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Nordwärts

Vom Leben in Skelleftehamn

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Nachgedanken

Was war das für ein schönes Frühjahrskonzert: Wir im Chor haben eigentlich ziemlich gut gesungen und es war toll, mit Margareta Bengtson, die 22 Jahre bei der Real Group gesungen hat und dem phantastischen Jazzpianisten Mathias Algotsson Musik machen zu dürfen. Doch mein größtes Vergnügen war es, den beiden bei ihren unglaublich schönen, geschmack- und phantasievollen Duoimprovisationen zuhören zu dürfen. Und doch …

Als ich im Auto durch den prasselnden Regen nach Hause fuhr, war ich ein bisschen melancholisch. Mathias Algotsson hat 1992-96 an der Musikhochschule in Stockholm studiert. Ich habe 1992-96 an der Folkwanghochschule in Essen Musik studiert. Er ist ein wirklich guter Jazzpianist, besser als ich es jemals war. Und ich frage mich, ob ich dieses Niveau hätte erreichen können. Eine Stimme in mir sagt, ja, das hätte ich geschafft. Doch mein musikalisches Potential und die musikalische Begabung habe ich nie wirklich ausgeschöpft, dazu war ich oft zu zweifelnd und manchmal auch zu faul. Vor allem gibt es so viele andere Dinge, die mich nicht nur interessieren, sondern auch erfüllen. Und die skandinavische Natur ist ein großer Teil davon. Sie vermittelt mir Ruhe und Stille und gibt mir gleichzeitig Kraft und Energie. Hätte ich mich auf mein Jazzpianisten-Dasein fokussiert, wäre ich vermutlich nie in Skandinavien gelandet und definitiv nie, nie in den Norden gezogen. Das würde mir fehlen. Und doch …

Sie fehlt mir, die Musik. Ich beginne, meine Musikervergangenheit zu verklären und zu idealisieren und die doofen Hintergrundsjobs zum Chefetagen-Smalltalk, die desinteressierten Klavierschüler und die eher angespannte finanzielle Lage zu verdrängen. Nein, es war selten erfüllend, als Jazzmusiker zu arbeiten, auch wenn das immer so toll „hip“ klang, wenn man nach dem Beruf gefragt wurde. Es gab schließlich gute Gründe, warum ich den Beruf gewechselt habe und ich kann mir nicht vorstellen, jemals wieder ein Hundert-Prozent-Vollzeitmusiker zu sein. Und doch …

Ich möchte, ich will, nein, ich glaube sogar, ich muss wieder einen Weg zur Musik finden. Meinen Weg zu meiner Musik. Und ich glaube, es ist jetzt dran. Denn die Sehnsucht nach musikalischer Kreativität hat schon ein paar Mal laut an die Tür geklopft. Heute habe ich die Tür einen Spalt aufgemacht und sie hat einen Fuss dazwischen gestellt. So eine Tür lässt sich nur mit Gewalt wieder schließen.

Vor zwei Monaten habe ich gedacht: „Ich lebe im schönen Nordschweden, habe Freunde, Job und Haus mit Flügel. Alles läuft, alles ist gut. ——— (mittellange Pause) ——— Und jetzt? Was kommt jetzt? Wo geht jetzt die Reise hin?“

Vielleicht habe ich heute mein nächstes Puzzleteil für mein Leben gefunden.

12 Kommentare für „Nachgedanken“

Anna T schreibt:

Klingt gut, Olaf. Viel Erfolg.

Olaf Schneider schreibt:

Danke, Anna!

Ricarda schreibt:

Wünsche Dir, daß die Tür noch weiter aufgeht !
Immer schön, wenn man seine Träume nicht nur träumt sondern auch anfängt über die Verwirklichung und Durchführung nachzudenken. Bin sicher, Du wirst einen Weg zur Musik finden !
Schönen Start in die Woche !

Olaf Schneider schreibt:

Danke, Ricarda! Auch Dir eine schöne Woche!

Hannah Karlsson schreibt:

Wie hast Du auf Facebook geschrieben: „Für reine Schwedenfans vielleicht ein bisschen langweilig, für die, die mich kennen, vielleicht ein bisschen interessant“ – grüble gerade, zu welcher Gruppe ich gehöre. Ich kenne Dich zwar nicht, aber vielleicht bin ich mal so mutig wie Annika und treffe Dich… – jedenfalls kenne ich diese Gedanken und Überlegungen gut. Ich bin zwar (wenigstens bisher) immer bei der Musik geblieben, aber ich habe (eben auch aufgrund mangelndem Fleiß, vielleicht auch mangelndem Ehrgeiz und sehr vieler Interessen) nicht das draus gemacht, was meine Begabung mir wohl erlaubt hätte…
Schön fand ich das Bild mit dem Puzzleteil, da werden sich die anderen wohl auch (wieder)finden lassen. Und das Gute an einem Puzzle ist ja, dass man es gut erkennen kann, ehe alle Teile an ihrem Platz sind. Lycka till!

Evi schreibt:

Ja, Olaf, Dein Leben ist sehr vielfältig, aber ich glaube auch, nach dem
wir Dich im Konzert mit Sheila Jordan gesehen und „gehört“ haben,
dass Du in Deiner Musik aufgehst!!!!! Es war einfach ein ganz tolles Erlebnis und wenn Du Dein Puzzleteil verwirklichst, …………
wer weiß……… „hören und sehen“ wir Dich wieder!
Vielleicht bekommen wir eine ganz kleine Privatvorstellung im August?
Gibt es keine Aufzeichnung Eures Konzertes und waren viele Gäste dort?

Wir freuen uns mit Dir!!!!
LG Evi und Uta

Olaf Schneider schreibt:

Hannah, mit den erwähnten Gruppen wollte ich weniger Leute in enge Holzschubladen stecken, sondern mehr jene warnen, die sich eher für schöne Fotos oder Schwedengeschichten interessieren.

Oh, muss man mutig sein, um mich zu treffen? Sehe ich so gefährlich aus ;-). Wenn Du mal in der Gegend sein solltest, dann melde Dich einfach und schau vorbei … .

… so wie Evi und Uta, die irgendwann – vermutlich wohl im August – hier vorbeischauen werden. Ich freue mich auf Euch!

Es gibt eine Aufnahme, auf die ich auch gespannt bin. Es waren etwa 100 Leute dort. Da der Saal über 500 Zuschauer fasst, sah das leider ein bisschen mager aus. Aber ein schönes Konzert war es ja dennoch.

Hannah Karlsson schreibt:

Liegt eher an meinem „Fremdeln“… Mal schauen, wann ich mal wieder in den Norden komme. Immerhin dann bis Örnsköldsvik zu meinen Freunden.
Fände es jedenfalls spannend und schön, Dich mal persönlich kennenzulernen.

Olaf Schneider schreibt:

Von Örnsköldsvik nach Skellefteå ist es ja gar nicht so weit.

Hannah Karlsson schreibt:

Nein, nicht für norrländische Verhältnisse…

Jochen schreibt:

Lieber Olaf,

ich habe deine Gedanken vor einigen Tagen gelesen und sie gingen mir nicht mehr aus dem Kopf. Ich habe mich gefreut, zu lesen, dass die „Sehnsucht“ einen „Fuß in die Tür“ gestellt hat, so dass sie nicht mehr gescheit zu geht :-)

Musik und dein persönlicher Zugang ist das Eine, die Erfahrung, was es bedeutet, sich als Berufsmusiker seinen Lebensunterhalt verdienen zu müssen, ist das Andere. Ich finde, man sollte das auch strikt auseinanderhalten und nicht gegeneinander ausspielen.

„Deine Musik“ wächst mit dir als Mensch und Persönlichkeit – und ich denke, da bist du auf einem lebenslangen guten Weg :-)

Viele liebe Grüße,

Jochen

Olaf Schneider schreibt:

Vielen Dank, lieber Jochen, für Deinen schönen Kommentar! Ich sehe es eigentlich genau so – Musik machen und mit Musik Geld verdienen sind ja für die meisten auch recht unterschiedliche Dinge. Ich finde es allerdings nicht ganz einfach, Zeit zum Üben, Spielen und Komponieren zu finden, zumal ich ja auch noch so manches andere mache.

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