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Nordwärts

Vom Leben in Skelleftehamn

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Sieben Kurzartikel

Heute kann ich mich nicht entscheiden,worüber ich schreiben soll, also schreibe ich über siebenerlei Dinge, aber versuche mich, kurz zu halten. Mal schauen, ob’s klappt …

Über das deutsche Brot

Diese Woche habe ich Brot gekauft. Bei Lidl. Deutsches Brot. Seitdem esse ich drei Mal täglich Brot mit Käse und bin einfach begeistert. So lecker und so ungleich dem labbrig-süßem Schwedenbrotersatz! Mit nationalen Identitäten habe ich es ja nicht so, aber wenn ich etwas mit Deutschland verbinde, dann sind es die unzähligen Varianten von gutem Brot. Sollte ich einmal ein heroisches Nationallied für die Deutschen dichten müssen, so käme vermutliches in etwa folgendes heraus.

Oh, tu Teutscher von teutschen Lanten,
Tu bist wie Brot – ganz ohne Scherz!
Tie Kruste hart bis hin zum Kanten,
doch innen frisch und sanft Dein Herz.

Über Flugreisen

Aber wenden wir uns von schlechten Dichtungen aus deutschen Landen ab und Italien zu. Da hätte ich ein paar Wochen sein können. Und da wäre ich auch gerne hingereist, denn Freunde aus München haben dort ein Haus gemietet und nette Menschen eingeladen. Doch eine Flugreise nach New York scheint leichter, schneller und günstiger als eine Reise von Skellefteå nach Florenz zu sein. Unter zwei Mal umsteigen geht ohnehin gar nichts. Dann darf ich mir aussuchen, ob ich in 35 Minuten umsteigen möchte (wie denn?) oder doch lieber 29 Stunden unterwegs sein. Als Alternative darf ich auch gerne 750 Euro zahlen und mehr, dann werden die Verbindungen ein klein wenig besser. Und die meisten Rückflüge starten vor dem Aufstehen, also müsste ich noch eine Hotelnacht in Florenz buchen.

Es ist sehr schade, dass man in Skellefteå so weit weg von Zentraleuropa ist und viele Verbindungen sehr umständlich, zeitaufwändig und teuer sind. Ich habe die Italienreise wieder abgesagt. Doof das, sehr doof!

Über einen Auftritt in Jörn

Nah hingegen ist das schwedische Inland. Jörn beispielsweise (ca. 800 Einwohner) ist nur eine Autostunde entfernt. Dort war ich gestern Abend und habe Musik gemacht. Ein Tenor aus dem Kammerchor hat mich gefragt, ob ich Lust hätte, mit ihm (plus Bass und Schlagzeug) dort zu spielen. Normalerweise nehme ich als Pianist keine unbezahlten Jobs an, aber hier habe ich eine Ausnahme gemacht. Wir haben in einem kleinen Zelt gespielt und obwohl der Auftritt nicht gerade ein musikalisches Glanzlicht darstellte, hat es doch Spaß gemacht, für das kleine Publikum, welches dieses Konzert wirklich zu schätzen wusste, zu spielen. Und bei „Fever“ bemühten sich auch alle redlich, auf zwei und vier zu klatschen, wie es sich gehört. Eine lange Pause gab es, in der Hamburger verkauft wurden, so kam ich auch noch zu meiner Gage: Einen Hamburger für 30 Kronen ;-).

Rudi Kreuzkamm […] hatte behauptet, der Nichtraucher spiele abends, bis in die Nacht hinein, in der Vorstadtkneipe „Zum letzten Knochen“ Klavier, und er kriege eine Mark fünfzig Pfennig dafür und ein warmes Abendbrot.

Erich Kästner: Das fliegende Klassenzimmer

Ich sollte dazu sagen, dass ich freiwillig auf jegliche Gage verzichtet habe, weil die anderen auch keine bekommen haben und ich es doof fand, als „special guest“ behandelt zu werden.

Über das leere Inland

In den anderen Pausen bin ich ein bisschen durch Jörn gelaufen. Ich beneide das kleine Städtchen um seinen Bahnhof! 21:33: Umeå Stockholm, 4:25 Luleå Boden Narvik steht an der digitalen Anzeigetafel, die so gar nicht zu dem schönen alten Bahnhofsgebäude passt. Stell Dir vor, Du wohnst in einem Kaff und kannst, ohne umzusteigen, nach Berlin, in die Alpen und an die Nordsee fahren. So ein Bahnhof ist das. Wie gesagt, beneidenswert!

Weniger beneidenswert ist der Ort an sich – so viele Häuser stehen leer. In manchen hängt ein Schild „Zu verkaufen“, bei manchen sind die Fenster mit Brettern vernagelt und einige rotten einfach vor sich hin. Wie muss das sein, in einem halbleeren Ort zu wohnen und zu ahnen, dass vielleicht nie wieder alle Häuser mit Leben gefüllt sein werden. Denn Arbeit im Inland zu finden ist schwer und die aktuelle schwedische Regierung tut auch nicht gerade viel dafür, um das schwedische Inland am Leben zu erhalten. Schulen werden geschlossen, Krankenstationen verschwinden, Straßenbeleuchtungen werden abgeschaltet. Eine der weniger schönen Facetten Schwedens.

Über die Russenwärme

Bald sitze ich wieder am Digitalpiano im Zelt. Schwitze und trinke Wasser. Denn es ist richtig warm. 27 °C! In Skellefteå waren es schon morgens über zwanzig Grad und mittags haben ein Kollege und ich barfuß am Fluss gesessen und Mittagspause gemacht, während die ersten Sommerschwimmer den immer noch eiskalten Fluss entlang schwammen.

Um zehn Uhr ist unser Konzert in Jörn vorbei und wir fahren wieder zurück in die Stadt und ich nach Hause weiter. Als ich um zehn nach elf in Skelleftehamn ankomme, zeigt das Thermometer immer noch 20 °C an. Solche warmen Tage werden hier „Ryssvärme“ – Russenwärme genannt, weil wir diese Wärme meist dem kontinental geprägtem russischen Klima zu verdanken haben. Im Winter gibt es dann das Gegenstück: „Rysskylan“.

Über das gegen den Wind segeln

Jetzt ist es schon um einiges kühler und morgen wird jede Menge Regen bei Temperaturen von unter 10 °C erwartet. Damit fällt meine vormittägliche Paddeltour wohl aus, aber ich bin gar nicht so böse, denn morgen Abend haben wir unser Frühjahrskonzert mit dem Kammerchor und wenn das Wetter zu schön ist, dann kommt ja keiner.

Wir haben ein gemischtes Programm mit einigen sehr jazzigen Stücken (unter anderem „Waltz for Debby“), da wir zwei Solisten mit dabei haben: Den Jazzpianisten Mathias Algotsson und die Jazzsängerin Margareta Bengtson. Margareta Bengtson ist übrigens ein winzig-kleines Puzzleteil in meiner Schwedengeschichte und das kommt so:

In Essen habe ich damals ein Duo gehabt. Eine Sängerin und ich am Klavier: Die Sängerin hatte Bezug zu Schweden und kam mit einigen schwedischen Volksliedern an: „Kristallen den fina“, „Uti vår hage“ und „Vem kan segla förutan vind“ (Wer kann gegen den Wind segeln). Von dem letzten Lied gibt es eine Einspielung mit dem schwedischen A-Capella-Quintett „The Real Group“ zusammen mit Toots Thielemans. Eine unfassbar schöne Aufnahme, fand ich schon damals und ich habe direkt meine Liebe für die schwedischen Volkslieder, die so viel anmutiger ankamen als so manches deutsche Volkslied, entdeckt. Das war – neben Pippi Langstrumpf aus Kinderzeiten – einer meiner ersten Anknüpfungspunkte mit Schweden. Und bei genau dieser Aufnahme sang Margareta Bengtson Sopran. Es ist wirklich eine tolle Erfahrung, sie jetzt persönlich kennenzulernen – wieder schließt sich ein kleiner Kreis.

Über das Rasenmähen

Natürlich hoffe ich, dass morgen viele Zuhörer kommen und deswegen freue ich mich ja auch über den Regen, der diese Nacht losgehen soll. Davor musste ich aber noch etwas erledigen: Das Rasen mähen! Als ich den Rasenmäher betankt und gestartet habe, war das gleichsam entrüstete wie lustlose Röhren des Benzinmotors selbst durch meinen Gehörschutz deutlich zu hören. Ich glaube fast, mein Rasenmäher mag das Rasen mähen nicht sonderlich. Nun, da haben wir etwas gemeinsam. Ich finde es auch nur mäßig inspirierend, den Mäher über eine lang Stunde kreuz und quer durch den Garten zu schieben. Dass das Ganze so lange dauerte, war meine Schuld: Wieder war ich zu spät dran mit dem ersten Frühjahrsmähen und im sonnigen Vorgarten war das Gras schon bis zu dreißig Zentimeter lang. Da kommt man oft nur zentimeterweise vorwärts. Doch bald war der Rasen gemäht, eine große Schubkarre Gras in den Wald gefahren und wenn es eine Medaille für das späteste Rasenmähen in Skelleftehamn gäbe, so dürfte ich sie mir wohl zum vierten Mal in Folge abholen.


Das waren sieben Kurzartikel. Mit dem kurz halten hat es nicht so recht geklappt, es ist halt leichter, mittellange als kurze prägnante Texte zu schreiben.

Zwei Mal Wahl

„Soll die Kommune Skellefteå die Zentrumsbrücke bauen?“Ich komme gerade von „Rotan“ wieder, dem heutigen Wahllokal. Zwei Wahlen fanden heute statt: Zum einen die Europawahl, zum anderen die kommunale Wahl, ob die neue Zentrumsbrücke gebaut werden soll. Ratet mal, welches Thema hier in den letzten Wochen komplett ignoriert und welches erhitzt diskutiert wurde.

Interessant an den schwedischen Wahlen: Man kann geheim wählen, man muss es aber nicht wirklich, denn es gibt Zettel, auf den die Partei (mit ihren Kandidaten, für die die Personen wählen wollen) schon draufsteht und genauso gab es Wahlzettel zum Thema Zentrumsbrücke, auf denen schon JA oder NEJ draufstand. Vor vier Jahren fand ich das noch seltsam, inzwischen finde ich das praktisch.

Stille Reise durch die helle Nacht

Habe ich das selbst erlebt? Heute kommt es mir so unwirklich vor, wie geträumt. Doch die Bilder meiner Kamera zeigen mir, es war wirklich. Denn Träume kann man nicht fotografieren, oder?

Heute ist Feiertag. Ausschlaftag. Das hatte ich auch nötig, denn gestern habe ich nach der Arbeit eine Paddeltour gemacht. Abends um acht setze ich mein Kajak ins Wasser und paddele los. Schnell sehe ich, was ich schon wusste: Wir haben extrem niedrigen Wasserstand, schon seit Tagen, und überall schauen Steine und Kiesbänke hervor, wo sonst nur Wasser zu sehen ist. Schnell bin ich auf dem Kallhölmsfjärden, wo gerade die Baus, der kleine Eisbrecher am Hafen anlegt. Ich fahre durch den „Kejsar Ludvigs kanal“, wo ich zwar einige Seeschwalben aufscheuche, doch sie fliegen nur auf und fliegen keine Scheinangriffe auf mich. Vermutlich haben sie noch keine Eier gelegt. Fährt man den Kanal entlang, so hat man links und rechts Hafen und Industrie mit jeder Menge „Zugang verboten“-Schilder. Ist man aber erst unter den Brücken hindurchgepaddelt, öffnet sich die weite Ostseebucht „Sörfjärden“ und man erblickt nur noch Natur, gespickt mit ein paar Häusern hier und da.

Auf dem „Kejsar Ludvigs kanal“Auf dem Sörfjärden

Ich halte mich in Richtung Südwesten, denn ich möchte südlich der Insel Örviken entlangpaddeln. Die erste sichtbare Landmarke ist die alte, verfallene Seebrücke vor der Insel. Links hinter mir liegen die Inseln Kalkgrundet, Örgrunden und Prästhallan. Die roten Sommerhäuser leuchten in der Abendsonne.

Die alte Seebrücke vor ÖrvikenKalkgrundet, Örgrunden und Prästhallan

Ich paddele weiter. Rechts liegt die kleine Ortschaft Örviken und die bunten Häuser spiegeln sich im glatten Wasser. Links sehe ich den Sundgrundsleden, die Straße zur Europastraße E4. Geradeaus sehe ich nicht viel, denn selbst mit dunkler Sonnenbrille blendet die sich im Wasser spiegelnde Sonne ziemlich.

ÖrvikenSüdlich von Örviken

Zwei Brücken führen über die Bucht und ich entscheide mich für den kleinen Tunnel geradeaus, um auf die andere Seite zu kommen. Nun entdecke ich Neuland, denn hier war ich bisher weder mit dem Kajak noch zu Fuss. Die Karte verrät mir, dass ich gut drei Kilometer geradeaus paddeln muss, um dann nordwärts in den Norra Innerviksfjärden abzubiegen. Rechts hat sich das Wasser weit zurückgezogen und zeigt weite Sand- und Schlickflächen, teilweise von Schilf bewachsen. Vor mir sind viele, runde Grasinseln, die aus dem Wasser schauen.

Unter dem SundgrundsledenGrasinseln im Feuchtgebiet

Gerne würde ich an Land gehen, um dort das halb verrottete Holzschiff zu fotografieren, doch der Boden ist so schlammig, dass ich lieber weiter paddele. Ich klappe mein Steuerruder hoch, denn zum einen ist das Wasser so flach, dass das Ruder aufsetzt, zum anderen sind manche Teile dicht mit Wasserpflanzen bewachsen. Die Sonne beginnt, unterzugehen und taucht die schöne Landschaft in warmes Dämmerungslicht. Alte Schilfstengel spiegeln sich auf der glatten Wasseroberfläche und scheinen geheimnisvolle Schriften aufs Wasser zu zaubern.

UnterwasserdschungelGeheimnisvolle Schilfschrift

Ein Stück noch und ich bin am Eingang zum Norra Innerviksfjärden, gerade noch rechtzeitig, um die pinkrote Sonnenscheibe hinter den fernen Bäumen untergehen zu sehen.

Sonnenuntergang über dem Norra Innerviksfjärden

Die Vögel finden es mäßig lustig, dass ich hier mitten in der Nacht auftauche. Große Möwenschwärme stieben vom Boden auf, Enten und Gänsesäger machen sich von dannen und auch die zwei Kraniche flüchten, lange bevor ich in deren Nähe bin. Die Echos ihrer lauten Rufe hallen noch Sekunden nach. Ich biege in die Bucht ein und vor mir breitet sich eine wunderbare Landschaft aus. Über dem von kleinen Inseln durchsetzten Wasser steigt weißer Nebel auf und alle Sonnenuntergangsfarben spiegeln sich auf der ruhigen Wasseroberfläche. Ich habe ein wenig schlechtes Gewissen den Vögeln gegenüber, für sie bin ich nur ein überflüssiger Störenfried, doch so schön ist es, hier durch die warmen Farben zu paddeln, so schön.

Abenddämmerung über dem Norra Innerviksfjärden

Aufgescheuchte Vögel – schade, ich tue Euch doch nichts

Ein bisschen Sorgen macht mir der Wasserstand. Das Wasser wird immer flacher und immer häufiger versinkt das Blatt des Paddels im Schlick. Vor mir sehe ich mehr und mehr Untiefen und Schlickbänke. Wo es am Besten weitergeht, kann ich nicht sehen, weder auf der Karte noch in natura, denn im Kajak sitzt man ja tief. Also vorwärts.

Irgendwann ist es soweit. Ich stecke fest. Zwei Möglichkeiten habe ich: Entweder rückwärts aus dem Schlick herausstaken oder weiter, wie auch immer. Ich entscheide mich für die Weiterfahrt, denn den halben Tag habe ich schon die Rundtour geplant und will mich durch Kleinkrams wie niedriges Wasser nicht aufhalten lassen. Also steige ich aus und versinke wie schon geahnt im Schlick, aber nicht sehr tief. Die Bandschlinge, an der ich sonst die Kamera sichere, binde ich am Bug fest und kann so das Kajak recht bequem durch Flachwasser und über Schlickbänke bugsieren. Manchmal ist der Schlick knietief, manchmal recht gut begehbar. Die nächste Zeit bin ich damit beschäftigt, aus- und einzusteigen. Mal paddele oder stake ich durch das flache Wasser, manchmal ziehe ich mein Kajak hinter mir hier. Anfangs versuchte ich noch, mich notdürftig zu säubern, ehe ich wieder ins Boot steige, doch das ist aussichtslos, wenn das zweite Bein noch knietief im Matsch steckt. Irgendwann ist das alles egal, der Trockenanzug hält eh dicht und bald sehen Kajak und ich aus wie Sau.

Der Himmel ist inzwischen graublau und die Landschaft wirkt seltsam unwirklich und farblos in dem neblig-diffusen Licht. Ich bin froh, irgendwann rechts ein paar Häuser im Nebel auftauchen zu sehen, ein Zeichen mehr, dass ich richtig bin. Und irgendwann bin ich auch am Ende der Bucht. Vor mir sehe ich nur Schlammflächen, sonst nichts. Wo, bitte schön, soll denn da der Kanal sein, der mich wieder zum Fluss Skellefteälven bringen soll. Ist der überhaupt befahrbar? Oder nur ein Rinnsal zwischen Fels und Stein. Komme ich da weiter? Es hilft nur eins: Ausprobieren! Ein hoffentlich letztes Mal steige ich aus dem Kajak und versinke mit dem linken Bein so tief im Schlamm, dass ich fast aus meinem Gefährt herausfalle. Hier ist der Schlamm quasi bodenlos und bis zum Bauch stecke ich im Schlick. Ich stütze mich auf das Kajak, um nicht noch tiefer einzusinken. Hier zu Fuß zu gehen brauche ich erst gar nicht zu versuchen, aber das rettende Ufer scheint so nah. Was tun? Ausprobieren! Letztendlich laufe ich dann auf Knien weiter, wobei ich mich abwechseln auf das Kajak stütze, um nicht zu tief einzusinken und dann wieder das Kajak zwei Meter weiter nach vorne schiebe. Doch bald bin ich aus dem Gröbsten raus und auf der großen Schlickbank wird zum Glück der Boden bald so fest, dass ich einfach wieder laufen kann. Ich stehe und ruhe mich aus. Mein Puls ist irgendwo bei 180. Einatmen, ausatmen. Einatmen, ausatmen.

Bis zum Bauch im SchlammEndlich an Land

Bald habe ich den Kanal gefunden und auch eine Stelle, wo ich das Kajak ins Wasser und mich ins Kajak setzen kann. Erst ist das Wasser noch flach, doch bald kann ich entspannt den zehn Meter breiten Kanal entlang paddeln. Mitternacht dürfte inzwischen vorbei sein und ich merke, dass ich müde werde. Vor mir schwimmt etwas, doch was? Ein runder Kopf, ein Hintern, ist das etwa ein Biber? Ja, tatsächlich, in dem Kanal tummeln sich mehrere Biber, die von Ufer zu Ufer schwimmen. Toll, ich habe noch nie Biber gesehen, und dann jetzt vom Kajak aus! Ich gleite langsam voran und habe bald zwei Biber vor mir her schwimmen. Sie lassen mich erstaunlich nahe kommen, ehe sie mit einem lauten Platsch ihres breiten Schwanzes abtauchen. Einmal platscht es direkt neben meinem Boot, da hat wohl ein Biber gerade auftauchen wollen und mich gesehen. Ich frage mich, wer sich wohl mehr erschreckt hat? Ich könnte noch lange den Bibern zuschauen, doch ich beginne zu frieren und paddele bald weiter. Bei den Biberfotos kam die kleine wasserdichte Nikon an ihre Grenzen, aber eine nette Erinnerung sind die Fotos dennoch.

Biber voraus!

Biber SteuerbordPlatsch und weg ist der Biber!

Ich paddele den sich windenden Kanal entlang. Eine schöne Abwechslung für mich, der sonst immer nur auf der Ostsee unterwegs ist. Bald sehe ich ein Boot, die ersten Häuser, Zivilisation. Aber auch einen großen Igel, der gerade im Gesträuch verschwindet. Der Kanal mündet bei „Stackgrönnan“ in den Fluss Skellefteälven. Das ist wieder eine kleine neue Welt meiner heutigen Paddeltour, diesen breiten Fluss entlang zu gleiten. Von mir aus könnte die Strömung gerne ein bisschen schneller sein, das meiste muss ich doch selbst paddeln und inzwischen bin ich müde und auch ein bisschen fertig von der nicht ganz planmäßig verlaufenden Tour. Kurz vor dem Bootsmuseum lege ich an, steige einmal ins tiefe Wasser, um mich notdürftig ein bisschen zu säubern und wechsele dann mein nass geschwitztes Unterhemd gegen ein trockenes T-Shirt und ein warmes Fleece. Eine Wohltat! Wie gut, dass ich immer meine eher warmen Wechselklamotten im Kajak spazieren fahre, jetzt habe ich sie wirklich einmal brauchen können.

Auf dem SkellefteälvenUmziehpause bei Stackgrönnan

Bald sitze ich wieder im Kajak, um ein Fleece wärmer und eine Banane satter. Auch der Skellefteälven führt wenig Wasser und ich sehe mitten im Fluss Steinhaufen, wo sonst nur Wasser zu sehen ist. Der Himmel färbt sich wieder, denn es ist inzwischen nach eins. Um halb drei wird die Sonne aufgehen. Doch ich mache weniger Photos, nicht nur weil das Objektiv in der feuchtkalten Luft dauern beschlägt, sondern auch, weil ich müde bin. Was freue ich mich auf eine warme Dusche. Weiter geht es den Fluss hinab und bald ist die große Brücke in Sicht. Von da aus ist es dann nicht mehr so weit.

Morgendämmerung über dem Fluss

Felsbänke im niedrigen SkellefteälvenDie Brücke in Sicht: Endspurt

Eine letzte Untiefe, ein letztes AussteigenMeine Gedanken? Das weiß ich nicht mehr. Ich döse vor mich hin. Auto hätte ich nicht mehr fahren können. Ich mache inzwischen mehr Pausen, meine Hände sind nass und aufgeweicht, die rechte Schulter tut weh und die Kondition hat sich schon schlafen gelegt. Doch irgendwann bin ich unter der Brücke durch, am Schiff M/S Stormvind vorbei, am Bootshafen vorbei in der Bucht Kurjoviken. Nur vor dem Tunnel muss ich ein letztes Mal aussteigen, um das Kajak über den fast wasserfreien Grund zu tragen. Noch ein letztes Stück und der Ehrgeiz packt mich. Mit allem, was die restliche Kondition hergibt, paddele ich über den Kallholmsfjärden zurück. Rechts liegt die Baus. Habe ich den Eisbrecher wirklich heute anlegen gesehen, ach nein, das war ja gestern, vor sechs Stunden. Um viertel nach zwei lege ich wieder an, schnalle mein Kajak auf den kleinen zweirädrigen Bootswagen und laufe, so wie ich bin, nach Hause. In den Neoprenstiefeln schwappt das Wasser, der Trockenanzug strotzt vor Dreck, egal – um diese Zeit sieht mich eh keiner.

Zu Hause dusche ich gleich zwei Mal. Einmal mit Anzug, damit der wieder sauber wird, dann ich. Als ich mich ins Bett lege, ist es schon wieder taghell.

War das eine verrückte Idee, so eine Tour zu machen? Ich habe keine Ahnung, vielleicht war es eine. Aber die vielen Erlebnisse – komprimiert in unter sieben Stunden Tour – möchte ich nicht missen. Verrückte Ideen sind manchmal auch gute Ideen.

Die Schlauchbootsaison beginnt

Wenn es wärmer wird, dann ist es ein beliebtes Hobby vor allem der Jugendlichen, sich im Schlauchboot langsam den Skellefteälven hinabtreiben zu lassen. Gerne mit Dosenbier. Und ja nicht rudern oder so etwas uncooles – chillen ist angesagt.

Flussabwärts treiben lassen

Ist es erst richtig Sommer und richtig warm, dann nehmen die Jugendlichen auch gerne Kinderplanschbecken, in die sich sich mit Badehose oder -anzug bekleidet zu zweit oder dritt hinein hocken. Da Planschbecken nicht unbedingt für so etwas gebaut sind, verlieren die meisten unterwegs Luft, reissen oder brechen unter dem Gewicht zusammen. Macht ja nichts, dann schwimmt man eben an Land.

Jetzt am langen Wochenende soll es bis zu 25 °C warm werden und ich freue mich schon darauf, erstmalig dieses Jahr wieder im T-Shirt zu paddeln. Das bedeutet, dass ich nicht weit rauspaddeln kann, denn das Wasser ist ja noch schweinekalt, daher wird das vermutlich wieder eine Flusstour oder ein Stückchen die Küste entlang.

Langes Wochenende? Warum? Am Freitag, den 6. Juni ist schwedischer Nationalfeiertag. Aber im Gegensatz zu dem norwegischen Pendant kümmert es die meisten Schweden nicht so wirklich und kaum einer hier käme auf die Idee, Flaggen schwingend durch die Innenstadt zu laufen. Statt dessen geniessen einfach alle den freien Tag und das werde auch ich tun.

Seele baumeln lassen in Skelleftehamn

Ein Gastbeitrag von Annika.

Dank meines Jobwechsels und damit verbundener kurzer (und gewollter) Arbeitslosigkeit hatte ich dieses Jahr für den Sommerurlaub sagenhaft sechs Wochen Zeit. Die erste sollte mich nach Skelleftehamn führen. Olaf hatte nach unserem Kennenlernen in Abisko im März ja gesagt, wir dürften ihn besuchen. Ralf hatte leider keinen Urlaub, also fuhr ich allein. Etwas aufgeregt war ich schon wieder, wir hatten uns ja erst einmal gesehen, und da gings zwischen Ralf und Olaf immer viel um Fotografie, wovon ich ja nunmal nix verstehe. Aber dann wurde es doch eine sehr tolle Woche.

Wieder war es merkwürdig, all das zu sehen, was ich aus dem Blog „kannte“ – letztes Mal den Menschen Olaf, jetzt sein Zuhause, das grüne Haus, den weißen Flügel, den Keller, der immer getrocknet wird – nach kurzer Zeit war alles schon so vertraut!

Wir hatten durchgehend Traumwetter, so dass wir jeden Tag draußen sein konnten und auch erste Blaubeeren gefunden haben. 30°C-Sommer mit Meer und Baden, das war bislang nie meine Vorstellung von Urlaub, hier habe ich es so genossen.Von meiner Quasi-Premiere im Kajak hat Olaf ja schon erzählt – ich bin gerne wieder dabei!!!

Steinstrand bei BjuröklubbBlumenfotografieStrand bei GrundskatanGiraffenmuster

Paddeltour auf dem Kågefjärden

Und auch von meinem Abschiedsabend auf der M/S Stormvind gibt es ja schon einen Bericht. Dass es die Menschen waren, die Olaf dazu bringen hier zu bleiben, das konnte ich schon nach einem Abend auf dem Boot verstehen. Und so leckeres Essen gabs :-).

Einen Abend war ich dann noch in Skellefteå zum Tango tanzen am Fluss. Auch das war einfach schön und unkompliziert. Die Tangoskällskap Skellefteå schien ziemlich stolz zu seine, dass ich sie extra via google gesucht hatte, aber es war auch wirklich ein toller Abend, und ich habe jetzt zahlreiche neue Tango-Bekanntschaften in Skellefteå, Umeå und Piteå (und die wichtigste Lektion des Abends an eine Tango-Argentino-Anfängerin wie mich: „Never do travel without your tango shoes!“)

Tango am Skellefteälven

Ansonsten bleiben in meiner Erinnerung:

  • Endlich weiß ich, wie Österreich wirklich ist („The hiiiills are alive with the sound of muuuuusic“)
  • meine ersten beiden Intensiv-Lehrstunden in Musiktheorie am weißen Flügel. Jederzeit mehr davon
  • Ich weiß jetzt, wen alle Klavierlehrer in ihren riesigen Kellern eingesperrt haben („The 5000 fingers of Dr. T“)
  • Auch zu Lupinen habe ich jetzt ein völlig neues Verhältnis („Dennis Moore, Dennis Moore …“)
    und Vielesvielesvieles mehr
LånghällanAuf dem Weg zur Fotostelle

Långhällan

Blick auf den SkellefteälvenKatzenfotografie in KusforsNach meinem Besuch in Skelleftehamn bin ich dann vier Wochen durch Schweden (und auch kurz Norwegen) gereist, bin gewandert, habe noch mehr Menschen kennengelernt und meine Zeit sehr genossen. Anschließend durfte ich noch mal nach Skelleftehamn kommen zum Akkus aufladen, Geburtstag feiern undundund. Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.

Ich danke Dir für die schöne Zeit. Und ich käme gerne wieder, schon allein aus zwei Gründen:
1) Ein Gästezimmer, in dem an drei von vier Wänden Bücher über absolut alles zu finden sind, was einen immer schonmal interessiert hat … . Lesestoff für lange Winter.
2) Olaf. Immer eine Reise wert ;-)

Strand von SorgrundetGästezimmer und Bibliothek

AÅO-Trio

Am 21. August habe ich mit Åsa und Löwis ein kleines schönes Triokonzert im Café Nordanå gegeben. Nach unserem Auftritt wurden wir vom Jazzklub gefragt, ob wir nicht nächstes Frühjahr eine kleine Minitour spielen wollen. Das wollten wir gerne und deswegen ist auch ein Teil unseres Konzertes jetzt als Demo-Material auf YouTube zu finden. Aus dem gleichen Grund haben wir seit ein, zwei Wochen auch einen Namen: AÅO-Trio.

0:00 – Peel me a grape | 0:57 – Horgalåten | 2:22 – All of me | 3:47 – Marionett
5:37 – I feel pretty | 6:22 – Jag vet en dejlig rosa | 8:32 – Some other time

0:00 – Summertime

Releaseparty.

Wir – das heißt in diesem Fall Hello Future, mein Arbeitgeber – haben zusammen mit einer anderen Agentur den ersten Teil der neuen Webseite von Skellefteå Kraft entworfen, programmiert und online gestellt. Gestern hat Skellefteå Kraft unsere Teams zur Releaseparty ins Eishockeystadion eingeladen. Das Stadion heißt Skellefteå Kraft Arena, denn unser Gastgeber ist nicht nur eines der größten Unternehmen in der Region, sondern auch einer der Hauptsponsoren.

Um fünf sind wir die Treppen hoch zur obersten Etage gelaufen, denn dort sind die Logen der Sponsoren. Direkt der erste Raum in der Ecke war für uns in einer herrlichen Farbkombination gedeckt: Servietten in Gelb (AIK hat schwarz-gelb als Vereinsfarben) und Giveaways in knallviolett, der neuen Hauptfarbe von Skellefteå Kraft. Dann gibt es Abendessen – wie in über 95% solcher Fälle in Form eines Buffets. E. fragt, ob es ein Nachtischbuffet gibt (Die Frage hätte von mir kommen können!) aber dies verneint die Kellnerin, die uns mit Getränken versorgt. Vielleicht ganz gut, denn auch so hatte ich heute morgen fast ein Kilo mehr auf der Waage, woran die zwei Stück der gelben AIK-Küchlein vielleicht nicht ganz unschuldig sind …

Unsere Loge für den AbendAIK-Kuchen

Nebenan, durch die Glasscheibe gut zu überblicken, füllte sich langsam das große Eishockeystadion. Wir konnten noch in Ruhe sitzen bleiben und sind erst in letzter Minute aufgestanden, um zu unseren Logenplätzen zu gehen. Dann ging die erste Spielzeit los. Ich bin zu langsam für dieses Spiel. Wenn ich glaube, dass der Puck in der einen Ecke ist, rennen die Spieler wieder schon woanders hin und das 1:0 für Skellefteå habe ich komplett verpasst. Nun ja, ich werde nie ein richtiger Sportzuschauer werden.

In der „Heimecke“ saßen und standen die Hardcorefans, die, von einem Trommler unterstützt, minutenlang die gleichen Fangesänge verlauten liessen. Die klangen alle für mich so:

Nuschel, nuschel, nuschel A-I-Koooh! A-I-Koooh! A-I-Koo-oo-oh!

AIK-Fans

Meine schwedischen Kollegen haben auch nicht mehr verstanden. Nett war, dass wir in den beiden Pausen gemütlich wieder am Tisch sitzen, etwas trinken und Unsinn reden konnten, denn die meisten von uns haben mit Eishockey, welches doch so wichtig und zentral in Skellefteå ist, nicht viel am Hut.

Ganz oben im StadionSkellefteå AIK gegen Växjö Lakers

Nach zwei weiteren Toren hat Skellefteå AIK das Spiel gegen die Växjö Lakers 2:1 gewonnen und wenn das Spiel vorbei ist, dann gehen die Schweden gesittet nach Hause. Kein großes Gejubel mehr, nein, fünf Sekunden höflicher Applaus reichen aus und alle verlassen die Arena, auch um zu ihren Autos zu gelangen.

Tack, tack, tack, tack, tack …

Ich dachte, dass ich wohl Ewigkeiten brauchen würde, um das Gelände mit dem Auto zu verlassen, aber auch hier sind die Schweden sehr diszipliniert. Es gilt kugghjul – auf deutsch Zahnrad, das schwedische Wort für Reißverschlußverfahren – an allen Ausfahrten und Kreuzungen und das funktioniert richtig gut. So war ich doch einiges früher erwartet wieder zu Hause in Skelleftehamn.

Doch, so alle zwei, drei Jahre kann man sich so ein Spiel durchaus mal anschauen, vor allem, wenn man so gut und nett bewirtet wird und so schöne Plätze hoch oben hat. Tack för igår, Skellefteå Kraft, danke für gestern!

Meine große Spiegelreflexkamera habe ich zu Hause gelassen und alle Fotos mit dem iPhone gemacht.

Nordisches Entfernungsempfinden

In manchen Punkten werde ich immer nordschwedischer. Ein solcher Punkt ist mein Entfernungsempfinden. Sieben Meilen (also siebzig Kilometer), um bei Freunden vorbeizuschauen, dass finde ich nicht wirklich weit. Zehn Minuten zu Fuß in Skellefteå hingegen, das ist schon richtig was.

Das ist gewiss ein wenig übertrieben, dennoch war es interessant, was passiert ist, als ich heute ein Meeting bei Skellefteå Kraft hatte: Der Hinweg hat zehn Minuten gedauert, aber der Rückweg über eine Stunde.

Als das Meeting zu Ende war, bin ich erst nebenan in die Bibliothek gegangen, um ein Buch und passendes Hörbuch auszuleihen. Das ganze ist für den Schwedischunterricht, den ich nehme, um meine Aussprache zu verbessern. Dann zurück über die E4, die mitten durch die Stadt führt und wieder in die Fußgängerzone. An der Kreuzung liegen nasse und einfrierende Schneehaufen. Viel ist ja nicht gefallen, aber wenn man beim Straßenräumen das bisschen zusammenschiebt, kommt auch was zusammen.

Hörbücher von Torgny LindgrenSchneehaufen an der Kreuzung

Die Fußgängerzone hingegen ist schneefrei und trocken, denn die hat ja Fußbodenheizung. Dann noch mal kurz in den Teeladen, grüner Tee ist alle. Also, wenn man schon mal in der Nähe ist … (Ich arbeite 500 Meter weiter!) Den kleinen Flohmarkt der Schwedischen Missionskirche lasse ich aus, in das Schaufenster des kleinen Sportlädchens schaue ich nur kurz. Aber bei der Bank schaue ich rein, denn dort bin ich auch versichert. Ich will für meine Winterreise das Gepäck gegen Diebstahl versichern lassen, denn mit Kameraausrüstung, Pulka, Daunenparka, Winterschlafsack und so kommt da ganz schön was zusammen. Aber – wie ich schon vermutete – muss ich bei der Versicherung direkt anrufen, das ist zu speziell.

Weiter in Richtung Büro. Aber kurz vorher noch bei ICA rein, ein paar Lebensmittel für den Abend kaufen. Danach bin ich dann aber tatsächlich wieder ohne weiteren Zwischenstopp ins Büro gegangen. Ein bisschen doof kam ich mir vor, denn das Stadtzentrum ist so klein, dass ich jederzeit Besorgungen machen könnte. Aber ich tue es nicht, denn nach der Arbeit will ich lieber nach Hause ins beschauliche Skelleftehamn, als noch in der Stadt Besorgungen zu machen.

Um fünf bringt mich der Bus nach Hause. Auch er überquert die E4 und fährt an Skellefteå Kraft und der Bibliothek vorbei. Überall liegen Schneereste und der kurze Blick auf den Skihügel zeigt diesen sogar ganz in weiß. Nur der äußerste Teil von Skelleftehamn ist komplett schneefrei, denn hier ist es ein Grad wärmer, weil das Meer noch offen ist.

Skellefteå Kraft und Bibliothek

Jubiläum – 5 Jahre Schweden

Heute ist schon ein besonderer Tag: Genau heute vor fünf Jahren bin ich Skellefteå in Nordschweden angekommen. Seitdem lebe ich hier, die ersten Monate in Skellefteå selbst, den Rest der Zeit in Skelleftehamn an der Küste. Fünf Jahre ist eine lange Zeit. Dass ich einmal in München gelebt habe, scheint Ewigkeiten zurückzuliegen. Ich vermisse immer noch Freunde und Familie, die in Deutschland leben, das wird sich wohl nie ändern, aber abgesehen davon vermisse ich Deutschland nicht wirklich, mein Leben „hier oben“ gefällt mir einfach zu gut. (Na gut, deutsches Brot vermisse ich, aber das ist ein anderes Thema …) Ich will den heutigen Tag ein bisschen zurückschauen und ganz subjektiv über einige Facetten meines Lebens hier in Schweden schreiben.

Los geht’s:

Natur

Wer dieses Blog ein bisschen kennt, der weiß, dass ich gerne in der Natur bin, wenn auch nicht so oft, wie ich gerne möchte. Meine Liebe zur skandinavischen Natur war ja eine der großen Triebfedern, warum ich überhaupt vor fünf Jahren hier hochgezogen bin. Sie war auch schon vorher Triebfeder, als ich vor elf Jahren von Essen nach München gezogen bin, denn damals wollte ich entweder Berge oder das Meer in der Nähe haben.

In München waren die Berge immer noch eine Stunde entfernt, hier kann ich zum kleinen Sandstrand am Meer laufen und dabei das Kajak auf seinem kleinen Wägelchen hinter mir herziehen. Und im Winter kann ich vom Haus aus Skitouren über das Meereis. unternehmen. Das sind Sachen, über die ich mich noch genau so freuen kann wie beim ersten Mal.

Wenn ich es mir aussuchen kann, dann bin ich gerne dort unterwegs, wo man weit gucken kann. Deswegen mag ich ja das Meer auch so, selbst wenn es „nur“ die Ostsee ist. Und deswegen vermisse ich auch manchmal die schwedischen Berge, das Fjäll. Es wäre schön, sie vor der Haustür zu haben. Doch anders als in Norwegen gibt es in Schweden keinen Ort, wo man Meer und richtige Berge gleichzeitig haben kann. Aber man kann ja hinfahren, das Fjäll ist gerade mal 300 Kilometer entfernt – ein Klacks für manchen schwedischen Autofahrer.

Kultur

Was ich hier mit Kultur meine: Musik, Kunst oder Theater. Was ich hier nicht mit Kultur meine: Tischmanieren oder fließendes Wasser.

Kultur – dafür, dass Skellefteå so klein ist, gibt es erstaunlich viel davon. Es gibt Museen, es gibt ein aktives Theater, es gibt eine Musikszene, nur leider keine guten Aufführungsorte für Musik, aber das ist in Deutschland ja oft auch nicht anders. Außerdem habe ich den Eindruck, dass jeder hier irgendetwas Kreatives macht, ob Musik oder Fotografie, Malerei oder Töpferei.

Es gibt auch hervorragende Jazzmusiker in der Stadt – ich war wirklich überrascht. Doch leider – auch ähnlich wie in Deutschland – findet man kaum mal zu einer Session oder einer Probe zusammen. Alle haben einen Fulltimejob (oder zwei …), die meisten haben Familie, da bleibt für die Musik aus Spaß an der Freude neben dem Kommerz oft wenig Zeit.

Darüber hinaus findet Kultur im Sommer nicht statt, denn dann ist Medelsvensson – der Durchschnittsschwede – auf seiner Stuga – in seinem Wochenendhaus. Dort bleibt er viele Wochen, um seine Ruhe zu haben, Boot zu fahren, die alte Stuga abzureißen, eine neue zu bauen, zu grillen, in die Sauna zu gehen und vor allem, um den schwedischen Sommer zu geniessen – mit 24 Stunden Helligkeit und oft auch sommerlicher Wärme. Da hat man für so etwas wie Kultur keine Zeit.

Im Winter hingegen beginnt irgendwann die Eishockeysaison, und da Skellefteå AIK zwei Mal hintereinander schwedischer Meister war, spielt Eishockey hier eine enorme Rolle. Wenn abends gespielt wird, braucht man gar nicht anzufangen, für diesen Abend ein Konzert zu planen. Die Prioritäten sind eindeutig.

Aber seien wir ehrlich: Wenn ich von München nach Nordschweden gezogen wäre, um mehr Kultur zu erleben, wäre ich schon ziemlicher Dummkopf.

Wetter

Das Zweitbeste am nordschwedischen Wetter finde ich die Jahreszeiten. Im Gegensatz zur Stadt Essen, wo man die unterschiedlichen Jahreszeiten hauptsächlich an der Temperatur des Regens unterscheiden konnte, sind hier alle Jahreszeiten klar ausgeprägt. Das liegt natürlich vor allem an dem Besten des nordschwedischen Wetters, dem Winter!

Wenn ich ehrlich bin, dann war es hauptsächlich der Winter, warum ich in den Norden Skandinaviens gezogen bin. Hier hat man monatelang Schnee und Kälte (wenn auch dieser Winter über viele Wochen extrem mild war) und das möchte ich nicht missen. Von mir aus darf es meterhohen Schnee geben und gerne auch rattenkalt sein – möglichst von November bis April. Und wenn es dann klar ist und ich das Polarlicht sehe – um so schöner. Dieses Jahr hat es allerdings so viele Polarlichter gegeben, dass ich für einen einfachen grünen Bogen nicht mehr groß hinausschaue – da geht mein Schönheitsschlaf vor!

Doch jetzt ist Frühling, die Schneehaufen schmelzen zusammen, die Tage sind schon lang und gestern hatten wir das erste Mal über 15 °C. Ein guter Start in die helle und warme Jahreshälfte.

Job

Wer hätte das gedacht, dass ich jemals in meinem Leben fünf Jahre bei dem gleichen Firma angestellt sein würde. Vielleicht am wenigsten ich selbst. Ich, dem viel Zeit und Flexibilität so wichtig ist und der erst ein einziges Mal in seinem Leben vorher angestellt war: 15 Monate bei einem Münchner Unternehmen. Das ging nicht so gut, wir passten einfach nicht so zusammen.

Übermorgen vor fünf Jahren hatte ich meinen ersten Arbeitstag bei Artopod, welches sich kurze Zeit später in Hello Future umbekannt hat. Ein Grund dafür ist die ungeheure Flexibilität, die ich dort geniesse. Ich habe nicht nur wesentlich mehr Urlaub als üblich (und dafür natürlich weniger Geld), sondern ich konnte auch ohne jegliche Schwierigkeiten darüber hinaus dienstfrei nehmen, um diesen Winter meine Nordkalotten-Reise zu machen. Ich glaube ehrlich gesagt nicht, dass ich jemals wieder ein Unternehmen finden werde, bei dem ich solch eine Freiheit geniessen werde. Und auch so ein Vertrauen, denn eine Zeiterfassung haben wir nicht, auch nicht für Urlaubstage.

Die Stadt

Ehrlich gesagt bekomme ich gar nicht so viel von der Stadt mit. Zwar arbeite ich meistens im Büro in Skellefteå (und manchmal zu Hause), doch darüber hinaus bin ich selten dort. Es gibt weder einen Foto-, noch einen richtigen Outdoorladen und überraschenderweise auch keine deutsche Buchhandlung, das macht mein Leben überraschend günstig.

Aber es gibt neben den schon erwähnten Museen und dem Theater auch Kinos, eine Musikschule, ein riesiges Antiquariat und einen Jazzclub. Nicht schlecht für eine Stadt von 33000 Einwohnern, oder?

Ich bin froh, dass ich nicht in der großen, großen Stadt wohne, sondern hier in Skelleftehamn, wo ich fast auf Hafen und Meer schauen kann und von Wald umgeben bin. (Kleine Korrektur: Hier gibt es keinen Wald, sondern nur Forst. Und der ist zum Abholzen da, wie es diesen Winter leider recht großflächig geschehen ist.)

Essen

Ich bin tolerant, ich denke meiner Meinung nach sehr frei und habe mit kulturellen Unterschieden keine Probleme. Beim Essen in Skellefteå stoße ich aber manchmal an meine Grenzen. Das geht übrigens manchem Schweden aus Stockholm nicht anders.

Folgende nicht ganz ernsten Regeln habe ich extrahiert:

  • Regel 1: Fleisch und Kartoffeln. Damit kommt man durch das Jahr.
  • Regel 2: Gemüse ist völlig unnötig, darf aber notfalls als Dekoration benutzt werden.
  • Regel 3: Salat ist Eisbergsalat, Tomate, Gurke und alles, was man in Konserven findet, zum Beispiel Mais oder Kidneybohnen. Dressing ist überbewertet.
  • Regel 4: Beasås geht zu allem, zu Fleisch, zu Pizza, zu italienischen Pasta. Dabei ist „Bea“-Soße nicht mit echter Béchamelsauce zu verwechseln. Sie ist kalt und hat die Konsistenz von Kleister.
  • Regel 5: Man kann alles in eine Pizza Calzone einbacken. Auch einen Hamburger! Inklusive Pommes!
  • Regel 6: Schwedisches Brot folgt eigenen Gesetzen. Dazu empfehle ich Frau E.’s Artikel Bread behind the boarders (englisch).
  • Regel 7: Viele Schweden halten ihr Essen für das beste der Welt.
  • Regel 8: Wenn dann „der Schwede“ aber selber kocht, ist das Essen fast immer phantastisch und entspricht wenig den vorherigen Regeln.

Schwede werden?

Wenn ich recht informiert bin, dann darf ich jetzt Schwede werden, denn dazu muss man fünf Jahre in diesem Land gelebt haben. Ehrlich gesagt ist es mir ziemlich egal, was ich für eine Nationalität in meinen Ausweisdokumenten angegeben habe. Ich kann mit dem Konzept der Nation ohnehin nicht viel anfangen.

Es gibt aber ein Argument, welches für die schwedische Staatsbürgerschaft spricht und das sind die schwedischen Reichstagswahlen, die mit den deutschen Bundestagswahlen vergleichbar sind. Ich darf zwar an den Kommunalwahlen (kommunalval) und den Landtagswahlen (landstingsval) teilnehmen, aber an den Reichstagswahlen (riksdagsval) darf ich nicht teilnehmen. Den deutschen Bundestag hingegen kann ich auch vom Ausland aus weiterhin wählen, obwohl ich seit Jahren nicht mehr in Deutschland lebe.

Das führt zu der seltsamen Situation, dass ich durch meine Wahl die deutsche Politik mitbestimmen darf (zumindest zu 0,0000016 %), aber in Schweden, dem Land in dem ich arbeite, lebe und meine Steuern zahle, darf ich das nicht. Das gefällt mir nicht und deswegen ist es gut möglich, dass ich vor der nächsten Reichstagswahl Schwede werde.

Noch ein weiterer Schritt zu Olaf, dem Elch.