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Nordwärts

Vom Leben in Skelleftehamn

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Sag nie „morgens“ zu einem Klempner!

Sage nie „morgens“ zu einem Klempner, denn das habe ich ihm am Mittwoch vorgeschlagen für die Miniarbeit, die noch zu machen war. In der Antwortmail stand nur:

Kan komma kl 6 imorgon. (Torsdag)

Jon M.

Kann morgen um 6 kommen. (Donnerstag). Nun gut dachte ich, sagte zu und stellte den Wecker auf 5:45. Und pünktlich um sechs stand er vor der Tür, hat den Ablauf des neuen Waschbeckens im Keller funktionstüchtig gemacht und mir gezeigt, wie ich in Zukunft die Heizung regeln soll. Und nun? Wieder ins Bett gehen? Nein, erst einmal frühstücken. Und wie schon am Vortag an die Küste fahren und Stativ und Kamera mitnehmen. Und dieses Mal kam ich rechtzeitig an, um am schneebedeckten Ufer ein wunderbares Morgenrot über der stillen Ostsee zu erleben. Ohne den Termin mit dem Klempner hätte ich eine Stunde länger geschlafen und dieses herrliche Licht verpasst.

Morgenrot

Eine Schattenseite der beiden längeren Klempnerbesuche gibt es allerdings: Von dem Geld, welches ich an den Klempner für Material und Arbeit bezahlt habe, hätte ich mir die neue wasserdichte Nikon AW1 kaufen können und hätte trotzdem noch 600 Euro übrig gehabt.

Nächtlicher Schneefall

Der Schnee, der gestern Abend in der Stadt fiel, kam in Skelleftehamn als Regen herunter. Später allerdings wurde ein bisschen kälter und es schneite auch bei mir zu Hause.

Heute morgen lagen fünf Zentimeter Schnee und hellten den dunklen Morgen auf. Heute in der Stadt schneite es weiter und taute gleichzeitig – Gummistiefelwetter – doch später sanken die Temperaturen unter Null, jetzt aktuell bei mir -3.5 °C.

Zwei Mal stand ich heute am Steinufer hinter der Lotsenstation. Einmal vor der Arbeit, einmal nach der Arbeit:

Schnee am MorgenSchnee am Abend

Klebeschnee

Nasser, kalter KlebeschneeDa freut man sich über ein Wartehäuschen an der Bushaltestelle, wenn man nach der Chorprobe in der Stadt hinaustritt und von nassem Schneefall empfangen wird. Auf den Grünflächen bleibt er liegen, auf dem Asphalt bildet er sofort matschige Pfützen und an der westlichen Glasscheibe des Wartehäuschen bleibt er kleben. Ungemütlich. Doch fünf Minuten später kommt der Bus und fährt mich warm und trocken wieder zurück nach Skelleftehamn.

Das historische Dorf Gallejaur

Heute war ich fast den ganzen Tag mit Freunden zusammen unterwegs. Ein guter Tag! Erst habe ich meine ehemaligen Nachbarn in Klutmark besucht, dann bin ich weiter nach Kusfors gefahren, um dort Lasse und Martine zu besuchen. Wir haben uns dort mit einem Paar getroffen, welches diesen Sommer von Dubai nach Skellefteå gezogen ist und gerade einige Freunde aus ihrer alten Heimat zu Gast hatte. Mit zwei Autos sind wir kleine vereiste Kieswege entlanggefahren, an Rentieren und leicht weiß bepuderten Wäldern vorbei, bis wir unser Ziel Gallejaur erreicht haben. Gallejaur ist ein historisches Dorf, dessen noch gut erhaltenen Bauwerke bis 1800 zurückreichen.

In einigen Häusern kann man übernachten und das Geschirr, das Besteck, die Möbel sind alle noch aus dem originalen Hausstand und mindestens hundert Jahre alt. In einem der Häuser steht eine alte „Tramporgel“ (zu deutsch Harmonium), welche mit Hilfe von Lochscheiben selbst Stücke spielen kann.

Ein altes SchlafzimmerEin selbstspielendes Harmonium

Erst fand ich es ein bisschen schade, dass es schon früh dunkel wurde, doch schnell habe ich gesehen, dass das trübe Dämmerungslicht sehr schön ist und die Gebäude ein bisschen kalt, abweisend und unwirklich aussehen lässt. Ich habe mir vorgenommen, noch einmal wiederzukommen, wenn mehr Schnee liegt und der Mond scheint. Hoffentlich sind dann die netten Schafe noch draußen, die bei 1.3 Sekunden Belichtungszeit überraschend still gehalten haben.

Ein alter ErdkellerDie meisten Schafe halten stillWeg durch das Dorf GallejaurWohnhaus – ungefähr 100 Jahre alt

Nachdem ich noch bei Martine und Lasse zu Hause war, habe ich mich in mein Raumschiff gesetzt und bin mit Überlichtgeschwindigkeit (etwa Warp 8) nach Hause gedüst. Die Sterne zogen grell leuchtend an mir vorbei und Sternnebel umwaberten mein Schiff.

Glaubt Ihr nicht? Ist auch nicht ganz richtig! Bei +1 °C bin ich durch Nebel und Schneeschauer gefahren und als ich Fernlicht anhatte und gerade ein besonders starker Schneeschauer über der Straße hing, da irritierten die blendenden Schneeflocken, die strahlenförmig zu allen Richtungen wegschossen, so sehr, dass ich fast nicht mehr wusste, wo oben und unten ist. Das kam einem Flug mit Überlichtgeschwindigkeit schon recht nahe mit der Ausnahme, dass man im Auto gerne Bodenhaftung hat und weiß, wo die Straße ist. Ich war froh, dass es in Richtung Küste wieder wärmer wurde und bald der Schnee wieder als Regen herunterkam. In Skelleftehamn zeigte das Autothermometer dann +5 °C.

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Nachtrag

Samisches VorratshausEin Bild habe ich noch: Das vom samischen Vorratshaus. Es ist so konstruiert, dass die Ratten nicht hineinkommen, denn die können zwar mühelos die Stelzen, auf denen das Haus steht erklimmen, aber nicht kopfüber unter dem Boden weiterlaufen.

Auf norwegisch heißen diese Gebäude Stabbur, auf schwedisch (sagt Wikipedia) Härbre. Auf der iberischen Halbinsel gibt es Dinger auch unter dem Namen Hórreo, aber das hat mit meinem Blog nordwärts ja gar nichts mehr zu tun. Ich habe es auch nur erwähnt, damit der Text neben dem Bild nicht zu kurz ist.

Heute morgen vor der Arbeit

Sonnenaufgang bei Gåsören

Schön, wenn mal wieder blauer Himmel ist, die Sonne herauskommt und nachts die Sterne leuchten. Sogar ein bisschen Polarlicht war gestern Abend zu sehen. Leider geht die Sonne schon um zwanzig nach drei unter und ich muss mich wieder daran gewöhnen, nach der Arbeit im Dunkeln nach Hause zu fahren.

Всенощное бдение от Сергей Рахманинов

Dieses Wochenende hatte ich meine ersten Auftritte mit dem Skellefteå Kammarkör: Gestern in der großen Kirche in Burträsk, heute in Skellefteå in der Sankt-Olov-Kirche. Und ich bin gleich mit einem sehr anspruchsvollen Programm eingestiegen, den „Vespers von Sergei Rachmaninow“. Die 15 Stücke haben es wirklich in sich, denn zum einen haben die wenigsten feste Taktarten und teilen oft die Stimmen, und zum anderen ist das Kirchenslawisch auch mit lateinischer Umschrift schwer zu singen.

Burträsk vor dem AuftrittAuftritt in der Sankt-Olov-Kirche

Dafür, dass der Chor dieses Werk in kaum mehr als zwei Monaten einstudiert hat, können wir mehr als zufrieden mit dem Ergebnis sein. Ich war schon bei den Proben imponiert, wie gut viele Choristen vom Blatt singen. Ich finde es dennoch ein bisschen schade, dass wir nicht mehr Zeit zum Üben und Proben hatten, denn der Chor könnte das Stück noch wesentlich besser singen, wenn er sich sicherer fühlen würde.

Ein paar Dinge waren übrigens anders als meine früheren Chorauftritte in Deutschland oder England.

Positiv: Die Kirchen sind wohnzimmerwarm beheizt. Der dicke Rollkragenpullover, den ich wegen früherer Fröstelerfahrungen in eiseskalten deutschen Kirchen mitgenommen hatte, konnte getrost im Auto liegen bleiben.

Positiv: Die Kirchen haben passend zurechtgesägte Podeste für die Männer, die erhöht hinter den Frauen stehen und so alle problemlos den Dirigenten sehen (wenn sie nicht wieder ihre Nasen in die Noten vergraben).

Negativ und für mich extrem irritierend: Beide Male wurde das Werk durch eine Predigt unterbrochen. Ich habe schon in Gottesdiensten gesungen, dann ist man natürlich in den Ablauf eingebettet, aber dass bei einem richtigen Chorkonzert plötzlich mitten im Stück der Pastor kommt und von Heil und Jesus spricht und betet, finde ich extrem befremdlich. Heute wurde sogar mit dem Publikum ein Choral gesungen. Mit Orgelbegleitung! Und dann singen wir danach mit dem Kammerchor weiter, als wäre nichts gewesen. Für mich ist so eine christliche Werbeunterbrechung extrem störend und gehört meiner Meinung nach nicht in so ein Konzert! Ein Tenor, den ich darauf ansprach, fand das hingegen völlig normal. Es scheint aber auch so, dass die Kirche durch die unterbrechende Predigt irgendwelche Fördermittel bekommt, die ihr aus einem reinem Konzert nicht zuständen. Ja, das liebe Geld …

Mir haben die Konzerte auf jeden Fall großen Spaß gemacht und ich freue mich schon auf den nächsten Dienstag, denn dort wird die erste Probe für das Weihnachtskonzert sein. Ich hoffe, dass meine Basskollegen sich trauen, meine schwedische Aussprache zu verbessern, denn die klingt noch sehr deutsch.


Übrigens: Wer – so wie ich – den russischen Titel dieses Blogartikel nicht lesen kann, er bedeutet: „Vespers von Sergei Rachmaninow“

Übrigens: Wer wissen will, wo ich stehe und singe: Ich bin jener mit der am Abstand am schlechtesten gebundenen Krawatte.

Åbacka paviljong

Heute auf dem Weg nach Burträsk habe ich Sachensucher gespielt.

„Was sind das denn für Sachen?“ fragte Annika.

„Ach, alles mögliche“, sagte Pippi. „Goldklumpen und Straußfedern und tote Ratten und Knallbonbons und kleine, kleine Schraubenmuttern und all so was.“

Astrid Lindgren: Pippi Langstrumpf

Nur dass ich statt Sachen Fotomotive gesucht habe. Ich bin eine Stunde früher losgefahren, um ein bisschen hier und dort langfahren zu können und auch, um trotz des trüben Wetters ein paar Fotos machen zu können. Und nachdem ich die die E4 verlassen habe und direkt noch einmal abgebogen bin, entdeckte ich dies hier:

Åbacka paviljong

Zu Hause habe ich im Internet nachgeschaut und herausgefunden, dass dies der „Åbacka paviljong“ ist, den J G A Sandberg, Disponent und Verwalter des Sägewerkes Bure AB, 1987 in Stockholm gekauft und hier direkt am Fluss Bureälven hat aufstellen lassen. Seit 1988 ist dieser Pavillon denkmalgeschützt.

Wenn schöneres Wetter ist, werde ich dort noch einmal hinfahren und Fotos machen.

Die anderen beiden Fotosucher-Ergebnisse sind eher dem Bereich „kleine, kleine Schraubenmuttern“ als dem Bereich „Goldklumpen“ zuzuordnen: Eine rote Scheune, unweit des Pavillons und dünnes Eis auf dem großen See Falmarksträsket.

Rote Scheune bei ÅbackaEis auf dem Falmarksträsket

In Burträsk habe ich dann in der schönen Kirche mein erstes Konzert mit dem Skellefteå kammarkör gesungen, aber davon erzähle ich morgen.

Zwischen goldenem Herbst und weißem Winter

Der Goldene Herbst ist seit ein paar Wochen vorbei und die Bäume sind kahl. Und Winter ist noch nicht in Sicht. Das Wetter ist so richtig zwischen allen Stühlen und bei den Regengüssen der letzten Tage sehne nicht nur ich mich nach Kälte und frischem Schnee.

Ja, wir hatten es schon kalt: -8.6 °C vor drei Nächten, aber null Grad dreieinhalb Stunden später. Ja, wir hatten schon Schnee: erst vorletzte Nacht in Skellefteå, als der Pladderregen in Schnee überging. Der ist aber schon längst zu großen Pfützen geschmolzen, die den Frost der letzten Nacht genutzt haben, halb zuzufrieren um heute wieder anzutauen. Und ansonsten: Ein Grad, zwei Grad, drei Grad. Nieselregen, Dauerregen, Pladderregen. Mal mehr, mal weniger glatt.

PladderregenSpiegelungStiller FlussRotes Haus

Weil ich am Samstag nach Burträsk fahre, habe ich heute morgen Winterreifen aufziehen lassen und bis jetzt wieder mit Spikes unterwegs. Als ich an der Bucht vorbeikam, bugsierten gerade zwei Lotsenschiffe die große Levan an die Anlegestelle von Kuusakoski, dem Recyclingunternehmen. Als ich in der Nachmittagsdämmerung von der Arbeit zurückkam, lag das Schiff noch da und ich habe kurze Zeit später noch einmal ein Foto mit Stativ und längerer Belichtung gemacht. Zum Glück hat die Levan still gehalten.

Die Levan läuft einDie Levan

Ab Sonntag werde ich viele Gelegenheiten haben, weitere Nachtaufnahmen zu machen, denn dann geht die Sommerzeit zu Ende und ganz plötzlich geht die Sonne um halb vier unter! Dann ist Nordschweden wirklich kalt und dunkel. Bis der erste Schnee fällt.

Mein Auto jedenfalls ist seit heute für den Winter gerüstet. Und etwas anderes auch, doch dazu hole ich ein bisschen aus …

Eine der schwierigeren Sachen in Nordschweden ist es, einen Handwerker zu bekommen. Einige Spezies wie Elektriker (elektriker) und Klempner (rörmokare) sind besonders selten, gesucht und begehrt. Es kann lange Zeit vergehen, bis man tatsächlich mal einen Handwerker bekommt, der einem hilft, Dinge zu „fixen“, wenn man es – wie ich – nicht selbst kann. Vor allem beim Thema Klempner hat sich einiges bei mir angesammelt und ich wusste, ich muss das Projekt „Rörmokare“ in Angriff nehmen, vor allem, weil das Absperrventil zum Außenwasserhahn nicht mehr ganz dicht war und ich Angst hatte, dass mir das ganze im Winter kaputt friert. Jetzt geschieht ein kleines Wunder: In meinem Briefkasten finde ich einen Zettel von Jon, der sich gerade als Rörmokare selbständig gemacht hat und Kunden sucht. Er antwortet noch am Sonntag auf meine Mail, schaut sich schon am Montag alles an und gibt Tipps und hat heute schon einen neuen Außenwasserhahn, der nicht mehr einfrieren kann, eingebaut und mit anderen Dingen angefangen. Ich bin begeistert! Nun bekomme ich noch ein Waschbecken im Keller (für dreckige Stiefel und so etwas), bessere Thermostaten an die Heizung und – wenn ich will – reaktiviert er auch die Fußbodenheizung in einigen Kellerräumen, von deren Existenz ich bisher nicht gewusst habe. Toll!

Und da der schwedische Staat bei Hausbau und -reparatur 50% der Bruttoarbeitskosten dazu gibt – das Ganze nennt sich ROT-avdrag, halten sich die Kosten auch noch halbwegs in Grenzen.

Erinnerung an Bodø

Dieser Artikel ist Teil der dreiteiligen Serie Bodø 2013.

Heute habe ich einen Brief bekommen. Zuerst habe ich an Spam gedacht, denn es war eine Rechnung und ich hatte keine Ahnung, worum es sich dreht. Dann erblickten meine Augen das Wort „Norge“ und zwei hübsche Schwarzweißfotos von einem Auto. Meinem Auto! Bin ich etwa in Norwegen zu schnell gefahren und dabei geblitzt worden? Dann sah ich den Betrag von SEK 58.88 (also keine sieben Euro). Damit schied die Geschwindigkeitsübertretung schon einmal aus, denn die kostet in Norwegen leicht das Hundertfache. Also fing ich an den schwedischen Text zu lesen und stieß auf Worte wie avgifsbelagd väg (gebührenpflichtige Straße). Damit hatte ich langsam eine Idee, worum es sich handelte. Allerdings konnte ich mich nicht entsinnen, bei meinem letzten Norwegenaufenthalt irgendeine Bezahlstraße genommen zu haben. Seltsam!

Auf dem unübersichtlichen Brief stand zwar viel, aber nicht, wo das überhaupt gewesen sein soll. Aber man konnte sich im Internet einloggen und dort bekam ich als Ort Rv 80 Strømsnes und als Daten 18. und 19. Mai angezeigt. Und dann dämmerte es mir. Im Mai habe ich ja einen Roadtrip nach Bodø gemacht. Und dort stand damals irgendwas von Bezahlen an der Straße, ohne dass wir irgendeine Mautstelle gesehen haben. Das hatte uns ein bisschen gewundert. Inzwischen hatte ich das total vergessen, denn das ist ja immerhin schon fünf Monate her.

Dafür, wie teuer sonst vieles in Norwegen ist, finde ich einen Maut von 3,36 Euro pro Strecke überraschend günstig. Dann will ich mal bezahlen …