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Nordwärts

Vom Leben in Skelleftehamn

Zu den Funktionen

Der schwedische Hyperraum (SHR)

Ich habe mich lange gefragt, nach welchen Verkehrsregeln sich die Schweden auf kleinen Straßen und an kleinen Kreuzungen richten und zwar sowohl die Fußgänger, die Radfahrer und die Autofahrer. Die mir bekannten Verkehrsregeln schien keiner auch nur im mindesten zu befolgen. Und dennoch passiert nichts.

Ich habe jetzt eine quantenphysikalische Theorie entwickelt, die dieses Phänomen erklären könnte: Es gibt einen Schwedischen Hyperraum (SHR). Dieser Schwedische Hyperraum ist ein gekrümmter Extraraum, der ein wenig Extraplatz in der vierten Dimension unterbringt. Dieser Platz steht Verkehrsteilnehmern dann zur Verfügung. Aber nur unter bestimmten psychologischen Konditionen, die ich später erläutern werde.

Das ganze funktioniert so: Egal ob einfach auf der Straße oder an einer Kreuzung: Alle fahren im mäßigen Tempo aufeinander zu. Keiner weicht aus. Der Schwedische Hyperraum sorgt automatisch für den benötigten Extraplatz und verhindert so erfolgreich Kollisionen.

Damit das Ganze funktioniert, müssen allerdings alle Verkehrsteilnehmer verschiedene Bedingungen erfüllen:

1. Mäßiges Tempo fahren. Nicht umsonst gibt es das schwedische Wort lagom, welches in etwa „gerade recht“ bedeutet. Und so müsst Ihr auch fahren. Nicht zu schnell, das schafft der SHR nicht und nicht zu langsam, denn dann bricht der Hyperraum zusammen.

2. Nicht ausweichen. Auf keinen Fall darf man bewusst die Richtung ändern, um anderen auszuweichen. Ausweichen tut man nur Bäumen und Elchen. Wenn Du als Radfahrer links fährt, bleib dabei. Wenn Ihr zu siebt nebeneinander geht, bleibt dabei. Der SHR ist gekrümmt und Ihr kommt aneinander vorbei. Weicht nicht aus, denn dann bricht der Hyperraum zusammen.

3. Augenkontakt vermeiden Mir scheint, dass der SHR nur dann stabil ist, wenn man jeglichen Augenkontakt zu allen anderen Verkehrsteilnehmern vermeidet. Warum sollte man auch schauen, der SHR sorgt ja dafür, dass man problemlos aneinander vorbei kommt. Da mischt sich der Mensch lieber nicht ein. Also schaut auf keinen Fall einem anderen in die Augen, denn dann bricht der Hyperraum zusammen.

Für mich als Deutschen (und als jemand, der in München geradelt ist), ist es ganz schön schwierig, sich an diese Regeln zu erinnern, wenn alle auf Ihren gedachten Fahrlinien auf mich zulaufen, -radeln und -fahren. Und meistens werde ich doch langsamer, schaue jemanden an oder weiche doch aus und eiere irgendwie – verwunderte Blicke erntend – an den anderen vorbei. Und so brauche ich wohl noch ein bisschen Zeit, bis ich den Schwedischen Hyperraum akzeptiere und auch als Fahrradfahrer entspannt auf der linken Seite, ohne auszuweichen und ohne zu schauen, weiter meinem Ziel entgegen fahre.

Liebe Akademiker, hier besteht noch großer Forschungsbedarf:

  • Warum ist der SHR mit der menschlichen Aufmerksamkeit gekoppelt?
  • Gibt es Parallelen zum Buddhismus?
  • Schwingt das Gehirn in eigenen, der Meditation ähnlichen Sigma-Wellen?
  • Ist die Zimtschnecke in Wirklichkeit ein archaisches Modell des SHR?
  • Warum gibt es den SHR nicht in Deutschland? Sind es kosmische Strahlen oder nur die verminderte Corioliskraft?

Hier hat die Wissenschaft noch viel zu tun.

Feste feiern

Ich habe schon nicht über den 6. Juni berichtet, da war Nationalfeiertag. Dies ist ein „roter Tag“, also ein gesetzlicher Feiertag. Abgesehen von ein paar gehissten Flaggen merkt man aber nicht wirklich viel von irgendwelchen Festivitäten. Eher ein ruhiger Extrasonntag.

Ich habe auch nichts über das „Studentexamen“ geschrieben, am ehesten mit „Abifeier“ zu umschreiben, wenn auch nicht zu vergleichen. Das Studentexamen fanden letzte Woche statt. Am auffälligsten: Überall sind Mädels im weißen Kleid und Jungens im schwarzen Anzug, die weiße Mützen – irgendwo zwischen deutschem Polizeikäppi und Kleinbootsführerkapitänsschirmmütze – tragen. Entweder stehen sie kreischend und juchzend auf einem großen Partywagen, der dann mit lauter Schlagermusik durch die Straßen der Innenstadt kurvt oder sie laufen in kleinen Rudeln zu Fuß durch das Zentrum. Aber ehe ich die Kamera zücken konnte, war das alles schon wieder vorbei, vielleicht war es letzte Woche auch einfach zu heiß um lange zu Feiern. Das Ergebnis: Kein Foto, kein Artikel.

Aber jetzt: Heute war der Abschluss des „Miljöfestivalen“, des Umweltfestivals. Zum einen fand ein Fahrradkorso statt. Über 600 „Cyklister“ waren mit am Start. Man hätte gerne die 917 Teilnehmer in Umeå getoppt, aber das hat nicht geklappt. Umeå ist aber auch mehr als doppelt so groß.

Aber das Hauptthema des Tages war die Elmopedturnén 2011, die heute Skellefteå erreicht hat. Dies ist eine Tour mit elektrisch betriebenen Mopeds von Tommarp in Südschweden bis nach Haparanda an der finnischen Grenze im Norden. (Fahren die das wirklich alles selber …?). Anlässlich dieser Tournee waren der Meteorologe Pär Holmgren und die Musiker/Künstler Staffan Lindberg und Fredrik Swahn auf der Bühne, sowohl, um zu unterhalten als auch um Informationen zum Klimawandel zu geben.

Ebenfalls auf der Bühne: Eine Verlosung unter allen Fahrradfahrern, eine Rede und ein kurze und ziemlich durchgeknallte Varieté-Nummer des Theaters. Den Abschluss haben Martin (Gesang) und ich (Klavier) mit einigen Sommer- und einigen Kinderliedern gemacht. Der Auftritt hat zwar gut geklappt, war aber trotzdem undankbar, weil wir zum einen gegen die professionellen Entertainer der Elmopedturné nicht anstinken konnten, zum anderen, weil fast alle Kinder und auch die meisten erwachsenen Zuschauer schon nach Hause gegangen waren. So nett das ganze war, die Programmplanung ist definitiv verbesserungswürdig.

Nach einem Abendessen mit den Beteiligten ging dieser Tag zu Ende. Morgen und übermorgen findet zum wiederholten Male der Creative Summit statt, auf dem verschiedene Sprecher über Themen aus der Kreativbranche sprechen. (was für ein fürchterlicher Satz, aber ich bin müde und der bleibt jetzt einfach so stehen. Man muss nicht alles korrigieren). Das wird bestimmt extrem interessant aber wahrscheinlich auch ein bisschen anstrengend.

Das Programmblatt als pdf (schwedisch)

Midsommarafton

Ich hatte schon geschrieben, dass Mittsommer ein wichtiges Fest in Schweden ist. Mir war aber bis gestern nicht klar, dass schon gestern am Freitag gefeiert wurde, obwohl „midsommar“ erst heute am Samstag ist. Dabei ist das eigentlich ganz einfach und logisch:

Neujahr heißt auf schwedisch „nyår“ oder genauer „nyårsdagen“ (Neu-Jahrs-Tag). Gefeiert wird am Vortag: nyårsafton (Neu-Jahrs-Abend). Weihnachten heißt „jul“, das traditionelle Weihnachtsessen und die Geschenke gibt es am „julafton“ (Weihnachts-Abend). Mittsommer heißt „midsommar“ und wann wird gefeiert? Richtig, am Tag zuvor, dem „midsommarafton“.

Und der war wie gesagt gestern. Ich habe mit Freunden in deren neuem Sommerhäuschen gefeiert. Wir saßen hauptsächlich auf der überdachten Veranda, den es hat ziemlich viel geregnet. Abends waren wir noch in der Sauna und haben uns zwischendurch zur Kühlung im Regen stehend mit dem Gartenschlauch abgespritzt. Irgendwann – wenn es immer hell ist, habe ich die Tageszeiten nicht mehr so richtig im Griff – habe ich dann das Gästezimmer abgedunkelt und mich schlafen gelegt. Und heute war auch schon wieder schönes Wetter.

Ganz wichtig übrigens beim Mittsommer ist das Essen: Hering („sill“), Lachs, Dünnbrot und neue Kartoffeln müssen dabei sein. Und Aquavit! Eigentlich. Denn Schnaps hatten wir zwar keinen, aber ein kleines Trinklied kann man ja auch zum Rotwein singen. Die gleichzeitig gegrillten Fleischstücke waren so groß, dass wir alle pappsatt waren und sogar ich – kaum zu glauben – nicht mehr viel von der Erdbeertorte geschafft habe. Aber die hat heute zum Frühstück auch gut geschmeckt.

Nun habe ich noch fünf Tage zu arbeiten und dann habe ich vier Wochen Urlaub! Ich frage mich, ob ich den Freitag jetzt „semesterafton“ nennen darf, denn immerhin ist es der Tag vor meinem Urlaubsanfang, und das – finde ich – ist ein Grund zum Feiern!

Brückenbau-Arbeits-Sommer-Bade-Stadtfest-Panorama

Manche Tage sind dichter als andere. Von so einem Tag komme ich gerade zurück.

Der Morgen

Knallblauer Himmel – schon am Morgen zwanzig Grad – das schreit danach, mit dem Fahrrad zu fahren. Es ist immer herrlich, wenn man schon morgens oben herum nur ein T-Shirt braucht und in den Sandalen mit den Zehen wackeln kann. Kurz vor der Stadt mache ich eine kurze Fotopause, denn da wird eine neue Brücke über den Skellefteälven gebaut. Da habe ich noch nichts von mitbekommen, da ich diese Strecke nicht so oft fahre. Zum Schluss schlängele ich mich durch das Zentrum, denn heute beginnt das Stadtfest und überall stehen Zäune, Autos, Zelte, Menschen und nochmal Autos.

Arbeit

Ich hätte ja jetzt schon gerne Urlaub, aber bis zum Ende der Woche muss ich noch durchhalten. Im Büro ist es überraschend kühl und die Hitze schlägt uns ins Gesicht, als wir zum Mittagessen aufs Stadtfest gehen. Kein Wunder, denn mit 30.4 °C ist Skellefteå heute laut SMHI-Messungen der wärmste Ort Schwedens.
Das Stadtfest? Wie alle Stadtfeste, aber dazu später mehr.

Danach arbeite ich noch ein bisschen, aber die Konzentration geht gegen null und ich beschließe, eine Badepause zu machen.

Badesee

Kurz darauf sitze ich bei einer Freundin im Auto, sie hat ihren Lieblingsbadesee wiedergefunden. Für schwedische Verhältnisse ist dort einiges los. Ich kann das nicht ernst nehmen, die fünfzehn Leute. Die Luft ist warm, das Wasser des kleinen Waldsees herrlich erfrischend kühl, man möchte gar nicht mehr aus dem Wasser heraussteigen. Und zum Schluß sind wir fast alleine da. Aber … noch habe ich keinen Urlaub, die Arbeit wartet.

Arbeit

Die Kollegen gehen nach Hause, ich bleibe noch. Zum einen habe ich ja eine sehr lange Badepause eingelegt, zum anderen bin ich mit Freunden zum Stadtfest verabredet. Aber irgendwann ist es sechs und ich verlasse als letzter das Bürogebäude.

Stadtfest

Und nachdem alle am Treffpunkt eingetrudelt sind, ziehen wir zu neunt über das Stadtfest. Ich bin – wie schon im letzten Jahr – geneigt zu schreiben, dass alle Stadtfeste gleich sind: Fressgassen mit internationaler Imbissküche, die immer gleichen hässlichen Sweater mit Reggaemotiven, billige Taschen, Losbuden und dazwischen Menschen, Menschen, Menschen. Wo kommen die bloß alle her? Von den Menschen hört man allerdings gar nicht so viel, denn was gehört zu jedem Stadtfest dazu? Richtig, lokale Partybands, die unfassbar schlecht abgemischt sind. Die Musik dröhnt und wummert in Lautstärken nah der Schmerzgrenze durch das Stadtzentrum. Wer etwas mitteilen will, der muss halt schreien.

Aber halt, ein paar Sachen sind ein bisschen anders: Alle Festzelte sind abgeriegelt und alle müssen an der Security vorbei, vermutlich damit keine Minderjährigen Bier oder Wein kaufen können. Da es mehrere Festzelte gibt, besteht die Innenstadt eigentlich nur aus Zäunen, die ein gigantisches Labyrinth bilden, denn jede zweite Straße und fast alle Fußwege enden irgendwann vor einem hohen Drahtzaun.

Das Essen wie oft: Von Fast food (amerikanisch bis asiatisch) bis zu den unvermeidbaren ungarischen Langos wird das ganze Stadtfestessen gut abgedeckt. Aber es gibt auch Toast mit Pfifferlingen und dem lokalen Käse überbacken. Oder Ren als chinesisches Wokgericht. Und knatsch-buntes Gebäck, welches vermutlich im Dunkeln leuchtet. An dem unten abgebildeten Gebäck stand „Blåbär“, aber ich vermute eher, dass dort jede Menge Schlumpf mit drin war.

Auf dem Dach

Ich gehe ins Büro, um meine Sachen zu holen und nutze die Gelegenheit, auf dem Dach des Gebäudes die iPhone-Applikation „Photosynth“ auszuprobieren. Dafür, dass das Programm nichts kostet und ich mir auch nicht wirklich Mühe gegeben habe, ist das Panorama eigentlich ganz gut geworden, auch wenn man teilweise deutlich sieht, wo die vielen Einzelfotos aneinanderstoßen.

Nach Hause

Ich bin immer schon lärmempfindlich gewesen und das ist heute nicht anders. Und so verabschiede ich mich als erster und radele um kurz vor elf wieder nach Hause. Ich genieße die Stille und das herrliche Licht auf dem Heimweg. Und um zehn vor zwölf bin ich auch wieder zu Hause.

Und jetzt geht‘s ins Bett. Aber nicht das im Schlafzimmer, sondern das im Gästerzimmer im Keller, denn da ist es dunkel und herrlich kühl.

Nachtrag

  • Laut Norran, der lokalen Zeitung war gestern mit 31,1 °C der wärmste Tag des Jahres.
  • Gestern war auch ein Drachenbootrennen auf dem Fluss. Da habe ich allerdings nur die Rufe durch den Lautsprecher gehört. Man kann nicht überall sein.

Oldtimer

Eigentlich wollten Delle – ein Freund, der gerade bei mir ist – und ich am Donnerstag bloß noch eine kleine Runde Rad fahren. Als wir dann gerade in Ursviken umkehren wollten, bog ein herrliches Oldtimerauto in die Straße ein. Und noch eins. Und noch zwei. Wie sich dann herausstellte, war ein Treffen der Skellefteåsektion von „Norrlands Motorhistoriker“ in Ursviken und so parkten zum Schluss neun Autos – Vom alten Volvo über Austin, Chevrolet bis zum Opel Kadett B aus den Sechzigern – eines neben dem anderen auf der Wiese.

Oldtimer sind in Schweden ein recht alltäglicher Anblick; vom kugelig-runden Volvo aus den Sechzigern bis zum breiten, historischen Amischlitten. Und fast alle Autos sind gepflegt und perfekt in Schuss gehalten.

Ich bin weiß Gott kein Autonarr, aber diese historischen Fahrzeuge mag ich sehr gerne. Sie sind ein schöner Kontrast zu den immer ähnlicher werdenden Modellen der Neuzeit und so jedes Mal ein Blickfang.

Vor dem Vereinshaus stand dann noch ein uraltes Auto, wohl aus den zwanziger oder dreißiger Jahren. Vor allem der Airbag zeigt deutlich, dass man auch in den Anfängen der Autogeschichte schon sehr auf Sicherheit bedacht war.

Die meisten, aber nicht alle alten Autos in Schweden sind gut in Schuss und fahrbereit. Ich habe gleich die Gelegenheit ergriffen, das rostige, vor sich hin gammelnde Auto zu fotografieren, an welchen ich immer vorbeifahre, wenn ich mit dem Bus in die Stadt fahre. Ich habe eh keine Ahnung von Autos, aber auch Delle musste ein bisschen schauen, eh er an den Radkästen ein altes Logo von Renault entdeckte.

Der erste Advent

Gestern kam Berit, der Sturm zu uns. Aber außer, dass es ordentlich am Haus gerappelt und im Schornstein geheult hat, habe ich nicht viel mitbekommen. Ich bin kurz zur Bucht gelaufen und habe den Rest des Tages sehr gemütlich im Haus zugebracht. Heute hat sich der Sturm gelegt und die Temperaturen sind wieder leicht unter Null gefallen.


Annica und Martin haben mich heute eingeladen, mit nach Byske zu fahren, um dort den Weihnachtsmarkt zu besuchen. Der Weihnachtsmarkt war … übersichtlich. Vor dem „Lars-Nischagården“ waren ein paar Stände, wo Handarbeiten verkauft wurden. Und innen konnte man entweder fika machen, also Kaffee und Kuchen zu sich nehmen oder aber Blöta essen.

Blöta kannte ich noch nicht. Es handelt sich hierbei um in Fleischbrühe eingeweichtes Dünnbrot, welches mit Schinken, Apfelmus und Butter – auch mit Senf – serviert wird. Früher war es ein Arme-Leute-Essen und wurde unter anderem von den Waldarbeitern gegessen. Heute ist es eine nordschwedische Weihnachtsspezialität.

Wenn man glaubt, die schwedische und deutsche Kultur seien identisch, dann muss man sich nur mal die Weihnachtsbräuche anschauen. Während ich überhaupt nicht nachvollziehen kann, was an dem Blöta genannten Pampf (Entschuldigt, Ihr Schweden) so toll oder gar weihnachtlich sein kann, war Martin fassungslos, dass die Deutschen keinen Weihnachtsschinken kennen.

Besser gefallen hat mir das weihnachtliche Fikabröd, so nennt man alles Süße an Keks und Kuchen, was man zum Kaffee essen kann.

Als ich wieder zu Hause war, habe ich mich kurz schlafen gelegt. Ich war unfassbar müde. Ich habe – wie letzten Winter auch – Schwierigkeiten mit meinem Tagesrhythmus, wenn es schon so früh dunkel ist. Als ich aufwachte, war die Temperatur auf null Grad gestiegen. Das heißt meistens, das Wolken aufziehen. Und diese Wolken haben Skelleftehamn tatsächlich den ersten Schnee gebracht. Und diese zwei, drei Millimeter, die gefallen sind, reichen schon aus, um alles ein bisschen heller aussehen zu lassen.

Zum Vergleich, so sah das hier vor einem Jahr aus: Ich wollte Winter Teil 2. Letztes Jahr war der Winter extrem früh dran, dieses Jahr extrem spät. Wetterextreme in Nordschweden.

Das Handy klingelt

Eben bin ich angerufen worden. Auf meinem Handy. Manche Nummern habe ich eingespeichert und dann sehe ich den Namen. Aber oft kennen weder Handy noch ich die Nummer und dann ist es oft sehr spannend, herauszufinden, wer anruft. Erst recht, wenn man wie eben mitten im ICA steht.

Die erste Herausforderung liegt daran, dass fast jeder Mann einen Spitznamen trägt und die alle unglaublich ähnlich klingen. Die Konstruktion geht wie folgt: Nimm den ersten Konsonanten und Vokal, einen Doppelkonsonanten und hänge ein E dran. Fertig ist der Spitzname. Und so wird beispielsweise Lars zu Lasse, Hans zu Hasse, Hjalmar zu Hjalle, Karl zu Kalle, Jan zu Janne und Mikael zu Micke.

Und dann kommt die zweite Herausforderung: Der erste Satz. Da weiß ich meistens noch überhaupt nicht, worum es geht und der Handyempfang ist ja auch nicht immer optimal. Da kommt es dann so manches Mal vor, dass ich nichts verstehe und noch einmal nachfragen muss.

Aber beim zweiten Mal klappt es dann meistens.


Heute lag übrigens ein Zentimeter Schnee – gestern schneite es ja das erste Mal hier ein wenig – und auf dem morgendlichen Weg zum Bus habe ich den ersten Schneeengel gesehen – ich glaube zumindest, es war einer. Und heute Abend rodelten zwei kleine Kinder mit ihren Plastikschüsseln begeistert die abschüssige Berzeliusgatan herunter. Morgen wird der Schnee wohl wegtauen. Schade.

Lucia

Alle, die schwedeninteressiert sind, wissen es längst: Heute ist Lucia. Wer nicht weiß, was es mit dem Luciafest auf sich hat, den verweise ich an den Wikipedia-Artikel, der kann das besser erklären als ich.

Ich bin heute nach der Arbeit am Fluss zur Landskyrka, zur Landeskirche gelaufen. Oder besser gesagt gestapft, denn auf den kleinen Wegen liegt trotz des leichten Tauwetters noch einiges an Schnee. Als ich eine halbe Stunde vor Beginn da war, war ich doch überrascht, wie voll die große Kirche schon war. Aber ich habe noch einen Sitzplatz bekommen.

Obwohl die „Krönung der Lucia“ in einen Gottesdienst eingebettet war, wurde hauptsächlich musiziert. Auf einige Stücke, die von einem kleinen Jugendorchester aufgeführt wurden, folgte eine kurze Predigt. Dann kam – von allen erwartet – der Luciazug: Sieben Sängerinnen kamen in weißem Linnen gekleidet in die nun abgedunkelte Kirche geschritten und sangen, jede eine Kerze in der Hand, „Santa Lucia“. Auf der Bühne wurde dann die Lucia mit einem Kerzenkranz gekrönt und weitere Lieder gesungen.

Ich war überrascht, wie viel die Sängerinnen gesungen haben. Sie begannen mit den typischen schwedischen Lucialiedern, sangen dann aber auch vom Klavier begleitet Stücke wie „When I wish upon a star“ und „Go tell it on the mountain“. Zum Schluss sangen sie dann wieder „Santa Lucia“ und schritten langsam aus der Kirche hinaus.

Als ich noch in Deutschland lebte, dachte ich bei jedem Luciafest an Schweden. Heute war es umgekehrt, denn als in München gelebt habe, habe ich mit dem Svenska Kören, dem Schwedischen Chor so manches Weihnachtskonzert gesungen. Und während ich heute beim Lucialied noch ein bisschen an Münchner Zeiten dachte und gute Freunde, die im fernen Süden leben, ging rumsbums! das Licht an, ein Teil des Publikums stand schon und alles steuerte auf die Ausgänge und die Autos zu. Das ging mir ein bisschen plötzlich.

Pimpelfiske

„Pimpelfiske“, so nennt man hier das Eisfischen. Ich finde ja, dass das Wort ein bisschen lustig klingt und wenn man sich die kleine Plastikangel anschaut, dann erinnert die auch eher an ein Gimmick aus einem Yps-Heft als an ein ernstzunehmendes Angelgerät. Aber man irrt, denn mit dieser Angel kann man Fische fangen, ab und zu so große, wie mir ein Angler erzählt, dass sie nicht durch das Eisloch passen, welches man vorher mit dem großen Eisbohrer gebohrt hat. Heute hingegen gingen die meisten Angler leer aus, die Fische waren woanders. Das kann man tatsächlich sehen, denn der Grund ist sandig, das Wasser extrem klar und keinen Meter tief. Und viele Angler legen sich bäuchlings auf eine Isomatte aufs Eis, um zu schauen, ob vielleicht ein Flussbarsch (abborre) oder ein sik vorbeischwimmt.

Im Grunde braucht man wenig, um Eisfischen zu betreiben: Die meisten haben einen knallbunten Floating Suit an, das ist ein gefütterter Overall, der nicht nur warm hält sondern einem auch im Wasser Auftrieb gäbe, falls man doch einmal einbrechen sollte. Dann kommt als nächstes der Eisbohrer, mit dem man ein Loch ins Eis bohrt. Das ging heute in der Bucht recht schnell, denn das Eis ist nur 20 cm dick. Die meisten Eisangler haben eine Isomatte, in die ein kreisrundes Loch geschnitten ist, so dass sie im Liegen fischen können.

Dann setzt man einen Wurm auf den Haken und lässt ihn an der dünnen Nylonschnur hinunter in das Eiswasser. Da man direkt über dem Wasser ist, braucht die Angelrute auch nicht besonders lang zu sein. Praktisch ist eine kleine Plastikkelle, mit der man das Eis wegmachen kann, welches sich schnell immer wieder auf der Wasseroberfläche bildet.

Wenn man keinen Fisch fängt, dann hält man eben Fika und trinkt Kaffee. Zwei der Angler hatten einen kleinen Grill dabei, auf dem sie Würstchen warm gemacht haben. Sie haben dann Geschichten von den Tagen erzählt, wo sie besonders große oder viele Fische gefangen haben und von Angelplätzen in Storuman und an der norwegischen Atlantikküste.

Zum Schluss hat dann aber eine Anglerin doch noch einen kleinen Barsch gefangen. Nun hofft sie, dass ihr zwölfjähriger Enkel, der noch vorbeischauen will, auch Glück hat und etwas fängt. Das ist eine Sache, die mir schon vorher aufgefallen ist: In Schweden angeln Jungen und Mädchen, Großmütter und Großväter und in den Angelzeitschriften sieht man nicht nur Bilder von heroisch dastehenden Männern im Tarnanzug, die ihren Riesenfisch präsentieren, sondern auch von achtjährigen Mädchen mit ihrem ersten kleinen Fang an der Angel. Angeln – ein Volkssport in Schweden.

Mein Dank geht an die Angler, dafür, dass ich Bilder von ihnen machen und veröffentlichen durfte.


Zum Wetter: Wieder ein grauer Tag. Die Sonnenstunden der letzten zwei Wochen kann man an einer Hand abzählen. Und da es ständig bewölkt ist, ist es mit -7 °C auch recht warm.

Wenn Ihr meint, das sei kalt, dann nehmt einen Globus, legt Euren Finger auf Skellefteå und drehe die Erdkugel langsam nach rechts. Der Finger zieht eine Linie bis nach Norwegen, taucht in den Atlantik und führt nördlich des Vatnajökull über Island. Nach einer Grönlanddurchquerung nördlich von Nuuk und dem Anlanden in Nordkanada werdet Ihr nach einer Durchquerung des Yukon Territory in Alaska ankommen. Inzwischen reist nicht der Finger, Ihr seid es, die hinten auf dem Hundeschlitten steht und Eure Huskies anfeuert. Haltet Euch ein bisschen rechts, bald kommt der Flugplatz von Fort Yukon in Sicht. Der liegt nur zweihundert Kilometer weiter im Norden als Skellefteå. Ich hoffe, Ihr seid warm angezogen und habt die Hunde gut gefüttert, denn just an diesem Flughafen liegen die Temperaturen heute bei -49 °C. Das ist kalt!

Vintersim SM – nur noch ein Tag

Heute ist der letzte Tag vor dem Event: Die Erste Schwedische Meisterschaft im Winterschwimmen in Skellefteå. Und wieder ist es kälter geworden (Laut Kommune heute mittag -27 °C) und wieder war das Eisschwimmbecken am Morgen fast zugefroren. Ich bin aber erst um halb zwölf vor Ort gewesen (leider muss ich ja ab und zu auch mal arbeiten). Heute haben viele die Gelegenheit ergriffen, das Eisschwimmen mal auszuprobieren und eine 25-Meterbahn zu schwimmen. Dabei waren alle mit Gurt und Seil gesichert, weil wir heute keinen Rettungstaucher da hatten.

Bis auf Anna-Carin Nordin, Extremschwimmerin und Weltmeisterin im Winterschwimmen. Sie weiß, wie das geht und sie ist gleich zum „warm werden“ 500 Meter (!) geschwommen. Danach hat es allerdings auch ein bisschen gedauert, bis ihr wieder warm war.


Heute sah ich mehr so aus. Liegend mit Kamera im knallroten Daunenparka (Foto: Lasse Westerlund). Aber morgen gilt’s: Da schwimme ich im „Arrangörs kampen“ auch meine 25 Meter. Und wenn die experimentelle Temperaturvorhersage recht hat, dann könnten uns morgen Temperaturen unter -30 °C erwarten. Da bleibt man vielleicht lieber im Wasser, da ist es mit +0.5 °C wesentlich wärmer.

Unwissenheit schützt vor Strafe

Neulich fuhr ich am fortgeschrittenen Abend von der Stadt nach Hause. Bei Temperaturen unter -25 °C springt der Saab zwar auch ohne Motorwärmer gut an, aber die Gangschaltung fühlte ein bisschen wie ein sechzig Jahre alter Traktor an. So hoppelte ich ein bisschen um die Kurve und sehe hinter mir bunte Lichter. Rot – blau – rot – blau – rot – blau.

Ich fahre rechts ran und meine Vermutung war richtig: Polizei. Sie fragen, ob ich wüsste, warum sie mich angehalten haben (zwei mögliche richtige Antworten). Ich dachte erst, sie dachten, mein Holpern in der Kurve könnte mit fortgeschrittenem Alkoholkonsum zu tun haben (Ich – der auch ohne Auto zu fahren fast nie Alkohol trinkt …), aber nein, das war es nicht.

Zum einen war just an diesem Tag mein Abblendlicht kaputt gegangen. Hatte ich in der Stadt bloß nicht gesehen.

Zum anderen läge ein Fahrverbot für dieses Auto vor. „Was!?“ – schoss mir durch den Kopf, gefolgt von Begriffen wie auto-gestohlen-die-mafia-illegal-jetzt-bin-ich-kriminell. Was war geschehen? Ich hatte die bilbesiktning – das schwedische Pendant zum TÜV – vergessen. Der Termin war gerade um eine knappe Woche verstrichen. Autsch!

Normalerweise bekommt man wohl eine Erinnerung sowohl für diesen Termin als auch für das Bezahlen der Steuern, ich hatte nichts von dem bekommen. Ich habe dann erst einmal gefragt, wie alles vonstatten geht und freundlich Auskunft bekommen.

Dann kam der Hinweis, dass dieses Vergehen 1500 Kronen Strafe kostet. Gefolgt von einer rhetorischen Pause und den Worten, sie würden mir die Strafe aber erlassen. Auf meine Frage, wie es jetzt weitergeht (mein Kofferraum war randvoll mit Sachen) kam dann die Antwort, ich dürfte mit diesem Auto nicht mehr fahren. Punkt. Eine weitere rhetorische Pause. Danach meinte der eine Polizist dann, sie würden jetzt wegfahren. Sie würden dann auch nichts mehr sehen. Und wenn ich dann mit dem Auto trotzdem fahren würde, wäre das allein meine Sache.

Also habe ich ein bisschen im Auto gewartet, mich über die freundlichen Polizisten gefreut und bin dann nach Hause gefahren. Jetzt erschien auch auf der Anzeige ein Hinweis, dass das Vorderlicht kaputt sei.

Montag früh habe ich mein Auto beim Däcktjänst in Skelleftehamn abgegeben, der nicht nur – wie der Name sagt – Reifendienst ist, sondern kompletten Service anbietet. Heute Nachmittag habe ich das Auto wieder abgeholt. Nicht nur mit repariertem Licht und ebenfalls ausgetauschten Bremsleitungen, sondern auch mit der abgenommenen Besichtigung. Ich bin ziemlich erleichtert, denn am Samstag will ich für eine Woche in Urlaub fahren und kann so alle Winterklamotten, Kamera, Schlafsack, Schneeschuhe und was weiß ich alles einfach in den Kofferraum schmeißen. Luxus pur!

Liebe Astrid Lindgren, so sehr ich Deine Bücher schätze, mit deinen Polizistenfiguren hast Du zumindest diesen beiden Vertretern dieses Berufes unrecht getan. Sie waren hilfsbereit und wesentlich entgegenkommender, als sie hätten sein müssen. Vielen Dank dafür!

P.S.: Blasen musste ich übrigens auch, zum ersten Mal in meinem Leben. Ich war fast enttäuscht, dass das Gerät keine 0.0%, sondern nur ein NEG angezeigt hat.

Fettisdagen

Heute ist Fettisdagen – auf deutsch Faschingsdienstag. Aber während in Deutschland die Fröhlichkeit ausgebrochen ist, kümmern Karneval und Fasching hier keinen.

Aber einen kleinen Brauch gibt es und der ist heute das Tagesgespräch: Heute steht nämlich ein Backwerk im Mittelpunkt des schwedischen Lebens, die „semla“. Das war früher Mal eine heiße Wecke mit Milch, aber weil die Schweden erstens gerne süße Sahne und zweitens viel davon mögen, ist es heute eher ein weiches Weizenmehlgebäck, das mit sehr viel süßer Sahne gefüllt ist – quasi eine Art Schweden-Windbeutel.

Und so haben wir heute um halb drei in großer Runde Fika gehalten (die traditionelle schwedische Kaffeepause) und Semlor gegessen.

Für mich ist das etwas, was ich mehr aus Tradition als aus Begeisterung mitesse, denn wie auch bei so manch anderen schwedischen Gebäck ist die Semla einfach nur süß, süß, süß. Unter dem Zuckergeschmack ahnt die Zunge diverse künstliche Aromen, während die Zähne versuchen, in dem pappig-weichen Weizenmehlteig Griff zu finden. Ihr merkt schon, in den Punkten Brot und Backwerk bin ich ein schwedischer Kulturverweigerer (auch wenn ich das weiche Zeugs esse) und ein typischer Vertreter des „Nur Deutsche können Brot“-Chauvinisten. Und da stehe ich zu!

Eigentlich esse ich seit vier Wochen keine Süßigkeiten, keine Chips, keinen Kuchen mehr. Zwei Ausnahmen von der Regel: Die zweite war die Semla heute, die erste war hausgemachte Tiramisu letzte Woche auf Solberget. Auch gute Vorsätze haben ihre Grenzen. Jetzt geht’s aber wieder ohne weiter.

Nach Kiruna

Ich sitze gerade inspiriert und auch ein wenig erschöpft in einem kleinen Apartment in Kiruna. Heute war TEDx Kiruna und ich habe acht sehr unterschiedliche und sehr inspirierende Vorträge gehört. Aber dazu später mehr. Drehen wir die Uhr zwei Tage zurück.

Teil 1 – Die Anreise

Am späten Sonntag Vormittag bin ich mit wie üblich voll gepacktem Auto in Richtung Norden losgefahren. Die geplante Route für den Tag: Skelleftehamn – Piteå – Älvsbyn – Vidsel – Harads – Vuollerim – Murjek – Solberget.

In Vidsel bin ich erst am Abzweig Harads vorbei gefahren, um einen Zwischenhalt am Storforsen, den größten Stromschnellen Skandinaviens, zu machen. Das sah trotz des extrem trüben Wetters sehr beeindruckend aus, da muss ich unbedingt mal bei schönem Wetter zum Fotografieren hin.

Dann bin ich weitergefahren. Vor allem die Strecke von Vidsel nach Harads war erlebnisreich: Da ist mir nach 30 Kilometern doch tatsächlich ein Auto entgegengekommen! Kurz vor Murjek wurde es dann ein bisschen langsamer, da die Straße voller Rentiere stand. In Murjek selbst habe ich Bekannte besucht, die sich damals, als ich im Februar 2012 von Murjek aus einen Job gesucht und ja auch gefunden habe, um mich gekümmert haben. Nach einem gemütlichen Plausch habe ich dann auf den Weg nach Solberget gemacht.

Nach einer Nacht im Bauwagen – da schlafe ich immer hervorragend – habe ich noch gefrühstückt und eines von Dirks zahmen Rens (Ob ich wohl Flechten dabei habe?) und einen Fuchs fotografiert. Der Fuchs kommt jeden Tag, hat sich aber an diesem Tag nicht sehr weit vorgetraut.

Bald habe ich mich bald auf den Weg gemacht, denn die Wettervorhersage sagte ziemliches Mistwetter voraus. Und die Fahrt über Gällivare nach Kiruna war auch alles andere als spaßig: Die meiste Zeit hat es geregnet, geschneeregnet, gepladdert und geschneeregenpladdert. Das Wasser hat sich in den tiefen Spurrillen der alten Straße gesammelt und jedes Mal, wenn einem ein Auto, gerne auch mal ein Laster entgegen kam, musste man sich irgendwie an die Seite drücken, während man eine Fuhre Dreckwasser auf die Windschutzscheibe geschmissen bekam. Ich war froh, als ich gestern in Kiruna angekommen bin und habe mich erst einmal ausgeruht.

Teil 2 – der Dinner Event zur TEDxKiruna

Um halb fünf bin ich gemütlich zum Turistbyrå gelaufen, wo die Taxis uns abholen sollten. Uns, das waren wir alle, die das Dinner Event am Vorabend der TEDx-Konferenz mitgebucht haben. Da stand ich nun. Wer nicht kam, waren die anderen. Und ein Taxi war auch nicht da. Bald stellte sich heraus, dass ich der einzige war, der überhaupt ein Taxi bestellt hatte. Das kam dann auch später und hat mich dann zum Eishotel nach Jukkasjärvi gebracht, wo der Treffpunkt zum Dinner Event war. Dort habe ich dankend darauf verzichtet, mir dort einen Winteroverall auszuleihen, denn wir hatten immer noch leichte Plusgrade.

Wenig später stellte sich dann heraus, dass nur zwölf Personen überhaupt an dem Dinner teilgenommen haben: Einige Organisatoren und sechs der acht Redner. Und ich! Wir sind die Straße zur alten Kirche Jukkasjärvis gelaufen, um dort einen Samen zu treffen, der uns erst einmal Rentiere hat füttern lassen. Die waren vielleicht heiß auf die Flechten.

Dann sind wir in das große Zelt gegangen, in dem ein großes Feuer brannte und haben ein hervorragendes samisches Dreigängemenu genossen, während ich unter anderem mit einem Testpiloten, einem Künstler und einem Astronauten über dieses und jenes geplaudert habe. Schade, dass das Dinner nur kurz war und man nicht die Gelegenheit hatte, sich ein bisschen besser kennenzulernen. Aber auf der anderen Seite war ich auch froh, als ich früh zu Hause war und ich bin kurz nach zehn ins Bett gefallen.

Maiblume

Als ich am Ostersamstag nach Hause kam, sah ich Kinderfußspuren im Schnee auf meinem Grundstück. Hätten mich die Kinder zu Hause angetroffen, hätte ich sie wieder wegschicken müssen, denn ich wusste nicht, dass sich die Kinder Schwedens zu Ostern als „Påskäring“ – als Osterweiber verkleiden und am Gründonnerstag oder eben am Samstag mit rot bemalten Wangen, Röcken und Halstüchern ausstaffiert von Haus zu Haus gehen und Osterbriefe hinterlassen. Und dafür gerne mit „Godis“ – mit Süßigkeiten entlohnt werden. Und Süßigkeiten halten sich nie lange bei mir.


Heute hatte ich es leichter, als Kinder bei mir klopften und fragten, ob ich eine Maiblume kaufen möchte, denn davon hatte ich vorher schon gelesen. Und so habe ich den beiden Mädchen gerne eine Anstecknadel in Form einer Blume abgekauft. (Das war einfach, denn Geld hält sich bei mir länger als Süßes.)

Seit über 100 Jahren ziehen Kinder in den Tagen vor dem ersten Mai von Haus zu Haus und verkaufen Maiblumen, um Geld für bedürftige Kinder zu sammeln. Zum Anfang stand man der Tradition skeptisch gegenüber, da man Wohlfahrt als Aufgabe des Staates sah, doch inzwischen ist es Tradition, eine Maiblume zu kaufen und manche Familie sammelt die Anstecknadeln, die jedes Jahr ein neues Motiv zeigen, seit Jahrzehnten.

Das stand auf dem kleinen Zettel, der der Anstecknadel beilag:

”Majblomman är alla barns blomma och pengarna går till att ge extra stöd till barnen på din egen ort. Insamlingen görs av barn som säljer majblommor. Barn hjälper barn! Så har det varit sedan 1907.”

„Die Maiblume ist die Blume aller Kinder und das Geld geht als zusätzliche Unterstützung an Kinder aus deinem Ort. Die Sammlung wird von Kindern, die Maiblumen verkaufen gemacht. Kinder helfen Kindern! So ist es seit 1907.“

(Danke an Christina für die Übersetzungskorrekturen)

Wer mehr lesen möchte, bitteschön:

Valborgsmässoafton

Gestern habe ich den Valborgsmässoafton – die schwedische Version der Walpurgisnacht – mit einigen Freunden in Kusfors im Café Ångloket verbracht.

Ich wusste, dass überall im Land große Feuer angezündet werden. Ich wusste aber nicht, wie existentiell es ist, große Stückchen Falukorv – eine schwedische Wurst – aufzuspießen und über dem Feuer zu grillen. Das Geschmackserlebnis hält sich in Grenzen, aber am Feuer sitzen und irgendwas hineinhalten macht ja immer Spaß.

Nichts mit Valborg zu tun hingegen hatte die Tipspromenad. An verschiedenen Bäumen kleben Zettel mit einer Frage und drei Antwortmöglichkeiten. Die richtige Antwort muss man auf seinem „Kontrollkupong“ ankreuzen. Ich wusste fast keine Frage, da mir dazu mehrere Jahrzehnte schwedischer Fernsehkonsum fehlten und ich habe mich an gewisse Klassenarbeiten zurückerinnert, als ich wild ratend 1, X oder 2 angekreuzt habe. (Warum das nicht 1–2–3 oder A–B–C, sondern 1–X–2 ist, weiß ich auch nicht).

Um halb elf, als es schon recht dunkel war, gab es dann ein richtiges professionelles Feuerwerk. Danach leerte sich das Café recht schnell und ich habe noch ein bisschen mit aufgeräumt, ehe wir den Abend in kleiner Runde bei Lasse und Martine fortgesetzt haben.

Olaf Vereinsmeier

Bis jetzt stand ich jedem Vereinsleben mehr als skeptisch gegenüber. Ich habe damit immer Kneipenhinterzimmer mit Wimpel, Satzungsstreitigkeiten und tiefstes Spießbürgertum verbunden. In einer Jazzinitiative, in der ich mal Mitglied war, wurden überraschend viele dieser Klischees bestätigt und ich habe mir damals vorgenommen, mich von jeder Gruppe, die ein e. V. im Namen trägt fernzuhalten.

Nun bin ich zwei Jahre in Schweden. Und seit kurzem aktives Mitglied in 2 (in Worten: zwei) Vereinen!

Letzten Monat wurde ich in den exklusiven Club „Mores“ aufgenommen, einem Diskussionsclub in Skellefteå, der 1948 gegründet wurde und der nie mehr als 24 Mitglieder hat. Ich musste ein Jahr lang warten, ehe ich eines Abends feierlich aufgenommen wurde. Jeden Monat trifft man sich, um erst gemeinsam Abend zu essen und dann zu einem bestimmten Thema zu diskutieren. Die Diskussion ist recht förmlich, denn wenn man etwas sagen möchte, so meldet man sich und wird dann auf die Rednerliste gesetzt. Für mich hat das den Vorteil, dass einer nach dem anderen spricht und ich daher praktisch alles verstehe, zumal sich alle bemühen, sorgfältig zu sprechen.

Gestern Abend war die Jahreshauptversammlung von „Föreningen för Mörkrets och Kylans Glada Vänner“, dem Verein der frohen Freunde von Dunkelheit und Kälte, in dem ich seit gestern Vorstandsmitglied bin. (Kein Kunststück, denn so viele sind wir zur Zeit nicht). Die formellen Punkte – auch in Schweden gibt es ein Vereinsrecht – wurden schnell abgehandelt und dann haben wir unsere Aktivitäten geplant. Und es ist nicht wenig, was wir uns vorgenommen haben: Neben einer weiteren Winterschwimmmeisterschaft im Februar 2013 wollen wir die Melankoliade ausrichten, eine Reihe von kulturellen Veranstaltungen, die mit Norden, Melancholie, Dunkelheit und Kälte zu tun haben. Jarkko meinte dazu einmal, dass wir keine „Stand-up comedy“ zeigen, sondern „Sit-down tragedy“.

Früher war mehr als jeder zweite Schwede Mitglied in einem Verein. Viele soziale Kontakte liefen über das Vereinsleben und die „Fika“-Szene in dem schönen Film „Wie im Himmel“ könnte überall so stattfinden. Seit längerer Zeit sinken allerdings die Mitgliederzahlen in vielen Vereinen rapide.


So manches Ich-Wandere-Nach-Schweden-Aus-Buch stellt die Schweden so dar, als ob sie persönliche Gespräche nur im engsten Familienkreis und mit einigen jahrhundertealten Kindergartenfreunden führen und Vereine bräuchten, um überhaupt soziale Kontakte, die über ein „Hej“ beim Einkaufen hinausgehen zu haben. Zum Glück stellt sich zumindest für mich die Realität völlig anders dar. Ich finde es genauso leicht wie in München, Kontakte zu bekommen, Freunde zu finden und Freundschaften zu pflegen. Ebenso wie in Deutschland werden hier verstärkt SMS, Mail und vor allem Facebook für Einladungen und zur Kommunikation benutzt, ohne jedoch Treffen im wirklichen Leben zu ersetzen. Und so sind die Vereine wohl nur noch ihrer Aktivitäten wegen wichtig und nicht so sehr der allgemeinen Sozialkontakte wegen.