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Nordwärts

Vom Leben in Skelleftehamn

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Matfesten

Matfesten“ heißt das viertägige Fest, welches gerade in Skellefteå stattfindet. Ich mag den herrlich nüchternen Namen der Veranstaltung, die übersetzt einfach „Das Essensfest“ heißt.

Um ein großes Zelt sind lauter Stände mit kleinen Küchen aufgebaut, wo man ganz unterschiedliches Essen bekommen kann. Da die Restaurants in Skellefteå nicht gerade – nun ja – besonders vielfältige Küche bieten, habe ich mich in unseren Mittagspausen am Donnerstag und Freitag begeistert auf die Stände mit äthiopischer und libanesischer Küche gestürzt. Und dabei ein bisschen wehmütig an die vielen, tollen Restaurants in München gedacht. (Und die vielen netten Freunde, mit denen man sich dort treffen könnte, aber das ist ein anderes Thema.)

Man konnte auch Lebensmittel kaufen, vor allem Beeren und Pilze. Ich empfinde das aber immer ein bisschen als Schummeln, wenn man Pfifferlinge oder Heidelbeeren kauft, wenn die Dinger im Wald auf einen warten, selbst, wenn ich hier noch keine Pfifferlingstellen kenne.

Heute hatte ich aber mein kleines eigenes Matfest, denn ich habe angefangen, in meinem Garten zu ernten. Ich weiß noch nicht, was ich mit den Unmengen an Äpfeln mache, unter deren Last sich die Zweige des kleinen Apfelbäumchens biegen, denn roh bekommen mir die nicht, aber über die süßen Pflaumen, die langsam reif werden, habe ich mich riesig gefreut. Die kann man auch direkt vom Baum essen.

F-skattebevis

Ich habe einen Brief vom skatteverket, dem schwedischen Finanzamt bekommen. In Deutschland durchzuckte mich bei solcher Post immer ein gewisser Schreck: „Was habe ich falsch gemacht?“. Über diesen Brief aber habe ich mich gefreut, denn er enthielt meinen F-skattebevis.

Das bedeutet, ich habe mal so eben ein Unternehmen gegründet! Das klingt hochtrabender, als es ist. Denn wenn man in Deutschland sagt, man sei selbständig, dann hat man in Schweden gleich ein „eget företag“, also ein eigenes Unternehmen.

Den Anmeldeprozess zur Unternehmensgründung macht man im Internet. Man loggt sich mit seiner Bank-ID ein, das ist eine digitale Identifizierung. Dann hangelt man sich von Formular zu Formular, bis man alle Daten ausgefüllt hat und den Auftrag abschickt. Ich musste bloß noch per Post einen Beweis vom deutschen Finanzamt schicken, dass ich beim deutschen Finanzamt schuldenfrei bin.

Und etwa drei Wochen später kam die Bestätigung, dass ich rückwirkend zum 25. August ein eigenes Unternehmen habe. In den Bereichen

  • 62010: Dataprogrammering (utveckling av programvaror, hemsidor och programmering)
  • 74203: Press- och övrig fotografverksamhet (även flygfotografering; ej porträtt eller reklam)
  • 90010: Artistisk verksamhet (fristående artister, föreläsare, konferencierer, körer, mannekänger, orkestrar, programledare m.fl.)
  • 90030: Litterärt och konstnärligt skapande (även frilansjournalistverksamhet)

kann ich jetzt nebenbei Geld verdienen.

Ich bleibe weiterhin angestellt und verdiene dort den Hauptanteil meines Einkommens. Aber ich kann jetzt auch kleinere Jobs nebenbei machen und richtig abrechnen. Mein Hauptfokus wird dabei auf der Musik liegen (90010), denn in meiner freien Zeit will ich nicht noch mehr Internetprogrammierung machen. Da reicht mir ein Fulltimejob vollkommen aus. Der erste Musikjob steht auch schon fest: Eine Stunde Klavierspielen beim Chemical Management Summit in Skellefteå. ♪|♫♫♩.

Oldtimer

Eigentlich wollten Delle – ein Freund, der gerade bei mir ist – und ich am Donnerstag bloß noch eine kleine Runde Rad fahren. Als wir dann gerade in Ursviken umkehren wollten, bog ein herrliches Oldtimerauto in die Straße ein. Und noch eins. Und noch zwei. Wie sich dann herausstellte, war ein Treffen der Skellefteåsektion von „Norrlands Motorhistoriker“ in Ursviken und so parkten zum Schluss neun Autos – Vom alten Volvo über Austin, Chevrolet bis zum Opel Kadett B aus den Sechzigern – eines neben dem anderen auf der Wiese.

Oldtimer sind in Schweden ein recht alltäglicher Anblick; vom kugelig-runden Volvo aus den Sechzigern bis zum breiten, historischen Amischlitten. Und fast alle Autos sind gepflegt und perfekt in Schuss gehalten.

Ich bin weiß Gott kein Autonarr, aber diese historischen Fahrzeuge mag ich sehr gerne. Sie sind ein schöner Kontrast zu den immer ähnlicher werdenden Modellen der Neuzeit und so jedes Mal ein Blickfang.

Vor dem Vereinshaus stand dann noch ein uraltes Auto, wohl aus den zwanziger oder dreißiger Jahren. Vor allem der Airbag zeigt deutlich, dass man auch in den Anfängen der Autogeschichte schon sehr auf Sicherheit bedacht war.

Die meisten, aber nicht alle alten Autos in Schweden sind gut in Schuss und fahrbereit. Ich habe gleich die Gelegenheit ergriffen, das rostige, vor sich hin gammelnde Auto zu fotografieren, an welchen ich immer vorbeifahre, wenn ich mit dem Bus in die Stadt fahre. Ich habe eh keine Ahnung von Autos, aber auch Delle musste ein bisschen schauen, eh er an den Radkästen ein altes Logo von Renault entdeckte.

Wasser!

Dies ist ein Glas Wasser. Aus der Leitung. Und das habe ich direkt nach dem Fotografieren getrunken. Einfach so.

Am 19. April habe ich darüber geschrieben, dass hier Parasiten im Trinkwasser gefunden wurden. Es waren zwar nur wenige, aber ein einziger reichte schon aus, um einen krank zu machen. Also musste man alles Wasser, welches man als Trinkwasser verwenden wollte, abkochen. Immer wieder musste ich daran denken und vor allem Gäste daran erinnern, kein Leitungswasser zum Trinken, zum Zähne putzen, Gemüse waschen oder Reis spülen zu verwenden und in der Dusche den Mund geschlossen zu lassen.

Währenddessen wurden Proben entnommen, Fehlersuche betrieben und schließlich UV-Filter in die Anlagen eingebaut und die gesamten Leitungen durchgespült.

Und heute um Mitternacht war der Stichtag: Man darf – bis auf wenige Ausnahmen, die noch zwei Wochen warten müssen – nach zwanzig Wochen wieder Wasser trinken. Einfach so. Aus der Leitung.

Hurra!

Kajaktour

Zwei Dinge hat Delle, der mich hier zwei Wochen aus Deutschland besucht hat, hier gelassen: Ein Kajak und einen Salzstreuer. Nun, seinen Salzstreuer hat er einfach vergessen, aber das Kajak blieb absichtlich hier: Ich hatte es kurz zuvor über einen Freund in Oldenburg gebraucht gekauft und Delle hat es auf seinem langen Kombi zu mir nach Skelleftehamn gefahren. Danke, Delle!

Nach einigen Wochen mit eher wechselhaftem Wetter war der heutige Samstag wolkenlos und auch relativ windstill. Ideales Wetter, um mich ins Kajak und das Kajak ins Wasser zu setzen. Zuerst habe ich Ersatzklamotten, Karte, Kompaß, Kamera und Handy wasserdicht gepackt und mit der Schwimmweste ins Kajak geworfen. Dann den Bootswagen drunter geschoben und das Kajak aus der Garage zum Killingören, der nächsten Einlassstelle gerollt. Dann bin ich zurück gelaufen, um das Paddel zu holen. Ich hatte es vergessen! Kommt daher der Begriff „Ich Döspaddel“?

Bald saß ich ich im Kajak und bin den Tunnel unter dem Näsuddsvägen in den Kallholmsfjärden gepaddelt.

Von da aus gibt es einen schmalen Durchlass nach Westen in den Kurjoviken (Danke, kartor.eniro.se für die ganzen Namen) Nach links hatte ich dabei Blick auf die Halbinsel Kallholmen. Die meisten Stellen kenne ich ja, aber vom Wasser aus ergeben sich noch einmal ganz andere Perspektiven. An einem kleinen Sandstrand habe ich einen kurzen Halt gemacht, aber eigentlich nur zum Fotografieren.

Dann bin ich entlang der Insel Rönnskär gefahren, die durch die Industrie, vor allem das Metallschmelzwerk von Boliden geprägt ist. Dies ist auch für mich Neuland gewesen, da man auf die Werksgelände natürlich nicht drauf darf. Sogar am Wasser standen überall Schilder, die das Betreten verboten. Am kleinen Leuchtfeuer am südöstlichen Ende habe ich dann die offene Ostsee erreicht.

Obwohl es windstill war, wurde die See hier doch ein bisschen wellig und kabbelig. Aber das Kajak liegt extrem stabil im Wasser und keine Welle hat es wirklich ins Kajak geschafft. Eigentlich fährt man ja mit Spritzdecke, aber ich hatte den Fotoapparat zwischen den Knien und da wäre ich sonst nicht dran gekommen.

Obwohl die Inseln sehr einladend waren, bin ich weiter an der Halbinsel Rönnskär entlang wieder in den Kallholmsfjärden gepaddelt. Zum einen ist es mir an der Stelle zu weit über das offene Meer, zum anderen hatte ich schon jetzt eine dicke Blase am rechten Daumen. Das nächste Mal doch Handschuhe?

Nach etwa zwei Stunden Fahrt und neuneinhalb Kilometern Strecke war ich wieder am kleinen Bootshafen, wo ich das Kajak wieder auf den kleinen Wagen gestellt und nach Hause gerollt habe. Was für eine herrliche Vormittagstour!

Heute Nachmittag war ich übrigens wieder in der Ostsee baden. Mal sehen, wie lange ich das noch durchhalte, denn heute hatte das Wasser nur noch 13,3 Grad und war ganz schön kalt. Mir fällt hier beim Baden immer wieder auf, wie süß das Ostseewasser hier ist. Vielleicht hat Delle seinen Salzstreuer doch absichtlich hier gelassen.

Curly Lou in Kusfors

Ich komme gerade von einem schönen Konzert wieder nach Hause. Seit Lasse und Martine in Kusfors leben, ist dort das „Café Ångloket“ (Café Dampflok) zu einem kleinen Kulturzentrum im Inland geworden. Und da ist heute Curly Lou mit einer Pianistin aufgetreten.

Das Programm, bestehend aus herrlich alten Chansons, Walzern und Tangos passte wunderbar in das Café, dessen Interieur größtenteils aus der selben alten Zeit stammt. Und das Zuhören hat mir großen Spaß gemacht und mich an so manchen Chansonabend zurückdenken lassen, wo ich selber am Klavier saß.

Es fällt mir zugegebenermaßen manchmal schwer, anderen beim Klavier spielen zuzuhören. Ich würde lieber selber da sitzen und diese schönen Lieder begleiten. (Und hier eher die Terz im Bass und dort noch einen Durchgang zur Subdominantparallele und … .) Aber das kenne ich schon von mir und vielleicht kommt das dem einen oder anderen Musiker auch bekannt vor.

Irgendwann in diesem Jahr spiele ich voraussichtlich selbst ein Konzert mit einem Bassisten im Duo im Café Ångloket in Kusfors. Das wird dann mein erstes Jazzkonzert hier in Schweden sein. Und wenn ich viel Glück habe, ist bis dahin schon das richtige Klavier da und mein Digitalpiano kann im Keller bleiben.

Einmal um Storgrundet

Heute war das Wetter richtig schön und heute Vormittag habe ich – wie die meisten Nachbarn auch – im Garten gearbeitet. Aber am Nachmittag habe ich mein Kajak auf den Bootswagen gestellt und bin zu meinem Hausstrand gelaufen. Das Kajak lässt sich prima mit einer Hand hinter sich herziehen, auch wenn es rauf oder runter geht.

Dann bin ich einmal um die Insel Storgrundet gefahren. Das ist eine kleine Tour von nicht einmal vier Kilometern, aber ich fand sie sehr spannend, da ich die Gegend ziemlich gut von meinen Skitouren im Winter kenne, aber im Sommer noch nie dort war.

Was für ein Kontrast zu den Wintertouren, in denen manchmal alles im weißen Nichts verschwimmt. Jetzt fahre ich im knallroten Boot sitzend durch das tiefblaue Wasser und schaue auf die Inseln mit den teils grün, teils gelb gefärbten Herbstbäumen.

Und es ist warm. Heute Vormittag bin ich sogar draußen im T-Shirt herumgelaufen und unter der dicken Schwimmweste friert man eh nicht so schnell. Und selbst auf dem offenen Meer östlich der Insel rührt sich praktisch kein Windhauch.

Keine Stunde später bin ich wieder am Strand und nur noch ein paar Schleifspuren verraten, dass ich dort, wo ich sonst bade, eben ein Kajak an Land gezogen habe. Fazit: Eine schöne Nachmittags- oder Feierabendstour.

Herbstliches Polarlicht

Die letzten Tage war die Polarlichtvorhersage auf Stufe 4 „Active“ – nicht so schlecht.

Als ich gestern mit dem Auto zum Hotel Scandic Skellefteå gefahren bin, um dort auf dem Chemical Management Summit meinen ersten hiesigen Klavier-Solo-Job zu spielen, hatte ich Stativ und warme Jacke für den Rückweg schon im Kofferraum. Aber ich war schon kurz nach sieben fertig und da war es für Polarlicht noch zu hell.

Als ich um eins (halbgeplant) aufgewacht bin und aus der Tür geschaut habe, war tatsächlich schwaches Polarlicht über den halben Himmel bis zum Zenith zu sehen. Ich bin dann mit dem Auto zu Storgrundet gefahren, dem Strand, an dem ich vor einigen Tagen noch eine kleine Kajakrunde gestartet habe. Dort sind die folgenden Fotos entstanden:

Was war ich froh, eine warme Jacke dabei gehabt zu haben. Es war zwar nicht sonderlich kalt, aber sehr windig und ich sehr, sehr müde. Das Polarlicht ist noch recht fahl gewesen, aber ich freue mich über jede klare Nacht, an der man das Polarlicht hier sehen kann. Auch wenn der dringend benötigte Schönheitsschlaf darunter leiden sollte.

So, jetzt den Artikel schnell online stellen und weiterarbeiten, denn ich sitze gerade im Büro …

Aus Deutschland

Schweden ist toll. Aber es kann einem – wie alle anderen Länder der Erde auch – nicht alles bieten. Und so importiere ich gerne das eine oder andere „aus deutschen Landen“.

So zum Beispiel handwerkliche Hilfe. Hier im Norden dauert es etwa dreihundertundsieben Jahre, bis man einen kundigen Elektriker ins Haus kommt. Und ich bin riesig froh, dass mir Delle, der mich hier im September besucht hat, geholfen hat und einen Großteil der alten Elektrik aus den vierziger Jahren fachgerecht gegen moderne Kabel und Bauteile ausgetauscht hat. Seitdem schlafe ich wieder ein bisschen beruhigter, vor allem wenn man sich anschaut, welche prähistorischen Bauteile sich hier vorher in den Wänden versteckt haben.

Bei Delle möchte ich mich ebenfalls für das Brot bedanken, welches er mir letzte Woche geschickt hat. Da das Motto der schwedischen Brotkultur eher „weiß und weich“ ist, war es ein großes Vergnügen, mal wieder in ein herzhaftes Brot hineinzubeißen. Und nein – ich war bis jetzt noch zu faul zum Brot selber backen. Kein Foto hingegen gibt es von den beiden kleinen Nusskuchen, die meine Mutter gebacken und mir geschickt hat. Denn beide Male, als ich einen Kuchen gerade ausgewickelt hatte, war mein erster Gedanke „Essen!“ und nicht „Äh, da könnte ich jetzt eigentlich mal’n Foto für das Blog von machen.“ Aber Ihr wisst bestimmt, wie Nusskuchen aussieht, stellt ihn Euch einfach vor, ja?

Von meiner Mutter kam vor Wochen auch ein anderes Paket; ein großes flaches. Und ihn dem waren zwei Ihrer wunderbaren abstrakten Bilder, die, nachdem sie einige Monate in einer Ausstellung hingen, nun frei waren, mein Wohnzimmer zu schmücken. Und das tun sie! Vielen Lieben Dank noch einmal für dieses tolle Geschenk!

Und sonst? Schöner Job mit Klavier (ich) und Gesang (Martin) am letzten Freitag +++ Dort viele Bekannte getroffen +++ Auf meinem Auto sind wieder Winterreifen +++ Morgens ist es meist glatt und unter null, aber Schnee ist nicht in Sicht +++ Am Freitag geht’s nach Deutschland, Familie und Freunde besuchen +++ Die Tage sind schon recht kurz

Jazzkonzert

Gestern habe ich das erste Mal seit meiner Tour mit Sabine Kühlich, Sheila Jordan und Stefan Werni im März letztes Jahres wieder ein Jazzkonzert gespielt, mit einem Bassisten im Duo. Kaum zu glauben, dass die Tour schon wieder so lange her ist. Damals lebte ich noch in München.

Seit Lasse und Martine in Kusfors leben, hat sich das Café Ångloket zu einem kleinen, aber feinen Kulturzentrum entwickelt. Vor habe ich hier noch Curly Lou zugehört, habe ich selber gespielt; mein erstes kleines Jazzkonzert in Schweden.

Gestern Vormittag kam Anders „Löwis“ Löfgren zu mir und wir haben die Stücke für den Abend abgesprochen und einige Stücke geprobt. Löwis spielt Kontrabass (und E-Bass) und das Einzige, was ich über ihn wusste, war, dass er sehr gut spielen soll. Und so war ich mächtig gespannt auf die gestrige Probe, die unser erstes Zusammentreffen war. Aber schon beim ersten Stück wurde klar, dass Löwis nicht nur sehr professionell spielt, sondern auch, dass wir gut zusammenspielen, und das Konzert am Abend bestimmt schön werden würde.

Nach einer Autofahrt durch Nacht und Nebel war ich auch auf das neue alte Klavier gespannt, dass gerade eine gute Woche zuvor ins Café gekommen war. Das alte, große und schwere Instrument war zwar schon wieder ganz gut „out of tune“, obwohl es gerade vor einer Woche gestimmt wurde, aber ich spiele lieber auf einem verstimmten Klavier, als auf meinem sich nach Plastik anfühlenden und nach Plastik klingenden Digitalpiano. Und der eigentliche Klang von dem Klavier war richtig gut.

Wir haben zwei Sets gespielt mit einem bunten Gemisch aus mehr oder minder bekannten Jazzstandards, einer Komposition eines schwedischen Pianisten und drei Stücken von mir. Eines meiner Stücke hatte Premiere, ich hatte es vor einigen Wochen extra für das Konzert geschrieben. Mir hat der Abend sehr gut gefallen und vor allem das Zusammenspiel mit Löwis hat mir großen Spaß gemacht. Ich glaube, dass ihm das ebenso ging, denn man hört ja, ob der andere nur Musik nach Vorschrift spielt („amtlich!“) oder mit einem kommuniziert und sich musikalisch austauscht.

Was aber auch toll war, war das Publikum in Kusfors. Etwa dreißig Leute waren gekommen, die wenigsten davon Jazzfans. Aber alle waren einfach offen für das, was an dem Abend passieren würde, extrem aufmerksam und mir ein hundert Male lieberes Publikum als die ganzen selbsternannten Jazzexperten, von denen man auf so manchem Konzert mit muffelig-kritischem Blick aus der ersten Reihe angestarrt wird.

Danke, Löwis für das schöne Zusammenspiel,
danke, Lasse und Martine für die Organisation,
danke, Julija für das leckere Essen,
danke, Elisabet für das oben verwendete Foto,
danke, Publikum für Euer dabei sein.

P.S.:

Zum einen: Nein, es war leider nicht möglich, einen Livestream nach Deutschland zu schalten. Aber es wurden einige kurze Videos mit einem iPhone gemacht, die ich jedoch noch nicht bekommen habe.

Zum anderen: Wer glaubt, nur weil gestern der 11.11.2011 war, ich habe Karnevalslieder gespielt, der irrt gewaltig. Denn wenn in Deutschland pünktlich um elf Uhr elf die Fröhlichkeit ausbricht, bin ich gerne weit weg. Räumlich, gedanklich und auch musikalisch.

Mein erster Vortrag auf Schwedisch

Mein gestriges Jazzkonzert in Kusfors habe ich mitgeschnitten. Meinen Vortrag heute auf dem Treffen des Skellefteå Byautvecklingsråd (Stadtentwicklungsrat) aber nicht. Denn Klavier spielen kann ich, während mein Schwedisch immer noch ziemlich naja ist. Aber ich will mich nicht beschweren. Wenn ich heute dreißig Minuten freies Reden auf Schwedisch durchhalte, kann es ja soo schlecht, wie ich immer selber denke, nicht sein.

Aber von Anfang an: Ich bin vor kurzem gefragt worden, ob ich nicht als Zugereister meine persönlichen Eindrücke von Skellefteå teilen und auch ein paar Fotos aus meinem Blog zeigen möchte. Das habe ich gerne zugesagt, auch wenn ich dafür die letzten Tage so manche späte Stunde noch am Rechner gesessen habe.

Ich habe über vier Themen gesprochen: Die Klischees der Deutschen über Schweden, wie und warum ich hierher gezogen bin, über die Vorzüge und auch Nachteile der Region sowie zum Schluss anhand einiger Fotos über das große Potential der touristischen Entwicklung in und um Skellefteå.

Ich war ein bisschen ängstlich, nicht der Sprache wegen, sondern weil ich auch einige Punkte der schwedischen Mentalität kritisiert habe. Aber mein Vortrag wurde überraschend positiv aufgenommen und einige Punkte direkt im Anschluss diskutiert. Und ich habe ein schönes Wort kennengelernt:

Schwedischübersetzung des Tages:hemmablind – betriebsblind. (Wörtlich: Zu-Hause-Blind)

Danach war ich rundum zufrieden: Gestern ein schönes Konzert gespielt, heute meinen ersten Vortrag auf schwedisch überlebt und morgen den ganzen Tag frei. Toll!

Wo bleibt der Winter?

frage nicht nur ich mich inzwischen. Am Donnerstag hatten wir noch +9 °C. Um elf Uhr Abends! (Vor einem Jahr war es viel kälter, da lag schon die Tageshöchsttemperatur nur bei -9 °C.)

Gestern war es etwas kälter, nur noch knapp über Null. Ich war überrascht, dass die Bucht bei Ursviken trotz der Wärme in den letzten Wochen schon am Zufrieren ist.

Fährt man ein paar Meilen ins Inland, so sind dort sogar größere Seen schon komplett vom Eis bedeckt, auch wenn es noch sehr dünn ist. Die Kälte ist also schon ein kleines bisschen da, bloß der Schnee … . Der kleine Skihang sieht so wirklich trostlos aus und die schnell aufgezogenen Wolken, die aus dem blauen einen grauen Himmel machten, verbesserten den Eindruck nicht wirklich.

Auf dem Weg nach Kusfors habe ich dann die ersten Schneeflocken gesehen. Man hätte sie einzeln zählen können, wenn es nicht schon so dämmrig gewesen wäre, so wenige waren es.

Abends in Kusfors klarte es wieder auf und wurde das erste Mal kalt. Schon um sechs waren es -7 °C und um Mitternacht, als ich ins Bett ging, -11 °C. Am Morgen waren schon wieder Wolken da, aus denen leise kleine Eiskristalle rieselten. Um das Dach des alten, baufälligen Schuppens ein bisschen weiß zu bepudern, hat’s gerade ausgereicht.

Für mittags war dann Schnee angekündigt, immerhin so 5-10 cm mit Weterwarnstufe eins. Also bin ich nicht zu spät nach Hause gefahren. Aber hier ist das Thermometer von -9.2 °C schon wieder auf +1.0 °C gestiegen und der angekündigte Schnee bleibt ebenfalls aus.

Und wenn ich mir so die Wetterprognosen anschaue, dann werde ich mich noch ein bisschen länger fragen: Wo bleibt der Winter?

Nachtrag: Kurz nachdem ich diesen Artikel veröffentlicht habe, fing es hier an zu regnen. Jetzt mischt sich ein bisschen Schnee mit rein. Die Straßen sind nass. „Ruhrgebietswinter“.

Crazy Creative

Gestern, morgens um halb neun: Siebzehn Menschen treffen sich, werden in vier Gruppen aufgeteilt und haben die Aufgabe, in der Gruppe Ideen zu entwickeln, die gut für Skellefteå sind. In welcher Form auch immer. Unsere Gruppe: Nicht gerade sehr zielgerichtet, aber viele, viele Ideen. Für Einwohner, für Touristen und für die, die hier hinziehen wollen. Und wieder einmal das gleiche Resultat: Es gibt schon vieles, man muss aber auch über die Dinge reden, sie publizieren, bewerben, vermarkten.

Da es allgemein so ist, dass hier viele Ereignisse sehr schlecht bis gar nicht vermarktet werden, weiß auch keiner, was alles Gutes hier passiert. Eine andere Gruppe hatte daher nach den zweieinhalb Stunden kreativen Zusammenhockens die Idee für eine „Anti“-Werbekampagne: „Vad händer i Skellefteå? Ingenting!“ – „Was passiert in Skellefteå? Nichts!“.

Danach: Mittagessen und mingel.

Schwedischübersetzung des Tages:mingel – Socializing, gemütliches Beisammensein, reden, Leute kennenlernen …

Die erste Winternacht

Heute Nacht um halb eins: Minus sieben Grad, sternklarer Himmel und die Nordhälfte ist mit blassem Polarlicht bedeckt. Der Schnee knirscht unter den Stiefeln, als ich im Garten stehe. Meine erste richtige Winternacht in dieser Saison.

Noch mal kurz schauen, ob das Polarlicht stärker wird, sonst geht’s ins Bett. Moment …

… wird nicht, also Bett. Gute Nacht.


Ich finde, das ist ein guter Anfang. Heute vor einem Jahr lag hier schon extrem viel Schnee und ich finde, da kann ruhig ordentlich was an Schnee runter kommen die nächsten Wochen.

Licht

Wo viel Schatten ist, ist auch viel Licht.

Das geht schon mit den fantastischen Morgenstimmungen los, die wir hier so manchen Tag haben. Schon beim Blick durch die von Reif bedeckten Fenster meines Wintergartens haben gezeigt, dass es an der Ostsee bestimmt schön aussieht. Also habe ich heute das Auto genommen und einen kleinen Abstecher zum Fotografieren gemacht.

Nach der Arbeit war es draußen natürlich stockdunkel. Aber seit einigen Tagen ist die gesamte Innenstadt mit Licht geschmückt. Breite Bündel von Lichterketten hängen über einem Teil der Fußgängerzone, Die wenigen Alleebäume sind komplett in Licht gekleidet sind und auch ein großer Weihnachtsbaum steht auf dem Torget, dem Marktplatz.

Die mit gelblichem Licht ummantelten Bäume wirken richtig warm und gemütlich. Man denkt an Kerzen und Kamin. Leider macht das kalte Licht, mit dem Lichterketten und Weihnachtsbaum bestückt sind, einiges an Gemütlichkeit wieder zunichte. Wer, bitte schön, denkt sich so etwas aus!

Auch am Fluss holt man sich Licht in die dunkle Stadt. Und bei den gestaffelten Sitzreihen am Fluss mit ihrer strengen Linienführung darf das Licht auch gerne kalt-blau sein. Dort passt es. Die Solaranlage in der Stadt hat nicht viel zu tun, denn viele Sonnenstunden haben die Tage nicht mehr.

Gefallen hat mir dann wieder Bonnstan, die alte Kirchenstadt mit ihren Blockhäusern. Die Wege sind nur teilweise beleuchtet und lassen die Holzhäuser geheimnisvoll aus ihren Schatten treten.

Schwedische Meisterschaft Winterschwimmen

Eigentlich hab ich’s ja so gar nicht mit Vereinen. Eine Ausnahme mache ich für „Den Verein der frohen Freunde von Dunkelheit und Kälte“ oder auf Schwedisch: Föreningen för Mörkrets och Kylans Glada Vänner. In diesem Verein schaffen wir positive Erlebnisse im Zusammenhang mit Dunkelheit und Kälte in den nördlichen Regionen.

Heute war die Pressekonferenz zu unserem ersten Projekt, welches im Februar dieses Jahres In Joensuu in Finnland seinen Ursprung hatte: Wir richten die erste Schwedische Meisterschaft im Winterschwimmen aus. Am 4. und 5. Februar 2012 wird der Wettbewerb hier in Skellefteå im Fluss stattfinden.

Am Anfang der Woche hat Lasse zu der heutigen Pressekonferenz eingeladen und sofort haben alle großen Zeitungen darüber berichtet. Und wenn man heute bei Google nach vintersimning skellefteå 2012 sucht, so erhält man schon über tausend Treffer. Es scheint ein wirklich großes und breites Interesse an diesem Ereignis zu bestehen.

Mikael und Jarkko haben heute für die Presse und Fernsehen im Fluss gebadet. Die Armen! Mit 1 °C Wassertemperatur war es schon richtig kalt, doch das sind die beiden gewohnt. Aber heute war es sehr windig. Und dann nass und nackt Interviews geben, das stelle ich mir extrem ungemütlich vor. Ich stand daneben und hatte Mütze und Schal an plus Kapuze auf.

Vor allem Martine, die das Projekt leitet, hat viel zu tun. Hinter der Meisterschaft steht eine umfangreiche Infrastruktur. Vom Rettungsschwimmer bis hin zu Umkleideräumen will noch viel organisiert werden. Ich werde mich jetzt um eine Webseite kümmern und deutsche Vereine ansprechen, denn die Teilnahme steht grundsätzlich jedem offen.

Apopros Teilnahme: Ich habe heute übrigens gelernt, dass ich schon Winterschwimmen gemacht habe. Dazu muss das Wasser nämlich „nur“ unter zehn Grad haben, und das habe ich vor sechs Wochen locker unterboten. Ob ich aber am Wettbewerb teilnehme, weiß ich noch nicht. Ich bin nämlich ein lausig schlechter Schwimmer.

Danke an Marianne für das erste Foto in diesem Artikel.

Nachtrag:

Jetzt sind zwei Videos von heute online. (Auf schwedisch).

Heute in Skelleftehamn

Heute war Skyltsöndag in Skelleftehamn und damit einiges an weihnachtlichem Trubel. Nach wie vor ohne Schnee, deswegen hat man das Bobrennen auch auf Gefährten mit Rädern veranstaltet.

Der Weihnachtsmann macht Soundcheck, Pippi Langstrumpf, Karlsson vom Dach und Michel von Lönneberga werfen Bonbons vom Dach und die Kinder tanzen um den Weihnachtsbaum. Schade, dass deren Gesang vom völlig überflüssigen „feliz navidad“ aus der Konserve übertönt wird.

Über der Straße leuchten elektrisch die Sterne und lange Reihen von großen Kerzenlichtern verwandeln die Straße in eine Einflugschneise.

Mit Schnee wäre die Veranstaltung wahrscheinlich sehr gemütlich und eben weihnachtlich gewesen, bei diesem langweiligen Regenwetter kommt aber nicht nur bei mir keine Weihnachtsstimmung auf. Nächste Woche könnte es aber vielleicht kälter werden und auch Schnee geben. Kanske.

Schwedischübersetzung des Tages:kanske – Vielleicht. (Ein wichtiges Wort in Schweden)

Schnee!

Heute morgen bin ich aufgewacht und draußen alles war weiß. Schnee! Ich bin im Schneefall zum Bus gelaufen und auch in der Stadt hat es noch einige Stunden weiter geschneit. Große Mengen sind nicht heruntergekommen; in der Stadt vielleicht 6 cm und in Skelleftehamn die Hälfte. Aber schön sieht das dennoch aus.

Jetzt ist wieder die Zeit gekommen, wo man den ganzen kurzen Tag herrliche Lichtstimmungen hat, da die Sonne auch mittags kaum höher als drei Grad steht. Und das iPhone hat sich heute in der Mittagspause große Mühe gegeben, die winterliche Atmosphäre einzufangen:

Nach der Arbeit habe ich noch ein paar Bilder am Meer gemacht, wie so oft vor der Insel Storgrundet. Zum einen kommt man da gut hin, zum anderen war ich neugierig, ob das Meer dort schon beginnt, zuzufrieren. Und tatsächlich – auf dem Meer zwischen der nahen Insel und dem Festland liegt das erste dünne, durchsichtige Eis.

Auf dem kleinen See, der fast am Meeresufer liegt, aber nicht mit dem Meer verbunden ist, liegt aber schon eine geschlossene Schneedecke. Also ist er schon komplett zugefroren. Wie dick das Eis ist? Ich werde es nicht ausprobieren. Das überlasse ich den Einheimischen, die die Gegebenheiten hier besser kennen.

Der erste kalte Tag

Heute morgen hatten wir zum ersten Mal -10 °C in Skelleftehamn. Schon gestern hatten wir Dauerfrost und heute lag das Maximum bei mir auf dem Grundstück bei -8.4 °C. Der dicke Winterparka hängt zwar zusammen mit der Skihose noch im Keller, aber zum ersten Mal hatte ich heute eine Daunenjacke an. Die ist sehr praktisch, wenn man auf dem Bus wartet, allerdings weniger praktisch, wenn man wie heute im völlig überfüllten und überheizten Bus steht und kaum Platz hat, sich das Ding auszuziehen.

Auf dem Fluss treibt dünnes Eis und wenn es weiterhin so kalt bleibt, wird der Fluss bald zugefroren sein, wenn auch noch lange nicht betretbar.

Ob es allerdings so kalt bleibt, wer weiß es. Schon heute Abend soll es wärmer bleiben und am Freitag bei +1 °C schneien, schneeregnen, regnen oder was weiß ich. Allerdings haben die Wetterdienste von der heutigen Kälte auch noch nichts gewusst. Ich lass mich überraschen.

Kurz mal Winter

Skelleftehamn vorgestern Nachmittag: +0.3 °C. Heute Vormittag -13.9 °C. Heute Abend: +1.1 °C. So geht es hier auf und ab. Erst war der Schnee weich, dann nass, dann ist er zu steinharten Klumpen gefroren. Heute Vormittag kam der Schnee bei kräftigen Minustemperaturen herunter. Jetzt kommt Sprühregen aus der tiefen orangefarbenen Wolkendecke.

So hat auch dieses Mal der Winter leider nur mal kurz vorbei geschaut, denn die kommenden Tage soll es auch nachts über Null bleiben und regnen. Und regnen.

Abschließend noch ein Vergleich, wie stark die noch offene Ostsee das Küstenwetter diesen Winter beeinflusst:

Ort Lage heute morgen heute Abend
Skellefteå Flugplatz küstennah -18 °C +1 °C
Lycksele im Inland -24 °C -10 °C

Und noch ein anderer Vergleich: Letztes Jahr um diese Zeit habe ich schon Skitouren auf die nahen Inseln gemacht oder bin zu Fuß durch hüfttiefen Schnee gestapft. Und es herrschte schon vier Wochen Dauerfrost. Mehr mein Ding!