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Nordwärts

Vom Leben in Skelleftehamn

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Sieben Kurzartikel

Heute kann ich mich nicht entscheiden,worüber ich schreiben soll, also schreibe ich über siebenerlei Dinge, aber versuche mich, kurz zu halten. Mal schauen, ob’s klappt …

Über das deutsche Brot

Diese Woche habe ich Brot gekauft. Bei Lidl. Deutsches Brot. Seitdem esse ich drei Mal täglich Brot mit Käse und bin einfach begeistert. So lecker und so ungleich dem labbrig-süßem Schwedenbrotersatz! Mit nationalen Identitäten habe ich es ja nicht so, aber wenn ich etwas mit Deutschland verbinde, dann sind es die unzähligen Varianten von gutem Brot. Sollte ich einmal ein heroisches Nationallied für die Deutschen dichten müssen, so käme vermutliches in etwa folgendes heraus.

Oh, tu Teutscher von teutschen Lanten,
Tu bist wie Brot – ganz ohne Scherz!
Tie Kruste hart bis hin zum Kanten,
doch innen frisch und sanft Dein Herz.

Über Flugreisen

Aber wenden wir uns von schlechten Dichtungen aus deutschen Landen ab und Italien zu. Da hätte ich ein paar Wochen sein können. Und da wäre ich auch gerne hingereist, denn Freunde aus München haben dort ein Haus gemietet und nette Menschen eingeladen. Doch eine Flugreise nach New York scheint leichter, schneller und günstiger als eine Reise von Skellefteå nach Florenz zu sein. Unter zwei Mal umsteigen geht ohnehin gar nichts. Dann darf ich mir aussuchen, ob ich in 35 Minuten umsteigen möchte (wie denn?) oder doch lieber 29 Stunden unterwegs sein. Als Alternative darf ich auch gerne 750 Euro zahlen und mehr, dann werden die Verbindungen ein klein wenig besser. Und die meisten Rückflüge starten vor dem Aufstehen, also müsste ich noch eine Hotelnacht in Florenz buchen.

Es ist sehr schade, dass man in Skellefteå so weit weg von Zentraleuropa ist und viele Verbindungen sehr umständlich, zeitaufwändig und teuer sind. Ich habe die Italienreise wieder abgesagt. Doof das, sehr doof!

Über einen Auftritt in Jörn

Nah hingegen ist das schwedische Inland. Jörn beispielsweise (ca. 800 Einwohner) ist nur eine Autostunde entfernt. Dort war ich gestern Abend und habe Musik gemacht. Ein Tenor aus dem Kammerchor hat mich gefragt, ob ich Lust hätte, mit ihm (plus Bass und Schlagzeug) dort zu spielen. Normalerweise nehme ich als Pianist keine unbezahlten Jobs an, aber hier habe ich eine Ausnahme gemacht. Wir haben in einem kleinen Zelt gespielt und obwohl der Auftritt nicht gerade ein musikalisches Glanzlicht darstellte, hat es doch Spaß gemacht, für das kleine Publikum, welches dieses Konzert wirklich zu schätzen wusste, zu spielen. Und bei „Fever“ bemühten sich auch alle redlich, auf zwei und vier zu klatschen, wie es sich gehört. Eine lange Pause gab es, in der Hamburger verkauft wurden, so kam ich auch noch zu meiner Gage: Einen Hamburger für 30 Kronen ;-).

Rudi Kreuzkamm […] hatte behauptet, der Nichtraucher spiele abends, bis in die Nacht hinein, in der Vorstadtkneipe „Zum letzten Knochen“ Klavier, und er kriege eine Mark fünfzig Pfennig dafür und ein warmes Abendbrot.

Erich Kästner: Das fliegende Klassenzimmer

Ich sollte dazu sagen, dass ich freiwillig auf jegliche Gage verzichtet habe, weil die anderen auch keine bekommen haben und ich es doof fand, als „special guest“ behandelt zu werden.

Über das leere Inland

In den anderen Pausen bin ich ein bisschen durch Jörn gelaufen. Ich beneide das kleine Städtchen um seinen Bahnhof! 21:33: Umeå Stockholm, 4:25 Luleå Boden Narvik steht an der digitalen Anzeigetafel, die so gar nicht zu dem schönen alten Bahnhofsgebäude passt. Stell Dir vor, Du wohnst in einem Kaff und kannst, ohne umzusteigen, nach Berlin, in die Alpen und an die Nordsee fahren. So ein Bahnhof ist das. Wie gesagt, beneidenswert!

Weniger beneidenswert ist der Ort an sich – so viele Häuser stehen leer. In manchen hängt ein Schild „Zu verkaufen“, bei manchen sind die Fenster mit Brettern vernagelt und einige rotten einfach vor sich hin. Wie muss das sein, in einem halbleeren Ort zu wohnen und zu ahnen, dass vielleicht nie wieder alle Häuser mit Leben gefüllt sein werden. Denn Arbeit im Inland zu finden ist schwer und die aktuelle schwedische Regierung tut auch nicht gerade viel dafür, um das schwedische Inland am Leben zu erhalten. Schulen werden geschlossen, Krankenstationen verschwinden, Straßenbeleuchtungen werden abgeschaltet. Eine der weniger schönen Facetten Schwedens.

Über die Russenwärme

Bald sitze ich wieder am Digitalpiano im Zelt. Schwitze und trinke Wasser. Denn es ist richtig warm. 27 °C! In Skellefteå waren es schon morgens über zwanzig Grad und mittags haben ein Kollege und ich barfuß am Fluss gesessen und Mittagspause gemacht, während die ersten Sommerschwimmer den immer noch eiskalten Fluss entlang schwammen.

Um zehn Uhr ist unser Konzert in Jörn vorbei und wir fahren wieder zurück in die Stadt und ich nach Hause weiter. Als ich um zehn nach elf in Skelleftehamn ankomme, zeigt das Thermometer immer noch 20 °C an. Solche warmen Tage werden hier „Ryssvärme“ – Russenwärme genannt, weil wir diese Wärme meist dem kontinental geprägtem russischen Klima zu verdanken haben. Im Winter gibt es dann das Gegenstück: „Rysskylan“.

Über das gegen den Wind segeln

Jetzt ist es schon um einiges kühler und morgen wird jede Menge Regen bei Temperaturen von unter 10 °C erwartet. Damit fällt meine vormittägliche Paddeltour wohl aus, aber ich bin gar nicht so böse, denn morgen Abend haben wir unser Frühjahrskonzert mit dem Kammerchor und wenn das Wetter zu schön ist, dann kommt ja keiner.

Wir haben ein gemischtes Programm mit einigen sehr jazzigen Stücken (unter anderem „Waltz for Debby“), da wir zwei Solisten mit dabei haben: Den Jazzpianisten Mathias Algotsson und die Jazzsängerin Margareta Bengtson. Margareta Bengtson ist übrigens ein winzig-kleines Puzzleteil in meiner Schwedengeschichte und das kommt so:

In Essen habe ich damals ein Duo gehabt. Eine Sängerin und ich am Klavier: Die Sängerin hatte Bezug zu Schweden und kam mit einigen schwedischen Volksliedern an: „Kristallen den fina“, „Uti vår hage“ und „Vem kan segla förutan vind“ (Wer kann gegen den Wind segeln). Von dem letzten Lied gibt es eine Einspielung mit dem schwedischen A-Capella-Quintett „The Real Group“ zusammen mit Toots Thielemans. Eine unfassbar schöne Aufnahme, fand ich schon damals und ich habe direkt meine Liebe für die schwedischen Volkslieder, die so viel anmutiger ankamen als so manches deutsche Volkslied, entdeckt. Das war – neben Pippi Langstrumpf aus Kinderzeiten – einer meiner ersten Anknüpfungspunkte mit Schweden. Und bei genau dieser Aufnahme sang Margareta Bengtson Sopran. Es ist wirklich eine tolle Erfahrung, sie jetzt persönlich kennenzulernen – wieder schließt sich ein kleiner Kreis.

Über das Rasenmähen

Natürlich hoffe ich, dass morgen viele Zuhörer kommen und deswegen freue ich mich ja auch über den Regen, der diese Nacht losgehen soll. Davor musste ich aber noch etwas erledigen: Das Rasen mähen! Als ich den Rasenmäher betankt und gestartet habe, war das gleichsam entrüstete wie lustlose Röhren des Benzinmotors selbst durch meinen Gehörschutz deutlich zu hören. Ich glaube fast, mein Rasenmäher mag das Rasen mähen nicht sonderlich. Nun, da haben wir etwas gemeinsam. Ich finde es auch nur mäßig inspirierend, den Mäher über eine lang Stunde kreuz und quer durch den Garten zu schieben. Dass das Ganze so lange dauerte, war meine Schuld: Wieder war ich zu spät dran mit dem ersten Frühjahrsmähen und im sonnigen Vorgarten war das Gras schon bis zu dreißig Zentimeter lang. Da kommt man oft nur zentimeterweise vorwärts. Doch bald war der Rasen gemäht, eine große Schubkarre Gras in den Wald gefahren und wenn es eine Medaille für das späteste Rasenmähen in Skelleftehamn gäbe, so dürfte ich sie mir wohl zum vierten Mal in Folge abholen.


Das waren sieben Kurzartikel. Mit dem kurz halten hat es nicht so recht geklappt, es ist halt leichter, mittellange als kurze prägnante Texte zu schreiben.

17 Kommentare für „Sieben Kurzartikel“

Hannah Karlsson schreibt:

Besonders schön das Zitat aus dem „Fliegenden Klassenzimmer“ – eines meiner Lieblingsbücher mit so vielen wunderbaren Stellen zum Zitieren… :-)

Annika schreibt:

Mir haben alle gefallen. Ich hör gerne von vielen Seiten Deines Lebens, aber das weißt Du ja ;)

Cora schreibt:

Was hälst Du denn davon, Brot selbst zu backen? Vermutlich nichts, sonst würdest Du es ja schon längst tun ;)

Olaf Schneider schreibt:

@Hannah: Ich mag nicht alle Bücher von Erich Kästner, Pünktchen und Anton finde ich zum Beispiel ziemlich fürchterlich, aber das fliegende Klassenzimmer ist schon ein besonderes Buch.

@Annika: Das weiß ich ;-)

@Cora: Ich hatte immer mal vor, mit dem Brot backen anzufangen. Das war in etwa Projekt 793 auf meiner Liste und so ist es nie dazu gekommen. Jetzt, wo ich weiß, dass ich in Skellefteå richtiges Brot kaufen kann, ist das Projekt auf den Sankt-Nimmerleinstag verschoben worden.

Olaf Schneider schreibt:

Das sieht schön aus mit einer Blumenwiese, Tilmann, aber hohes Gras mögen auch die Mücken sehr gerne als Versteck. Ich vermute, dass man deswegen hier hohe Blumenwiesen genauso wenig in den Gärten antrifft wie Gartenteiche.

Ricarda schreibt:

Ja das Problem mit den Flugreisen kann ich nur bestätigen ! Ich finde es bereits doof daß ich, wenn ich mal in die alte Heimat möchte, auch noch extra Umsteigen und mich mit Wartezeiten rumschlagen muß…..von deren Länge bzw. Kürze wollen wir mal erst gar nicht anfangen zu diskutieren.
Doch wenn man mal Ideen hat wie z.B. Karneval in Venedig oder schnell eine Woche südliches Flair auf Rhodos genießen, usw…….dann ist es wie Du schon erwähntest……vom „hohen“ Norden aus kommend muß man immer mehrmals Umsteigen und somit hat man schon die Hälfte der Zeit für An- und Abreise vertan.
Also, entweder mehr Zeit für solche Touren einplanen oder sich auf die Orte/Länder beschränken, die besser erreichbar sind.
Doch blöd finde ich es trotzdem……

Schönen Sonntag noch und laß Dir Dein lecker Brot schmecken !

Olaf Schneider schreibt:

Es gibt einige Direktflüge von Skellefteå aus, aber nicht immer gerade dorthin, wo ich hinmöchte. Obwohl, Rhodos wäre dabei, Ricarda.

Ricarda schreibt:

Na, dann müsst ich aber erst mal wieder nach Skellefteå……wie oft muß ich da wohl umsteigen ??
Also gebe ich mich mit den Möglichkeiten zufrieden die gegeben sind…..jammern hilft eh nichts.

Sandra schreibt:

Hahaha, über das Rasenmähen hab ich herzlich gelacht. So wie sicher alle deine Nachbarn. Und alle denen sie davon erzählt haben wahrscheinlich bis hoch an die norwegische Grenze. Der Deutsche….

(Nicht bös gemeint! Wir haben auch ein bißchen zu lang gewartet und wissen, was du durchgemacht hast. Und die Schweden sind echte Profis im Rasenmähen.)

Olaf Schneider schreibt:

Der Deutsche … . Er ist ohnehin ein Gartenarbeitsmuffel, ein Schneeschaufelmuffel und ein Autowaschmuffel. Aber da müssen meine netten Nachbarn durch.

Ich habe darüber auch ein wissenschaftliches Paper veröffentlicht. Oder so ähnlich …

Sandra schreibt:

Ich erinner mich. Das war großartig!

Wir haben uns jetzt so in unseren mechanischem Rasenmäher verliebt, daß wir einen neuen kaufen wollen. Der alte ist kultig, schneidet aber leider nur auf der halben Schneidefläche.

Schade daß wir so weit voneinander weg wohnen. Wo du muffelst, blühe ich auf und freue mich, daß ich draußen rumpusseln kann. Und bestimmt fändest du Tätigkeiten toll, die ich hasse (PC usw). Und nach der Arbeit könnten wir Kaiserschmarrn essen ;-))

Olaf Schneider schreibt:

@Sandra Ehrlich gesagt will ich mit PC-Gebastel nach der Arbeit nichts zu tun zu haben, aber Ihr seid jederzeit willkommen, mit oder ohne Kaiserschmarrn ;-)

David schreibt:

Ich hatte letztens auch 35 Minuten Umsteigezeit bei einem Flug von Bergen nach Luxembourg mit halt in Kopenhagen. Am Anfang hat es mich auch ein bischen abgeschreckt, aber mein Koffer wurde ohne mein Zutun verladen und den check-in kann man vorher ja online erledigen. Damit hat man 35 Minuten Zeit um von einem Gate zum anderen zu gehen und wen es jetzt nicht grade ein riesen Flughafen ist ist das eigentlich auch kein Problem. Kann dich nur ermutigen es zu probieren falls deine Koffer verladen werden :)

Grüsse,
David

Tilmann schreibt:

An Mücken hatte ich nicht gedacht :-)

Olaf Schneider schreibt:

Noch ist die richtige Mückenzeit noch nicht gekommen, aber Juni, Juli, da kann das schon mal ein wenig nervig werden. Mehr hier aber auch nicht. Auf dem Fjäll habe ich da schon anderes erlebt.

Olaf Schneider schreibt:

@David: Ja, das kann gut gehen. Aber es gibt Flughäfen – Stockholm zum Beispiel – da braucht man schon 10 – 15 Minuten von Terminal 4 zu Terminal 5, wenn man schnell geht.

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