Licht
Wo viel Schatten ist, ist auch viel Licht.
Das geht schon mit den fantastischen Morgenstimmungen los, die wir hier so manchen Tag haben. Schon beim Blick durch die von Reif bedeckten Fenster meines Wintergartens haben gezeigt, dass es an der Ostsee bestimmt schön aussieht. Also habe ich heute das Auto genommen und einen kleinen Abstecher zum Fotografieren gemacht.
Nach der Arbeit war es draußen natürlich stockdunkel. Aber seit einigen Tagen ist die gesamte Innenstadt mit Licht geschmückt. Breite Bündel von Lichterketten hängen über einem Teil der Fußgängerzone, Die wenigen Alleebäume sind komplett in Licht gekleidet sind und auch ein großer Weihnachtsbaum steht auf dem Torget, dem Marktplatz.
Die mit gelblichem Licht ummantelten Bäume wirken richtig warm und gemütlich. Man denkt an Kerzen und Kamin. Leider macht das kalte Licht, mit dem Lichterketten und Weihnachtsbaum bestückt sind, einiges an Gemütlichkeit wieder zunichte. Wer, bitte schön, denkt sich so etwas aus!

Auch am Fluss holt man sich Licht in die dunkle Stadt. Und bei den gestaffelten Sitzreihen am Fluss mit ihrer strengen Linienführung darf das Licht auch gerne kalt-blau sein. Dort passt es. Die Solaranlage in der Stadt hat nicht viel zu tun, denn viele Sonnenstunden haben die Tage nicht mehr.
Gefallen hat mir dann wieder Bonnstan, die alte Kirchenstadt mit ihren Blockhäusern. Die Wege sind nur teilweise beleuchtet und lassen die Holzhäuser geheimnisvoll aus ihren Schatten treten.

Die erste Winternacht
Heute Nacht um halb eins: Minus sieben Grad, sternklarer Himmel und die Nordhälfte ist mit blassem Polarlicht bedeckt. Der Schnee knirscht unter den Stiefeln, als ich im Garten stehe. Meine erste richtige Winternacht in dieser Saison.
Noch mal kurz schauen, ob das Polarlicht stärker wird, sonst geht’s ins Bett. Moment …
… wird nicht, also Bett. Gute Nacht.
Ich finde, das ist ein guter Anfang. Heute vor einem Jahr lag hier schon extrem viel Schnee und ich finde, da kann ruhig ordentlich was an Schnee runter kommen die nächsten Wochen.
Das Handy klingelt
Eben bin ich angerufen worden. Auf meinem Handy. Manche Nummern habe ich eingespeichert und dann sehe ich den Namen. Aber oft kennen weder Handy noch ich die Nummer und dann ist es oft sehr spannend, herauszufinden, wer anruft. Erst recht, wenn man wie eben mitten im ICA steht.
Die erste Herausforderung liegt daran, dass fast jeder Mann einen Spitznamen trägt und die alle unglaublich ähnlich klingen. Die Konstruktion geht wie folgt: Nimm den ersten Konsonanten und Vokal, einen Doppelkonsonanten und hänge ein E dran. Fertig ist der Spitzname. Und so wird beispielsweise Lars zu Lasse, Hans zu Hasse, Hjalmar zu Hjalle, Karl zu Kalle, Jan zu Janne und Mikael zu Micke.
Und dann kommt die zweite Herausforderung: Der erste Satz. Da weiß ich meistens noch überhaupt nicht, worum es geht und der Handyempfang ist ja auch nicht immer optimal. Da kommt es dann so manches Mal vor, dass ich nichts verstehe und noch einmal nachfragen muss.
Aber beim zweiten Mal klappt es dann meistens.
Heute lag übrigens ein Zentimeter Schnee – gestern schneite es ja das erste Mal hier ein wenig – und auf dem morgendlichen Weg zum Bus habe ich den ersten Schneeengel gesehen – ich glaube zumindest, es war einer. Und heute Abend rodelten zwei kleine Kinder mit ihren Plastikschüsseln begeistert die abschüssige Berzeliusgatan herunter. Morgen wird der Schnee wohl wegtauen. Schade.
Der erste Advent
Annica und Martin haben mich heute eingeladen, mit nach Byske zu fahren, um dort den Weihnachtsmarkt zu besuchen. Der Weihnachtsmarkt war … übersichtlich. Vor dem „Lars-Nischagården“ waren ein paar Stände, wo Handarbeiten verkauft wurden. Und innen konnte man entweder fika machen, also Kaffee und Kuchen zu sich nehmen oder aber Blöta essen.
Blöta kannte ich noch nicht. Es handelt sich hierbei um in Fleischbrühe eingeweichtes Dünnbrot, welches mit Schinken, Apfelmus und Butter – auch mit Senf – serviert wird. Früher war es ein Arme-Leute-Essen und wurde unter anderem von den Waldarbeitern gegessen. Heute ist es eine nordschwedische Weihnachtsspezialität.
Wenn man glaubt, die schwedische und deutsche Kultur seien identisch, dann muss man sich nur mal die Weihnachtsbräuche anschauen. Während ich überhaupt nicht nachvollziehen kann, was an dem Blöta genannten Pampf (Entschuldigt, Ihr Schweden) so toll oder gar weihnachtlich sein kann, war Martin fassungslos, dass die Deutschen keinen Weihnachtsschinken kennen.
Besser gefallen hat mir das weihnachtliche Fikabröd, so nennt man alles Süße an Keks und Kuchen, was man zum Kaffee essen kann.
Als ich wieder zu Hause war, habe ich mich kurz schlafen gelegt. Ich war unfassbar müde. Ich habe – wie letzten Winter auch – Schwierigkeiten mit meinem Tagesrhythmus, wenn es schon so früh dunkel ist. Als ich aufwachte, war die Temperatur auf null Grad gestiegen. Das heißt meistens, das Wolken aufziehen. Und diese Wolken haben Skelleftehamn tatsächlich den ersten Schnee gebracht. Und diese zwei, drei Millimeter, die gefallen sind, reichen schon aus, um alles ein bisschen heller aussehen zu lassen.
Zum Vergleich, so sah das hier vor einem Jahr aus: Ich wollte Winter Teil 2. Letztes Jahr war der Winter extrem früh dran, dieses Jahr extrem spät. Wetterextreme in Nordschweden.
Crazy Creative
Gestern, morgens um halb neun: Siebzehn Menschen treffen sich, werden in vier Gruppen aufgeteilt und haben die Aufgabe, in der Gruppe Ideen zu entwickeln, die gut für Skellefteå sind. In welcher Form auch immer. Unsere Gruppe: Nicht gerade sehr zielgerichtet, aber viele, viele Ideen. Für Einwohner, für Touristen und für die, die hier hinziehen wollen. Und wieder einmal das gleiche Resultat: Es gibt schon vieles, man muss aber auch über die Dinge reden, sie publizieren, bewerben, vermarkten.
Da es allgemein so ist, dass hier viele Ereignisse sehr schlecht bis gar nicht vermarktet werden, weiß auch keiner, was alles Gutes hier passiert. Eine andere Gruppe hatte daher nach den zweieinhalb Stunden kreativen Zusammenhockens die Idee für eine „Anti“-Werbekampagne: „Vad händer i Skellefteå? Ingenting!“ – „Was passiert in Skellefteå? Nichts!“.
Danach: Mittagessen und mingel.
Schwedischübersetzung des Tages:mingel – Socializing, gemütliches Beisammensein, reden, Leute kennenlernen …
Wo bleibt der Winter?
frage nicht nur ich mich inzwischen. Am Donnerstag hatten wir noch +9 °C. Um elf Uhr Abends! (Vor einem Jahr war es viel kälter, da lag schon die Tageshöchsttemperatur nur bei -9 °C.)
Gestern war es etwas kälter, nur noch knapp über Null. Ich war überrascht, dass die Bucht bei Ursviken trotz der Wärme in den letzten Wochen schon am Zufrieren ist.
Fährt man ein paar Meilen ins Inland, so sind dort sogar größere Seen schon komplett vom Eis bedeckt, auch wenn es noch sehr dünn ist. Die Kälte ist also schon ein kleines bisschen da, bloß der Schnee … . Der kleine Skihang sieht so wirklich trostlos aus und die schnell aufgezogenen Wolken, die aus dem blauen einen grauen Himmel machten, verbesserten den Eindruck nicht wirklich.
Auf dem Weg nach Kusfors habe ich dann die ersten Schneeflocken gesehen. Man hätte sie einzeln zählen können, wenn es nicht schon so dämmrig gewesen wäre, so wenige waren es.
Abends in Kusfors klarte es wieder auf und wurde das erste Mal kalt. Schon um sechs waren es -7 °C und um Mitternacht, als ich ins Bett ging, -11 °C. Am Morgen waren schon wieder Wolken da, aus denen leise kleine Eiskristalle rieselten. Um das Dach des alten, baufälligen Schuppens ein bisschen weiß zu bepudern, hat’s gerade ausgereicht.
Für mittags war dann Schnee angekündigt, immerhin so 5-10 cm mit Weterwarnstufe eins. Also bin ich nicht zu spät nach Hause gefahren. Aber hier ist das Thermometer von -9.2 °C schon wieder auf +1.0 °C gestiegen und der angekündigte Schnee bleibt ebenfalls aus.
Und wenn ich mir so die Wetterprognosen anschaue, dann werde ich mich noch ein bisschen länger fragen: Wo bleibt der Winter?
Nachtrag: Kurz nachdem ich diesen Artikel veröffentlicht habe, fing es hier an zu regnen. Jetzt mischt sich ein bisschen Schnee mit rein. Die Straßen sind nass. „Ruhrgebietswinter“.
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Das falsche Lied
Warm ist es draußen. Ganz schön warm. Der Rauhreif der letzten Tage ist wieder verschwunden und auf den Straßen liegt ein feiner, brauner Schlammfilm. (Das sieht man den Autos auch an.) Selbst jetzt um kurz vor zehn Abend zeigt das Thermometer noch neun Grad plus. Ganz Schweden ist nach wie vor schneefrei und ein richtiger Wintereinbruch ist nicht in Sicht. Und ich bin schuld daran!
Ich habe das falsche Lied gespielt.
Letzten Freitag habe ich ja mit Löwis ein kleines Konzert in Kusfors gegeben und dabei auch – dem Isländischen nicht mächtig – ein isländisches Volkslied namens „Vökuró“ gespielt. Dies ist ein Mitschnitt von dem Stück vom letzten Freitag:
Wie schon gesagt verstehe ich vom isländischen Text (Bærinn minn. Bærinn minn og þinn. Sefur sæll í kyrrð […]) so gut wie nichts und so lese ich erst jetzt bei Wikipedia, dass Vökuró das Erwachen der Natur nach dem Winter zum Inhalt hat. Ein Frühlingslied! Und dabei hat der Winter noch gar nicht angefangen.
Da haben wohl irgendwelche altnordischen Götter gedacht, „Den Olaf, den ärgern wir mal und hören auf sein Klavierspiel. Da kann er lange auf Schnee warten!“. Aber na wartet! Jetzt setze ich mich ans Klavier und spiele „Let it snow, let it snow, let it snow!“. Aber schön leise, dass die Nachbarn das nicht hören. Die sind nämlich gar nicht böse, dass sie noch keinen Schnee schippen müssen. Hoffentlich sind die altnordischen Götter nicht schwerhörig.
Übrigens: Letztes Jahr um diese Zeit gab es Dauerfrost, und für die nächsten fünfzehn Wochen lag die Höchsttemperatur unter fünf Grad. Temperaturen wie heute wurden erst wieder Anfang April erreicht.
Mein erster Vortrag auf Schwedisch
Mein gestriges Jazzkonzert in Kusfors habe ich mitgeschnitten. Meinen Vortrag heute auf dem Treffen des Skellefteå Byautvecklingsråd (Stadtentwicklungsrat) aber nicht. Denn Klavier spielen kann ich, während mein Schwedisch immer noch ziemlich naja ist. Aber ich will mich nicht beschweren. Wenn ich heute dreißig Minuten freies Reden auf Schwedisch durchhalte, kann es ja soo schlecht, wie ich immer selber denke, nicht sein.
Aber von Anfang an: Ich bin vor kurzem gefragt worden, ob ich nicht als Zugereister meine persönlichen Eindrücke von Skellefteå teilen und auch ein paar Fotos aus meinem Blog zeigen möchte. Das habe ich gerne zugesagt, auch wenn ich dafür die letzten Tage so manche späte Stunde noch am Rechner gesessen habe.
Ich habe über vier Themen gesprochen: Die Klischees der Deutschen über Schweden, wie und warum ich hierher gezogen bin, über die Vorzüge und auch Nachteile der Region sowie zum Schluss anhand einiger Fotos über das große Potential der touristischen Entwicklung in und um Skellefteå.
Ich war ein bisschen ängstlich, nicht der Sprache wegen, sondern weil ich auch einige Punkte der schwedischen Mentalität kritisiert habe. Aber mein Vortrag wurde überraschend positiv aufgenommen und einige Punkte direkt im Anschluss diskutiert. Und ich habe ein schönes Wort kennengelernt:
Schwedischübersetzung des Tages:hemmablind – betriebsblind. (Wörtlich: Zu-Hause-Blind)
Danach war ich rundum zufrieden: Gestern ein schönes Konzert gespielt, heute meinen ersten Vortrag auf schwedisch überlebt und morgen den ganzen Tag frei. Toll!
Jazzkonzert
Gestern habe ich das erste Mal seit meiner Tour mit Sabine Kühlich, Sheila Jordan und Stefan Werni im März letztes Jahres wieder ein Jazzkonzert gespielt, mit einem Bassisten im Duo. Kaum zu glauben, dass die Tour schon wieder so lange her ist. Damals lebte ich noch in München.
Seit Lasse und Martine in Kusfors leben, hat sich das Café Ångloket zu einem kleinen, aber feinen Kulturzentrum entwickelt. Vor habe ich hier noch Curly Lou zugehört, habe ich selber gespielt; mein erstes kleines Jazzkonzert in Schweden.
Gestern Vormittag kam Anders „Löwis“ Löfgren zu mir und wir haben die Stücke für den Abend abgesprochen und einige Stücke geprobt. Löwis spielt Kontrabass (und E-Bass) und das Einzige, was ich über ihn wusste, war, dass er sehr gut spielen soll. Und so war ich mächtig gespannt auf die gestrige Probe, die unser erstes Zusammentreffen war. Aber schon beim ersten Stück wurde klar, dass Löwis nicht nur sehr professionell spielt, sondern auch, dass wir gut zusammenspielen, und das Konzert am Abend bestimmt schön werden würde.
Nach einer Autofahrt durch Nacht und Nebel war ich auch auf das neue alte Klavier gespannt, dass gerade eine gute Woche zuvor ins Café gekommen war. Das alte, große und schwere Instrument war zwar schon wieder ganz gut „out of tune“, obwohl es gerade vor einer Woche gestimmt wurde, aber ich spiele lieber auf einem verstimmten Klavier, als auf meinem sich nach Plastik anfühlenden und nach Plastik klingenden Digitalpiano. Und der eigentliche Klang von dem Klavier war richtig gut.
Wir haben zwei Sets gespielt mit einem bunten Gemisch aus mehr oder minder bekannten Jazzstandards, einer Komposition eines schwedischen Pianisten und drei Stücken von mir. Eines meiner Stücke hatte Premiere, ich hatte es vor einigen Wochen extra für das Konzert geschrieben. Mir hat der Abend sehr gut gefallen und vor allem das Zusammenspiel mit Löwis hat mir großen Spaß gemacht. Ich glaube, dass ihm das ebenso ging, denn man hört ja, ob der andere nur Musik nach Vorschrift spielt („amtlich!“) oder mit einem kommuniziert und sich musikalisch austauscht.
Was aber auch toll war, war das Publikum in Kusfors. Etwa dreißig Leute waren gekommen, die wenigsten davon Jazzfans. Aber alle waren einfach offen für das, was an dem Abend passieren würde, extrem aufmerksam und mir ein hundert Male lieberes Publikum als die ganzen selbsternannten Jazzexperten, von denen man auf so manchem Konzert mit muffelig-kritischem Blick aus der ersten Reihe angestarrt wird.
Danke, Löwis für das schöne Zusammenspiel,
danke, Lasse und Martine für die Organisation,
danke, Julija für das leckere Essen,
danke, Elisabet für das oben verwendete Foto,
danke, Publikum für Euer dabei sein.
P.S.:
Zum einen: Nein, es war leider nicht möglich, einen Livestream nach Deutschland zu schalten. Aber es wurden einige kurze Videos mit einem iPhone gemacht, die ich jedoch noch nicht bekommen habe.
Zum anderen: Wer glaubt, nur weil gestern der 11.11.2011 war, ich habe Karnevalslieder gespielt, der irrt gewaltig. Denn wenn in Deutschland pünktlich um elf Uhr elf die Fröhlichkeit ausbricht, bin ich gerne weit weg. Räumlich, gedanklich und auch musikalisch.
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