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Nordwärts

Vom Leben in Skelleftehamn

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Valborg 2014

Wie schon im Vorjahr habe ich dieses Jahr Valborg wieder bei Annica und Martin in ihrer Stuga in Bygdeträsk gefeiert. Zur Erinnerung: Valborg steht für Valborgsmässoafton, der schwedischen Variante der Walburgisnacht, und wird jedes Jahr am 30. April gefeiert. Wie praktisch, dass dann der erste Mai frei ist.

Nach einem halben Tag Arbeit habe ich mich gestern also ins Auto gesetzt und bin nach Bygdeträsk gefahren. Warm war es nicht gerade, das Thermometer zeigte nur 3-4 °C an. Normalerweise fahre ich zum Schluss den kleinen Holperweg direkt zur Stuga hinunter, doch seitdem dort im letzten Herbst Wasserleitungen verlegt wurden, ist dieser Weg eine einzige klebrige Lehmpampe. Deswegen habe ich mein Auto oben stehen gelassen. Annica schrieb heute auf Facebook, dass ihre Nachbarin einen Spontanbesuch gemacht hat und sich dort prompt festgefahren hat.

Das Grundstück liegt wunderschön am „Göksjön“, dem Kuckuckssee, dem ich erst einmal einen kurzen Besuch abstatten musste. An einigen Stellen am Rand lag noch ein bisschen Eis, doch im großen und ganzen war der See frei und es juckte mir in den Fingern, mich ins Kanu zu setzen und eine kleine Tour zu machen.

Am Göksjön

Schilfstengel im EisAltes Eis am steinigen Ufer

Bald war auch unser gemeinsamer Freund Lasse gekommen, und Martin fing mit dem Grillen an. Schon länger brannte ein großes „Majbrasa“ – ein Maifeuer, welches fest zu Valborg dazugehört. Stundenlang könnte ich am Feuer stehen, in die Flammen schauen und kleine und große Äste hineinwerfen.

Martin grillt Schwein, Hühnchen, Champignons und Spargel – lecker!Es ist immer wieder schön, ins Feuer zu schauen

Noch während ich mich über die Sonne freute, trudelte eine kleine Schneeflocke vorbei. Und noch eine. Es fing an zu schneien! Immer wieder hatten wir kleine Schneeschauer, doch sie waren von kurzer Dauer. Wenn dann gleichzeitig die Sonne scheint, ist das einfach wunderschön anzusehen, wie jede einzelne Schneeflocke leuchtet und funkelt. Das Bild gibt es nur unzulänglich wieder, vermutlich müsste ich ein Video drehen, damit man das Gefunkel sehen kann.

Schneeflocken funkeln in der Nachmittagssonne

Nach einem ausgiebigen Drei-Gänge-Dinner haben wir am Feuer gestanden, uns es dann drinnen in der kleinen kamingeheizten Stuga gemütlich gemacht und ganz zum Schluss sogar – es war schon dunkel – noch gebadet. Das allerdings nicht im eiskalten Seewasser, sondern in der holzbeheizten Badetonne, in der man es bei +37 °C Wassertemperatur lange aushalten kann, selbst wenn es frisch um die Ohren ist. Erst nach zwei Uhr nachts – alles andere als meine Zeit – bin ich müde auf die große Matratze im Schuppen geplumpst und war sehr froh, dass ich einen warmen Schlafsack dabei hatte, denn der Raum ist nicht isoliert und draußen war inzwischen schon ganz schön frostig.

Genau vier Jahre kenne ich Annica und Martin jetzt, doch meine ältesten Freunde in Skellefteå sind es nicht, denn Lasse (und Martine) kenne ich genau 8 Tage länger. Vielen Dank, Ihr drei, für den wunderschönen Tag.

Majbrasa – hier später am Abend

Um elf habe ich mich heute auf den Rückweg nach Hause gemacht. Statt einer Stunde habe ich sieben Stunden gebraucht. Ich habe eben noch ein paar Umwege gemacht, doch davon später …

Maischnee

Gestern habe ich Valborg in Bygdeträsk gefeiert, heute gegen elf sitze ich im Auto und fahre wieder nach Hause. Allerdings nicht direkt. Erster Mai, ein freier Tag! Das Wetter ist schön, die Sonne scheint, ein paar Plusgrade hat es wieder nach frostiger Nacht, vielleicht gibt es noch irgendwo etwas zu sehen.

Das gibt es. Zum Beispiel eine ansteigende Straße, noch nass, in der sich grell die Sonne spiegelt.

Blauer Himmel und Sonnenspiegelung

Doch das Wetter ändert sich. Dunkle Wolken ziehen auf, aus denen es graupelt und schneit, an manchen Stellen überraschend heftig. Ich fahre viele kleine Straßen, viele sind nur sogenannte „Grusvägar“ – Kieswege. Doch die Nadel der Tankanzeige steht schon auf R, also fahre ich nach Lövanger, welches an der E4 liegt und damit eine auch am Feiertag geöffnete Tankstelle hat. Auch hier schneit es und so mancher Passant läuft ziemlich winterlich gekleidet vorbei. Vollgetankt fahre ich weiter und nun nehmen die Schneeschauer zu und werden stärker.

Winterlich gekleidet am 1. MaiEiner der stärkeren Schneeschauer

Und so fotografiere ich noch einmal eine Straße: Dieses mal nicht mit Sonne und blauem Himmel, sondern mit dichtem Schneefall.

Starker Schneeschauer

Die Schneeschauer werden dichter und es kühlt sich ab. Irgendwann zeigt das Autothermometer nur noch 1 °C an und der Schnee beginnt, liegen zu bleiben. Und als ich irgendwo kurz vor Uttersjöbäcken aus dem Wald komme, liegt genug Schnee auf dem Acker, dass ich mir kaum vorstellen kann, dass heute der erste Mai ist.

Nur noch 1 °CVerschneiter Acker

Es war kein Zufall, dass ich nach Uttersjöbäcken gefahren bin, denn dort ist das schöne Naturreservat „Bjuröklubb“, eine große Landzunge, die in der Ostsee ragt, gleich um die Ecke. Dort wollte ich jetzt den Leuchtturm im Schneeschauer fotografieren. Aber nochmals hat sich das Wetter geändert und plötzlich war es wieder sonnig. Genau das richtige Wetter, um über die Felsen zum 50 Meter tiefer liegenden Felsstrand hinabzusteigen. Ich war ganz froh, in meiner Münchner Zeit so manche Bergtour gemacht zu haben, sonst hätte ich mich an manchen Stellen nicht entlang getraut.

Bjuröklubb Fyr, der alte LeuchtturmGranitfelsen im GegenlichtHoher FelsquaderManche Felsen sind ziemlich hoch

Als ich unten angekommen war, schaute ich über das klare Meer, welches den leuchtend blauen Himmel widerspiegelte. Kleine Wellen plätscherten an die Felsen, sonst war es still und ruhig. Was für ein Kontrast zu der winterlich anmutenden Autofahrt hierher.

Felsküste bei Bjuröklubb

So, Winter, Du hast Dein Gastspiel gehabt, jetzt darf es gerne auch wieder Frühling werden.

Die Route: Bygdeträsk – Andersvattnet – Söderby – Korssjön – Flarken – Gammbyn – Kålåboda – Brände – Vebomark – Lövanger (Volltanken) – Fjälbyn – Uttersjöbäcken – Bjuröklubb – Uttersjöbäcken – Risböle – Burvik – Bureå – Örviken – Skelleftehamn

Zurückdatiert vom 02. Mai 2014 00:32 auf den 01. Mai 2014 23:59

Eigentlich ist ja Frühling …

… doch dann schaue ich um halb vier – es ist schon recht hell – aus dem Fenster und sehe das:

Schnee am Morgen

Es hat also wieder geschneit! Am 4. Mai! Ich will keinen Schnee mehr, so etwas will ich sehen:

Es grünt so grün

Ich muss aber noch ein bisschen warten, bevor ich dieses zweite Foto machen kann. Zum einen stehe ich nicht freiwillig um halb vier Uhr nachts auf, zum anderen war das Vormittagswetter nicht viel besser: Nur knapp über null Grad, grau und ein bisschen Schnee und Graupel. Aber am Nachmittag klarte es auf und ich habe einen Spaziergang am Norrfjärden bei Bureå gemacht.

Spaziergang ist allerdings relativ, denn alle Wege sind nur dafür gemacht, damit die Schweden bequem zu ihren Stugas – den Sommerhäusern kommen. Und deswegen besteht das Wegenetz an See und Meer nur aus einem großen Bündel Stichwegen und Sackgassen irgendwo im Wald. Am Ufer selbst gibt es fast keine Wege. Also bin ich querfeldein gelaufen. Entweder über die großen runden Steine am Ufer oder mitten durch den Wald, durch flaches Wasser, über matschige Wiesen oder auch über die letzten dicken Eisflächen im Schatten des Waldes. Wohl zwanzig Mal setze ich die Mütze in der Sonne ab und ebenso oft im Schatten des Waldes wieder auf.

Am NorrfjärdenDer Oxviken

Insel im Norrfjärden

Doch das Eis am Ufer ist nur noch Dekoration. Die Natur auf Frühling eingestellt: Vögel singen, Spechte klopfen, zwei Schneehasen im Fellwechsel springen vorbei, die ersten Blätterknospen an manchen Bäumen gehen auf und zeigen das erste Grün (siehe Bild oben) und in einer Wasserlache entdecke ich den ersten Froschlaich.

Dort entdecke ich aber auch etwas anderes: Mückenlarven und zwar jede Menge davon. Bald werden sie sich verpuppen, schlüpfen und dann wird jede Aktivität außer Haus wieder von vielstimmigem Mückengesumm begleitet sein. Ich hoffe, dass aus den Froscheiern – links unten im Bild – erst kleine Kaulquappen und dann kleine Frösche werden. Denn kleine Frösche haben die Mücken bestimmt zum Fressen gerne. Guten Appetit, Ihr Vögel und Frösche – bedient Euch. Wohl bekomm’s!

Mückenlarven

Vor drei Tagen habe ich übrigens eine Kreuzotter gesehen, die erste überhaupt in Nordschweden. Sie lag zusammengeringelt da und schien recht zufrieden, bis ich kam, das Teleobjektiv auspackte und sie fotografieren wollte. Da hat sie sich schnell hinweg geschlängelt und in ein Loch verkrochen. Auch die Schneehasen heute hätten sich ruhig ein bisschen Zeit lassen können. Schade, dass die meisten Tiere immer so scheu sind. Nur die Mücken sind zutraulicher als man sie sich wünscht.

Abendrunde mit dem Kajak

Das ist schön, wenn die Sonne erst um viertel nach neun untergeht – man kann nach der Arbeit noch eine kleine Runde mit dem Kajak drehen. So wie heute bei glatter See und blauem Himmel. Von der kleinen Bucht Killingörviken durch ein kleines Stück Hafen (groß ist er ja nicht), durch den Kejsar Ludvigs kanal einmal um die Halbinsel Kallholmen und durch den kleinen Tunnel Lappstrupen wieder zurück. Noch bevor die Sonne ganz untergegangen ist, bin ich wieder zu Hause.

Glattes Meer auf der BuchtAm Hafen vorbeiSpiegelungBald geht die Sonne unter

Freuen auf den Regen?

Eisbedeckter SeeWarm war es die letzten Tage ja wirklich nicht. Morgens immer ein paar Grad plus, aber auch nur, weil die Sonne schon vor vier Uhr aufgeht. Einmal war ich um halb vier wach, da zeigte das Thermometer -4.5 °C. Und heute, als wir zu einem Meeting nach Lycksele (150 Kilometer Richtung Inland) fuhren, kam wieder ein bisschen Schnee bei leichten Plusgraden herunter und auch manche großen Seen waren noch eisbedeckt.

Die Birken tragen schon grüne Knospen und vermutlich braucht es bloß einmal Regen und dann ein bisschen Wärme, dass plötzlich alles wieder grün ist. Am Wochenende soll es regnen und danach Sonne und zehn Grad geben, das sollte ausreichen.

Körmanifestation

Selbstportrait mit HeadsetOlaf mit Mikrophon? Olaf als Sänger? Livekonzert vor tausenden Leuten? Olaf jetzt berühmt und Popstar und überhaupt?

Mikrophon: ja. Sänger: ja. Livekonzert und über zweitausend Zuschauer: auch ja. Berühmt und Popstar und überhaupt: Definitiv nein!!!

Heute am 10. Mai war die Körmanifestation, ein Chorkonzert in der Skellefteå Kraft Arena, bei der etwa 800 Chorsänger beteiligt waren.

Viele Chöre in Skellefteå haben an der Körmanifestation teilgenommen, so auch unser Kammerchor. Als ich zuerst von dem Projekt gehört habe, hielt sich meine Begeisterung in Grenzen, denn die Vorstellung, mitten in einem riesigen Chor zu stehen und gemeinsam Lieder zu schmettern, schien mir nicht besonders erstrebenswert. Aber weil ich schon bei einigen anderen Aktionen des Kammerchores nicht dabei sein konnte, habe ich dennoch zugesagt.

Dann wurde ich gefragt, ob ich beim Oktett mitsingen möchte und habe direkt zugesagt. Denn ich dachte, wir singen ein halbes oder ganzes Stück im Oktett (also nur mit acht Leuten), damit das Programm abwechslungsreicher ist. Gemeint war aber etwas ganz anderes (die Geschichte habe ich schon unter Alltag: Ein Aprildienstag erzählt): Wir im Oktett singen das ganze Programm zusammen mit allen anderen Choristen mit dem kleinen, aber feinen Unterschied, dass wir jeder ein Mikrophon bekommen und verstärkt werden. Die Verstärkung ist aber weniger für die Zuschauer als für die anderen Choristen gedacht, die uns zur Unterstützung aus ihren Monitorlautsprechern hören, da viele Choristen nicht so sicher sind und manche Stücke nicht so einfach.

Und das bedeutet, dass ich möglichst richtig singen sollte, denn ich konnte mich ja nicht in der großen Masse verstecken. Würde ich einen Fehler machen, einen falschen Einsatz, einen falschen Ton, so würde man das recht deutlich hören, zumal manchmal die Chorstimmen geteilt sind und ich dann der einzige bin, der den Bass 1 ins Mikro singt (Schluck!) Zum Glück neige ich nicht zum Lampenfieber, das hätte sonst bestimmt voll zugeschlagen!


Aber machen wir es kurz: Das ganze Konzert heute hat einen Riesenspaß gemacht, sowohl uns als auch den etwa zweieinhalbtausend Zuschauern, die auf der Tribüne gegenüber und auf der Spielfläche saßen – dort, wo sonst Eishockey gespielt wird. Und auch nach dem Konzert war gute und ausgelassene Stimmung, denn bis auf ein paar Kleinigkeiten hat alles sehr gut geklappt. Am liebsten hätten wir gleich eine kleine Tournee gestartet. Natürlich habe ich einige kleine Fehler gemacht und wahrscheinlich einige sehr lustige Aussprachekuriositäten bei den schwedischen Liedern abgeliefert, aber was soll’s, ich bin ja kein Gesangsprofi. Aber vorne hat unser Oktett wohl gut geklungen. Sagt man.

Ein kleiner Auszug aus dem Repertoire:

  • Sköna maj, välkommen und Si god afton och god kväll – schwedische Chorklassiker
  • Agnus Dei – ein Auszug aus dem Requiem von Simon Åkesson, dem Sohn des Chorleiters
  • Fritiof och Carmencita – ein herrlicher Tango von Evert Taube zusammen mit Göran Fristorp
  • Gabriellas sång – aus dem Film „Wie im Himmel
  • I Wish und Livin’ for the city – von Stevie Wonder zusammen mit La Gaylia Frazier und Band
  • Vi är blommor – zusammen mit dem Kinderchor. Sehr anrührend. Ich musste teilweise wirklich weghören, um weitersingen zu können

Eigentlich hatte ich heute noch eine andere Aufgabe. Ich sollte während der Aufführung von oben ein Photo für die schwedische Chorzeitung „Körsång“ machen. Eine Aufgabe, den ich eher ungern annahm, denn irgendwie gleichzeitig zu singen und Photos mit Stativ machen, das passt ja nicht so recht zusammen. Zum Glück für mich stellte ich gestern bei der Generalprobe fest, dass mein Platz ganz oben in der Tribünenmitte die denkbar ungünstigste Perspektive für ein Foto des großen Chores ist. So konnte ich ohne schlechtes Gewissen die Aufgabe wieder abgeben. Da ich gestern bei der Generalprobe getestet habe, habe ich aber wenigstens ein paar Fotos als Erinnerung. Auch das Selbstportrait oben habe ich dort gemacht.

Ein Teil der linken ChorhälfteDer Kinderchor probt

Deutsche Gelüste

Gerade vor ein paar Tagen habe ich überlegt, welche Lebensmittel, die ich in Deutschland problemlos bekommen habe, hier vermisse. Mir sind direkt Bio-Roggenbrot, Nougatschokolade von Rapunzel und naturtrüber Apfelsaft eingefallen. Vielleicht noch richtige Brötchen. So mit innen weich und außen knusprig und so. Aber ein paar Minuten später waren meine Gedanken schon ins Archiv gewandert und vorläufig vergessen.

Heute hatte ich zwischen Arbeit und Chorprobe etwas Zeit und bin einen anderen Weg gegangen. Da sah ich plötzlich ein Schild „LIDL“. Stimmt ja, seit Ende Februar gibt es ja einen Lidl in Skellefteå, das hatte ich schon wieder völlig vergessen, auch weil ich nicht gerade bekennender Lidl-Fan bin. Aber ich bin etwas anderes: Sehr, sehr neugierig!

Eine Minute später stand ich im Laden und musste lachen. Genau wie in Deutschland: Einige Gänge in voller Länge, hinten die Kühltheke und zwischen drittem und viertem Gang die Non-Food-Artikel: Kühltaschen, Bohrmaschinen, Filzuntersetzer und vieles mehr. Die Gänge breit und alles sehr geräumig, aber auch irgendwie sehr kahl. So sieht kein schwedischer Supermarkt aus. Die sind ein bisschen verwinkelter und enger, aber auch ein wenig gemütlicher. Und dass es eng ist und man an manchen Stellen kaum aneinander vorbeikommt macht ja nichts. Man wartet aufeinander, man hat ja Zeit.

Erster Gang rechts: Schokolade. Viele Sorten, die ich weder von ICA, noch von Coop oder Willys, den großen drei Lebensmittelketten in Schweden kenne. Plötzlich: Schogetten! Nicht, dass ich diese Schokolade sonderlich mag, sie ist wohl eher günstig als gut, aber sie ist eine Kindheitserinnerung.

Erster Gang links: Frisches Brot (sieht gar nicht so übel aus, muss ich mal probieren) und dann: Laugenbrezen! Also so richtig! Bezeichnet als „Kringla med salt“ – das habe ich auch noch nicht gehört! Ich habe eine gekauft und als Abendbrot gegessen: Nein, die Qualität auch eines nur mäßigen bayerischen Biergartens wird nicht erreicht, aber dennoch eine schöne gustatorische Erinnerung an meine Münchner Zeit.

Schogetten bei Lidl in SkellefteåLaugenbrezen in Nordschweden – Avantgarde!

Kühlregal: Dort lacht mir Schwarzwaldschinken entgegen. Geräucherter Schinken ist eher unbekannt in den hiesigen Breiten, wo Schinken eigentlich immer gekocht oder gesonstwast ist. Also muss auch ein Paket mit.

Zweiter Gang (Rückweg) rechts: Was ist das denn dort! Sieht aus wie Saftpackungen. „Cloudy Apple Juice“ steht auf den Verpackungen. Wolkiger Apfelsaft? Oder doch vielleicht trüb? Naturtrüb? Unten steht deutlich „Not from concentrate“. Ah ja, sondern from was? Egal, eine Packung muss zum Testen mit.

SchwarzwaldschinkenNaturtrüber Apfelsaft

Bezahlen: Huch, die Kassiererin spricht ja schwedisch. Ach ja, ich bin ja in Schweden, trotz des so deutschen Supermarktambientes. Und nachdem ich die Daunenweste aus dem Rucksack genommen habe, finden auch die Schätze Platz: Neben Breze, „Schwarzwaldskinka“ und wolkigem Apfelsaft ist mir noch eine Tafel Ritter-Sport Nougat (heißt hier „Praline“) in die Hände gefallen.

Der Apfelsaft ist wirklich um Längen leckerer als die schwedischen Klar-Klebrig-Süß-Varianten und wenn ich mal mit dem Auto in der Stadt bin, nehme ich einen Vorrat mit. Aber ich mich ebenso auf mein Frühstück morgen mit A-Fil oder getoastetem Polarkaka-Brot. Auch alles sehr lecker.

Vollmond über Gåsören

21:16: Da ist der MondKaum zu erahnen ist der Vollmond, als er über dem Meer aufgeht, denn die Sonne ist noch über dem Horizont. Er geht rechts der Insel Gåsören auf, also bin ich ein bisschen zu weit gelaufen und gehe ein Stück zurück. Es wird langsam dunkler und der Mond wechselt seine Farbe von fahlweiß über blaßrosa zu warmen Geld- und Orangetönen.

21:26: Rosa Mond über dem Leuchtturm21:44: Mond über Gåsören

21:51: Vollmond über der Insel Gåsören

Jetzt, um elf Uhr Abends strahlt der Mond stärker, aber für Sterne ist es immer noch zu hell, denn richtig dunkel wird es nicht mehr. In fünf Wochen ist Mittsommer.

Syttende mai

Dieser Artikel ist Teil der dreiteiligen Serie Mo i Rana 2014.

Kjære innbyggere i Mo i Rana. Jeg pleier å spørre om lov før jeg publiserer bilder av mennesker i bloggen min. Men på festen var for mange folk å spørre hver enkelt. Vil du at jeg skal fjerne et bilde, så send meg en e-post og jeg sletter bildet så snart som mulig. Takk, Olaf.


Schon vor einem Jahr habe ich mir vorgenommen, dieses Jahr zum Verfassungstag am 17. Mai in Norwegen zu sein. Am 17. Mai 1814 wurde nämlich das Grundgesetz des Königreichs Norwegen verabschiedet und das ist just 200 Jahre her. Seit 1836 gilt dieses Datum in Norwegen als Nationalfeiertag. Deswegen habe ich mich schon am Vortag mit Elisabet, die in Umeå wohnt, in Lycksele getroffen und bin die insgesamt gut 500 Kilometer nach Mo I Rana gefahren, um bei dieser Feier dabei zu sein.

Gegen eins sind wir mit unseren Gastgebern — Elisabet hat Freunde in Mo i Rana – ins Zentrum gelaufen und haben den Aktivitäten zugeschaut. Schon auf dem Weg sah man überall Norwegenflaggen: An den Häusern, an Masten, an den Autos und in den Händen vieler Menschen. Viele Frauen sind in Tracht gekleidet und viele Männer haben zumindest einen Anzug an. Die Kinder haben Windräder und Tuten, alles in den norwegischen Farben rot-weiß-blau. In der Fußgängerzone haben mehrere Blasorchester Musik vom Marsch bis hin zu Earth Wind & Fire gespielt, eine Gruppe von gleichermaßen rührigen und rührenden Rentnern hat Volkstänze aufgeführt und ein Chor hat norwegische Lieder gesungen, darunter natürlich die Nationalhymne Ja, vi elsker dette landet und das recht patriotische Norge i rødt, hvitt og blått.

Überall wehen Flaggen, Flaggen, FlaggenChoristen in TrachtMusikerinnen in TrachtMusiker von Tracht bis Men in Black

Der Festzug war für vier angekündigt, ließ aber auf sich warten. Einige Kinder – auch in Tracht – spielten auf der Wiese mit nicht ganz so norwegischen Hello-Kitty-Luftballons, während ein Junge schon einmal seine eigene Parade begonnen hat.

Auch viele Kinder haben Tracht an …… aber nicht alle. Hauptsache, fein gemacht wie dieser Tänzer

Doch bald hörte man Musik und dann kam der Festzug, angeführt von fahnenschwingenden Soldaten, gefolgt von einer Blaskapelle. Dann kam ein herrliches Gemisch: eine weitere Blaskapelle, eine ernst dreinblickende Frauentrommelgruppe, ein kleines Mädchen, welches sein norwegisch geschmücktes Kaninchen spazieren trug, Mädchen im Balletttrikot (Brrr, kalt! Bei dem Wind!), Pfadfinder mit einem Kind, welches sich in einer Trage spazieren tragen ließ. Reiter zu Pferde und Nachfolger mit Schubkarre zum Pferdeäpfel aufsammeln und eine Frau mit Wischmopp-Hund mit der obligatorischen Schleife im Haar.


Zum Schluss sammeln sich alle auf dem Platz vor dem unfassbar heruntergekommenen Rathaus (ich dachte, Norwegen hat Geld!) und die Nationalhymne wird angestimmt. Fast alle singen mit und eine Soldatin, die während der ganzen Hymne salutiert, kann die Tränen der Rührung kaum zurückhalten.

FlaggenparadeFinale vor dem Rathaus

Nach dem Finale waren die Feierlichkeiten aber noch nicht zu Ende. Denn dann kam „Russ“, die Feier der Schüler, die die Oberstufe beendet haben. Das Bild: ein völlig anderes: Von cool bis flippig, ziemlich chaotisch und sehr individuell. Doch auch hier das gemeinsame Thema: Norwegenflagge und rot-weiß-blau.

RussfeierRussfeier

Zum Glück wurden wir während der Feierlichkeiten vom Regen verschont, aber es war kühl und sehr windig. Elisabet fror (zu dünne Jacke) und ich schwitzte (zu dicke Jacke) und wir waren froh, als wir wieder mit unseren Gastgebern in deren Wohnung waren und die Füße ausstrecken konnten, denn Pflaster laufen und Asphalt stehen ist anstrengend.

Von der Reise und manchem anderen schreibe ich die nächsten Tage. Hier schon einmal ein paar Stichworte: Rentier · Elch · Auerhuhn · Kahlfjäll · Schnee und Eis · Wasserfälle · Sommerwärme.


Ja, man könnte hier manches mehr schreiben. Politisch, historisch, gesellschaftlich. Über Nation und Nationalismus, über Integration und Abgrenzung, über die Rolle nationaler Symbole in Deutschland, Schweden und Norwegen. Aber Nordwärts ist kein politisches Blog. Ich schildere hier meine persönlichen Erlebnisse, ohne sie groß zu werten. Daher beziehe ich auch in diesem Artikel keine Stellung. Ihr habt die Freiheit, eine Diskussion in den Kommentaren anzustoßen. Ich habe die Freiheit, zu antworten oder auch nicht.

Rund um eine Norwegenkurzreise

Dieser Artikel ist Teil der dreiteiligen Serie Mo i Rana 2014.

Wenn man verreist, dann erlebt man was. Und wenn man von der schwedischen Ostseeküste über das Fjäll nach Norwegen reist, dann gibt es immer viel zu sehen.

Elisabet und ich sind letztes Wochenende für drei Tage nach Mo i Rana gefahren, um dort 17. Mai, den norwegischen Nationalfeiertag mitzufeiern. Darüber habe ich gestern im Artikel Syttende mai schon geschrieben.

Von Skelleftehamn nach Mo i Rana sind es gut 500 Kilometer. Die Stadt liegt in Norwegen am Ende des Ranfjorden, der tief in das Land einschneidet. Deswegen muss man nicht noch stundenlang kurvenreiche Küstenstraßen entlanggurken und ist relativ schnell da. Elisabet und ich sind die Strecke am Freitag gefahren, haben es aber ein bisschen ruhiger angehen lassen und auch Pausen gemacht. So konnte ich auch auf dem Hinweg fotografieren. Den Elch habe ich nicht mehr erwischt und die Rentiere am Straßenrand fand ich nicht so fotogen, also habe ich mich auf die Landschaft gestürzt.

Die erste Hälfte der Strecke ist frühlingsbunt: Blaue Seen, rote Häuser, dunkelgrüne Fichtenwälder und rotbraune Moore. Da das so aussieht wie bei mir zu Hause, blieb die Kamera im Rucksack. Doch dann steigt die Straße an, man fährt über das Fjäll und fast ist es so, als ob man in einer Zeitmaschine sitzt und wieder zurück in den Winter fährt. Seht selbst:

Eisschollen am GardikenEisschollen am GardikenFels, Eis, See und BergWeiße Winterweite bei Rukkon, Umasjö

Selfie an der GrenzeBald ist die Grenze erreicht und Elisabet und ich machen ein obligatorisches „Grenzselfie“. Doch wir sind nicht alleine an der „Riksgräns“. Dort steht auch ein Bus. An der Seite steht „Matbussen. Välkommen in“ – Der Essensbus, willkommen. Ein mobiler Lebensmittelladen – so etwas kenne ich eigentlich nur aus uralten Jugendbüchern.

MatbussenMatbussen von innen

Szenenwechsel: Es ist Samstag vormittag. Es ist grau, aber der Regen hat aufgehört. Wir machen einen Spaziergang mit unserer Gastgeberin. Fünfzig Meter die Straße hoch und man ist im Wald. Der wächst allerdings an einem Hang, der nach oben hin immer steiler wird, bis blanker Fels beinahe senkrecht ansteigt. Die Schneeschmelze ist noch im vollen Gang, überall gluckert und plätschert es und große wie kleine Bäche bahnen sich ihren Weg durch den Hang und bilden überall Wasserfälle. Irgendwann wird der Weg so nass, dass meine stiefellosen Mitwanderer nicht mehr weiterkommen und wir umkehren.

Holzsteg auf dem HinwegAltes Eis am Bach auf dem Rückweg

Das passt aber ohnehin ganz gut, denn wir wollen ja in die Stadt zu den Feierlichkeiten des 17. Mai. Nach einer Pause machen wir uns auf den Weg in die Stadt. Dort haben aber nicht nur in der Fußgängerzone gestanden, sondern auch einen Gang ans Ufer des Ranfjorden gemacht.

Blick auf den Fjord und den „Havmannen“Bunte Holzhäuser in Mo i Rana

Wir schaffen es gerade noch, trocken nach Hause zu kommen, dann geht der Regen los. Welch ein Glück, dass wir die ganze Feier trocken und teilweise sogar sonnig erleben durften. Das ist alles andere als selbstverständlich in den oft ziemlich verregneten norwegischen Fjord- und Küstenstädten. Aber Regen kann auch sehr gemütlich sein, wenn man drinnen im Warmen sitzt, nett bekocht wird und nicht mehr raus muss.

Regenwetter

Gegen neun hört der Regen auf und ich mache mich doch noch einmal auf den Weg nach dreußen, um Wasserfälle zu fotografieren. Das richtige „Hammermotiv“ finde ich den Abend nicht, aber Spaß macht es trotzdem.

Wasserfall in drei Blickwinkeln – IWasserfall in drei Blickwinkeln – III

Wasserfall in drei Blickwinkeln – II

Neben anderen kleinen Wasserläufen habe ich noch einmal die Stadt fotografiert.

Kleiner Wasserfall und altes EisMo i Rana um 23:00

Szenenwechsel: Es ist Sonntag, gegen neun und wir haben uns gerade auf den Rückweg gemacht. Auf dem Kahlfjäll muss ich diese schönen Hütten fotografieren. Ich möchte selbst keine Hütte besitzen, da ich finde, dass sie einen zu sehr bindet, aber es gibt schon sehr schöne Lagen, vor allem in Fjäll.

Hütten am See

Wenig später rufe ich: „Weiße Rentiere!“ und Elisabet bremst und setzt sofort zurück. Die Rentiere sind weit weg und ich habe sie nur gesehen, weil zwei auf dem braunen Gras liegen und nicht auf dem Schnee. Ich steige aus und möchte ein bisschen näher kommen, aber sofort stehen die Rentiere auf und traben weg.

Weiße Rentiere bringen Glück, sagen die Samen – so erzählt mir Elisabet. Nur kurze Zeit später sehen wir wieder zwei weiße Rentiere. Dann wieder einige, zwei davon weiß. Wir sind mitten in einer Nordlands-Safari. Viele Rentiere, ein Elch (wieder zu schnell für mich und meine Kamera) und auch ein Auerhuhn lassen sich blicken. Elisabet erzählt, dass es auch Albinos unter den Rentieren gibt und dass deren Horn rosa ist. Kurze Zeit später stehen wieder zehn Rentiere an der Straße und es ist tatsächlich ein Albino dabei. Im Gegensatz zu den anderen eher scheuen Gesellen lässt es sich ruhig fotografieren.

Weiße Rentiere auf dem Fjäll (Ausschnittsvergrößerung)Auerhuhn (Ausschnittsvergrößerung)

Ein zutrauliches Albino-Rentier

Gegen zwei sind wir in Lycksele, wo Elisabet ihr Auto gelassen hat. Sie fährt weiter nach Umeå und ich nach Skelleftehamn. Und das ganz in Ruhe und mit vielen kleinen Pausen, denn es ist der erste warme Tag des Jahres: Über 20 °C! Als ich im T-Shirt ein Stück am Vindelälven entlanggehe, kann ich mir kaum vorstellen, dass ich morgens noch in Mo i Rana war und dann an zugefrorenen Seen vorbeigefahren bin, auf dem einen saß sogar noch ein Eisfischer. Die Zeitmaschine spult also wieder auf Frühling vor. Schön!

Am Vindelälven

Noch bis Boliden (50 km von zu Hause) sehe ich immer wieder Rentiere. Die letzten fünfzehn Kilometer sinken die Temperaturen kräftig: Von +21 °C auf +11 °C. Denn der Wind weht vom Meer und das ist noch richtig kalt. Aber die Birken öffnen ihre maigrünen Blätterknopsen und das ist so schön, dass mir die Temperaturen eigentlich völlig egal sind.

Vielen Dank, Elisabet, für eine schöne Kurzreise. Vielen Dank, O und M, für Eure herzliche Gastfreundschaft!

Frühlingsfarben

Warme 20 °C und Sonne satt – das mögen die Birken, die ihre Blätter um die Wette sprießen lassen. Und ich mag das auch. Sowohl das barfuß und im T-Shirt am Fluss Mittagspause machen, als auch die herrlichen Farben, die die sinkende Abendsonne auf Birkenstamm und -blätter zaubert.

„Frühlingsfarben“„Durchlicht“„Sonnenlücke“„Leuchtkraft“

Was für ein Kontrast zu den eisbedeckten Seen, an denen ich noch am Wochenende bei der kurzen Norwegenreise vorbeifuhr.

Nachtrag

Auf Facebook schrieb eine Schwedin, ich könne genauso gut gleich auf „Sommer“ aktualisieren und schickte einen Link zur Jahreszeitenkarte des smhi. Vorgestern, am 20. Mai war Skellefteå auf der Karte rot eingefärbt und das bedeutet „Sommar sedan minst 5 dygn, enligt meteorologisk definition (Dygnsmedeltemperatur över 10°C 5 dygn i följd)“ – Sommer seit mindestens 5 ganzen Tagen, laut meteorologischer Definition (Tagesmitteltemperatur über 10 °C 5 Tage in Reihe).

Expats and Friends

Als ich vor ein paar Wochen zur Facebook-Gruppe „Expats & friends, Skelleftea living“ eingeladen wurde, musste ich erst einmal nachschauen, was ein „Expat“ eigentlich genau ist. „im Ausland Lebender“ bietet dict.cc als Übersetzung an. Na, das passt ja.

Heute hat die Kommune die Gruppe zu einem Treffen in den Pub „Mc Well“ eingeladen. Etwa fünfzig Leute waren da und ich habe mit Menschen aus Frankreich, Südafrika, England, Zimbabwe, Schweden, China, Indien, Brasilien und Finnland gesprochen. Bestimmt habe ich noch das eine oder andere Land vergessen. Manche wohnen hier erst seit drei Wochen, manche seit über vierzig Jahren. Einen Teil der „Expats & friends“ kannte ich schon – manche sind Freunde – aber die meisten noch nicht.

Vielen Dank an die Kommune, die eingeladen hat. Es ist immer schön, nette Menschen – bekannt oder unbekannt – zu treffen. Schade nur, dass das Ganze drinnen in einem recht heißen und stickigen Raum stattfand, während draußen Sommerwetter mit 25 °C und blauem Himmel herrschte.

Auch die nächsten Tage soll es sehr warm werden (bis 28 °C!), aber ich werde nicht so viel davon haben, denn morgen nach der Arbeit spiele ich als Pianist einen No-Budget-Job in Jörn (meine Bezahlung ist ideell: neue Musiker kennenlernen) und am Samstag ist die Probe für das Frühjahrskonzert unseres Kammerchors am Sonntag.

Moment, da habe ich nicht richtig nachgedacht. Die Samstagsprobe geht ja nur bis 16 Uhr. Danach bleibt ja noch ausgiebig Zeit für eine Runde mit dem Kajak. Wann auch immer, denn dunkel wird es ja ohnehin frühestens wieder im August.

Sieben Kurzartikel

Heute kann ich mich nicht entscheiden,worüber ich schreiben soll, also schreibe ich über siebenerlei Dinge, aber versuche mich, kurz zu halten. Mal schauen, ob’s klappt …

Über das deutsche Brot

Diese Woche habe ich Brot gekauft. Bei Lidl. Deutsches Brot. Seitdem esse ich drei Mal täglich Brot mit Käse und bin einfach begeistert. So lecker und so ungleich dem labbrig-süßem Schwedenbrotersatz! Mit nationalen Identitäten habe ich es ja nicht so, aber wenn ich etwas mit Deutschland verbinde, dann sind es die unzähligen Varianten von gutem Brot. Sollte ich einmal ein heroisches Nationallied für die Deutschen dichten müssen, so käme vermutliches in etwa folgendes heraus.

Oh, tu Teutscher von teutschen Lanten,
Tu bist wie Brot – ganz ohne Scherz!
Tie Kruste hart bis hin zum Kanten,
doch innen frisch und sanft Dein Herz.

Über Flugreisen

Aber wenden wir uns von schlechten Dichtungen aus deutschen Landen ab und Italien zu. Da hätte ich ein paar Wochen sein können. Und da wäre ich auch gerne hingereist, denn Freunde aus München haben dort ein Haus gemietet und nette Menschen eingeladen. Doch eine Flugreise nach New York scheint leichter, schneller und günstiger als eine Reise von Skellefteå nach Florenz zu sein. Unter zwei Mal umsteigen geht ohnehin gar nichts. Dann darf ich mir aussuchen, ob ich in 35 Minuten umsteigen möchte (wie denn?) oder doch lieber 29 Stunden unterwegs sein. Als Alternative darf ich auch gerne 750 Euro zahlen und mehr, dann werden die Verbindungen ein klein wenig besser. Und die meisten Rückflüge starten vor dem Aufstehen, also müsste ich noch eine Hotelnacht in Florenz buchen.

Es ist sehr schade, dass man in Skellefteå so weit weg von Zentraleuropa ist und viele Verbindungen sehr umständlich, zeitaufwändig und teuer sind. Ich habe die Italienreise wieder abgesagt. Doof das, sehr doof!

Über einen Auftritt in Jörn

Nah hingegen ist das schwedische Inland. Jörn beispielsweise (ca. 800 Einwohner) ist nur eine Autostunde entfernt. Dort war ich gestern Abend und habe Musik gemacht. Ein Tenor aus dem Kammerchor hat mich gefragt, ob ich Lust hätte, mit ihm (plus Bass und Schlagzeug) dort zu spielen. Normalerweise nehme ich als Pianist keine unbezahlten Jobs an, aber hier habe ich eine Ausnahme gemacht. Wir haben in einem kleinen Zelt gespielt und obwohl der Auftritt nicht gerade ein musikalisches Glanzlicht darstellte, hat es doch Spaß gemacht, für das kleine Publikum, welches dieses Konzert wirklich zu schätzen wusste, zu spielen. Und bei „Fever“ bemühten sich auch alle redlich, auf zwei und vier zu klatschen, wie es sich gehört. Eine lange Pause gab es, in der Hamburger verkauft wurden, so kam ich auch noch zu meiner Gage: Einen Hamburger für 30 Kronen ;-).

Rudi Kreuzkamm […] hatte behauptet, der Nichtraucher spiele abends, bis in die Nacht hinein, in der Vorstadtkneipe „Zum letzten Knochen“ Klavier, und er kriege eine Mark fünfzig Pfennig dafür und ein warmes Abendbrot.

Erich Kästner: Das fliegende Klassenzimmer

Ich sollte dazu sagen, dass ich freiwillig auf jegliche Gage verzichtet habe, weil die anderen auch keine bekommen haben und ich es doof fand, als „special guest“ behandelt zu werden.

Über das leere Inland

In den anderen Pausen bin ich ein bisschen durch Jörn gelaufen. Ich beneide das kleine Städtchen um seinen Bahnhof! 21:33: Umeå Stockholm, 4:25 Luleå Boden Narvik steht an der digitalen Anzeigetafel, die so gar nicht zu dem schönen alten Bahnhofsgebäude passt. Stell Dir vor, Du wohnst in einem Kaff und kannst, ohne umzusteigen, nach Berlin, in die Alpen und an die Nordsee fahren. So ein Bahnhof ist das. Wie gesagt, beneidenswert!

Weniger beneidenswert ist der Ort an sich – so viele Häuser stehen leer. In manchen hängt ein Schild „Zu verkaufen“, bei manchen sind die Fenster mit Brettern vernagelt und einige rotten einfach vor sich hin. Wie muss das sein, in einem halbleeren Ort zu wohnen und zu ahnen, dass vielleicht nie wieder alle Häuser mit Leben gefüllt sein werden. Denn Arbeit im Inland zu finden ist schwer und die aktuelle schwedische Regierung tut auch nicht gerade viel dafür, um das schwedische Inland am Leben zu erhalten. Schulen werden geschlossen, Krankenstationen verschwinden, Straßenbeleuchtungen werden abgeschaltet. Eine der weniger schönen Facetten Schwedens.

Über die Russenwärme

Bald sitze ich wieder am Digitalpiano im Zelt. Schwitze und trinke Wasser. Denn es ist richtig warm. 27 °C! In Skellefteå waren es schon morgens über zwanzig Grad und mittags haben ein Kollege und ich barfuß am Fluss gesessen und Mittagspause gemacht, während die ersten Sommerschwimmer den immer noch eiskalten Fluss entlang schwammen.

Um zehn Uhr ist unser Konzert in Jörn vorbei und wir fahren wieder zurück in die Stadt und ich nach Hause weiter. Als ich um zehn nach elf in Skelleftehamn ankomme, zeigt das Thermometer immer noch 20 °C an. Solche warmen Tage werden hier „Ryssvärme“ – Russenwärme genannt, weil wir diese Wärme meist dem kontinental geprägtem russischen Klima zu verdanken haben. Im Winter gibt es dann das Gegenstück: „Rysskylan“.

Über das gegen den Wind segeln

Jetzt ist es schon um einiges kühler und morgen wird jede Menge Regen bei Temperaturen von unter 10 °C erwartet. Damit fällt meine vormittägliche Paddeltour wohl aus, aber ich bin gar nicht so böse, denn morgen Abend haben wir unser Frühjahrskonzert mit dem Kammerchor und wenn das Wetter zu schön ist, dann kommt ja keiner.

Wir haben ein gemischtes Programm mit einigen sehr jazzigen Stücken (unter anderem „Waltz for Debby“), da wir zwei Solisten mit dabei haben: Den Jazzpianisten Mathias Algotsson und die Jazzsängerin Margareta Bengtson. Margareta Bengtson ist übrigens ein winzig-kleines Puzzleteil in meiner Schwedengeschichte und das kommt so:

In Essen habe ich damals ein Duo gehabt. Eine Sängerin und ich am Klavier: Die Sängerin hatte Bezug zu Schweden und kam mit einigen schwedischen Volksliedern an: „Kristallen den fina“, „Uti vår hage“ und „Vem kan segla förutan vind“ (Wer kann gegen den Wind segeln). Von dem letzten Lied gibt es eine Einspielung mit dem schwedischen A-Capella-Quintett „The Real Group“ zusammen mit Toots Thielemans. Eine unfassbar schöne Aufnahme, fand ich schon damals und ich habe direkt meine Liebe für die schwedischen Volkslieder, die so viel anmutiger ankamen als so manches deutsche Volkslied, entdeckt. Das war – neben Pippi Langstrumpf aus Kinderzeiten – einer meiner ersten Anknüpfungspunkte mit Schweden. Und bei genau dieser Aufnahme sang Margareta Bengtson Sopran. Es ist wirklich eine tolle Erfahrung, sie jetzt persönlich kennenzulernen – wieder schließt sich ein kleiner Kreis.

Über das Rasenmähen

Natürlich hoffe ich, dass morgen viele Zuhörer kommen und deswegen freue ich mich ja auch über den Regen, der diese Nacht losgehen soll. Davor musste ich aber noch etwas erledigen: Das Rasen mähen! Als ich den Rasenmäher betankt und gestartet habe, war das gleichsam entrüstete wie lustlose Röhren des Benzinmotors selbst durch meinen Gehörschutz deutlich zu hören. Ich glaube fast, mein Rasenmäher mag das Rasen mähen nicht sonderlich. Nun, da haben wir etwas gemeinsam. Ich finde es auch nur mäßig inspirierend, den Mäher über eine lang Stunde kreuz und quer durch den Garten zu schieben. Dass das Ganze so lange dauerte, war meine Schuld: Wieder war ich zu spät dran mit dem ersten Frühjahrsmähen und im sonnigen Vorgarten war das Gras schon bis zu dreißig Zentimeter lang. Da kommt man oft nur zentimeterweise vorwärts. Doch bald war der Rasen gemäht, eine große Schubkarre Gras in den Wald gefahren und wenn es eine Medaille für das späteste Rasenmähen in Skelleftehamn gäbe, so dürfte ich sie mir wohl zum vierten Mal in Folge abholen.


Das waren sieben Kurzartikel. Mit dem kurz halten hat es nicht so recht geklappt, es ist halt leichter, mittellange als kurze prägnante Texte zu schreiben.

Zwei Mal Wahl

„Soll die Kommune Skellefteå die Zentrumsbrücke bauen?“Ich komme gerade von „Rotan“ wieder, dem heutigen Wahllokal. Zwei Wahlen fanden heute statt: Zum einen die Europawahl, zum anderen die kommunale Wahl, ob die neue Zentrumsbrücke gebaut werden soll. Ratet mal, welches Thema hier in den letzten Wochen komplett ignoriert und welches erhitzt diskutiert wurde.

Interessant an den schwedischen Wahlen: Man kann geheim wählen, man muss es aber nicht wirklich, denn es gibt Zettel, auf den die Partei (mit ihren Kandidaten, für die die Personen wählen wollen) schon draufsteht und genauso gab es Wahlzettel zum Thema Zentrumsbrücke, auf denen schon JA oder NEJ draufstand. Vor vier Jahren fand ich das noch seltsam, inzwischen finde ich das praktisch.

Nachgedanken

Was war das für ein schönes Frühjahrskonzert: Wir im Chor haben eigentlich ziemlich gut gesungen und es war toll, mit Margareta Bengtson, die 22 Jahre bei der Real Group gesungen hat und dem phantastischen Jazzpianisten Mathias Algotsson Musik machen zu dürfen. Doch mein größtes Vergnügen war es, den beiden bei ihren unglaublich schönen, geschmack- und phantasievollen Duoimprovisationen zuhören zu dürfen. Und doch …

Als ich im Auto durch den prasselnden Regen nach Hause fuhr, war ich ein bisschen melancholisch. Mathias Algotsson hat 1992-96 an der Musikhochschule in Stockholm studiert. Ich habe 1992-96 an der Folkwanghochschule in Essen Musik studiert. Er ist ein wirklich guter Jazzpianist, besser als ich es jemals war. Und ich frage mich, ob ich dieses Niveau hätte erreichen können. Eine Stimme in mir sagt, ja, das hätte ich geschafft. Doch mein musikalisches Potential und die musikalische Begabung habe ich nie wirklich ausgeschöpft, dazu war ich oft zu zweifelnd und manchmal auch zu faul. Vor allem gibt es so viele andere Dinge, die mich nicht nur interessieren, sondern auch erfüllen. Und die skandinavische Natur ist ein großer Teil davon. Sie vermittelt mir Ruhe und Stille und gibt mir gleichzeitig Kraft und Energie. Hätte ich mich auf mein Jazzpianisten-Dasein fokussiert, wäre ich vermutlich nie in Skandinavien gelandet und definitiv nie, nie in den Norden gezogen. Das würde mir fehlen. Und doch …

Sie fehlt mir, die Musik. Ich beginne, meine Musikervergangenheit zu verklären und zu idealisieren und die doofen Hintergrundsjobs zum Chefetagen-Smalltalk, die desinteressierten Klavierschüler und die eher angespannte finanzielle Lage zu verdrängen. Nein, es war selten erfüllend, als Jazzmusiker zu arbeiten, auch wenn das immer so toll „hip“ klang, wenn man nach dem Beruf gefragt wurde. Es gab schließlich gute Gründe, warum ich den Beruf gewechselt habe und ich kann mir nicht vorstellen, jemals wieder ein Hundert-Prozent-Vollzeitmusiker zu sein. Und doch …

Ich möchte, ich will, nein, ich glaube sogar, ich muss wieder einen Weg zur Musik finden. Meinen Weg zu meiner Musik. Und ich glaube, es ist jetzt dran. Denn die Sehnsucht nach musikalischer Kreativität hat schon ein paar Mal laut an die Tür geklopft. Heute habe ich die Tür einen Spalt aufgemacht und sie hat einen Fuss dazwischen gestellt. So eine Tür lässt sich nur mit Gewalt wieder schließen.

Vor zwei Monaten habe ich gedacht: „Ich lebe im schönen Nordschweden, habe Freunde, Job und Haus mit Flügel. Alles läuft, alles ist gut. ——— (mittellange Pause) ——— Und jetzt? Was kommt jetzt? Wo geht jetzt die Reise hin?“

Vielleicht habe ich heute mein nächstes Puzzleteil für mein Leben gefunden.

Stille Reise durch die helle Nacht

Habe ich das selbst erlebt? Heute kommt es mir so unwirklich vor, wie geträumt. Doch die Bilder meiner Kamera zeigen mir, es war wirklich. Denn Träume kann man nicht fotografieren, oder?

Heute ist Feiertag. Ausschlaftag. Das hatte ich auch nötig, denn gestern habe ich nach der Arbeit eine Paddeltour gemacht. Abends um acht setze ich mein Kajak ins Wasser und paddele los. Schnell sehe ich, was ich schon wusste: Wir haben extrem niedrigen Wasserstand, schon seit Tagen, und überall schauen Steine und Kiesbänke hervor, wo sonst nur Wasser zu sehen ist. Schnell bin ich auf dem Kallhölmsfjärden, wo gerade die Baus, der kleine Eisbrecher am Hafen anlegt. Ich fahre durch den „Kejsar Ludvigs kanal“, wo ich zwar einige Seeschwalben aufscheuche, doch sie fliegen nur auf und fliegen keine Scheinangriffe auf mich. Vermutlich haben sie noch keine Eier gelegt. Fährt man den Kanal entlang, so hat man links und rechts Hafen und Industrie mit jeder Menge „Zugang verboten“-Schilder. Ist man aber erst unter den Brücken hindurchgepaddelt, öffnet sich die weite Ostseebucht „Sörfjärden“ und man erblickt nur noch Natur, gespickt mit ein paar Häusern hier und da.

Auf dem „Kejsar Ludvigs kanal“Auf dem Sörfjärden

Ich halte mich in Richtung Südwesten, denn ich möchte südlich der Insel Örviken entlangpaddeln. Die erste sichtbare Landmarke ist die alte, verfallene Seebrücke vor der Insel. Links hinter mir liegen die Inseln Kalkgrundet, Örgrunden und Prästhallan. Die roten Sommerhäuser leuchten in der Abendsonne.

Die alte Seebrücke vor ÖrvikenKalkgrundet, Örgrunden und Prästhallan

Ich paddele weiter. Rechts liegt die kleine Ortschaft Örviken und die bunten Häuser spiegeln sich im glatten Wasser. Links sehe ich den Sundgrundsleden, die Straße zur Europastraße E4. Geradeaus sehe ich nicht viel, denn selbst mit dunkler Sonnenbrille blendet die sich im Wasser spiegelnde Sonne ziemlich.

ÖrvikenSüdlich von Örviken

Zwei Brücken führen über die Bucht und ich entscheide mich für den kleinen Tunnel geradeaus, um auf die andere Seite zu kommen. Nun entdecke ich Neuland, denn hier war ich bisher weder mit dem Kajak noch zu Fuss. Die Karte verrät mir, dass ich gut drei Kilometer geradeaus paddeln muss, um dann nordwärts in den Norra Innerviksfjärden abzubiegen. Rechts hat sich das Wasser weit zurückgezogen und zeigt weite Sand- und Schlickflächen, teilweise von Schilf bewachsen. Vor mir sind viele, runde Grasinseln, die aus dem Wasser schauen.

Unter dem SundgrundsledenGrasinseln im Feuchtgebiet

Gerne würde ich an Land gehen, um dort das halb verrottete Holzschiff zu fotografieren, doch der Boden ist so schlammig, dass ich lieber weiter paddele. Ich klappe mein Steuerruder hoch, denn zum einen ist das Wasser so flach, dass das Ruder aufsetzt, zum anderen sind manche Teile dicht mit Wasserpflanzen bewachsen. Die Sonne beginnt, unterzugehen und taucht die schöne Landschaft in warmes Dämmerungslicht. Alte Schilfstengel spiegeln sich auf der glatten Wasseroberfläche und scheinen geheimnisvolle Schriften aufs Wasser zu zaubern.

UnterwasserdschungelGeheimnisvolle Schilfschrift

Ein Stück noch und ich bin am Eingang zum Norra Innerviksfjärden, gerade noch rechtzeitig, um die pinkrote Sonnenscheibe hinter den fernen Bäumen untergehen zu sehen.

Sonnenuntergang über dem Norra Innerviksfjärden

Die Vögel finden es mäßig lustig, dass ich hier mitten in der Nacht auftauche. Große Möwenschwärme stieben vom Boden auf, Enten und Gänsesäger machen sich von dannen und auch die zwei Kraniche flüchten, lange bevor ich in deren Nähe bin. Die Echos ihrer lauten Rufe hallen noch Sekunden nach. Ich biege in die Bucht ein und vor mir breitet sich eine wunderbare Landschaft aus. Über dem von kleinen Inseln durchsetzten Wasser steigt weißer Nebel auf und alle Sonnenuntergangsfarben spiegeln sich auf der ruhigen Wasseroberfläche. Ich habe ein wenig schlechtes Gewissen den Vögeln gegenüber, für sie bin ich nur ein überflüssiger Störenfried, doch so schön ist es, hier durch die warmen Farben zu paddeln, so schön.

Abenddämmerung über dem Norra Innerviksfjärden

Aufgescheuchte Vögel – schade, ich tue Euch doch nichts

Ein bisschen Sorgen macht mir der Wasserstand. Das Wasser wird immer flacher und immer häufiger versinkt das Blatt des Paddels im Schlick. Vor mir sehe ich mehr und mehr Untiefen und Schlickbänke. Wo es am Besten weitergeht, kann ich nicht sehen, weder auf der Karte noch in natura, denn im Kajak sitzt man ja tief. Also vorwärts.

Irgendwann ist es soweit. Ich stecke fest. Zwei Möglichkeiten habe ich: Entweder rückwärts aus dem Schlick herausstaken oder weiter, wie auch immer. Ich entscheide mich für die Weiterfahrt, denn den halben Tag habe ich schon die Rundtour geplant und will mich durch Kleinkrams wie niedriges Wasser nicht aufhalten lassen. Also steige ich aus und versinke wie schon geahnt im Schlick, aber nicht sehr tief. Die Bandschlinge, an der ich sonst die Kamera sichere, binde ich am Bug fest und kann so das Kajak recht bequem durch Flachwasser und über Schlickbänke bugsieren. Manchmal ist der Schlick knietief, manchmal recht gut begehbar. Die nächste Zeit bin ich damit beschäftigt, aus- und einzusteigen. Mal paddele oder stake ich durch das flache Wasser, manchmal ziehe ich mein Kajak hinter mir hier. Anfangs versuchte ich noch, mich notdürftig zu säubern, ehe ich wieder ins Boot steige, doch das ist aussichtslos, wenn das zweite Bein noch knietief im Matsch steckt. Irgendwann ist das alles egal, der Trockenanzug hält eh dicht und bald sehen Kajak und ich aus wie Sau.

Der Himmel ist inzwischen graublau und die Landschaft wirkt seltsam unwirklich und farblos in dem neblig-diffusen Licht. Ich bin froh, irgendwann rechts ein paar Häuser im Nebel auftauchen zu sehen, ein Zeichen mehr, dass ich richtig bin. Und irgendwann bin ich auch am Ende der Bucht. Vor mir sehe ich nur Schlammflächen, sonst nichts. Wo, bitte schön, soll denn da der Kanal sein, der mich wieder zum Fluss Skellefteälven bringen soll. Ist der überhaupt befahrbar? Oder nur ein Rinnsal zwischen Fels und Stein. Komme ich da weiter? Es hilft nur eins: Ausprobieren! Ein hoffentlich letztes Mal steige ich aus dem Kajak und versinke mit dem linken Bein so tief im Schlamm, dass ich fast aus meinem Gefährt herausfalle. Hier ist der Schlamm quasi bodenlos und bis zum Bauch stecke ich im Schlick. Ich stütze mich auf das Kajak, um nicht noch tiefer einzusinken. Hier zu Fuß zu gehen brauche ich erst gar nicht zu versuchen, aber das rettende Ufer scheint so nah. Was tun? Ausprobieren! Letztendlich laufe ich dann auf Knien weiter, wobei ich mich abwechseln auf das Kajak stütze, um nicht zu tief einzusinken und dann wieder das Kajak zwei Meter weiter nach vorne schiebe. Doch bald bin ich aus dem Gröbsten raus und auf der großen Schlickbank wird zum Glück der Boden bald so fest, dass ich einfach wieder laufen kann. Ich stehe und ruhe mich aus. Mein Puls ist irgendwo bei 180. Einatmen, ausatmen. Einatmen, ausatmen.

Bis zum Bauch im SchlammEndlich an Land

Bald habe ich den Kanal gefunden und auch eine Stelle, wo ich das Kajak ins Wasser und mich ins Kajak setzen kann. Erst ist das Wasser noch flach, doch bald kann ich entspannt den zehn Meter breiten Kanal entlang paddeln. Mitternacht dürfte inzwischen vorbei sein und ich merke, dass ich müde werde. Vor mir schwimmt etwas, doch was? Ein runder Kopf, ein Hintern, ist das etwa ein Biber? Ja, tatsächlich, in dem Kanal tummeln sich mehrere Biber, die von Ufer zu Ufer schwimmen. Toll, ich habe noch nie Biber gesehen, und dann jetzt vom Kajak aus! Ich gleite langsam voran und habe bald zwei Biber vor mir her schwimmen. Sie lassen mich erstaunlich nahe kommen, ehe sie mit einem lauten Platsch ihres breiten Schwanzes abtauchen. Einmal platscht es direkt neben meinem Boot, da hat wohl ein Biber gerade auftauchen wollen und mich gesehen. Ich frage mich, wer sich wohl mehr erschreckt hat? Ich könnte noch lange den Bibern zuschauen, doch ich beginne zu frieren und paddele bald weiter. Bei den Biberfotos kam die kleine wasserdichte Nikon an ihre Grenzen, aber eine nette Erinnerung sind die Fotos dennoch.

Biber voraus!

Biber SteuerbordPlatsch und weg ist der Biber!

Ich paddele den sich windenden Kanal entlang. Eine schöne Abwechslung für mich, der sonst immer nur auf der Ostsee unterwegs ist. Bald sehe ich ein Boot, die ersten Häuser, Zivilisation. Aber auch einen großen Igel, der gerade im Gesträuch verschwindet. Der Kanal mündet bei „Stackgrönnan“ in den Fluss Skellefteälven. Das ist wieder eine kleine neue Welt meiner heutigen Paddeltour, diesen breiten Fluss entlang zu gleiten. Von mir aus könnte die Strömung gerne ein bisschen schneller sein, das meiste muss ich doch selbst paddeln und inzwischen bin ich müde und auch ein bisschen fertig von der nicht ganz planmäßig verlaufenden Tour. Kurz vor dem Bootsmuseum lege ich an, steige einmal ins tiefe Wasser, um mich notdürftig ein bisschen zu säubern und wechsele dann mein nass geschwitztes Unterhemd gegen ein trockenes T-Shirt und ein warmes Fleece. Eine Wohltat! Wie gut, dass ich immer meine eher warmen Wechselklamotten im Kajak spazieren fahre, jetzt habe ich sie wirklich einmal brauchen können.

Auf dem SkellefteälvenUmziehpause bei Stackgrönnan

Bald sitze ich wieder im Kajak, um ein Fleece wärmer und eine Banane satter. Auch der Skellefteälven führt wenig Wasser und ich sehe mitten im Fluss Steinhaufen, wo sonst nur Wasser zu sehen ist. Der Himmel färbt sich wieder, denn es ist inzwischen nach eins. Um halb drei wird die Sonne aufgehen. Doch ich mache weniger Photos, nicht nur weil das Objektiv in der feuchtkalten Luft dauern beschlägt, sondern auch, weil ich müde bin. Was freue ich mich auf eine warme Dusche. Weiter geht es den Fluss hinab und bald ist die große Brücke in Sicht. Von da aus ist es dann nicht mehr so weit.

Morgendämmerung über dem Fluss

Felsbänke im niedrigen SkellefteälvenDie Brücke in Sicht: Endspurt

Eine letzte Untiefe, ein letztes AussteigenMeine Gedanken? Das weiß ich nicht mehr. Ich döse vor mich hin. Auto hätte ich nicht mehr fahren können. Ich mache inzwischen mehr Pausen, meine Hände sind nass und aufgeweicht, die rechte Schulter tut weh und die Kondition hat sich schon schlafen gelegt. Doch irgendwann bin ich unter der Brücke durch, am Schiff M/S Stormvind vorbei, am Bootshafen vorbei in der Bucht Kurjoviken. Nur vor dem Tunnel muss ich ein letztes Mal aussteigen, um das Kajak über den fast wasserfreien Grund zu tragen. Noch ein letztes Stück und der Ehrgeiz packt mich. Mit allem, was die restliche Kondition hergibt, paddele ich über den Kallholmsfjärden zurück. Rechts liegt die Baus. Habe ich den Eisbrecher wirklich heute anlegen gesehen, ach nein, das war ja gestern, vor sechs Stunden. Um viertel nach zwei lege ich wieder an, schnalle mein Kajak auf den kleinen zweirädrigen Bootswagen und laufe, so wie ich bin, nach Hause. In den Neoprenstiefeln schwappt das Wasser, der Trockenanzug strotzt vor Dreck, egal – um diese Zeit sieht mich eh keiner.

Zu Hause dusche ich gleich zwei Mal. Einmal mit Anzug, damit der wieder sauber wird, dann ich. Als ich mich ins Bett lege, ist es schon wieder taghell.

War das eine verrückte Idee, so eine Tour zu machen? Ich habe keine Ahnung, vielleicht war es eine. Aber die vielen Erlebnisse – komprimiert in unter sieben Stunden Tour – möchte ich nicht missen. Verrückte Ideen sind manchmal auch gute Ideen.