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Nordwärts

Vom Leben in Skelleftehamn

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Sommer ist doof!

Sommer ist doof! Total doof! Also, nicht für mich – Sonnenbrand hin oder her – sondern fürs Blog. Man kann so früh aufstehen wie man will, die Sonne steht schon hoch und wirft genau diese Art Licht, die Fotografen nicht mögen. Kalt, grell und unpersönlich.

warmer Tag, kaltes Licht

Und dann die Aktivitäten: Am Steinstrand entlang spazieren, baden, Waffeln essen, die ersten Blaubeeren sammeln, im Schatten dösen, Freunde treffen. Was soll man denn da groß erzählen? Kajaktouren erzählen sich packender, wenn man zwischen Eisschollen paddelt. Schneesturm an der Küste klingt gleich viel spannender als eine leichte Brise, die bei Temperaturen über 25 °C angenehm kühlt. Ein Waldspaziergang wirkt dramatischer, wenn man vom metertiefem Schnee berichtet, als von hübschem, mit Blaubeerpflanzen bedecktem Waldboden.

Die ersten Blaubeeren

Aber zum Glück lebe ich nicht nur für das Blog, sondern geniesse die warme Sonne, das kühle Bad und die ersten süßen Blaubeeren. Und gestern, als Annika, die diese Woche zu Besuch ist, und ich an der Landzunge Långhällan Pause gemacht haben, gab es sogar noch ein schönes Fotomotiv. Mitten am Tage!

Landschaft ohne Relation

Frohes neues Jahr

Frohes neues Jahr hat mir mein Saab heute gewünscht.

Neujahr?

Erster Januar – wie schnell doch die Zeit vergeht. Und dann 22 °C Außentemperatur, mitten im Winter. Wo ist der Spätsommer geblieben, der Herbst, Weihnachten und Silvester?

Vielleicht hat mein Auto aber auch einfach nur Geburtstag. Schöne Geschenke hat es immerhin bekommen: Erst ein Laufrad für den Antriebsriemen („Löphjul drivrem“) und dann noch eine neue Lichtmaschine („Generator“). Normalerweise bekommt mein Auto keine Geschenke, aber da es seit der Lofotenreise permanent am Heulen war, tat es mir leid und ich habe es gestern in die Werkstadt gebracht. Mir hätte der Austausch des Laufrades rein finanziell gesehen gereicht, doch der hat, obwohl das Laufrad auch durch war, leider das Problem nicht behoben. Also wurde heute noch die Lichtmaschine gewechselt, was wohl relativ aufwändig war.

Ich vermute, dass mein Auto nach dieser großen Operation einfach noch etwas verwirrt war, so mancher Patient weiß ja nicht gleich, wo er ist oder welches Datum es ist, wenn er aus der Narkose wieder aufwacht.

Nun versuche ich ganz schnell zu vergessen, was mich das Ganze gekostet hat und dann erzähle ich meinem Saab, dass wir heute den 13. August haben. Neujahr kommt später.

Von der Kunst, einen Arzttermin zu bekommen

Am Mittwoch wachte ich auf und hatte einen Grashüpfer im Ohr. Also keinen echten, sondern ein bisschen das Geräusch, welches durch das Zirpen einer kleinen Heuschrecke entsteht. Zzzrrr – zz zzzrr – Pause – zzzrrr. Das ist ein Symptom, welches einem Musiker nicht gerade gefällt, denn da ist bei den meisten Musikstilen das feine Ohr doch recht wichtig.

Also wollte ich einen Arzttermin machen. Und das ging folgendermaßen:

Zuerst habe ich die Telefonnummer der Zusatzversicherung angerufen, die mein Arbeitgeber Hello Future für uns alle abgeschlossen hat. Da ging auch gleich jemand dran. Ich schildere meine Symptome. Er: Ja, also Hals-Nasen-Ohren-Spezialisten hätten sie in Skellefteå keinen, mit denen sie zusammenarbeiten würden. Was denn bei mir in der Nähe wäre. Ich: Ich weiß ja nicht, wo sie Spezialisten haben. Er: Ja, das stimmt. Ob ich vielleicht nach Sundsvall kommen könnte.

Sundsvall ist 400 Kilometer von Skelleftehamn entfernt. Von dort aus bin ich schneller in Stockholm als wieder zu Hause.

Ich: Das ist zu weit. Er: Ob ich dann vielleicht erst einmal zu einem allgemeinen Arzt möchte. Ich: Ja, dann das. (Der kennt sich ja vielleicht auch aus). Er: Ja dann machen wir das. Das kostet dann 650 Kronen „självrisk“, also Selbstbeteiligung.

70 Euro für einen Besuch bei einem Arzt, der mit vielleicht gar nicht helfen kann, erscheint mir zu teuer, also lehne ich ab. Dann mache ich lieber einen Termin mit der Vårdcentralen, dem Gesundheitszentrum aus.

Das funktioniert so: Ich rufe ein System an, welches meine Nummer feststellt. Dieses bucht dann einen Termin für den Rückruf eines Mitarbeiters des Gesundheitszentrums, mit dem ich dann einen Termin ausmachen kann. Ich bekomme sozusagen einen Termin für einen Termin. Allein, dieses System sagt mir nur, dass es zur Zeit nichts entgegennehmen könne, ich solle doch später mal probieren. Das sagt es den ganzen Mittwoch.

Ich bin genervt.

Ich rufe direkt die Rezeption der Vårdcentralen an, irgendwann am Nachmittag geht auch jemand dran. Ich gehe davon aus, dass dieses blöde Rückrufystem kaputt ist und ich einfach jetzt einen Termin abmachen kann, denn dafür ist die Rezeption wohl auch da. Weit gefehlt! Termine abmachen darf ich nur über das System und wenn es nicht antwortet, dann ist es für diesen Tag schon voll.

Wir reden wohlgemerkt von der Möglichkeit, ein Gespräch zu bekommen, um in diesem Gespräch einen Termin vereinbaren zu dürfen. Mit einem echten Termin am gleichen Tag habe ich gar nicht gerechnet.

Ich rufe die 1177 an, eine Art Gesundheitsberatung des Landes. Aber auch dort komme ich nicht weiter. Der einzigen Tipp, den ich bekomme: Ich solle das System direkt am nächsten Morgen anrufen, am besten schon einige Minuten vor acht.

In meinem Ohr zirpt es und ich bin sehr genervt.


Donnerstag, 7:56: Ich wähle leicht aufgeregt die Nummer. Meinem Ohr geht es zwar wieder besser, aber ich möchte das auf jeden Fall überprüfen lassen. Und – hurra! – um 8:50 soll ich zurückgerufen werden. Ich tippe noch meine Personennummer ein, um das System glücklich zu machen.

Donnerstag, 8:51: Das Telefon klingelt. Eine Frau von der Vårdcentralen meldet sich. Prima, das hat also geklappt! Ich schildere mein Problem. Sie hat meine Personennummer und weiß deswegen schon, dass ich in Skelleftehamn wohne und auch, welche Straße.

Sie: Ah ja, Tallvägen, da ist […] für Dich zuständig. Ich: (zustimmendes Gemurmel). Sie: Der hat aber diese Woche frei. Danach schweigt sie. Vermutlich wünscht sie sich, dass ich mich entschuldige und auflege. Aber ehrlich gesagt ist es mir pipsegal, wie dort organisiert wird und wer wann für mich wo zuständig ist. Also mache ich es dringend. Ich erzähle zum einen, dass ich Musiker bin, zum anderen, dass ich mir von keinem Arzt in einigen Wochen anhören möchte: „Ja, wärest Du mal früher gekommen!“.

Das letzte Argument zählt. Ich bekomme einen Termin für Freitag, 10 Uhr.


Freitag 9:55. Ich melde mich bei der Rezeption und darf 200 Kronen zahlen, weil ich direkt zum Arzt komme. Normalerweise kommt man erst zu einer Art Gesundheitsbetreuer, der gute allgemeinmedizinische Kenntnisse hat und auch Rezepte ausstellen darf, dann kostet es nur 100 Kronen.

Freitag, 10:02. Ich werde von einer jungen Ärztin aufgerufen und folge Ihr in ein „Hals-Nasen-Ohren“-Zimmer. Sie macht einige Hörtests mit einer Stimmgabel mit mir. Wie man eine Stimmgabel anschlägt, weiß sie nicht. Wie die Tests gehen, googelt sie ganz offen am Computer neben mir. Sie war, so erzählt sie, ein Jahr „mammaledig“, also in Elternzeit und muss erst wieder reinkommen. Aber zumindest misst sie meinen Druck im Ohr und auch ein Hörtest wird gemacht, letzterer mit einem Kasten der aussieht wie ein Experimentierkasten „Der kleine Radiotechniker“ von 1957. Nächste Woche wird sie mich wohl zurückrufen, um zu erzählen, dass sie nichts gefunden hat und ich warten soll, bis es besser wird. Das ist meine Prognose.


Ich gebe hiermit die Empfehlung, in Schweden nur ernsthafte und akute Gesundheitsprobleme zu haben (Vom Elch niedergetrampelt, der Bär hat einen Arm abgebissen …), denn dann darf man die 112 anrufen. Oder – noch besser – werdet in Schweden einfach nicht krank. Bleibt gesund und munter. Und wenn Ihr was habt, dann stellt Euch bitte nicht so an wie ein gewisser deutscher Blogschreiber in Skelleftehamn!

NB: Ich habe bei der gleichen Zusatzversicherung (ganz oben im Text, Ihr erinnert Euch?) auch nach einem Fußexperten gefragt, weil der rechte Fuß manchmal ein bisschen herumzickt. Da hat dann am Nachmittag ein Krankengymnast zurückgerufen und am Freitag morgen hatte ich direkt den ersten Termin. Manches läuft also auch rund.

Zwei Gerüche

Von Steinpilzen, Pflaumen und einer Spinne als Nutznießer.

I – Das Steinpilzdesaster

Am Dienstag nachmittag traf ich meine Nachbarin I. Sie hatte einen großen Karton bei sich. Da der Karton offen war und ich sehr neugierig sein kann, lugte ich hinein. Er war voller Steinpilze! Sie war mit dem Naturschutzverein Pilze sammeln und hatte jede Menge „karl johan“, wie die Steinpilze in Schweden genannt werden, gesammelt. Als ich den Fang – äh Fund – bewunderte, bekam ich direkt drei Pilze geschenkt.

Ich liebe Steinpilze, aber nun hatte ich ein Problem. Denn am Abend hatte ich Chorprobe, am Folgeabend eine Einladung und am Folgefolgeabend Diskussionsklub. Und mittags esse ich in der Stadt. Was macht man da mit drei schönen Pilzen?

Bei Google gab ich steinpilze trocknen ein und erhielt jede Menge Treffer mit Rezepten, Bauanleitungen für Trockenöfen und Tipps, wie man Pilze trocknet. Daraufhin habe ich den Ofen auf 50 °C geheizt, zwei Pilze in dünne Scheiben geschnitten (der dritte war leider voller Maden) und zum Trocknen in den Ofen gestellt. Dabei habe ich die Klappe mit einem Stück Holz ein wenig offen gelassen, denn ich wollte ja trocknen, nicht schmoren. Also alles, so wie es im klugen Internet steht, nur dass ich keine Umluft habe …

Frische SteinpilzeSteinpilze zum Trocknen vorbereitet

Und das war vielleicht das Problem. Nach drei Stunden fühlten sich die Pilze erst trocken an, aber sie waren es nicht. Ihre Konsistenz war irgendwo zwischen Gummi und drei Wochen altem Gemüse. Da kam ich auf die Idee, sie in den Kühlschrank zu stellen in der Hoffnung, dass sie sich bis Freitag frisch halten.

Jedes Mal, wenn ich den Kühlschrank nun öffnete, ballte sich eine unsichtbare Faust und schlug mir *bang* kräftigsten Steinpilzgeruch in die Nase. Der Geruch wurde jedes Mal intensiver und mein dienstäglicher Appetit auf Steinpilzomelett oder Tagiatelle in Steinpilzsahnesoße ließ immer mehr nach. Zum Schluss war der Geruch, der mir aus dem Kühlschrank entgegenschlug dermaßen intensiv, dass ich ihn heimlich begann, Gestank zu nennen. Am Freitag warf ich dann die labbrigen Steinpilzscheiben weg. :-(

Was blieb, war der Gestank. Am Sonntag habe ich eine Schüssel mit Essig in den Kühlschrank gestellt. Seitdem riecht es nach Steinpilz und Essig. Man erzählt sich viele Horrorgeschichten über den Gestank von Surströmming – den in Nordschweden teilweise sehr beliebten vergorenen Hering – der wirklich extrem ist. Aber falsch konservierter Steinpilz ist auch nicht schlecht. Die einzigen, die eigentlich ein viel feineres Näschen haben als ich, aber sich völlig unbeeindruckt zeigten, waren die Fruchtfliegen.

II – Der Fliegenfänger von Hamn

Und von denen hatte ich eine ganze Menge. Ob sie mit Obst zu mir kamen oder aus der Blumenerde der kleinen Rosmarinpflanze wird wohl nie ergründet werden. Tatsache ist aber, dass ich jede Menge kleiner Fliegen in Wohnzimmer und Küche hatte und kaum ein Glas Orangensaft abstellen konnte, ohne dass zehn Sekunden später zwei Fliegen am und im Glas saßen.

Freiwillig teile ich Essen und Trinken nur mit guten Freunden. Kleine Fliegen gehören nicht dazu. Meine ersten Versuche, sie mit einer alten Banane wegzulocken funktionierten nicht so gut. Dann kam der Abend, an dem ich tatsächlich zu Hause Rotwein trank. Alkohol alleine trinke ich sonst nie, aber vom Diskussionsklub war noch Rotwein übrig geblieben – und nicht wenig – und den bekam dieses Mal ich.

Und die Fruchtfliegen. Denn als ich am nächsten Morgen einen Blick auf das leere Rotweinglas warf, war es voll mit Fliegen, die wohl in der Nacht eine rauschende Party gefeiert haben. Schnell die Hand drüber und mit dem Glas nach draußen und ich war schon einmal die ersten zwanzig Fliegen los.

Darauf füllte ich einen Winzschluck Wein in eine Glasflasche als Köder und fuhr zur Arbeit. Leider hat sich der Köder nicht bewährt, keine einzige Fruchtfliege flog ihn an. Vermutlich hatten noch alle vom Vorabend einen kräftigen Kater.

Tägliche PflaumenernteNach zwei Jahren Pause trägt mein Pflaumenbäumchen wieder Früchte. Und die letzten Tage ging ich abends raus und pflückte eine Handvoll. Die Kerne landeten auf einem Teller. Und dieser Pflaumengeruch scheint für die kleinen Fliegen wohl unwiderstehlich zu sein. Scharen umschwirrten den Teller mit den Kerngehäusen. Ein leichtes, da die Kerne in die Flasche zu schütten.

Von nun an hatte ich immer jede Menge der kleinen Fliegen in der Flasche und einmal auch einen fetten Brummer. Ich habe sie draußen freigelassen oder Thekla im Wintergarten zum Naschen gegeben. Seitdem ich sie vor zwei Wochen fotografiert habe, hat sie ganz gut an Gewicht zugelegt. Jetzt sind die Fütterungszeiten allerdings vorbei, denn heute habe ich in der Flasche keine einzige Fruchtfliege mehr gefunden.

Jetzt ist die Flasche wieder leer und das Pflaumenodeur Vergangenheit. Bloss der Gestank im Kühlschrank hält sich hartnäckig.

Zum Abschluss noch ein Bild von Thekla, die sich im Wintergarten wohl recht wohl fühlt:

Thekla, die Kreuzspinne im Wintergarten

Kühler Morgen

Glockenblume in der MorgenkälteHeute morgen zeigte das Thermometer 2 °C, ganz ungewohnte Temperaturen für den warm bis heißen Sommer und milden Herbst. Die Blüte der einzigen Glockenblume in meinem Rasen hing matt auf ihrem Stengel und war mit winzigen gefrorenen Wassertröpfchen bedeckt und auf einer Abdeckung schimmert der erste Reif.

Heute mittag soll die Sonne scheinen und die Temperatur auf etwa 15 °C ansteigen, dass ist in der Sommer immer noch ziemlich warm. Jetzt beginnt wieder die Zeit der zwei Jacken. Und irgendwann greift man wohl wieder wie selbstverständlich zu Mütze und Schal, wenn man aus dem Haus geht. Sommerabschied.

Die Zukunft vom Blog „Nordwärts“

Heute vor 1632 Tagen habe ich den ersten Artikel in diesem Blog geschrieben. 816 Artikel (inklusive diesem) habe ich seitdem veröffentlicht, also im Durchschnitt jeden zweiten Tag einen¹. 3602 Bilder habe ich hier online gestellt, da ist im Laufe der Jahre ganz schön was zusammen gekommen². Wer mag, kann sich die Fotos als Bilderschau anschauen. Damit es nicht zu langweilig wird, mischt das Blog jedes Mal neu.

„Gestern“

Als ich am 4. April 2010 den ersten Artikel geschrieben habe, dort hieß das Blog noch „Nordwärts – Von München nach Skellefteå“, einige Monate später „Nordwärts – Von München nach Skelleftehamn“. Und speziell das erste Jahr drehte sich viel um das Neue, was ich hier erlebt habe: Meine Anreise, den vielen Schnee, der Anfang Mai noch im Wald lag, die Personennummer, ein Zeitungsinterview, den Hauskauf, den Umzug. Und immer wieder das erste Mal: Das erste Mal Mittsommer, die erste Wahl, das erste Polarlicht, der erste Schnee im Oktober, die erste Reise von Schweden nach Norwegen, das erste Mal mit Spikes Rad fahren, das erste Mal auf Skiern unterwegs, das erste Mal über das Ostseeeis zur Insel Storgrundet.

Nach einem Jahr habe ich das Blog in „Nordwärts – Vom Leben in Skelleftehamn“ umbenannt. München schien schon so weit weg. Da soll ich mal gelebt haben? Und ich genoss mein immer noch ziemlich neues Leben in Schweden und berichtete darüber. Ich begann mich immer mehr mit Fotografie zu beschäftigen – eine teure Leidenschaft – und sehe heute erfreut, dass ich in den viereinhalb Jahren dazugelernt habe und meine Fotos besser geworden sind.

Doch das Blog schreiben hat auch meine Wahrnehmung verändert. Ich begann, mein Leben noch intensiver wahrzunehmen und genauer hinzuschauen. Auf der anderen Seite musste ich sehr aufpassen, dass ich meine Erlebnisse nicht danach beurteilte, ob sie einen guten Blogartikel hergeben könnten. Ich begann zu jagen. Nach Fotos, nach Geschichten, nach Eindrücken, die ich hier mit Euch Lesern teilen wollte. Es hat lange gedauert, bis ich ein schönes Sonnenwochenende auch einfach mal zu Hause bleiben und lesen konnte, ohne ein schlechtes Gewissen meinem Blog nordwärts gegenüber zu haben.

„Heute“

Jetzt spüre ich, dass eine Wende gekommen ist. Ausschlag gegeben hat ein Projekt, über das ich hier noch nicht berichtet habe: Ich werde Anfang Januar bis Mitte März frei nehmen und durch Nordskandinavien und -finnland reisen. Viel mit dem Auto, doch auch hoffentlich mit Skiern, wenn ich Reisepartner finde. Das wird bestimmt eine interessante, ereignisreiche Zeit, über die ich natürlich gerne berichten möchte. Leider werden die wenigsten meiner schwedischen Freunde und Bekannten diese Berichte lesen können, wenn ich sie weiterhin auf deutsch auf nordwärts veröffentliche. Ich habe hier sogar kurze Zeit zweisprachig (deutsch und schwedisch) geschrieben, aber schnell damit wieder aufgehört. Zu zeitaufwendig! Außerdem kenne ich auch einige, die weder schwedisch noch deutsch verstehen. Englisch hingegen können die meisten³.

„Morgen“

way-up-north.comDeswegen habe ich ein neues Blog angefangen. Es heißt way-up-north und ist noch so neu, dass erst ein einziger Blogartikel dort erschienen ist. Und dieses Blog werde ich auf englisch schreiben (oder auf das, was ich für englisch halte …). Auf way-up-north werde ich den Fokus ein bisschen schärfen: Auf Landschaft und Natur, auf Reisen und Erlebnisse, auf Wetter und auf Fotografie. Wohin sich das Ganze entwickeln wird, weiß ich aber noch nicht und will es auch gar nicht wissen. Ich bin offen für Neues.

In Zukunft werde ich mehr Zeit mit way-up-north verbringen und deswegen weniger Zeit für nordwärts haben. Hier werde ich weniger neue Artikel und Fotos veröffentlichen, auf way-up-north dafür um so mehr. Einschlafen lassen werde ich dieses Blog nicht, aber es wird ruhiger werden.

Ich würde mich sehr freuen, wenn Ihr, liebe Leser, mir folgt und in Zukunft auch bei way-up-north vorbeischaut oder den RSS-Feed abonniert. Und ich freue mich natürlich immer noch über jeden einzelnen Kommentar, ob er nun auf englisch oder deutsch sei.

Euch allen eine schöne Zukunft,
/Olaf

Polarlicht, Ballett des Himmels
Theater des Firmaments
Dynamik aus der Stille
Zeitlosigkeit des Alls und Lebendigkeit der Erde
Verbinden sich in Girlanden, Formen, Farben
Fahl, kaum den Menschen erreichend
Klar und hell, den Norden erhellend
Meinen Schatten sehe ich nicht,
Ich schaue nicht zurück, wende mich nicht ab.
Nur vorwärts, der Aurora entgegen
Führt mein Weg
Immer weiter.

Olaf Schneider, 8. Februar 2005, Solberget


¹ Geschrieben habe ich allerdings ein paar Artikel weniger, denn einige sind Gastartikel von meinen Besuchern.
² Auch manches Foto oder andere Bild stammt von meinen Gästen oder anderen.
³ Ja, ich weiß, dass nicht alle Englisch können und es tut mir leid, dass es dadurch für einige schwieriger sein wird, mir zu folgen. Aber leider ist meine Zeit begrenzt und deswegen musste ich mich entscheiden.

Noch mehr Herbst

Puh, was für eine Woche. Neben und zwischen der Arbeit saß ich drei Mal mit „Gömda men inte glömda“ auf der Bühne und gestern war ich beim „Eldsjäldagen“ in Lycksele, wo ich einen kleinen Vortrag gehalten habe. Eldsjäl bedeutet in der direkten Übersetzung „Feuerseele“ und beschreibt einen Menschen, der für etwas brennt. Auf dem Rückweg sah ich die wunderbare Herbstfärbung in der untergehenden Sonne und heute morgen war ich draußen, um wenigstens ein paar der Herbstfarben noch fotografisch einzufangen, denn gestern war es sehr stürmisch und der starke Wind hat auch so manches grüne Blatt vom Baum gerissen. Nicht mehr lange und die bunten Blätter liegen braun werdend am Boden. Also zeige ich noch drei Herbstfarben und eine Winterfarbe, …

Herbst in SkelleftehamnGelbRotSkoterled

… denn das rote Holzkreuz markiert die Winterwege – hauptsächlich für die Schneeskooter – und der Wegweiser „Skoterled“ zeigt in Richtung Ostsee. In drei, vier Monaten wird hier Winter herrschen und dort wird man wieder mit Schneemobilen über das Eis der zugefrorenen Ostsee fahren. Und bis dahin geniesse ich jede Farbe, die der schwedische Herbst zu bieten hat.

Von der Kunst, einen Arzttermin zu bekommen – Teil II

Dieser Artikel ist eine Fortsetzung vom Artikel „Von der Kunst, einen Arzttermin zu bekommen“, den ich vor sechseinhalb Wochen am 24. August schrieb.

„Nächste Woche wird sie mich wohl zurückrufen“ schrieb ich im Artikel. Die Betonung liegt auf dem Wörtchen „wohl“, ich höre nämlich nichts von ihr. Nach einer Woche melde ich mich bei der Rezeption, sie will die Ärztin an den Rückruf erinnern. Nach einer weiteren Woche melde ich mich wieder bei der Rezeption, sie will die Ärztin an den Rückruf erinnern. Dieses Mal kommt er.

Was ich erfahre ist nicht gerade erbaulich: Ich könne ja Nasentropfen nehmen (aha?). Und es gebe ja auch Mittel, die gegen Depression eingesetzt werden. (was!?) Ich hab’s am Ohr, liebe Ärztin, an Depression leide ich nicht. Auf meinen Kommentar, dass ich nicht vorhätte, Medikamente ohne jegliche Diagnose zu nehmen, bekomme ich keine Antwort. Meine einzige Chance bleibt: Jammern und übertreiben. Es hilft nicht wirklich, aber schließlich stellt sie mir widerstrebend eine Überweisung zum HNO-Arzt aus und legt mit dem Kommentar, man würde sich melden, das könne aber dauern, auf.

Ich höre von einem Schweden, dass man Antidepressiva gerne für und gegen alles mögliche verschreibe. Mehrere andere beschreiben das System als darauf angelegt, die Patienten abzuwimmeln und sich vom Leib zu halten. Ich beginne mich zu fragen, ob es da einen Zusammenhang gibt.

Einen Fehler habe ich gemacht: Ich habe nicht gefragt, was „könne aber dauern“ bedeutet. Wiederum eine gute Woche später rufe ich wieder bei der Vårdcentralen an. Dort erfahre ich dann, dass man versuche, den Leuten innerhalb von drei Monaten (!) einen Termin zu geben. Mein Kommentar, dass ich Musiker sei, perlt an meinem telefonischen Bürokraten-Gegenüber ab: Ich sei als nicht eilig eingestuft. Eine interessante Aussage, denn eine Diagnose habe ich ja immer noch nicht. Immerhin ringe ich der Abwimmel-Angestellten eine weitere Telefonnummer ab.

Sauer bin ich. Und sauer schimpfe ich auf Facebook über das unmögliche Gesundheitssystem hier. Die Reaktion der Schweden ist recht verhalten, doch so mancher andere Einwanderer kommentiert und schreibt über seine ebenfalls schlechten Erfahrungen. Es scheint so, dass dieser Teil der nordschwedischen Wirklichkeit qualitativ bei weitem nicht mit den Systemen in anderen europäischen Ländern mithalten kann.

Die weitere Telefonnummer führt mich über Umwegen und einer noch weiteren Nummer ins nächste Dickicht der Telefonsysteme, die leider gerade keine Zeit für mich haben. Da es meinem Ohr etwas besser geht, gebe ich das Ganze auf. Wird schon!


Chorprobe am Dienstag. Mein Ohr ist halb dicht, es pfeift und die Musik tut weh. Um acht verlasse ich die Probe und bin frustriert. Am nächsten Morgen rufe ich gleichzeitig die Vårdcentralen und die HNO-Klinik an, dieses Mal rechtzeitig genug, dass beide Systeme einen Rückruf versprechen.

Rückruf eins: Vårdcentralen. Mein Kommentar, es sei schlimmer geworden, interessiert überhaupt nicht. Mein Kommentar, dass dies für mich bedrohlich sei als Musiker, sowohl was das Finanzielle als auch die Lebensqualität angehe, ebenso wenig. Ich sei Prio 3 (drei Monate) und für Anfang November vorgemerkt.

Vårdcentralen, so darf man nicht mit Hilfesuchenden umgehen!

Rückruf zwei: Die HNO-Klinik, die tatsächlich damals eine Überweisung bekommen hat, aber – man merke auf – mich für Anfang Dezember vorgemerkt hat. Also hat die Frau von der Vårdcentralen sich geirrt oder mich schlichtweg angelogen. Auch mein Hinweis, dass die Probleme schlimmer geworden sind, interessieren hier ebenso wenig. Nun mache ich Stunk! Ergebnis: Ja, jemand könne mich ja zurückrufen, höre ich. Und kann fast die Gedanken lesen: Aber glaube nicht, dass das etwas nützt.

Da fällt mir wieder die Zusatzversicherung ein, die mein Arbeitgeber „Hello Future“ für mich abgeschlossen hat und ich rufe die Servicenummer an.

Schon wenig später hebt jemand ab.

Ein Mensch.

Die Frau am Telefon hört mein Problem an und signalisiert sofort Hilfe. Leider gibt es hier keinen HNO-Arzt, mit dem sie zusammenarbeiten, ich weiß ja schon, dass der nächste in Sundsvall ist, also 400 Kilometer Busreise. Da sage ich, da sei ich ja schneller in Stockholm und während ich noch darüber rede, dass ich dann ja den Flug und …

… unterbricht mich die Frau und sagt, es wird alles organisiert und bezahlt. Und ich bekomme für Freitag einen Arzttermin in Stockholm. Wartezeit zwei Tage statt drei Monate oder mehr.

Wenig später bekomme ich einen Anruf und man fragt mich nach meinen Flugwünschen. In Ruhe bekomme ich Vorschläge und suche die beste Verbindung aus. Dann bietet man mir Taxifahrten an: Von mir zu Hause zum Flugplatz, vom Flughafen Arlanda in die Stadt. Alles bezahlt. Doch die Taxifahren schlage ich aus, das finde ich doch ein bisschen übertrieben, denn hier kann ich das Auto nehmen und in Stockholm den Flugbus. Ich bedanke mich leicht euphorisch und lege begeistert auf.

Wenig später kommt eine SMS mit allen Informationen für den Arztbesuch, gefolgt von einer weiteren mit allen Buchungen für Flug und Flugbus. Als ich heute morgen einchecke, sehe ich, dass Business-Class gebucht wurde.

Also fliege ich morgen 700 Kilometer nach Stockholm zu einem Arzttermin, weil ich hier in Skellefteå keinen in akzeptabler Zeit bekomme. Eine verrückte Welt!

Nordisches Entfernungsempfinden

In manchen Punkten werde ich immer nordschwedischer. Ein solcher Punkt ist mein Entfernungsempfinden. Sieben Meilen (also siebzig Kilometer), um bei Freunden vorbeizuschauen, dass finde ich nicht wirklich weit. Zehn Minuten zu Fuß in Skellefteå hingegen, das ist schon richtig was.

Das ist gewiss ein wenig übertrieben, dennoch war es interessant, was passiert ist, als ich heute ein Meeting bei Skellefteå Kraft hatte: Der Hinweg hat zehn Minuten gedauert, aber der Rückweg über eine Stunde.

Als das Meeting zu Ende war, bin ich erst nebenan in die Bibliothek gegangen, um ein Buch und passendes Hörbuch auszuleihen. Das ganze ist für den Schwedischunterricht, den ich nehme, um meine Aussprache zu verbessern. Dann zurück über die E4, die mitten durch die Stadt führt und wieder in die Fußgängerzone. An der Kreuzung liegen nasse und einfrierende Schneehaufen. Viel ist ja nicht gefallen, aber wenn man beim Straßenräumen das bisschen zusammenschiebt, kommt auch was zusammen.

Hörbücher von Torgny LindgrenSchneehaufen an der Kreuzung

Die Fußgängerzone hingegen ist schneefrei und trocken, denn die hat ja Fußbodenheizung. Dann noch mal kurz in den Teeladen, grüner Tee ist alle. Also, wenn man schon mal in der Nähe ist … (Ich arbeite 500 Meter weiter!) Den kleinen Flohmarkt der Schwedischen Missionskirche lasse ich aus, in das Schaufenster des kleinen Sportlädchens schaue ich nur kurz. Aber bei der Bank schaue ich rein, denn dort bin ich auch versichert. Ich will für meine Winterreise das Gepäck gegen Diebstahl versichern lassen, denn mit Kameraausrüstung, Pulka, Daunenparka, Winterschlafsack und so kommt da ganz schön was zusammen. Aber – wie ich schon vermutete – muss ich bei der Versicherung direkt anrufen, das ist zu speziell.

Weiter in Richtung Büro. Aber kurz vorher noch bei ICA rein, ein paar Lebensmittel für den Abend kaufen. Danach bin ich dann aber tatsächlich wieder ohne weiteren Zwischenstopp ins Büro gegangen. Ein bisschen doof kam ich mir vor, denn das Stadtzentrum ist so klein, dass ich jederzeit Besorgungen machen könnte. Aber ich tue es nicht, denn nach der Arbeit will ich lieber nach Hause ins beschauliche Skelleftehamn, als noch in der Stadt Besorgungen zu machen.

Um fünf bringt mich der Bus nach Hause. Auch er überquert die E4 und fährt an Skellefteå Kraft und der Bibliothek vorbei. Überall liegen Schneereste und der kurze Blick auf den Skihügel zeigt diesen sogar ganz in weiß. Nur der äußerste Teil von Skelleftehamn ist komplett schneefrei, denn hier ist es ein Grad wärmer, weil das Meer noch offen ist.

Skellefteå Kraft und Bibliothek

Bei Wildunglück …

Eigentlich muss ich erst im Januar zur „Bilbesiktningen“, dem schwedischen TÜV. Aber da ich im Januar schon auf großer Tour bin, habe ich den TÜV auf heute vorgezogen. Mit dem Hinweis, den Auspuff und die Bremsleitungen im Auge zu behalten, habe ich mein Auto wieder problemlos durch den TÜV gebracht. Toll!

Zum Schluss wies der TÜV-Prüfer noch auf einen Stapel leuchtendoranger Zettel mit der Frage, ob ich so etwas hätte. Nein, habe ich nicht. Ich könnte gerne einen mitnehmen. Auf dem Zettel stand „Viltolycka Ring SOS 112“ – „Wildunfall, Ruf SOS 112 an“. Und das Band kann man zum Absperren benutzen.

Viltolycka Ring SOS 112

Auf der Rückseite sind die Tiere abgebildet, bei denen man einen Unfall nach §40 der Jagdverordnung polizeilich melden muss:

Die meldepflichtigen Tierarten

  • Bär
  • Wolf
  • Vielfrass
  • Luchs
  • Elch
  • Damhirsch
  • Rothirsch
  • Wildschwein
  • Mufflon
  • Reh
  • Fischotter
  • Adler

Nun sind Unfälle mit Bär, Wolf und Luchs selten, die Tiere gibt es aber wirklich hier, wenn auch nicht direkt in Skelleftehamn. In Kusfors, 70 Kilometer von hier, wo ich Freunde habe, lebt seit Jahren ein Bär. Dort hat ein Freund dieses Jahr auch einen Wolf gesehen. Und anderthalb Dörfer weiter sind Luchsspuren entdeckt worden.

Die meisten Zusammenstöße geschehen mit Ren und Elch. Mich wundert, dass das Ren nicht mit aufgeführt ist, denn meines Wissens muss man auch bei einem Zusammenstoß mit einem Rentier die Polizei rufen. Da es allerdings keine wilden Rens im Norden gibt – alle gehören den Sámi – kann es sein, dass in diesem Fall nicht §40, sondern ein anderes Gesetz zur Anwendung kommt.

Von Januar bis März werde ich manche tausend Kilometer hier im Norden mit dem Auto zurücklegen. Die Bären werden schlafen, andere Tiere nicht. Wünscht mir Glück, dass mir keines vors Auto läuft.