Zum Inhalt

Nordwärts

Vom Leben in Skelleftehamn

Zu den Funktionen

Acht Freunde

Und plötzlich ist es wieder ruhig im Haus. Ich hatte am 30. Juni letzten Jahres unter dem Motto „6 Monate noch …“ neun Freunde aus Deutschland eingeladen und sieben waren tatsächlich über den Jahreswechsel bei mir zu Besuch. Zwei sind gestern schon abgereist, vier sitzen jetzt im Nachtzug nach Stockholm, Sonya ist noch für ein paar Tage da.

Für mich ist es Reichtum, ein Haus zu besitzen, in dem man ohne Probleme sieben Menschen unterbringen kann. Und es ist ein großes Glücksgefühl, wenn das Haus dann wirklich voller Freunde ist. Tatsächlich ist mein Haus so groß, dass keiner im Wohnzimmer schlafen musste und jeder sich mal zum Lesen, Schlafen oder Computern zurückziehen konnte.

Ich könnte vermutlich drei Blogartikel alleine über die kulinarischen Höhepunkte der letzten Tage schreiben. Eine große Küche, Freunde die gerne – und hervorragend – kochen und mein Appetit passen einfach toll zusammen! Es gab Lussekatter, Pilzrisotto, Eis mit warmen Moltebeeren, Elchbraten zu Silvester, Couscous mit Huhn und Tahina, Blaubeerpie und Kanelbullar, um hier nur eine Auswahl der letzten Tage zu nennen. Ich werde mich die nächsten Wochen definitiv nicht auf die Waage stellen.

In der Neujahrsnacht haben wir zu acht in meinen Outdoorpool, den ich alleine eigentlich nie benutze, gesessen, uns über die wechselnden Farben amüsiert und über den Whirlpool gefreut. Acht Deutsche mit Mütze im Pool bei Schneefall gaben bestimmt ein lustiges Bild ab und vermutlich weiß halb Skelleftehamn davon. Eine Freundin hat beim im Schnee rollen einen weißen Badelatschen verloren, den ich vor April nicht suchen muss, denn hier liegen immer noch gut 70 Zentimeter Schnee und ein wenig Neuschnee kommt auch gerade dazu.

Das könnte jetzt so klingen, als seien wir nur zu Hause gewesen. Aber natürlich haben wir auch schöne Touren hier in der Umgebung gedreht, sind gemeinsam zu Fuß zur Insel Storgrundet gelaufen, mit Schneeschuhen durch den Wald gestapft oder haben einen Spaziergang durch Skelleftehamn gemacht. Bei fünf Spiegelreflexkameras auf acht Personen gab es so manche Fotopause mit lustigen fotografischen Verrenkungen. (Das kann ich aber auch ganz gut …)

Am letzten gemeinsamen Tag sind wir zum Snesviken, dem nah gelegenen See gelaufen und haben auf der Eisfläche Kubb gespielt. Erst haben wir mit den mitgebrachten Schneeschiebern den Schnee geräumt und dann vier lange Runden gespielt, ehe einige kalte Zehen bekommen haben und wir wieder nach Hause gelaufen sind.

Leer wird das Haus sein, wenn am Freitag auch Sonya wieder nach München zurückkehrt und meine Freunde wieder zwei-, zweiein­halb­tausend Kilometer entfernt sind. Ich bin ein bisschen traurig darüber, freue mich aber auch über die gemeinsame Zeit und die schönen Erlebnisse, die wir hier miteinander teilen konnten.

Liebe Freunde: Vielen Dank für die schöne Zeit, die wir hier hatten. Liebe Freunde, die ihr nicht kommen konntet: Ja, Ihr habt gefehlt.

2011

Erster Januar; viertel vor zehn. Die sieben Freunde aus Deutschland, mit denen ich gestern Silvester gefeiert habe, liegen noch alle in den verschiedenen Zimmern und Ecken und schlafen. Leider gehörte Ausschlafen nie zu meinen Stärken und so bin ich – wie so oft – als erster auf und wundere mich noch ein bisschen, dass jetzt das Jahr 2011 ist. Es kam so plötzlich …

Eigentlich wollte ich direkt nach dem Aufstehen hier einen Jahresrückblick schreiben. Nun – zehn Minuten wacher – finde ich das ein bisschen überflüssig, schließlich ist das gesamte Blog, welches ich am 4. April letzten Jahres begonnen habe, ein kompletter Rückblick über mein Leben hier in Schweden und ich würde hauptsächlich von mir selber abschreiben. Und eine Auflistung aller Artikel gibt es ja schließlich auch noch.

Deswegen fasse ich das letzte Jahr mit meinen Umzug nach Schweden nur kurz zusammen mit:
Sehr fordernd, aber genau die richtige Entscheidung. Je ne regrette rien / jag ångrar ingenting.

Nun ist also 2011 und ich überlege, was ich in diesem Jahr alles machen möchte:

Besser Schwedisch lernen. Nein, seien wir ehrlich. Ich möchte die Sprache besser können, das Lernen ist nur notwendiges Übel. Denn in der Zeit könnte man ja auch

Mehr Ausflüge machen. Ich bin zwar seit Ende April hier, war aber noch nicht oft im Inland, gar nicht in den Bergen, nicht in Luleå, nicht in Kiruna, nicht in Finnland. Für das meiste muss ich aber vorher

Ein Auto kaufen. Am besten einen Volvokombi, in den auch Skier passen und den jeder dritte Schwede reparieren kann. Dazu muss ich aber erst einmal wieder

Auto fahren lernen, denn ich bin seit Ewigkeiten nicht mehr gefahren. Und Ewigkeiten ist keine Übertreibung. Schließlich bin ich mein halbes Leben mit Öffentlichen, mit dem Fahrrad oder zu Fuß unterwegs gewesen und seit Wochen kann man hier sogar zu Fuß zu den näheren Ostseeinseln herüber laufen. Im Sommer wird das schwer, da werde ich mir wohl

Ein Seekajak kaufen. Es muss toll sein, die Inseln per Kajak zu besuchen, aber ein bisschen Technik möchte ich vorher noch lernen, also werde ich demnächst

Mitglied im Kanuklub werden. Da finde ich dann hoffentlich auch Menschen, die wie ich gerne viel draußen in der Natur sind, so dass man auch zusammen Touren machen kann.

Das soll als kleiner Ausblick erst einmal reichen. Man sollte keinem zu viel versprechen, auch sich selber nicht.

Euch allen wünsche ich ein grandioses Jahr 2011.
/Olaf

Meine Reise von München nach Skelleftehamn, Teil I

Ein Gastbeitrag von Sonya.

Die Anreise

In Europa ist der Flugverkehr in den letzten Tagen aufgrund des unerwartet schneereichen Winters regelmäßig zusammengebrochen. Es kam zu Verspätungen und Flugausfällen. Meine Hauptsorge ist, ob ich mein Flugzeug nach Stockholm überhaupt noch rechtzeitig erreiche.

Es ist der 18. Dezember. Am Abend zuvor fand in der Agentur, in der ich arbeite, die Weihnachtsfeier statt. Die Nacht war entsprechend kurz. Hinzu kommt, dass ich immer auf den letzten Drücker packe. Bereits Tage vor Reisebeginn auf gepackten Koffern zu sitzen, entspricht nicht meinem Reiseverhalten. Immerhin nutze ich sonst eine sorgfältig durchdachte Packliste. Diese Liste fehlte diesmal und so kam es, dass ich viel zu viele Dinge eingepackt und trotzdem viel zu viele Dinge vergessen habe.

Eine Stunde vor Abflug komme ich am Flughafen an, mit etwa zwanzig Minuten Verspätung hebt das Flugzeug ab. Meine Reise von München nach Skelleftehamn beginnt.

In Stockholm besteht die größte Herausforderung darin, die Bushaltestelle der Linie 65 zu finden. Ich ärgere mich schon, dass ich unbedingt eine Nacht in der schwedischen Hauptstadt verbringen will und nicht gleich in den Nachtzug steigen kann. Meine Tasche ist schwer und dieser verdammte Bus 65 zu meinem Hostel ist nicht zu finden. Als ich ihn endlich finde, erklärt mir die Fahrerin, dass ich keine Fahrkarten im Bus kaufen könne. Grummel.

Als ich mein Nachtquartier sehe, ist jede Anstrengung der Anreise vergessen. Prächtig liegt die Chapman am Ufer der Insel Skeppsholmen. Ich beziehe meine Kajüte, durch das Bullauge blicke ich auf einen riesigen Weihnachtsbaum und Gamla Stan, die Altstadt von Stockholm.

Die nächsten Stunden laufe ich kreuz und quer durch Gamla Stan und treffe Freunde aus München, die ebenfalls gerade in Stockholm sind, zum Essen. Später sitze ich in meiner Kajüte und skype mit Olaf. Über die Webcam zeige ich ihm den Blick aus dem Bullauge. Internet ist fantastisch.

Den Sonntag spaziere ich durch das verschneite und vorweihnachtliche Stockholm, trinke einen Glögg, mache Fotos. Ich bin sehr froh über den Winterparka und die Stiefel, die ich mir kurz vor meiner Reise gekauft habe, denn trotz Minusgraden und eisigem Wind ist mir mollig warm.

Am Abend verlässt mit eineinhalb Stunden Verspätung der Nachtzug Stockholm in Richtung Norden. Sanft ruckel ich im Schlaf durch Schweden. Ich fahre gerne mit dem Zug. Am nächsten Morgen hat der Zug schon zweieinhalb Stunden Verspätung, doch das ist nicht schlimm. In Bastuträsk wartet ein neuer Bus, der mich nach Skellefteå bringt. Um die Mittagszeit habe ich mein erstes Etappenziel erreicht. Olaf holt mich von der Bushaltestelle ab. Gemeinsam laufen wir durch die Köpmansgatan zum Haus 10 Merchant Street, wo in den kommenden Tagen auch mein Arbeitsplatz sein wird.

Die Arbeitswoche

Mit Laptop und Internetzugang kann ich im Prinzip von jedem Ort arbeiten, also auch von Schweden aus. In den Räumen von Hello Future in der 10 Merchant Street richte ich mein Heimbüro (englisch: Home Office, schwedisch: Hemmakontor) ein.

Ich finde es schön, dass ich auch einen Einblick in Olafs Arbeitsleben in Schweden erhalte und seine Kollegen treffe, von denen er mir schon oft erzählt hat und die ich bereits von kleinen Buddy-Icons auf Twitter kenne. Internet hin oder her, die Menschen und Räume mit eigenen Augen zu sehen, ist doch nochmal etwas anderes.

Die Mittagspause ist der einzige Zeitpunkt, bei Tageslicht draußen zu sein, wenn auch nur sehr kurz auf dem Weg zu einem der Restaurants. Dort gibt es den Dagens Lunch, ein Mittagsbuffet mit Salaten und ein bis zwei Hauptgerichten sowie Wasser und Kaffee. Für 75 bis 90 Kronen ein vergleichsweise preiswertes Mittagessen.

Nachmittags klingt der Ruf „Fika“ durch die Räume, Kaffeepause. Wir sitzen alle zusammen in der kleinen Sitzecke und reden über berufliches (Internetzeugs) und privates. An meinem letzten Tag bei Hello Future bringe ich eine Linzertorte mit, die es bei meiner Familie traditionell zur Weihnachtszeit gibt. Um die schwedisch-münchnerische Verbindung herzustellen, zieren drei Elche und die Münchner Frauenkirche den Kuchen, der auch im Fotoblog der 10 Merchant Street verewigt wird.

Am 23.12. hat Olaf bereits Urlaub und ich baue meinen Rechner in seinem Haus vor dem Fenster auf. Es ist der erste Tag, an dem ich richtig mitbekomme, wie es gegen halb zehn hell und gegen 14 Uhr wieder dunkel wird. Ich muss zugeben, dass mich der kurze Tag durcheinander bringt. Ich fühle mich unglaublich müde und gähne mich durch meinen letzten Arbeitstag für dieses Jahr. Am Abend heißt es dann endlich: Feierabend und Weihnachtsferien.

Weihnachten in Båtfors

Den diesjährigen Heiligabend (auf schwedisch Julafton, also Weihnachtsnachmittag) hatten Sonya, die gerade zu Gast ist, und ich Gelegenheit, ein schwedisches Weihnachtsfest mitzuerleben. Annica und Martin hatten uns mit nach Båtfors eingeladen. Das liegt etwa 70 Kilometer landeinwärts direkt am Skellefteälven. Dort war ich schon einmal am 16. Mai und es war interessant, die beiden Aufenthalte zu vergleichen: Auch damals habe ich ein Thermometer fotografiert, aber es zeigte mit +22½ Grad fast fünfzig Grad mehr an. Der Fluss war frei, auch wenn noch Eisschollen auf ihm trieben. Die schöne, über den Fluss hängende Birke hatte noch keine Blätter, jetzt hat sie schon lange keine mehr. Frühling, Sommer und Herbst sind kurz hier in Nordschweden.

Ich war am Morgen des 24. schon früh wach und war kurz draußen, um bei herrlich, frostig-klarem Wetter ein paar Fotos zu machen. Nach einem kleinen Frühstück haben Sonya und ich einen herrlichen Spaziergang gemacht. Die Temperatur lag dabei die ganze Zeit um -25 °C und wir waren über unsere warmen Klamotten sehr froh. Bei der Kälte legt sich nach einiger Zeit Raureif auf Mütze, Pelzkapuze, Haare und Augenlider.

Mittags kamen wir zurück und haben noch von der heißen Risgrynsgröt – der traditionellen Weihnachts­grütze abbekommen. Sie ist vielleicht am ehesten mit Milchreis zu vergleichen. Später am Tag gab es dann das traditionelle Julbold, das schwedische Weihnachtsessen, zu dem eine ganze Reihe Leckereien gehören, unter anderem:

  • inlagd sill (eingelegter Hering)
  • julskinka (Weihnachtsschinken)
  • Janssons frestelse (Kartoffelgratin mit Anchovis)
  • prinskorv (in der Pfanne gebratene, kleine Würstchen)
  • revbensspjäll (Schweinerippchen)
  • köttbullar (die kennt ja jeder …)

Dazu noch Kartoffeln, Lachs, Brot, Salate, Eier mit Krabben, kalten Elchbraten und manches mehr. Wer es ganz traditionell macht, nimmt erst von den kalten Fischgerichten, dann von den kalten Fleischspeisen und zum Schluss von den warmen Gerichten. Wer Hunger hat – und das hatten wir alle – nimmt sich einfach, was er will. So sah der Tisch mit den kalten Gerichten aus (Elch fehlt noch):

Später kam dann der Jultomte, der für die Geschenkevergabe zuständig ist. Auf jedem Geschenk steht etwas wie „God Jul Lasse önskar Anna“ – zu deutsch „Frohe Weihnachten Lasse wünscht Anna“ – als Zeichen, dass Anna Lasse etwas geschenkt hat. Sonya und ich habe unsere gegenseitigen Geschenke falsch herum beschriftet und mussten tauschen. Erst werden alle Geschenke verteilt, dann wünscht Jultomte „God jul!“ – Frohe Weihnachten und verschwindet. Dann erst packen alle gleichzeitig ihre Geschenke aus.

Später am Abend haben sich dann die meisten an den großen Tisch gesetzt, um Julklapp zu spielen. Erst darf sich jeder, der eine Eins oder Sechs würfelt ein Geschenk nehmen. Wenn alle Geschenke verteilt sind, werden sie ausgepackt und vorgestellt. Eine Prima Gelegenheit, Schwedisch zu lernen. Dann wird zwanzig Minuten lang gewürfelt und jeder, der eine Eins oder Sechs würfelt, darf ein Geschenk klauen. Sehr lustig und auch ein bisschen spannend, denn manche Geschenke sind nicht uninteressant und werden kräftig hin- und hergestohlen.

Es war interessant und toll, mit einer schwedischen Großfamilie mit vier Generationen Weihnachten zu verbringen. Vielen Dank noch einmal an Annica und Martin für die nette Einladung in ihren persönlichen Kreis.

Und heute am 26. hier in Skelleftehamn: Ein trüber Tag – kein Schneefall – keine Sonne bei -9 °C. Der Schnee ist auf 80 cm zusammengesackt. Schöne Schneeschuhtour mit kurzer Pause auf der Insel Storgrundet. Mittagpause · Einkaufen · Köttbullar · 3D-Kino · Fotos sortieren, Skypen und Blog schreiben.

Der „erste“ Wintertag

Heute war Wintersonnenwende, und damit der kürzeste Tag des Jahres. Für die Astronomen ist heute Winteranfang. Die Sonne ging um 9:42 auf, stand mittags gerade mal 2.1° über dem Horizont, um dann nach 3¾ Stunden Sonne um 13:27 wieder unterzugehen. Zum Glück ist die Dämmerung bei der flachen Sonnenbahn recht lang und verlängert die hellen Stunden, aber ich freue mich – so sehr ich Schnee und Kälte mag – dass die Tage wieder länger werden. Licht ist einfach etwas Tolles!

Vor einem halben Jahr hat mir Sonya die Idee gegeben, am längsten Tag mitten in der Nacht, wenn die Sonne am tiefsten steht, ein Foto zu machen. Da ich heute an meinem letzten Arbeitstag in diesem Jahr ohnehin nicht arg produktiv war, bin ich kurz vor dem Sonnenhöchststand um 11:35 zum Fluss gelaufen, um jetzt ein Foto am kürzesten Tag zu machen, wenn die Sonne am höchsten steht. Wenn man denn die Sonne sieht …

… aber ich hatte Glück: Nach dem tagelangen Schneefall ist heute die Sonne wieder herausgekommen und hat die Teile der Stadt, die sie erreichen konnte, in warmes Licht getaucht. Das meiste allerdings liegt im Schatten. Passend zu dem klaren Himmel ist die Temperatur in der Stadt von anfangs -17 °C auf -19.5 °C gesunken und jetzt zeigt das Alkoholthermometer -23 °C.

Wenn man einfach nur draußen ist, fühlen sich die Temperaturen gar nicht so kalt an, aber beim Schnee schippen habe ich schon durch die Nase geatmet, weil sich sonst die eiskalte Luft ziemlich unangenehm anfühlt. Ich frage mich, ob der Mann, der auf Dach des Nachbarhauses der Agentur Schnee geräumt hat, das auch so kalt fand, aber er macht das bestimmt öfter und kommt dabei nicht so ins Schwitzen wie ich.

Der Schnee auf meinem Grundstück ist übrigens schon gut 10 cm in sich zusammengesunken, der Meter ist also wieder unterschritten. Die nächsten Tage ist es wohl wieder sonniger und das sieht bestimmt toll aus nach dem vielen Neuschnee. Da morgen mein erster Urlaubstag ist, werde ich mir das mal genauer anschauen. Sonya, die gerade bei mir zu Gast ist, muss leider morgen noch einen Tag arbeiten.

Der letzte „Herbsttag“

Geht es nach den Astronomen, dann ist heute am 21. Dezember der letzte Herbsttag, denn in der kommenden Nacht um 0:58 ist Wintersonnenwende und damit morgen astronomischer Winteranfang. Ich finde das ein bisschen lustig, denn der erste Schnee ist hier vor knapp zehn Wochen gefallen und die letzten 40 Tage hatten wir pausenlos Dauerfrost und Temperaturen bis -20 °C.

Während in Südschweden über 150 Jahre alte Tiefsttemperaturrekorde gebrochen wurden, ist es hier eher der Schnee, der dieses Jahr früh und viel kam.

Wir haben jetzt wieder eine ähnliche Situation wie vor vier Wochen. Vor fünf Tagen hat es angefangen zu schneien und seitdem sind fast pausenlos Flocken vom Himmel gefallen. Mal mehr, mal weniger; mal mit viel Wind, mal mit weniger. Ich habe ein hochwissenschaftliches Schneehöhenmessystem auf dem Grundstück installiert (Drei Zollstöcke stecken an unterschiedlichen Stellen im Schnee) und heute Abend lag die gemittelte Schneehöhe bei 107 cm (97 cm, 108cm, 116cm). Die 90 cm lange Metallstange, die ich vor dem Zollstockkauf zum Messen benutzt habe, habe ich heute morgen nicht mehr gefunden. Sie steckt noch irgendwo im Vorgarten.

Der Nachbar, der vorhin vorbei kam, kann sich nicht entsinnen, hier jemals soviel Schnee gesehen zu haben. Jetzt schneit es zwar mit mehr Pausen noch weiter, aber heute Abend hat der schwedische Wetterdienst zum ersten Mal seit sechs Tagen keine Wetterwarnung mehr für die Region herausgegeben. Aber wer weiß, was diesen Winter noch alles herunterkommt. Und ich frage mich langsam, wo der ganze Schnee bleiben soll.

Ich als extremer Schneefan versuche aber, meine Begeisterung nicht allzu offensichtlich zur Schau zu stellen¹, denn die meisten Schweden denken bei Schnee hauptsächlich an die zusätzliche Arbeit wie Schneeräumen oder die Probleme im Zug- und Flugverkehr. Ich hingegen sehe hauptsächlich tolle Motive (leider meist im Dunkeln) und viel Schnee für die nächste Ski- oder Schneeschuhtour. Und weiteren Schnee für Tiefsnow stapfing und Power snowangeling.

____
¹ Danke an Sonya für die schöne Formulierung.

Kurztrip nach Storgrundet

Oh, schon viertel nach zwölf! Dann habe ich keine zwei Stunden Tageslicht mehr. Also schnell Skiklamotten anziehen, meine lädierte¹ Nikon einpacken und los geht es.

Auf geräumter Straße mit ein paar Zentimeter Neuschnee gleitet es herrlich schnell zur sommerlichen Badestelle. Von da aus kann ich dann auch Storgrundet ausmachen. Obwohl das andere Ufer keine 200 Meter entfernt ist, kann man im starken Schneefall nur einen Teil der Insel sehen. Mein Teleobjektiv zeigt auf dem Bild überraschend viele Details, die ich mit bloßem Auge nicht sehen konnte.

Schnell hatte ich das Eis überquert und war auf der schmalen Insel. In dem Waldstreifen empfängt mich Windstille und tief verschneite Bäume. Ein paar hundert Meter an der Küste bläst mir der steife Wind mit 40 Stundenkilometer den Schnee ins Gesicht. Ich habe mit bloßen Fingern zwei kurze Videos auf dem iPhone gedreht und eines hochgeladen – aua, taten mir die Finger weh! Die Kuppe des linken Ringfingers ist immer noch ein wenig beleidigt. Fazit: Keine iPhonevideos mehr im Schneesturm.

Das Video, welches ich mit der Nikon gemacht habe, ist eh besser geworden. An dem Gewackel bei 0:13 ist übrigens der Wind schuld.

Nach einer kurzen Tour auf der Insel und dem Ostseeeis habe ich wieder die Bucht überquert und bin nach Hause gelaufen, wo ich neunzig Minuten nach Aufbruch wieder angekommen bin.

¹ Den verstaubten Sensor meiner Nikon D300s habe ich zumindest wieder so reinigen können, dass die bösesten Flecken weg waren und man die anderen nur bei kleiner Blende sieht. Allerdings hat mir eine Sturmböe gestern das Stativ umgeworfen und ich war froh, dass die dabei zerstörte Gegenlichtblende weiteren Schaden verhindert hat. Leider hat es neben dem Gewinde meines UV-Filters auch die Arretiertaste des linken Modusrades erwischt. Sie ist jetzt dauerhaft eingedrückt, so ein Mist! Ich scheue nicht so sehr die Kosten einer Reparatur, sondern eher eine Zeit ohne Spiegelreflexkamera. Ich bin ja schon halb am Überlegen, auf die D700 umzusteigen und die D300s als Zweitkamera zu behalten. Aber dann brauche ich auch zwei neue Objektive und es wird alles ziemlich teuer … . Da muss ich noch ein paar Nächte drüber schlafen. Oder im Lotto spielen.

Schnee schieben

skotta snö – Schnee schaufeln oder Schnee schieben, das hört man hier sehr häufig. Und wenn sich, wie jetzt zum zweiten Mal in diesem Winter, ein kleines Schneefallgebiet just über Skelleftehamn vor Anker geht, so ist auch einiges zu tun.

Stufe 1: Die normale Schneeschaufel

Wie in Deutschland hat auch jeder in Schweden eine Schneeschaufel. Ich habe es allerdings noch nicht erlebt, dass die jemand benutzt. Die Eingangsstufe für att skotta snö ist hier:

Stufe 2: Die „Snösläde“

(zu deutsch in etwa Schneeschlitten). Dieses Ding ist schon eine Ecke breiter und auf die große Lade passt auch viel mehr Schnee. Ich durfte einen Nachbarn heute bei der Anwendung fotografieren.

Eine Snösläde benutze ich auch, aber da ich kein Auto habe, habe ich auf dem Grundstück auch nicht so viel zu tun. Viele, die mehr zu räumen haben, gehen deswegen über zu:

Stufe 3: Die Schneefräse

Wenn der Benzinmotor erst angeworfen ist, fräst sie sich buchstäblich durch den Neuschnee und wirft den Schnee im hohen Bogen auf das Grundstück. Der Nachbar war heute damit zu Gange und auch ihn durfte ich fotografieren. Tack!

Allerdings gibt es auch manche, die einfach mehr zu räumen haben oder vielleicht auch nur Spaß daran haben, Fahrzeuge zu besitzen und die gehen über zu:

Stufe 4: das eigene Räumfahrzeug

Das kaufe ich mir dann später …

Schnee · Meer · Wind · Schnee

Es schneit den ganzen Tag, Temperatur fällt wieder auf -9 °C. An der Küste windig. (12.5 m/s sind 45 km/h). 60 cm Schnee im Garten.

Happy Holidays · The Lodge

Heute schreibe ich mal – entgegen meinen Gewohnheiten – ein bisschen was Berufliches.

Unsere „Hello Future“-Weihnachtskarte ist fertig. Wir haben diese Woche echte Postkarten (sowas gibt‘s noch!) an die Kunden geschickt und dazu ein Video produziert, in dem erklärt wird, wie man diese Weihnachtskarte bedient und was man damit alles machen kann. Da hatte ich einiges mit zu tun, denn erst wurde ich letzte Woche gefilmt, dann habe ich abends die Hinter­grunds­musik „Happy Holidays“ eingespielt und dann noch am Sonntag Abend den englischen Text aufgesprochen. Ich kann das Video zwar nicht mehr sehen und hören, aber es haben mich einige von The Lodge heute darauf angesprochen, denen es wohl sehr gut gefallen hat. Ihr könnt es Euch unter http://www.hellofuture.se/jul anschauen.

Und was ist The Lodge? The Lodge ist auf der einen Seite ein Produktionsnetzwerk aus Unternehmen verschiedener Fachrichtungen. Die Unternehmen sind hauptsächlich im Bereich Werbung, Internet, Fotografie oder Filmproduktion angesiedelt. Auf der anderen Seite ist es auch eine Art Branchenverband, der diese Bereiche verbindet. Und Hello Future ist natürlich auch mit dabei.

Ich komme gerade vom Weihnachtsfest von The Lodge bei North Kingdom, einer Werbeagentur, die in Skellefteå und Stockholm sitzt, wieder. Wir haben uns alle um sechs getroffen und erst Julskinka (Weihnachtsschinken) und Gröt (Haferbrei mit Zimt und Milch) gegessen und danach den offiziellen Teil eröffnet, in dem jedes Unternehmen sehr ehrlich dargestellt hat, wie das Jahr gelaufen ist. Dann wurden aber auch einige Sachen besprochen, die nächstes Jahr geplant sind und 2011 recht spannend aussehen lassen. Um acht begann der inoffizielle Teil, den ich allerdings eine gute Stunde später schon verlassen habe, weil ich so müde war.

Das hängt zum einen damit zusammen, dass ich heute wieder viel Schwedisch gehört und gesprochen habe – da ist nach spätestens fünf Stunden meine Konzentration im Eimer. Zum anderen habe ich aber auch leider noch keinen richtigen Winterschlafrhythmus gefunden. Ich bin sehr früh müde – oft schon um halb neun, komme dann über den toten Punkt und gehe um halb zwölf ins Bett. (Da war es dann schon neun Stunden lang dunkel). Gegen vier wache ich auf und bin wach. Das ist alles nicht so ideal und ich werde auch dieses Wochenende wieder Schlaf nachholen.

Es ist natürlich schade, dass ich früh gehe und damit vielleicht einige Kontakte verpasse, aber seien wir ehrlich, ab dreißig Leuten waren mir solche Treffen in Deutschland auch nicht so mein Ding.

Und sonst …

… habe ich jetzt auch wieder Licht im Bad. Jetzt muss nur Kleinkrams an die Wände und das kann ich selber machen. Endlich ist nun mein kleines Bad im Erdgeschoss nach vier Monaten wieder benutzbar. Toll!

Und das Wetter? Vorgestern tagsüber waren es noch -15 °C, am Abend nur noch -3 °C und Schnee sollte kommen. Kam aber nicht. Gestern lagen die Temperaturen bei minus ein, zwei Grad und am Nachmittag fing es an zu schneien. Der Schneefall nahm dann immer weiter zu, genau so wie der Wind, der die halbe Nacht im Schornstein geheult hat und Schnee an das Schlaf­zimmer­fenster geworfen hat. Heute morgen lagen dann 15 – 20 cm Neuschnee. Aber wie soll man feststellen, wie viel es wirklich war, wenn auf der in Windrichtung gelegenen Straße nur 10 cm liegen, aber an der Leeseite des Hauses der noch am Vorabend geräumte Weg halbmeterhoch mit Pulverschnee bedeckt ist und die meisten Zäune und Hecken wieder fast verschwunden sind. Heute ist tagsüber nicht mehr viel heruntergekommen, aber im Garten liegen jetzt wieder etwa 60 cm Schnee. Temperatur 22:50: -6.6 °C.