denn die klingt noch sehr deutsch.


Übrigens: Wer – so wie ich – den russischen Titel dieses Blogartikel nicht lesen kann, er bedeutet: „Vespers von Sergei Rachmaninow“

Übrigens: Wer wissen will, wo ich stehe und singe: Ich bin jener mit der am Abstand am schlechtesten gebundenen Krawatte.

Baby, baby, baby oh!

Vor einiger Zeit schwirrten in den sozialen Medien Links zu einigen Youtube-Videos herum, in denen drei junge Musiker unfassbare Covers von bekannten Popsongs, wie „Rolling in the deep“ von Adele oder „Baby“ von Justin Bieber spielen. Mir haben diese abgefahrenen Arrangements von „Dirty Loops“ direkt schon beim ersten Hören unfassbar gut gefallen und immer wieder habe ich mir die Stücke angehört und jedes Mal sofort gute Laune bekommen.

Als ich im Internet ein bisschen geschaut habe, wer Dirty Loops überhaupt ist, erlebte ich eine Überraschung: Die Musiker sind Schweden und haben zusammen in Stockholm studiert. Doch anstatt einer Schwedentour – worauf ich gehofft habe – verschwand das Power-Trio erst einmal im Studio, um die erste CD aufzunehmen.

Aber heute hatte ich Glück, denn Dirty Loops spielte heute in Piteå, gerade 100 Kilometer von Skelleftehamn entfernt. Das war mit 40 Minuten eines der kürzesten Konzerte, welches ich je gehört habe, aber auch eines der Besten. Das Trio wurde von den geschätzt 300 Zuhörern in dem vollbesetzten großen Saal des acusticum in Piteå wie Popstars empfangen und ich habe selten Konzerte erlebt, die gleichzeitig so intelligente Musik bieten und so viel Spaß machen. Die Kombination von extrem tighten Grooves, strangen Harmonien, hoher Virtuosität und unglaublich originellen Details hat mich sehr angesprochen. Weltklasse!

Doch genug davon. Denn ich liebe es, Musik zu spielen, finde es toll, Musik zu hören, aber über Musik zu schreiben, da halte ich es mit folgendem Spruch

Writing about music is like dancing about architecture.

unbekannter Autor

Ich hatte die Erlaubnis, bei den ersten drei Stücken zu fotografieren. Ich freue mich darüber, dass ein paar Erinnerungsschnappschüsse entstanden sind, aber das nächste Mal höre ich glaube ich einfach wieder der Musik zu, denn so richtig dabei war ich bei den ersten drei Stücken doch nicht.

Jonah: Gesang und KeyboardsHenrik: BassAaron: SchlagzeugDirty Loops in Piteå

Nach vierzig Minuten war da Konzert vorbei. Mit Zugabe. Aber die Länge war genau richtig, denn „Dirty Loops“ betreibt so ein Powerplay, dass man nach dieser Zeit musikalisch satt und zufrieden ist.

Henrik, der Bassist hat mir anschließend erzählt, dass dies tatsächlich das erste richtige eigenständige Konzert unter dem Namen „Dirty Loops“ war. Und dass er ganz schön nervös war. Ich freue mich sehr – fühle mich faktisch ein bisschen geehrt – dass ich bei diesem ersten Konzert dabei sein durfte und immer noch schweben Musikfetzen in meinem Kopf herum. Und wenn es nicht vier Stunden Autofahrt bedeuten würde, dann würde ich mir Dirty Loops morgen noch einmal in Lycksele anhören.

Mari Boine in Skellefteå

Manchmal denke ich, dass in und um Skellefteå nicht viel passiert. So lange das Eishockeyteam gut spielt und man im Restaurant jemandem zuhören kann, der Gitarre spielt und singt, scheint man zufrieden hier. Viel Kultur ist hier nicht zu erwarten, dazu ist die Stadt mit etwa 35000 Einwohnern einfach zu klein.

Es ist frech, was ich hier schreibe, denn es gibt hier viele Chöre, Theater, einen Jazzklub, Rockbands, mehrere Kunstausstellungen und manches mehr. Aber vieles geht an mir vorbei, zum einen, weil ich mich zu wenig darum kümmere, zum anderen, weil man hier nicht groß herausposaunt, wenn mal etwas passiert. Die Bescheidenheit der Schweden, die ja an sich sehr sympathisch ist, ist eben nicht immer zweckmäßig, wenn es darum geht, Veranstaltungen zu vermarkten.


Vor einigen Wochen war ich in dem leerstehenden rosa Haus am Busbahnhof und dachte plötzlich an alte Zeiten. Zeiten, in denen ich noch in Großstädten gelebt habe und es immer irgendwelche Kulturinitiativen gab, die irgendwo einen Raum mit zwei alten verranzten Sofas hatten, in dem man sich traf.

Nie hätte ich vermutet, so etwas in Skellefteå anzutreffen, doch siehe: Es hat sich ein Verein gegründet, der das Haus kulturell nutzen möchte, das Theater Bartolini hat dort schon sein Büro und ich fühlte mich von diesem alternativen Charme, weit weg von EU-Fördermitteln, gleich spontan angezogen. Als ich vor ein paar Wochen in dem Haus war, wurde am Vorabend ein Film gezeigt und die improvisierte Leinwand hing noch.

Die LeinwandDer Zuschauerraum

Auch ein Klavier steht im Obergeschoss, welches natürlich standesgemäß fürchterlich verstimmt ist. Ich muss mal genauer schauen, ob man das stimmen kann, denn dann wäre das auch endlich ein Raum, in dem ich mal ein kleines Jazzkonzert in der Stadt geben kann.


Dieses Wochenende haben sich dann die großen Kulturevents geballt. Internationale Aufmerksamkeit fand die gestrige Eröffnung zu Umeås Kulturhauptstadtjahr 2014. Und es wurde aufgefahren: Eis, Feuer, Lichtprojektionen aus ferngesteuerten Hubschraubern, samische Künstler und und und. Ich habe aber gestern Kulturpause gemacht und bin nicht nach Umeå gefahren. Auf „Jesus Christ Superstar“, welches hier am Wochenende gespielt wurde, konnte ich auch gut verzichten, denn diese Art Musical ist nicht meins.

Warten auf Mari BoineAber neben dem tollen Konzert von Dirty Loops am Freitag gab es heute noch ein schönes Konzert, dieses Mal im Nordanåtheater in Skellefteå: Dort ist Mari Boine, die samische Sängerin zusammen mit der Norrbotten Big Band aufgetreten. Gerade noch habe ich es geschafft, zum Konzert zu fahren, denn das begann schon um 18:00. Und es war richtig schön, auch wenn ich aus Musikersicht nicht alles gelungen fand, denn Mari Boines intimer und teilweise fast zerbrechlicher Gesang ging nicht immer gut mit dem großen Klangkörper einer Big Band zusammen. Aber egal, trotzdem ein schönes Konzert und soviel Kultur am Stück (zwei Konzerte in drei Tagen!) habe ich hier noch nicht erlebt, seitdem ich in Nordschweden lebe.

Dichte Woche

Alles toll! Aber zu viel, zu viel, zu viel! Diese Woche in Vergangenheit und Zukunft:

  • Letztes Meeting vor der Winterschwimmmeisterschaft: morgen
  • Neuen Nikonblitz bedienen lernen: die ganze Woche
  • Kammerchor abgesagt (schade, aber …): wäre heute gewesen
  • Mein Formularframework „decaff“ weiter entwickeln: die ganze Woche
  • Diskussionsclub: Donnerstag Abend
  • Diplome für das Winterschwimmen entworfen: gestern
  • Für das Stück „Gömda men inte glömda“ komponiert und Noten ausgedruckt: gestern. Oder vorgestern?
  • Platz auf der Festplatte für neue Photos geschaffen: heute
  • Packen für die Reise nach Finnland: Freitag
  • Meinen Vortrag für „Attraktionskraft Skellefteå“ planen: ein bisschen, hat noch Zeit
  • Winterschwimmmeisterschaft fotografieren: Samstag
  • R unter Mavericks installiert: gestern
  • Startlisten an den Schwimmclub schicken: morgen
  • zwei Proben mit „Gömda men inte glömda“: morgen und übermorgen
  • Ein flexibles CMS mit internen und externen Datenquellen planen: mehrere Wochen …
  • Als Fotograf nach Luleå, Piteå, Kalix, Kemi und Oulu reisen: Samstag und Sonntag
  • Wäsche waschen (oops, beinahe vergessen): gleich!
  • Bau des Eisschwimmbads auf dem Fluss dokumentieren: heute, morgen …
  • csv-Importer für die Winterschwimm-Webseite geschrieben: heute

Und wer ist Schuld daran? Ich, nur ich! Und würde ich es das nächste Mal anders machen? Nein, genau so wieder! Denn ich fühle mich zwar gerade gut überfordert, geniesse es aber auch, zwischen Programmierer, Musiker, Organisator und Fotograf hin- und herzuspringen. Mehrmals täglich. Und da jede einzelne Aktivität Spaß macht (in unterschiedlichen Graden), geniesse ich den selbstgewählten Trubel, vor allem, weil ich weiß, dass er zeitlich sehr begrenzt ist.

Da ich direkt nach der Winterschwimmmeisterschaft ein paar Tage als Fotograf unterwegs bin, wird es hier ein bisschen still sein, bis ich wiederkomme und x-tausend Fotos gesichtet habe. Dann gibt’s hier auch wieder etwas zu sehen und nicht nur zu lesen.

Musik zum Dahinschmelzen

Dieser Artikel ist Teil der sechsteiligen Serie Journalistenreise mit Boundless Bothnian Bay.

Samstag bis Montag hat „Boundless Bothnian Bay“, ein Projekt, welches die Küstenregion Nordschwedens und Nordfinnland stärken soll, eine Journalistenreise veranstaltet. Zehn Journalisten aus verschiedenen Ländern waren eingeladen, an dieser Reise teilzunehmen und ich war der offizielle Fotograf. So kam ich nicht nur zu einer erlebnisreichen Kurzreise, sondern auch zu meinem ersten bezahlten Fotografenjob.


Samstag mittag: Wir haben Skellefteå verlassen und sitzen im Bus mit Ziel Luleå Gammelstad. Dieses alte Kirchendorf lag einmal im Mündungsdelta des Luleälven, jetzt sind es zwanzig Kilometer dorthin. Das liegt an der Landhebung: Nachdem die Gletscher, die das Land unter sich wie einen Schwamm zusammengedrückt haben, vor vielen tausend Jahren verschwunden sind, begann sich das Land wieder anzuheben. Auch heute hebt sich die nordschwedische Ostseeküste immer noch um einen Zentimeter pro Jahr.

Ich war schon zwei Mal in Gammelstad, einmal vor einigen Jahren mit Sonya und einmal vor ein paar Wochen zum Feuerfest, aber jetzt war ich zum ersten Mal in der alten Nederluleå kyrka, die aus dem 15. Jahrhundert stammt.

Nederluleå kyrkaNederluleå kyrka

Nachdem wir unserem Führer immer wieder davon gelaufen sind, um Fotos zu machen, wurden wir noch von einem Paar eingeladen, welches zeitweise in einem der alten Häuser wohnt. Die Häuser sind recht günstig zu kaufen, aber mit strengen Auflagen verknüpft: Man darf dort nicht permanent wohnen, es gibt keinen Stromanschluss und kein fließend Wasser und so etwas wie eine Satellitenschüssel geht gar nicht! Besonders gut (neben den leckeren Pfefferkuchen) hat mir das kleine Schrankbett gefallen. Aber ich frage mich schon, ob dort Eltern ihre Kinder früher eingesperrt haben, wenn sie nicht gehorsam waren …

Eine Straße in der GammelstadGammelstad mit KirchenblickDie gute Stube. Rechts das Schrankbett, daneben der KaminAltes Schrankbett – Kindergröße

Nachdem ich einen größeren Teil des Gammelstadaufenthaltes damit beschäftigt war, Regentropfen von der Linse zu wischen, war ich nicht böse, dass der nächste Aufenthalt zwar im Kalten, aber zumindest drinnen sein würde: Ein besonderes Konzert in einem großen Iglu.

Und es war wichtig, dass es in diesem Iglu kalt war – idealerweise -5 °C – denn die Instrumente waren aus Eis gebaut. Lediglich die Griffbretter von Geige, Gitarre und Kontrabass bestanden aus Holz. Die Instrumente: Ein Schlagzeug (ohne Becken natürlich), ein Marimbaphon, eine Geige – an der Decke aufgehängt, eine Gitarre, ein Kontrabass und ein Instrument aus gestimmten Röhren, dessen Namen ich nicht kenne. Erdacht wurde das ganze von Tim Linhart, einem amerikanischen Künstler, der vor zehn Jahren nach Schweden kam.

Das große „Konzertiglu“Die Bühne für Sänger und OrchesterEisorchesterTim Linhart, der Schöpfer des Eisorchesters

Ich war gleichzeitig fasziniert und enttäuscht: Den Klang der Instrumente fand ich faszinierend und schön: Die dumpfen sonoren Trommeln, das überraschend klare Marimbaphon und den verblüffend normal klingenden Kontrabass. Nur die arme Geigerin kam mit dem Stimmen kaum hinterher und spielte deswegen manchmal ganz schön schief. Kein Wunder, denn draußen war es warm, das Iglu wegen uns überfüllt und die Geige war am Schmelzen! Da hatte es der Bass besser: Mehr kaltes Eis und leichter zu stimmen.

Am liebsten hätte ich für diese Instrumente komponiert: Musik von Weite und Einsamkeit, von kalten, dunklen Wintern, von dahinziehenden Rentierherden und von knirschendem Schnee und krachendem Eis. Und was spielt das Orchester?

ABBA! Ausgerechnet ABBA! Von vorne bis hinten, rauf und runter. Und zum Mitsingen! Das ist so der kleinste gemeinsame Nenner für jede Art Publikum und funktioniert in Schweden eigentlich immer. Nur ich fand es schade, denn zum einen wurde hier eine großartige Gelegenheit versäumt, dem Klang der Instrumente gerecht zu werden und zum anderen brauchen die Instrumente selbst für ABBA doch ein bisschen mehr Druck und Präsenz, wenn das ganze nicht nach Mittelstufenschülerband klingen soll. Und – tut mir leid, das so schreiben zu müssen – genau das tat es.

Zwischenbemerkung: Hilfe, ich schreibe eine Musikkritik! Das wollte ich doch nie, nie, nie in meinem Leben tun! Na gut, ich lasse das jetzt so stehen und höre mit dem Meckern auf.

Auch an diesem Abend bin ich nicht ABBA-Fan geworden, aber schön war das Konzert und der Abend dennoch. Nur mit dem Fotografieren war ich wieder nicht so recht zufrieden: Es war zum einen wahnsinnig eng und zum anderen extrem dunkel. Erst als ich mich frech nach vorne durchgedrängelt habe und auf der Treppe aus Eis Platz genommen habe, konnte ich ein paar bessere Fotos machen.

MarimbaphonAufgehängte GeigeEis-KontrabassMallets in Aktion

Nach dem Konzert sind wir nach Piteå zurückgefahren, denn dort gab es Abendbrot und die erste Übernachtung. Am nächsten Tag sollte es dann aufs Eis gehen …

Bemerkung für Fotografen: Seht Ihr das Foto vom Inneren der Kirche. Sieht hübsch romantisch und weichgezeichnet aus, nicht wahr? Das war aber nicht geplant, sondern lag daran, dass die Linse leicht beschlagen war. Bei vielen anderen Motiven hätte ich mich sehr geärgert, hier passt es.

Gömda men inte glömda

„Gömda men inte glömda“ – Versteckt, aber nicht vergessen – ist eine Erzählung von Birgit Andersson, die von Nicanor Sandström berichtet. Nicanor ist 1812 in Skellefteå geboren und über sein Leben weiß man recht viel, da man sowohl Geschäftsunterlagen gefunden hat, als auch die Briefe, die seine Tochter Nina aufgehoben hat. Es ist spannend, in die Geschichte einzutauchen, die von Schiffsbau und Sägewerken, von Geburt und Verlust, von Kindern und „Frauenzimmern“ und von alten und neueren Zeiten des 19. Jahrhunderts berichtet.

Ich hatte das Glück, nicht nur als Pianist die Erzählung musikalisch zu begleiten, sondern auch die Musik schreiben zu dürfen. Und nach drei letzten Proben in dieser Woche war heute die Premiere im Stiftsgården. Und das war der ideale Platz, denn die Erzählung handelte auch von diesem alten Anwesen und Plätzen, die man vom Fenster aus sehen kann. Birgit hat sich selbst übertroffen und faszinierte das Publikum mit ihrem energiegeladenen Vortrag. Ich musste fein aufpassen, dass ich meine Einsätze bekomme und nicht nur ihrer Erzählung folge.

Unsere „Bühne“ in der guten Stube

Diese 54 Plätze werden bald restlos besetzt seinEin außergewöhnlich leckeres Buffet

Das Schöne: wir werden noch einige Male dieses Stück spielen: morgen und übermorgen am gleichen Ort, am 25. März beim Berättarfestivalen, und im Sommer drei Mal auf der Freilichtbühne, wenn das Wetter es erlaubt.

Mein Dank geht nicht nur an Birgit für den schönen Abend, sondern auch an die Regisseurin Ellenor, die mich für dieses Stück als Pianisten vorgeschlagen hat. So langsam bekomme ich ein paar Kulturkontakte hier in Skellefteå, was mich sehr freut.

Ein Schloss aus Schnee und Eis

Dieser Artikel ist Teil der sechsteiligen Serie Journalistenreise mit Boundless Bothnian Bay.

Samstag bis Montag hat „Boundless Bothnian Bay“, ein Projekt, welches die Küstenregion Nordschwedens und Nordfinnland stärken soll, eine Journalistenreise veranstaltet. Zehn Journalisten aus verschiedenen Ländern waren eingeladen, an dieser Reise teilzunehmen und ich war der offizielle Fotograf. So kam ich nicht nur zu einer erlebnisreichen Kurzreise, sondern auch zu meinem ersten bezahlten Fotografenjob.


Sonntag mittag: Nach unserer Fahrt mit dem Eisbrecher ging es mit dem Bus weiter nordwärts. Nach einem kurzen Zwischenstopp in Luleå fuhren wir weiter zum nächsten Halt Törehamn. Auf der Fahrt bemerkte ich, dass mein Stativ weg war. Das verdarb mir doch ein wenig die Laune, nicht nur weil das Ding teuer war, sondern auch, weil ich nicht wusste, wie ich den Rest der Reise fotografieren sollte. Aber – det ordnar sig – wie man hier sagt. Zum einen hatte ich noch ein Einbein dabei, zum anderen wurde das Stativ gefunden und ich konnte es am Dienstag bei der Rückreise in Piteå abholen.

Wo war ich stehengeblieben? Ach ja: Törehamn. Von diesem Ort hatte ich noch nie etwas gehört. Seglern hingegen ist er geläufig, da dort eine Boje die nördlichste Stelle der Ostsee markiert und es dazu gehört, diese Boje zu umsegeln. Wir sind brav um die Boje herumgelaufen und haben dann noch ein Gruppenfoto gemacht. Danach gab es erst den berühmt-berüchtigten Surströmming zum Probieren, aber wenn man nicht dabei war, wie die Dose mit der stinkenden Lake geöffnet wird, kann ich die Verköstigung nicht ganz ernst nehmen, denn das gehört einfach mit dazu. Drinnen durften wir dann noch Leckereien mit Fischrogen – einer lokalen Spezialität – und mit Rentierfleisch probieren. Da es recht spät war und wir noch kein Mittagessen hatten, waren die mundgerechten Happen mehr als willkommen.

Die Boje bei TörehamnGruppenfoto (Foto: unbekannt)Surströmming schnuppern„Rom“ – Fischrogen

Dann ging es weiter nach Haparanda/Tornio. Haparanda liegt in Schweden, Tornio in Finnland. Andere Währung, andere Sprache, andere Zeitzone. Wir haben dort aber nur den Busbahnhof, ein Grenzschild und das Einkaufszentrum zu sehen bekommen und ich habe auf das Fotografieren verzichtet. Da war der nächste Halt schon interessanter:

Das Eisschloss in Kemi. Dort war ich 2003 schon einmal und fand es damals ein bisschen langweilig. Inzwischen hat man das Eisschloss aber wesentlich weiterentwickelt und die Skulpturen aus Schnee und aus Eis sind wirklich sehenswert. Hier bekamen wir ein spätes Mittagessen und hatten viel Zeit, uns in Ruhe umzuschauen.

Eisskulptur am Eingang

Das Eisschloss in KemiBlaue EishalleDie EiskapelleRestauranttisch

Schneerelief

Die HochzeitssuiteIch pose am „Kamin“ – Foto: Muriel Françoise

Aber der Tag war noch nicht zu Ende: Wir fuhren weiter nach Oulu, wo wir auch den nächsten Tag verbringen sollten. Auf dem Programm stand erst die Finnische Dampfsauna, die nicht so heiß, aber sehr feucht ist, da ständig wieder Wasser auf den Ofen gegossen wird. Da Frauen und Männer getrennt saunieren gingen, gab es das Abendbrot erst um elf Uhr. Aber das war es wert!

Timo KinnunenIm Programm stand etwas von Akkordeonmusik und ich war sehr gespannt, ob wir eher finnischen Tango oder Schunkelwalzer zu Gehör bekommen werden. Beides falsch. Nach einem hervorragenden Vor- und Hauptgericht spielte uns Timo Kinnunen erst einige romantische Stücke, dann eine barocke Komposition und als Höhepunkt „Dinosaurus“, eine Avantgarde-Komposition von Arne Nordheim mit Zuspielung vom Band. Meiner Meinung nach mit die beste Musik, die ich je zu einem Abendessen geniessen durfte, auch wenn meine Begeisterung nicht von allen geteilt wurde. Ich hoffe, Timo auch mal in einem regulären Konzert erleben zu dürfen, denn er ist ein herausragender Musiker, spielt viel improvisierte Musik in Berlin und ist Professor an der Musikhochschule in Oulu.

Ein wirklich schöner Abend, aber dennoch war ich froh, als ich endlich ins Bett fallen durfte, denn dieser Tag war lang. Morgen würden wir als erstes eine Fahrradtour unternehmen …

Schnee hin und Schnee zurück

Dieser Artikel ist Teil der vierteiligen Serie Winterschwimm-Weltmeisterschaft in Rovaniemi.

Haha, was war ich naiv, als ich dachte, nach meinen hyperaktiven Wochen im Februar würde erst einmal eine ruhige Zeit kommen. Haha!

Jetzt bin ich zurück von unserem Besuch der Weltmeisterschaft im Winterschwimmen in Rovaniemi. Aber bis ich wirklich hier Artikel schreibe und Fotos zeige, wird es noch ein bisschen dauern, denn morgen beginnt das Berättarfestivalen – das Erzählfestival. Letzten Mittwoch haben Mikke und Peter bei mir im Trio die Stücke geprobt, morgen werden wir die einzige Probe zusammen mit Fransesca Quartey und Frida Selander haben, Soundcheck machen und dann geht es direkt los mit der Eröffnung des Berättarfestivalen, die wir musikalisch begleiten. Ich freue mich schon sehr auf das Arrangement von „Over the rainbow“ mit Frida.

Aber morgen habe ich auch noch eine andere Probe, denn übermorgen Abend spiele ich noch einmal Klavier bei „Gömda men inte Glömda“.

Und so schreibe ich heute nur über die Hin- und Rückfahrt nach Rovaniemi der größten Stadt in Finnisch Lappland, bei der wir zwei unterschiedliche Arten Schneefall erlebt haben.

Auf dem Hinweg – es hatte ja schon die ganze Nacht geschneit – Schneefall bei -3 °C. Dann ist der Schnee trocken und jedes Auto wirbelt Schnee auf. Wenn einem dann ein Laster entgegenkommt, sieht man ein, zwei Sekunden gar nichts mehr. „Snörök“ – Schneerauch nennen das die Schweden.

Auf dem Rückweg hat es auf der Fahrt von Rovaniemi nach Kemi heftig geschneit, aber bei +1 °C kommt das Ganze in nassen dicken Flocken herunter. Leichter zu sehen, aber schwerer Spur zu halten. Aber ich brauche mich nicht zu beschweren, denn ich habe mich dieses Mal fahren lassen.

Trockener Schneefall und „Snörök“ auf dem HinwegNasser Schneefall auf dem Rückweg

Über Rovaniemi selbst, die Meisterschaft und mein Treffen mit dem Weihnachtsmann schreibe ich dann die Tage mal.

Alltag: Ein Aprildienstag

Heute vor drei Monaten habe ich über einen Alltag geschrieben: Alltag: Ein Januarmittwoch. Da könnte ich doch wieder einen Artikel schreiben dachte ich und das mache ich jetzt. Fotos gibt’s heute aber keine.

Zur Zeit wache ich immer recht früh auf, da die Sonne schon um fünf aufgeht und das Licht es immer irgendwo schafft, sich an meinen schwarzen Schlafzimmervorhängen vorbeizuschmuggeln. Aber aufwachen heißt ja nicht aufstehen und so verlasse ich das Bett gegen sieben. Ich schaue aus dem Fenster und stutze. Nicht, weil blauer Himmel ist, das haben wir gerade öfters, sondern weil auf Terrasse und Rasen neuer Schnee liegen. Ein Wintereinbruch? Wohl eher nicht, denn die überraschenderweise in der Nacht gefallenen Flocken reichen nicht ansatzweise aus, um den Boden wieder zu bedecken und die Sonne beginnt schon, sie wieder wegzuschmelzen.

Frühstück: Leider ist mein geliebtes A-Fil alle, welches ich immer statt Milch zum Müsli esse. Aber zum Glück ist noch Graved Lachs und Toast da, ein guter Ersatz. Viertel vor acht fahre ich in die Stadt. Rechts—links—rechts und ich bin auf dem Näsuddsvägen. Links die Bucht Killingörviken und bei der Brücke rechts der kleine Bootshafen. Heute war der erste Tag, wo das Eis im Bootshafen so weit zurückgegangen ist, dass ich dort mein Kajak einsetzen und aufs Meer fahren könnte. Der Bootshafen ist keine zehn Gehminuten von mir entfernt und ich hätte schon Lust, jetzt das windstille Sonnenwetter zu einer Paddeltour zu …

… wo bin ich, ach ja, auf dem Weg zur Arbeit. Ich bin als erster da, kurz darauf trudeln meine Kollegen ein. Ich bin bei einigen Meetings dabei, schreibe Migrationsskripte, verbessere APIs und wandele Exceptions in json um – was man eben so als Programmierer tut. Ein kurzes gemeinsames Wer-macht-gerade-was-Meeting, welches wir jeden Tag machen (ein bisschen wie Scrum) und dann geht es zum Mittagessen.

Verlassen wir die Welt der komischen Programmiererfachausdrücke und widmen uns dem „Dagens Lunch“, dem Essen des Tages, welches es mittags in jedem Restaurant gibt. Für 80 bis 100 Kronen bekommt man meistens ein warmes Buffet mit zwei Gerichten, Salat, Brot, Wasser oder Zuckergetränk und anschließend Kaffee. Mit dem „Allstar“ treffen wir heute allerdings eine schlechte Wahl: Die Küche scheint völlig überfordert, die meisten Schüsseln sind leer, eine Mitarbeiterin weiß nicht einmal richtig, was es gibt und das Essen selbst ist auch eher unter der Rubrik „Macht satt“ als „Schmeckt gut“ einzuordnen. Wir haben schon einige schlechte Erfahrungen im Allstar gemacht und waren ewig nicht mehr da. Unsere Idee, diesem Restaurant heute mal wieder eine Chance zu geben, mag ehrenhaft gewesen sein, aber leider nicht von Erfolg gekrönt.

Nach dem Mittagessen gehe ich nicht mit den anderen ins Büro zurück, sondern statt dessen zum „Skatteverket“, dem Finanzamt. Dort habe ich einige Fragen, unter anderem zur Abschreibung von Wirtschaftsgütern, die ich auch schnell beantwortet bekommen habe. Doch dann stelle ich noch eine Frage zum Thema Moms, der schwedischen Mehrwertsteuer und alleine die bloße Benutzung des Wortes „Moms“ bringt alle Berater zum Erbleichen. Ich bekomme aber wenig später ein Telefon in die Hand gedrückt und darf mit einem Experten reden, der mit meine Fragen beantwortet, auch wenn ich mit einer Antwort sehr unzufrieden bin. Aber so ist das eben mit den Steuersystemen.

Wieder im Büro sitze ich wieder am Rechner (etwa ein Drittel der Zeit stehe ich, denn mein Tisch ist höhenverstellbar), doch heute gehe ich schon um Schlag halb fünf und fahre mit dem Auto auf die andere Flussseite. Dort habe ich eine Verabredung mit T. bei sich zu Hause.

Nächste Woche werden es vier Jahre sein, die ich in Schweden lebe. Eine recht lange Zeit. Auch, was meine Möglichkeiten, die Sprache zu lernen, angeht. Ich will mich nicht beschweren, denn ich verstehe fast alles, kann problemlos Bücher lesen und auch alles sagen, was ich will. Aber ich fühle mich immer noch ein bisschen ungelenk und tollpatschig und möchte einfach weiterkommen. Und so habe ich T. vor einiger Zeit gefragt, ob er sich vorstellen könne, mir Schwedischunterricht zu geben. Und das konnte er. Heute ist das erste Treffen, noch weniger Unterricht als ein gemeinsames Ausloten, was ich für Wünsche und Ziele habe. Wir werden wohl viel mit Aussprache arbeiten, denn Vokabeln und Grammatik fand er schon recht gut. Ich freue mich sehr, dass ich jetzt mit der Sprache wieder etwas weiterkomme.

Nebenbemerkung: Wenn ich mit dem Schwedischen zufrieden bin, dann will ich bei T. russisch lernen, denn das kann er auch fließend. Er war es auch, der unserem Chor gezeigt hat, wie man den Rachmaninov richtig ausspricht.

Danach fahre ich zur Musikschule, denn dort ist von sechs bis sieben Oktettprobe und dann direkt anschließend Probe mit dem Kammerchor bis neun. Tja, Oktettprobe – auch so ein Ding …

Am zehnten Mai wird in Skellefteå ein Chorereignis namens „Körmanifestationen“, wo tausend Chorsänger zusammen singen und so ein gemeinsames Konzert geben, stattfinden. Teilweise mit Band, teilweise „a capella“, also ohne instrumentelle Begleitung. Und da bin ich vor ein paar Wochen gefragt worden, ob ich Oktett bei der Körmanifestation mitsingen wollte. Ich dachte – nun ja, ein kleiner solistischer Teil, wo jede Stimme doppelt besetzt ist, warum nicht. Später ging es um Probentermine und ich fragte, welches Stück ich denn üben soll. „Na, alle!“, war die Antwort. „!?!??!“, dachte ich, denn manchmal verstehe ich ja auch etwas nicht ganz richtig. Es stellte sich dann heraus, dass wir acht Sänger Mikrophone bekommen und mit unserem Gesang die tausend anderen Chorsänger beschallen, damit die wissen, wo es langgeht. Meine ersten Gedanke waren: „Olaf, Du blöder Idiot! Warum hast Du nicht vorher gefragt, worum es geht! Was hast Du da schon wieder angenommen! Wann sollst Du dafür üben? Alle hören Deine schlechte schwedische Aussprache! Wann lernst Du mal, Nein zu sagen?!“ Die erste Oktettprobe vor zwei Wochen hat allerdings so einen Spaß gemacht, dass ich mich jetzt freue, dabei sein zu dürfen. Und – Synergieeffekt nennt man so etwas ja heute – die Aussprache kann T. nächste Woche bei meiner nächsten Schwedischstunde verbessern. Prima das!

Drei Stunden Chorprobe, das macht Spaß, ist aber auch anstrengend, zumal mein Abendbrot nur aus einer Banane bestand. Um kurz nach neun sitze ich wieder im Auto, dieses Mal auf dem Nachhauseweg nach Skelleftehamn. Blaue Stunde, im Rückspiegel sehe ich noch die Dämmerungsfarben und vor mir hängt honiggelb ein riesiger Vollmond dicht über dem Horizont. Nur einen Zwischenstopp mache ich noch, ehe ich zu Hause bin: Der Lebensmittelladen Coop in Ursviken hat bis zehn Uhr geöffnet und dort bekomme ich mein geliebtes A-Fil. Nicht nur für das nächste Frühstück, sondern auch für ein spätes zweites Abendessen.


„Um Himmels Willen!“, frage ich mich – mache ich wirklich immer so viel? „Nein, zum Glück nicht – glaube ich.“ beantworte ich mir diese Frage, denn es gibt auch Tage, wo ich nur arbeiten gehe und dann abends noch eine DVD schaue oder ein bisschen Klavier spiele.

Ich nehme mir jetzt vor, genau in einem Monat wieder vom Alltag zu schreiben. Vielleicht klappt es dann, denn zumindest bis jetzt ist „Müllabfuhr“ mein einziger Kalendereintrag für den 15. Mai.

Körmanifestation

Selbstportrait mit HeadsetOlaf mit Mikrophon? Olaf als Sänger? Livekonzert vor tausenden Leuten? Olaf jetzt berühmt und Popstar und überhaupt?

Mikrophon: ja. Sänger: ja. Livekonzert und über zweitausend Zuschauer: auch ja. Berühmt und Popstar und überhaupt: Definitiv nein!!!

Heute am 10. Mai war die Körmanifestation, ein Chorkonzert in der Skellefteå Kraft Arena, bei der etwa 800 Chorsänger beteiligt waren.

Viele Chöre in Skellefteå haben an der Körmanifestation teilgenommen, so auch unser Kammerchor. Als ich zuerst von dem Projekt gehört habe, hielt sich meine Begeisterung in Grenzen, denn die Vorstellung, mitten in einem riesigen Chor zu stehen und gemeinsam Lieder zu schmettern, schien mir nicht besonders erstrebenswert. Aber weil ich schon bei einigen anderen Aktionen des Kammerchores nicht dabei sein konnte, habe ich dennoch zugesagt.

Dann wurde ich gefragt, ob ich beim Oktett mitsingen möchte und habe direkt zugesagt. Denn ich dachte, wir singen ein halbes oder ganzes Stück im Oktett (also nur mit acht Leuten), damit das Programm abwechslungsreicher ist. Gemeint war aber etwas ganz anderes (die Geschichte habe ich schon unter Alltag: Ein Aprildienstag erzählt): Wir im Oktett singen das ganze Programm zusammen mit allen anderen Choristen mit dem kleinen, aber feinen Unterschied, dass wir jeder ein Mikrophon bekommen und verstärkt werden. Die Verstärkung ist aber weniger für die Zuschauer als für die anderen Choristen gedacht, die uns zur Unterstützung aus ihren Monitorlautsprechern hören, da viele Choristen nicht so sicher sind und manche Stücke nicht so einfach.

Und das bedeutet, dass ich möglichst richtig singen sollte, denn ich konnte mich ja nicht in der großen Masse verstecken. Würde ich einen Fehler machen, einen falschen Einsatz, einen falschen Ton, so würde man das recht deutlich hören, zumal manchmal die Chorstimmen geteilt sind und ich dann der einzige bin, der den Bass 1 ins Mikro singt (Schluck!) Zum Glück neige ich nicht zum Lampenfieber, das hätte sonst bestimmt voll zugeschlagen!


Aber machen wir es kurz: Das ganze Konzert heute hat einen Riesenspaß gemacht, sowohl uns als auch den etwa zweieinhalbtausend Zuschauern, die auf der Tribüne gegenüber und auf der Spielfläche saßen – dort, wo sonst Eishockey gespielt wird. Und auch nach dem Konzert war gute und ausgelassene Stimmung, denn bis auf ein paar Kleinigkeiten hat alles sehr gut geklappt. Am liebsten hätten wir gleich eine kleine Tournee gestartet. Natürlich habe ich einige kleine Fehler gemacht und wahrscheinlich einige sehr lustige Aussprachekuriositäten bei den schwedischen Liedern abgeliefert, aber was soll’s, ich bin ja kein Gesangsprofi. Aber vorne hat unser Oktett wohl gut geklungen. Sagt man.

Ein kleiner Auszug aus dem Repertoire:

  • Sköna maj, välkommen und Si god afton och god kväll – schwedische Chorklassiker
  • Agnus Dei – ein Auszug aus dem Requiem von Simon Åkesson, dem Sohn des Chorleiters
  • Fritiof och Carmencita – ein herrlicher Tango von Evert Taube zusammen mit Göran Fristorp
  • Gabriellas sång – aus dem Film „Wie im Himmel
  • I Wish und Livin’ for the city – von Stevie Wonder zusammen mit La Gaylia Frazier und Band
  • Vi är blommor – zusammen mit dem Kinderchor. Sehr anrührend. Ich musste teilweise wirklich weghören, um weitersingen zu können

Eigentlich hatte ich heute noch eine andere Aufgabe. Ich sollte während der Aufführung von oben ein Photo für die schwedische Chorzeitung „Körsång“ machen. Eine Aufgabe, den ich eher ungern annahm, denn irgendwie gleichzeitig zu singen und Photos mit Stativ machen, das passt ja nicht so recht zusammen. Zum Glück für mich stellte ich gestern bei der Generalprobe fest, dass mein Platz ganz oben in der Tribünenmitte die denkbar ungünstigste Perspektive für ein Foto des großen Chores ist. So konnte ich ohne schlechtes Gewissen die Aufgabe wieder abgeben. Da ich gestern bei der Generalprobe getestet habe, habe ich aber wenigstens ein paar Fotos als Erinnerung. Auch das Selbstportrait oben habe ich dort gemacht.

Ein Teil der linken ChorhälfteDer Kinderchor probt

Sieben Kurzartikel

Heute kann ich mich nicht entscheiden,worüber ich schreiben soll, also schreibe ich über siebenerlei Dinge, aber versuche mich, kurz zu halten. Mal schauen, ob’s klappt …

Über das deutsche Brot

Diese Woche habe ich Brot gekauft. Bei Lidl. Deutsches Brot. Seitdem esse ich drei Mal täglich Brot mit Käse und bin einfach begeistert. So lecker und so ungleich dem labbrig-süßem Schwedenbrotersatz! Mit nationalen Identitäten habe ich es ja nicht so, aber wenn ich etwas mit Deutschland verbinde, dann sind es die unzähligen Varianten von gutem Brot. Sollte ich einmal ein heroisches Nationallied für die Deutschen dichten müssen, so käme vermutliches in etwa folgendes heraus.

Oh, tu Teutscher von teutschen Lanten,
Tu bist wie Brot – ganz ohne Scherz!
Tie Kruste hart bis hin zum Kanten,
doch innen frisch und sanft Dein Herz.

Über Flugreisen

Aber wenden wir uns von schlechten Dichtungen aus deutschen Landen ab und Italien zu. Da hätte ich ein paar Wochen sein können. Und da wäre ich auch gerne hingereist, denn Freunde aus München haben dort ein Haus gemietet und nette Menschen eingeladen. Doch eine Flugreise nach New York scheint leichter, schneller und günstiger als eine Reise von Skellefteå nach Florenz zu sein. Unter zwei Mal umsteigen geht ohnehin gar nichts. Dann darf ich mir aussuchen, ob ich in 35 Minuten umsteigen möchte (wie denn?) oder doch lieber 29 Stunden unterwegs sein. Als Alternative darf ich auch gerne 750 Euro zahlen und mehr, dann werden die Verbindungen ein klein wenig besser. Und die meisten Rückflüge starten vor dem Aufstehen, also müsste ich noch eine Hotelnacht in Florenz buchen.

Es ist sehr schade, dass man in Skellefteå so weit weg von Zentraleuropa ist und viele Verbindungen sehr umständlich, zeitaufwändig und teuer sind. Ich habe die Italienreise wieder abgesagt. Doof das, sehr doof!

Über einen Auftritt in Jörn

Nah hingegen ist das schwedische Inland. Jörn beispielsweise (ca. 800 Einwohner) ist nur eine Autostunde entfernt. Dort war ich gestern Abend und habe Musik gemacht. Ein Tenor aus dem Kammerchor hat mich gefragt, ob ich Lust hätte, mit ihm (plus Bass und Schlagzeug) dort zu spielen. Normalerweise nehme ich als Pianist keine unbezahlten Jobs an, aber hier habe ich eine Ausnahme gemacht. Wir haben in einem kleinen Zelt gespielt und obwohl der Auftritt nicht gerade ein musikalisches Glanzlicht darstellte, hat es doch Spaß gemacht, für das kleine Publikum, welches dieses Konzert wirklich zu schätzen wusste, zu spielen. Und bei „Fever“ bemühten sich auch alle redlich, auf zwei und vier zu klatschen, wie es sich gehört. Eine lange Pause gab es, in der Hamburger verkauft wurden, so kam ich auch noch zu meiner Gage: Einen Hamburger für 30 Kronen ;-).

Rudi Kreuzkamm […] hatte behauptet, der Nichtraucher spiele abends, bis in die Nacht hinein, in der Vorstadtkneipe „Zum letzten Knochen“ Klavier, und er kriege eine Mark fünfzig Pfennig dafür und ein warmes Abendbrot.

Erich Kästner: Das fliegende Klassenzimmer

Ich sollte dazu sagen, dass ich freiwillig auf jegliche Gage verzichtet habe, weil die anderen auch keine bekommen haben und ich es doof fand, als „special guest“ behandelt zu werden.

Über das leere Inland

In den anderen Pausen bin ich ein bisschen durch Jörn gelaufen. Ich beneide das kleine Städtchen um seinen Bahnhof! 21:33: Umeå Stockholm, 4:25 Luleå Boden Narvik steht an der digitalen Anzeigetafel, die so gar nicht zu dem schönen alten Bahnhofsgebäude passt. Stell Dir vor, Du wohnst in einem Kaff und kannst, ohne umzusteigen, nach Berlin, in die Alpen und an die Nordsee fahren. So ein Bahnhof ist das. Wie gesagt, beneidenswert!

Weniger beneidenswert ist der Ort an sich – so viele Häuser stehen leer. In manchen hängt ein Schild „Zu verkaufen“, bei manchen sind die Fenster mit Brettern vernagelt und einige rotten einfach vor sich hin. Wie muss das sein, in einem halbleeren Ort zu wohnen und zu ahnen, dass vielleicht nie wieder alle Häuser mit Leben gefüllt sein werden. Denn Arbeit im Inland zu finden ist schwer und die aktuelle schwedische Regierung tut auch nicht gerade viel dafür, um das schwedische Inland am Leben zu erhalten. Schulen werden geschlossen, Krankenstationen verschwinden, Straßenbeleuchtungen werden abgeschaltet. Eine der weniger schönen Facetten Schwedens.

Über die Russenwärme

Bald sitze ich wieder am Digitalpiano im Zelt. Schwitze und trinke Wasser. Denn es ist richtig warm. 27 °C! In Skellefteå waren es schon morgens über zwanzig Grad und mittags haben ein Kollege und ich barfuß am Fluss gesessen und Mittagspause gemacht, während die ersten Sommerschwimmer den immer noch eiskalten Fluss entlang schwammen.

Um zehn Uhr ist unser Konzert in Jörn vorbei und wir fahren wieder zurück in die Stadt und ich nach Hause weiter. Als ich um zehn nach elf in Skelleftehamn ankomme, zeigt das Thermometer immer noch 20 °C an. Solche warmen Tage werden hier „Ryssvärme“ – Russenwärme genannt, weil wir diese Wärme meist dem kontinental geprägtem russischen Klima zu verdanken haben. Im Winter gibt es dann das Gegenstück: „Rysskylan“.

Über das gegen den Wind segeln

Jetzt ist es schon um einiges kühler und morgen wird jede Menge Regen bei Temperaturen von unter 10 °C erwartet. Damit fällt meine vormittägliche Paddeltour wohl aus, aber ich bin gar nicht so böse, denn morgen Abend haben wir unser Frühjahrskonzert mit dem Kammerchor und wenn das Wetter zu schön ist, dann kommt ja keiner.

Wir haben ein gemischtes Programm mit einigen sehr jazzigen Stücken (unter anderem „Waltz for Debby“), da wir zwei Solisten mit dabei haben: Den Jazzpianisten Mathias Algotsson und die Jazzsängerin Margareta Bengtson. Margareta Bengtson ist übrigens ein winzig-kleines Puzzleteil in meiner Schwedengeschichte und das kommt so:

In Essen habe ich damals ein Duo gehabt. Eine Sängerin und ich am Klavier: Die Sängerin hatte Bezug zu Schweden und kam mit einigen schwedischen Volksliedern an: „Kristallen den fina“, „Uti vår hage“ und „Vem kan segla förutan vind“ (Wer kann gegen den Wind segeln). Von dem letzten Lied gibt es eine Einspielung mit dem schwedischen A-Capella-Quintett „The Real Group“ zusammen mit Toots Thielemans. Eine unfassbar schöne Aufnahme, fand ich schon damals und ich habe direkt meine Liebe für die schwedischen Volkslieder, die so viel anmutiger ankamen als so manches deutsche Volkslied, entdeckt. Das war – neben Pippi Langstrumpf aus Kinderzeiten – einer meiner ersten Anknüpfungspunkte mit Schweden. Und bei genau dieser Aufnahme sang Margareta Bengtson Sopran. Es ist wirklich eine tolle Erfahrung, sie jetzt persönlich kennenzulernen – wieder schließt sich ein kleiner Kreis.

Über das Rasenmähen

Natürlich hoffe ich, dass morgen viele Zuhörer kommen und deswegen freue ich mich ja auch über den Regen, der diese Nacht losgehen soll. Davor musste ich aber noch etwas erledigen: Das Rasen mähen! Als ich den Rasenmäher betankt und gestartet habe, war das gleichsam entrüstete wie lustlose Röhren des Benzinmotors selbst durch meinen Gehörschutz deutlich zu hören. Ich glaube fast, mein Rasenmäher mag das Rasen mähen nicht sonderlich. Nun, da haben wir etwas gemeinsam. Ich finde es auch nur mäßig inspirierend, den Mäher über eine lang Stunde kreuz und quer durch den Garten zu schieben. Dass das Ganze so lange dauerte, war meine Schuld: Wieder war ich zu spät dran mit dem ersten Frühjahrsmähen und im sonnigen Vorgarten war das Gras schon bis zu dreißig Zentimeter lang. Da kommt man oft nur zentimeterweise vorwärts. Doch bald war der Rasen gemäht, eine große Schubkarre Gras in den Wald gefahren und wenn es eine Medaille für das späteste Rasenmähen in Skelleftehamn gäbe, so dürfte ich sie mir wohl zum vierten Mal in Folge abholen.


Das waren sieben Kurzartikel. Mit dem kurz halten hat es nicht so recht geklappt, es ist halt leichter, mittellange als kurze prägnante Texte zu schreiben.

Nachgedanken

Was war das für ein schönes Frühjahrskonzert: Wir im Chor haben eigentlich ziemlich gut gesungen und es war toll, mit Margareta Bengtson, die 22 Jahre bei der Real Group gesungen hat und dem phantastischen Jazzpianisten Mathias Algotsson Musik machen zu dürfen. Doch mein größtes Vergnügen war es, den beiden bei ihren unglaublich schönen, geschmack- und phantasievollen Duoimprovisationen zuhören zu dürfen. Und doch …

Als ich im Auto durch den prasselnden Regen nach Hause fuhr, war ich ein bisschen melancholisch. Mathias Algotsson hat 1992-96 an der Musikhochschule in Stockholm studiert. Ich habe 1992-96 an der Folkwanghochschule in Essen Musik studiert. Er ist ein wirklich guter Jazzpianist, besser als ich es jemals war. Und ich frage mich, ob ich dieses Niveau hätte erreichen können. Eine Stimme in mir sagt, ja, das hätte ich geschafft. Doch mein musikalisches Potential und die musikalische Begabung habe ich nie wirklich ausgeschöpft, dazu war ich oft zu zweifelnd und manchmal auch zu faul. Vor allem gibt es so viele andere Dinge, die mich nicht nur interessieren, sondern auch erfüllen. Und die skandinavische Natur ist ein großer Teil davon. Sie vermittelt mir Ruhe und Stille und gibt mir gleichzeitig Kraft und Energie. Hätte ich mich auf mein Jazzpianisten-Dasein fokussiert, wäre ich vermutlich nie in Skandinavien gelandet und definitiv nie, nie in den Norden gezogen. Das würde mir fehlen. Und doch …

Sie fehlt mir, die Musik. Ich beginne, meine Musikervergangenheit zu verklären und zu idealisieren und die doofen Hintergrundsjobs zum Chefetagen-Smalltalk, die desinteressierten Klavierschüler und die eher angespannte finanzielle Lage zu verdrängen. Nein, es war selten erfüllend, als Jazzmusiker zu arbeiten, auch wenn das immer so toll „hip“ klang, wenn man nach dem Beruf gefragt wurde. Es gab schließlich gute Gründe, warum ich den Beruf gewechselt habe und ich kann mir nicht vorstellen, jemals wieder ein Hundert-Prozent-Vollzeitmusiker zu sein. Und doch …

Ich möchte, ich will, nein, ich glaube sogar, ich muss wieder einen Weg zur Musik finden. Meinen Weg zu meiner Musik. Und ich glaube, es ist jetzt dran. Denn die Sehnsucht nach musikalischer Kreativität hat schon ein paar Mal laut an die Tür geklopft. Heute habe ich die Tür einen Spalt aufgemacht und sie hat einen Fuss dazwischen gestellt. So eine Tür lässt sich nur mit Gewalt wieder schließen.

Vor zwei Monaten habe ich gedacht: „Ich lebe im schönen Nordschweden, habe Freunde, Job und Haus mit Flügel. Alles läuft, alles ist gut. ——— (mittellange Pause) ——— Und jetzt? Was kommt jetzt? Wo geht jetzt die Reise hin?“

Vielleicht habe ich heute mein nächstes Puzzleteil für mein Leben gefunden.

Skellefteå und Umgebung erleben

Ein Gastbeitrag von meiner Mutter aus Bremen.

Vier Jahre wohnt Olaf in Schweden – drei Mal waren wir zu zweit, nun ich in diesem Jahr leider allein bei ihm. Die Freude ist doch groß, ihn hier zu erleben, wie selbstverständlich er Schwedisch schnackt, ich verstehe kein Wort, trotzdem schön. Schön, wie viele Freunde und Bekannte er hier gefunden hat, er fühlt sich hier sehr wohl.

Meine Urlaubswoche war ausgefüllt mit Ausflügen und Besichtigungen und fragt man sich, wo sind die Highlights: Sie sind überall. Der Sommermarkt in Burträsk, Spaziergang über die Hängebrücke, Loppis (schwedische Flohmärkte), mal kurz zum Badestrand mit Blick auf die Insel Storgrundet und einmal kurz ins Wasser tauchen (in die eiskalte Ostsee), Skellefteå mit Spaziergang am Skellefteälven, Besuch des Museums mit interessanten Exponaten, Fototouren zu den großen Felsen, Köttbullar essen, mit Auto nach Bjuröklubb zum Aussichtspunkt und den drohenden, fast schwarzen Wolken, fotografieren, am Hafen Graved Lachs kaufen (allerhöchste Qualität), zwei Aufführungen mit einer Erzählung von und mit Birgit Andersson und Olaf am Klavier, Treffen bei lieben Freunden mit vielen anderen netten Menschen und Unmengen an Essen, Waffeln mit Moltebeeren auf einer kleinen Flussinsel.

Fototour abstrakt IFototour abstrakt II

Fototour abstrakt III

Bjuröklubb: leuchtende LupinenBjuröklubb: flechtenbewachsene Steine

Bjuröklubb Hafen: Prasselregen

Gåsören in der SonneWellenmusterAuf der Bühne IAuf der Bühne IINoten lesenFreilichtbühne mit Entenfamilie

So würde ich noch viele weitere Highlights erleben wollen, doch sorry, meine Urlaubszeit hier ist um.

Ich denke, weiter geht es im nächsten Jahr. Olaf, vielen lieben Dank für die schöne gemeinsame Zeit.

Pusteblume

Seele baumeln lassen in Skelleftehamn

Ein Gastbeitrag von Annika.

Dank meines Jobwechsels und damit verbundener kurzer (und gewollter) Arbeitslosigkeit hatte ich dieses Jahr für den Sommerurlaub sagenhaft sechs Wochen Zeit. Die erste sollte mich nach Skelleftehamn führen. Olaf hatte nach unserem Kennenlernen in Abisko im März ja gesagt, wir dürften ihn besuchen. Ralf hatte leider keinen Urlaub, also fuhr ich allein. Etwas aufgeregt war ich schon wieder, wir hatten uns ja erst einmal gesehen, und da gings zwischen Ralf und Olaf immer viel um Fotografie, wovon ich ja nunmal nix verstehe. Aber dann wurde es doch eine sehr tolle Woche.

Wieder war es merkwürdig, all das zu sehen, was ich aus dem Blog „kannte“ – letztes Mal den Menschen Olaf, jetzt sein Zuhause, das grüne Haus, den weißen Flügel, den Keller, der immer getrocknet wird – nach kurzer Zeit war alles schon so vertraut!

Wir hatten durchgehend Traumwetter, so dass wir jeden Tag draußen sein konnten und auch erste Blaubeeren gefunden haben. 30°C-Sommer mit Meer und Baden, das war bislang nie meine Vorstellung von Urlaub, hier habe ich es so genossen.Von meiner Quasi-Premiere im Kajak hat Olaf ja schon erzählt – ich bin gerne wieder dabei!!!

Steinstrand bei BjuröklubbBlumenfotografieStrand bei GrundskatanGiraffenmuster

Paddeltour auf dem Kågefjärden

Und auch von meinem Abschiedsabend auf der M/S Stormvind gibt es ja schon einen Bericht. Dass es die Menschen waren, die Olaf dazu bringen hier zu bleiben, das konnte ich schon nach einem Abend auf dem Boot verstehen. Und so leckeres Essen gabs :-).

Einen Abend war ich dann noch in Skellefteå zum Tango tanzen am Fluss. Auch das war einfach schön und unkompliziert. Die Tangoskällskap Skellefteå schien ziemlich stolz zu seine, dass ich sie extra via google gesucht hatte, aber es war auch wirklich ein toller Abend, und ich habe jetzt zahlreiche neue Tango-Bekanntschaften in Skellefteå, Umeå und Piteå (und die wichtigste Lektion des Abends an eine Tango-Argentino-Anfängerin wie mich: „Never do travel without your tango shoes!“)

Tango am Skellefteälven

Ansonsten bleiben in meiner Erinnerung:

  • Endlich weiß ich, wie Österreich wirklich ist („The hiiiills are alive with the sound of muuuuusic“)
  • meine ersten beiden Intensiv-Lehrstunden in Musiktheorie am weißen Flügel. Jederzeit mehr davon
  • Ich weiß jetzt, wen alle Klavierlehrer in ihren riesigen Kellern eingesperrt haben („The 5000 fingers of Dr. T“)
  • Auch zu Lupinen habe ich jetzt ein völlig neues Verhältnis („Dennis Moore, Dennis Moore …“)
    und Vielesvielesvieles mehr
LånghällanAuf dem Weg zur Fotostelle

Långhällan

Blick auf den SkellefteälvenKatzenfotografie in KusforsNach meinem Besuch in Skelleftehamn bin ich dann vier Wochen durch Schweden (und auch kurz Norwegen) gereist, bin gewandert, habe noch mehr Menschen kennengelernt und meine Zeit sehr genossen. Anschließend durfte ich noch mal nach Skelleftehamn kommen zum Akkus aufladen, Geburtstag feiern undundund. Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.

Ich danke Dir für die schöne Zeit. Und ich käme gerne wieder, schon allein aus zwei Gründen:
1) Ein Gästezimmer, in dem an drei von vier Wänden Bücher über absolut alles zu finden sind, was einen immer schonmal interessiert hat … . Lesestoff für lange Winter.
2) Olaf. Immer eine Reise wert ;-)

Strand von SorgrundetGästezimmer und Bibliothek

Abendliche Bootstour

Heute um fünf habe ich den Rechner im Büro heruntergefahren und damit das Wochenende eingeleitet. Auf dem Weg zum Bus, habe ich an T und J denken müssen, gute Freunde, die ich schon lange nicht mehr gesehen habe. Es wäre nett, sie mal wieder zu treffen. Fünf Sekunden später schaue ich auf und die beiden stehen an der anderen Straßenseite vor mir.

Nach einer herzlichen Begrüßung mit Kram – Umarmung – haben sie mich (a) mal zum Bootsfahren eingeladen und (b) erzählt, dass sie heute noch mit dem Boot raus wollen. Aus (a) und (b), dachte ich, folgt doch (c): Warum nicht eine Bootsfahrt heute zusammen machen?

Anderthalb Stunden später waren wir auf dem Nördfjärden. J sah Fische auf dem Echolot und T hat geangelt, wenn auch an diesem Tag ohne Erfolg. Ich habe mich mehr der Landschaft gewidmet und – wie schon heute früh bei der Fahrt ins Büro – die erste Herbstfärbung an einigen Bäumen erkennen können. Der Hochsommer ist vorbei.

Erste Herbstfarben am UferAngeln – heute ohne Erfolg

Dann sind wir flussaufwärts bis Bergsby gefahren, das ist eine geruhsame Fahrt, denn hier gilt eine Geschwindigkeitsbegrenzung von 5 Knoten (etwa 9 km/h). Als wir auf der Rückfahrt wieder in breiteren Gefilden waren und dort 20 Knoten gefahren sind, war ich über die Kapuze der eigentlich zu warmen Jacke doch froh, denn bei 10 Grad merkt man den kühlen Wind recht deutlich. Nach einem kleinen Schlenker zur Bootstankstelle sind wir wieder in Ursviken angekommen. Leider habe ich überhaupt nicht daran gedacht, meine Badesachen mitzunehmen, sonst hätte ich es T und J gleich getan und auch gebadet.

Geruhsame FlussfahrtSpätsommerbad im Fluss

So kann ein Wochenende gerne für mich beginnen. Freunde, Boot, schönes Wetter. Ich bin froh, heute noch rausgekommen zu sein, denn am Wochenende werde ich trotz der schönen Wettervorhersage drinnen hocken: Schon am Dienstag war die erste Kammerchorprobe nach der Sommerpause, morgen und übermorgen ist Chorwochenende. Dieses Mal singen wir Brahms, Ein deutsches Requiem, welches genau so unschwedisch ist wie der Rachmaninov letztes Jahr und bestimmt genau so viel Spaß macht zu singen. Am Dienstag haben wir uns schon einmal durch die ersten beiden Chöre geschummelt – Blatt singen der anspruchsvollen Art – und ich freue mich auf die morgige Probe.

AÅO-Trio

Am 21. August habe ich mit Åsa und Löwis ein kleines schönes Triokonzert im Café Nordanå gegeben. Nach unserem Auftritt wurden wir vom Jazzklub gefragt, ob wir nicht nächstes Frühjahr eine kleine Minitour spielen wollen. Das wollten wir gerne und deswegen ist auch ein Teil unseres Konzertes jetzt als Demo-Material auf YouTube zu finden. Aus dem gleichen Grund haben wir seit ein, zwei Wochen auch einen Namen: AÅO-Trio.

0:00 – Peel me a grape | 0:57 – Horgalåten | 2:22 – All of me | 3:47 – Marionett
5:37 – I feel pretty | 6:22 – Jag vet en dejlig rosa | 8:32 – Some other time

0:00 – Summertime