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Nordwärts

Vom Leben in Skelleftehamn

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Die Fahrradsaison ist eröffnet

Oh - war das herrlich, mal wieder mit dem Fahrrad zur Arbeit in die Stadt zu fahren. Das erste Mal seit dem 8. November! Die schönen Abkürzungen durch den Wald sind noch zugeschneit, aber alle anderen Wege sind schon frei, auch der eine Fahrradweg am Ufer.

Auf dem Hinweg habe ich anfangs ein bisschen geflucht, da gab es nämlich steinhart gefrorenen Schneematsch mit tiefen Rillen, die einen überall hinführten, nur nicht geradeaus. Das war aber zum Glück schnell vorbei. Ich habe ganz schön lange für den Weg gebraucht, schiebe das aber einfach mal auf die langsameren Spikereifen, die Fotopausen und natürlich den ständigen Begleiter, den Gegenwind. Wie man sieht, bin ich nicht der einzige, der radelt.

Heute hat das Thermometer die Zehngradmarke geknackt und auf dem nachmittäglichen Rückweg war es noch so warm, dass ich ohne Mütze und ohne Handschuhe fahren konnte. Sogar die ersten Insekten schauen heraus und kleine Fliegen landen auf meinem hellen Hosenbein. Da kann man den Schnee ganz gut ignorieren und einfach beschließen, dass dies der erste Frühlingstag ist.

Ich war dann noch kurz bei ICA, um mir drei Flaschen Nygårda-Limonade zu kaufen. Ich mag diese kleinen Glasflaschen, das etwas alt wirkende Etikett und vor allem die herrlich unspektakulären Namen:

Das Hallon in „Hallonsoda“ bedeutet Himbeer und „Apelsin“ muss ich wohl kaum übersetzen. Mein absoluter Favorit in der Namensgebung ist aber „Sockerdricka“! Eine Limonade (in etwa) einfach Zuckergetränk zu nennen ist so erfrischend einfach und auch so entwaffnend ehrlich, dass mir Nygårda alleine dafür schon sympathisch ist.

Sommerradeln

(So, schnell einen Artikel schreiben, eh der Rechner wieder abstürzt. Ich fürchte, ich brauche nach dreieinhalb Jahren Nutzung doch mal ein neues Laptop).

Der gestrige Tag war eigentlich viel zu schade, um zu arbeiten. Die Internetverbindung im Büro fand das auch und war den halben Tag nicht vorhanden. Gestern vor einer Woche hatten wir noch Schneeschauer, gestern hingegen Temperaturen bis 24 °C. Da macht das Fahrrad fahren richtig Spaß, zumal man mit den spikelosen Sommerreifen viel schneller von der Stelle kommt. Und auch der Waldweg zwischen Skelleftehamn und Ursviken ist wieder frei. Schon auf dem Hinweg habe ich mir die Jacke ausgezogen und bin im T-Shirt gefahren. Auf dem Rückweg brauchte ich in den Sandalen auch keine Strümpfe mehr und hatte sogar ausnahmsweise mal keinen Gegenwind. Da macht das Fahrrad fahren richtig Spaß. Habe ich schon geschrieben? Egal, das kann man ruhig zwei Mal schreiben.

Auch wieder aufgefallen sind mir einige Eigenarten des schwedischen Straßenverkehrs, die mir immer noch nicht ganz begreiflich sind. Aber ich habe eine wissenschaftliche Theorie. Aber darüber schreibe ich ein andermal.

Der schwedische Hyperraum (SHR)

Ich habe mich lange gefragt, nach welchen Verkehrsregeln sich die Schweden auf kleinen Straßen und an kleinen Kreuzungen richten und zwar sowohl die Fußgänger, die Radfahrer und die Autofahrer. Die mir bekannten Verkehrsregeln schien keiner auch nur im mindesten zu befolgen. Und dennoch passiert nichts.

Ich habe jetzt eine quantenphysikalische Theorie entwickelt, die dieses Phänomen erklären könnte: Es gibt einen Schwedischen Hyperraum (SHR). Dieser Schwedische Hyperraum ist ein gekrümmter Extraraum, der ein wenig Extraplatz in der vierten Dimension unterbringt. Dieser Platz steht Verkehrsteilnehmern dann zur Verfügung. Aber nur unter bestimmten psychologischen Konditionen, die ich später erläutern werde.

Das ganze funktioniert so: Egal ob einfach auf der Straße oder an einer Kreuzung: Alle fahren im mäßigen Tempo aufeinander zu. Keiner weicht aus. Der Schwedische Hyperraum sorgt automatisch für den benötigten Extraplatz und verhindert so erfolgreich Kollisionen.

Damit das Ganze funktioniert, müssen allerdings alle Verkehrsteilnehmer verschiedene Bedingungen erfüllen:

1. Mäßiges Tempo fahren. Nicht umsonst gibt es das schwedische Wort lagom, welches in etwa „gerade recht“ bedeutet. Und so müsst Ihr auch fahren. Nicht zu schnell, das schafft der SHR nicht und nicht zu langsam, denn dann bricht der Hyperraum zusammen.

2. Nicht ausweichen. Auf keinen Fall darf man bewusst die Richtung ändern, um anderen auszuweichen. Ausweichen tut man nur Bäumen und Elchen. Wenn Du als Radfahrer links fährt, bleib dabei. Wenn Ihr zu siebt nebeneinander geht, bleibt dabei. Der SHR ist gekrümmt und Ihr kommt aneinander vorbei. Weicht nicht aus, denn dann bricht der Hyperraum zusammen.

3. Augenkontakt vermeiden Mir scheint, dass der SHR nur dann stabil ist, wenn man jeglichen Augenkontakt zu allen anderen Verkehrsteilnehmern vermeidet. Warum sollte man auch schauen, der SHR sorgt ja dafür, dass man problemlos aneinander vorbei kommt. Da mischt sich der Mensch lieber nicht ein. Also schaut auf keinen Fall einem anderen in die Augen, denn dann bricht der Hyperraum zusammen.

Für mich als Deutschen (und als jemand, der in München geradelt ist), ist es ganz schön schwierig, sich an diese Regeln zu erinnern, wenn alle auf Ihren gedachten Fahrlinien auf mich zulaufen, -radeln und -fahren. Und meistens werde ich doch langsamer, schaue jemanden an oder weiche doch aus und eiere irgendwie – verwunderte Blicke erntend – an den anderen vorbei. Und so brauche ich wohl noch ein bisschen Zeit, bis ich den Schwedischen Hyperraum akzeptiere und auch als Fahrradfahrer entspannt auf der linken Seite, ohne auszuweichen und ohne zu schauen, weiter meinem Ziel entgegen fahre.

Liebe Akademiker, hier besteht noch großer Forschungsbedarf:

  • Warum ist der SHR mit der menschlichen Aufmerksamkeit gekoppelt?
  • Gibt es Parallelen zum Buddhismus?
  • Schwingt das Gehirn in eigenen, der Meditation ähnlichen Sigma-Wellen?
  • Ist die Zimtschnecke in Wirklichkeit ein archaisches Modell des SHR?
  • Warum gibt es den SHR nicht in Deutschland? Sind es kosmische Strahlen oder nur die verminderte Corioliskraft?

Hier hat die Wissenschaft noch viel zu tun.

Brückenbau-Arbeits-Sommer-Bade-Stadtfest-Panorama

Manche Tage sind dichter als andere. Von so einem Tag komme ich gerade zurück.

Der Morgen

Knallblauer Himmel – schon am Morgen zwanzig Grad – das schreit danach, mit dem Fahrrad zu fahren. Es ist immer herrlich, wenn man schon morgens oben herum nur ein T-Shirt braucht und in den Sandalen mit den Zehen wackeln kann. Kurz vor der Stadt mache ich eine kurze Fotopause, denn da wird eine neue Brücke über den Skellefteälven gebaut. Da habe ich noch nichts von mitbekommen, da ich diese Strecke nicht so oft fahre. Zum Schluss schlängele ich mich durch das Zentrum, denn heute beginnt das Stadtfest und überall stehen Zäune, Autos, Zelte, Menschen und nochmal Autos.

Arbeit

Ich hätte ja jetzt schon gerne Urlaub, aber bis zum Ende der Woche muss ich noch durchhalten. Im Büro ist es überraschend kühl und die Hitze schlägt uns ins Gesicht, als wir zum Mittagessen aufs Stadtfest gehen. Kein Wunder, denn mit 30.4 °C ist Skellefteå heute laut SMHI-Messungen der wärmste Ort Schwedens.
Das Stadtfest? Wie alle Stadtfeste, aber dazu später mehr.

Danach arbeite ich noch ein bisschen, aber die Konzentration geht gegen null und ich beschließe, eine Badepause zu machen.

Badesee

Kurz darauf sitze ich bei einer Freundin im Auto, sie hat ihren Lieblingsbadesee wiedergefunden. Für schwedische Verhältnisse ist dort einiges los. Ich kann das nicht ernst nehmen, die fünfzehn Leute. Die Luft ist warm, das Wasser des kleinen Waldsees herrlich erfrischend kühl, man möchte gar nicht mehr aus dem Wasser heraussteigen. Und zum Schluß sind wir fast alleine da. Aber … noch habe ich keinen Urlaub, die Arbeit wartet.

Arbeit

Die Kollegen gehen nach Hause, ich bleibe noch. Zum einen habe ich ja eine sehr lange Badepause eingelegt, zum anderen bin ich mit Freunden zum Stadtfest verabredet. Aber irgendwann ist es sechs und ich verlasse als letzter das Bürogebäude.

Stadtfest

Und nachdem alle am Treffpunkt eingetrudelt sind, ziehen wir zu neunt über das Stadtfest. Ich bin – wie schon im letzten Jahr – geneigt zu schreiben, dass alle Stadtfeste gleich sind: Fressgassen mit internationaler Imbissküche, die immer gleichen hässlichen Sweater mit Reggaemotiven, billige Taschen, Losbuden und dazwischen Menschen, Menschen, Menschen. Wo kommen die bloß alle her? Von den Menschen hört man allerdings gar nicht so viel, denn was gehört zu jedem Stadtfest dazu? Richtig, lokale Partybands, die unfassbar schlecht abgemischt sind. Die Musik dröhnt und wummert in Lautstärken nah der Schmerzgrenze durch das Stadtzentrum. Wer etwas mitteilen will, der muss halt schreien.

Aber halt, ein paar Sachen sind ein bisschen anders: Alle Festzelte sind abgeriegelt und alle müssen an der Security vorbei, vermutlich damit keine Minderjährigen Bier oder Wein kaufen können. Da es mehrere Festzelte gibt, besteht die Innenstadt eigentlich nur aus Zäunen, die ein gigantisches Labyrinth bilden, denn jede zweite Straße und fast alle Fußwege enden irgendwann vor einem hohen Drahtzaun.

Das Essen wie oft: Von Fast food (amerikanisch bis asiatisch) bis zu den unvermeidbaren ungarischen Langos wird das ganze Stadtfestessen gut abgedeckt. Aber es gibt auch Toast mit Pfifferlingen und dem lokalen Käse überbacken. Oder Ren als chinesisches Wokgericht. Und knatsch-buntes Gebäck, welches vermutlich im Dunkeln leuchtet. An dem unten abgebildeten Gebäck stand „Blåbär“, aber ich vermute eher, dass dort jede Menge Schlumpf mit drin war.

Auf dem Dach

Ich gehe ins Büro, um meine Sachen zu holen und nutze die Gelegenheit, auf dem Dach des Gebäudes die iPhone-Applikation „Photosynth“ auszuprobieren. Dafür, dass das Programm nichts kostet und ich mir auch nicht wirklich Mühe gegeben habe, ist das Panorama eigentlich ganz gut geworden, auch wenn man teilweise deutlich sieht, wo die vielen Einzelfotos aneinanderstoßen.

Nach Hause

Ich bin immer schon lärmempfindlich gewesen und das ist heute nicht anders. Und so verabschiede ich mich als erster und radele um kurz vor elf wieder nach Hause. Ich genieße die Stille und das herrliche Licht auf dem Heimweg. Und um zehn vor zwölf bin ich auch wieder zu Hause.

Und jetzt geht‘s ins Bett. Aber nicht das im Schlafzimmer, sondern das im Gästerzimmer im Keller, denn da ist es dunkel und herrlich kühl.

Nachtrag

  • Laut Norran, der lokalen Zeitung war gestern mit 31,1 °C der wärmste Tag des Jahres.
  • Gestern war auch ein Drachenbootrennen auf dem Fluss. Da habe ich allerdings nur die Rufe durch den Lautsprecher gehört. Man kann nicht überall sein.

Herbstsommer

Wenn im März die Tage wieder länger werden, Temperaturen nicht mehr ganz so frostig sind und dann am Besten noch klarer blauer Himmel die verschneite Landschaft überspannt, dann nennen die Schweden das „Vårvinter“, übersetzt Frühlingswinter.

Wenn wie heute die Sonne scheint, es aber nicht mehr richtig knallwarm wird, die ersten Blätter sich ins Gelbliche oder Rötliche verfärben und der ganze Wald nach Pilzen duftet, dann nenne ich das „Höstsommar“, übersetzt Herbstsommer. Der Begriff ist aber nicht gebräuchlich. Schade eigentlich.

Heute bin ich endlich mal wieder mit dem Rad zur Arbeit gefahren. Über den steifen Gegenwind heute Morgen und mein angestrengtes Gestrampel schweige ich mal lieber.

Aber tatsächlich hat der Wind mal nicht gedreht, ist nur etwas abgeflaut und es war nach der Arbeit so warm und so schön, dass ich beschlossen habe, einen Umweg zu nehmen. Statt direkt ostwärts nach Hause zu radeln bin ich über verschlungene Wege in Richtung Norden gefahren und wollte eigentlich einen Weg durch den Wald nehmen, den ich letztes Jahr schon einmal gefahren bin. Dann habe ich aber gesehen, dass man noch weiter im Norden rechts nach Boviken abbiegen kann und damit ein Stück an der Küste radeln kann. Die Fahrt war herrlich entspannt, auch wenn manche Wege für mich und mein Fahrrad unpassierbar waren. Und wenn sich irgendein abwärts führender Geröllweg mit dicken Steinen die Strecke mit einem Bach teilt, dann schiebe ich auch gerne einmal ein wenig. Ich bin dann beim Fahrrad fahren ein bisschen vom Hölzchen aufs Stöckchen gekommen und habe immer neue Wege gefunden, bis irgendwann mal mein Magen signalisiert hat, dass er jetzt gerne Futter hätte und zwar ein bisschen dalli. Als ich gesehen habe, dass ich meinem Zuhause eigentlich noch keinen Meter näher gekommen bin, habe ich dann den einen schönen Weg einen schönen Weg sein lassen und bin bekannte Wege zurück geradelt.

Für solche Touren hätte ich gerne ein Mountainbike. Mit doppelt so breiten Reifen, mit drei Mal so vielen Gängen und ganz viel Federung, denn manche Wege sind so holperolperolperolperich, dass man fast nicht mehr sieht vor lauter Durchschüttelei.

Und zum Schluss habe ich im Wald sogar das erste Mal das Licht angemacht, denn auch kurz vor acht war es schon ein bisschen dämmerig. Es ist eben schon Höstsommar.

Diese Fotos habe ich alle mit dem iPhone 4 gemacht. Meine perfektionistische Seite sagt: „Um Gottes Willen! Die Rauschen, der Himmel ist ausgefressen, die Bäume fast schwarz und scharf sind sie Fotos zum Teil auch nicht.“ Meine pragmatische Seite sagt: „Meine Nikon hatte ich nicht dabei, das Handy schon. Und im großen und ganzen und ein wenig Hilfe von Lightroom und Photoshop sind die Fotos für das Blog doch allemal gut genug.“ Meine perfektionistische Seite grummelt noch ein wenig vor sich hin, aber die pragmatische Seite hat schon längst gewonnen.

Der April, macht was er will.

Heute bin ich das erste Mal wieder Fahrrad gefahren, wenn auch nur in Skelleftehamn. Die Straßen sind frei, der Himmel blau und sogar die erste Ameise habe ich herumkrabbeln sehen.

Als ich wieder zu Hause war, lese ich im neuesten Artikel von Lussekatt – sie lebt in Südschweden – dass sie heute Schneesturm hatten, wenn auch nur kurz. Ha, dachte ich, da haben wir aber mehr Frühling hier oben. Eine viertel Stunde später sah es dann so bei uns aus:

Dicker Schnee fegte von Westen herbei und überschüttete mich und meine Kamera mit großen weißen Flocken. Nach zehn Minuten war alles vorbei, aber auch alles wieder weiß.

Jetzt ist ein großer Teil des Himmels wieder wolkenlos, die Sonne scheint, aber aus irgendeiner Wolke schneit es noch immer, wenn auch nur sanft und leicht.

Frühlingstag

Ist es wirklich erst eine Woche her, dass zwanzig Zentimeter Neuschnee gefallen sind und hier alles winterlich tief verschneit war? Der kleine Hund beim Gassi gehen kaum über den Schnee schauen konnte? Ich beim Fotografieren aufpassen musste, dass mein Objektiv nicht zuschneit?

Kaum zu glauben! Denn heute war es sonnig und mit 13 °C wirklich überraschend warm. Ich habe die ersten Blumen, die ersten Schmetterlinge, die ersten Menschen mit kurzen Hosen gesehen. Und viele saßen draußen und genossen Licht und Wärme. Auch wir haben nach dem Mittagessen einen kleinen Umweg gemacht und sind ein kleines Stück am Fluss entlang gelaufen.

Die meisten von uns haben heute um halb vier den Arbeitstag beendet, zu groß war die Verlockung, das schöne, warme Frühlingswetter zu geniessen. Ich habe mir zu Hause das Fahrrad geschnappt und bin ein bisschen herumgefahren. Zur Insel Storgrundet kann man jetzt herüber rudern und das restliche Eis hat sich vom Ufer gelöst und treibt nach Osten. In der Sonne war es so warm, dass ich die meiste Zeit im T-Shirt gefahren bin. Im Schatten merkte man allerdings, dass es gegen Abend wieder kühler wurde.

Es erstaunt mich jedes Mal wieder, wie schnell die Jahreszeiten hier wechseln können. Und ich freue mich, dass der Frühling da ist, selbst wenn es morgen wieder grau und kälter werden soll.