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Nordwärts

Vom Leben in Skelleftehamn

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In Deutschland – I

Das Erste, was mir nach der Landung in Düsseldorf auffiel: Alle sprechen deutsch. Das ist nicht wirklich verwunderlich. Was ich aber wirklich vergessen hatte, ist dass man sich siezt. Das war mir völlig entfallen. „Frau Soundso, könnten Sie bitte …“. Das nächste: Eine Etage eines Parkhauses am Flughafen: Da könnten wahrscheinlich ganze schwedische Kommunen bequem drin wohnen, so riesig ist die Fläche. Und natürlich voll mit Autos, Autos, Autos.

Apopros Sprache: Kurz nach dem Ankommen habe ich eine schwedische E-Mail gelesen und dazu zu Stefan, dem Bassisten, etwas gesagt. Drei Sätze und seinen irritierten Blick hat es gebraucht, bis ich gemerkt habe, dass ich Schwedisch spreche. Das ist mir vorher auch noch nie passiert.

Das erste Konzert in Recklinghausen war im Trio mit Sheila Jordan, Stefan Werni und mir. Die Recklinghauser Altstadtschmiede war rappeldickevoll und Sheila hat es wieder einmal phantastisch verstanden, alle Zuhörer von der ersten Note an in ihren Bann zu ziehen. Ein bisschen weniger erfreulich fand ich persönlich die Jazzsession danach. So viele Musiker auf der Bühne, die eigentlich wissen, wie man das Instrument spielt und wie Jazz funktioniert, aber völlig aneinander vorbei reden, nicht zuhören und teilweise auch nichts zu sagen haben. Manches scheint sich nie zu ändern – schade!

Natürlich weiß ich noch, dass es Autobahnen in NRW gibt. Viele Autobahnen. Und Autos. Und Staus. Viele Staus. Was ich lustigerweise vergessen habe, sind die Verkehrsnachrichten. Und das gespannte Zuhören mit dem entspanntem Zurücklehnen danach, wenn kein Stau auf der eigenen Strecke vorhergesagt wurde.

Unser zweites Konzert war in der Christuskirche in Köln-Dellbrück. Ein schönes Konzert, dieses Mal zusätzlich mit Sabine Kühlich (Gesang) und Klaus Osterloh (Trompete und Flügelhorn), auch wenn die Kirchenakustik mit den sehr seltsamen Delays das Spielen nicht gerade einfach gemacht hat. Statt der Kirche ein Foto von dem kleinen Eckkiosk, an dem wir beim Weg vom Restaurant vorbeigekommen sind.

Nach dem Konzert bin ich mit Freunden nach Hause gefahren und wir haben den ganzen Sonntag miteinander verbracht. Die Tour ist natürlich eine tolle Gelegenheit, Freunde wiederzutreffen. Was es mir angetan hat, war der deutsche Laubwald. Nicht nur, dass bei uns im Norden schon alles kahl ist und hier die Herbstfärbung erst beginnt, sondern vor allem die Größe, die Höhe, die Mächtigkeit der Buchen und Eichen hat mich beeindruckt. Kein Vergleich zu unseren dürren Birken, die vermutlich nicht halb so hoch wachsen.

Ein Gegensatz dazu bildeten die vielen Kohlekraftwerke, die mit ihren weißen Kühltürmen den Horizont zerschneiden und den klaren blauen Himmel mit großen Wolken füllten, aus denen es sogar ein wenig regnete. Auch imposant vielleicht, aber mir gefallen die Bäume besser.

Wir waren dann in Paffendorf. Dort gibt es ein Schloss, welches dem RWE gehört und welches einen englischen Garten mit sehr vielen alten Bäumen hat. Dort wachsen unter anderem auch Mammutbäume. Im Schloss gibt es eine Ausstellung über Braunkohnenabbau. Ich habe vergessen, wie sehr Ruhrgebiet und Rheinland mit dem Bergbau verbunden sind. Die Ausstellung zeigte unter anderem Zierbriketts, die früher zu besonderen Anlässen hergestellt und gesammelt wurden.

Gestern habe ich in Essen einen herrlichen Tag mit viel Gespräch und wenig Spaziergang (Regen!) mit einem guten Freund und alten Studienkollegen verbracht. Danach bin ich mit öffentlichen Verkehrsmitteln wieder zu Stefan nach Recklinghausen gefahren. Ich war ganz überrascht, dass alles geklappt hat, trotz mehrfachen Umsteigens von Bus in Straßenbahn, in den Regionalzug, in den nächsten Bus. Und das, obwohl der Zug auf Gleis 21 abfuhr. Und wer in Essen lebt und Zug fährt, weiß, wo das ist und nimmt für zwei Tage Proviant mit, um den Weg dorthin zu meistern.


Vermutlich hätte ich keines der Photos in Nordschweden machen können. Außer einem: Einem Konzertfoto. Und das hat Sophie gemacht, denn ich saß ja am Klavier.

Vermutlich habe ich das nordschwedische Wetter mit nach Deutschland mitgenommen. Auch in Recklinghausen hatte es morgens einige Minusgrade und in München hat es sogar Schnee gegeben. Heute wird es wieder wärmer. Hier in Deutschland und bei mir zu Hause in Skelleftehamn.

13 Kommentare für „In Deutschland – I“

Jörg aus Hamburg schreibt:

Moin Olle,

danke für Deinen Bericht „aus der Heimat“. Natur ist überall schön, in ihrer jeweiligen Eigenart. Hier besonders der Buchenwald um die Ecke und die herrliche Platane. Aber doch – jaja, Du wirst Dich noch nach Skelleftehamn zurücksehnen und lieber ins nordländische Knäckebrot beißen und auf Deinem eigenen flygel spielen. Viel Freude noch weiterhin bei Deiner Tournee und den Kontakten!

Peer schreibt:

Hallo Olaf, Euer Auftritt in RE war wirklich schön! Von der Session habe ich ja nur noch einen Teil mitbekommen, weil wir schon gehen mussten. Ich glaube aber, die Sessions in RE haben generell nicht den besten Ruf. :)

Zur deutschen Sprache: nachdem ich 2 Monate in Südamerika war traf es mich wie ein Schlag als ich das erste mal wieder deutsches „Gelaber“ am Flughafen von Bahia gehört habe… damals dachte ich sogar in diesem Moment, „Oh nein!“… Mit zwei oder mehr aktiven Sprachen ist man schon irgendwie in unterschiedlichen Welten unterwegs. Nach einer gewissen Zeit „in“ einer Sprachwelt fängt man an in dieser Sprache zu denken und zu träumen. Erster Eindruck für mich in Deutschland selbst war dann auch die Autobahn. Und die Kälte. Von 35° zu -5°C.

Schöne Grüße,
Peer

Evi schreibt:

Hallo, lieber Olaf,
Schloss Paffendorf? Kohlekraftwerk Niederaußem?
Tja, dann warst Du schon ganz schön nah am Eifelvorland!
Wir sind auch wieder zu Hause und morgen werde ich in Kall anrufen, ob es noch Karten gibt!
Ich freue mich immer wieder über Deine Berichte und Fotos, auch wenn sie ausnahmsweise mal aus Deutschland kommen!
Also, dann vielleicht bis Freitag. Ab wann seid Ihr dann schon dort?
Grüße, Evi

Olaf Schneider schreibt:

@Evi Dann hoffe ich, dass wir uns am Freitag sehen.

/Olaf

eeeva schreibt:

ha hah…välkommen till gänget som pratar „fel“ språk…utan att märka det själv ;)

Sylvia Bolm schreibt:

Auch wer nicht in Essen lebt, kennt Gleis 21. Wenn ich nach Gelsenkirchen fahre, muß ich meist in Essen umsteigen. Da muß man schon recht sportlich sein. Ist es dann noch Samstag und Schalke hat ein Heimspiel, wird das Ganze zu einem phänomenalen Erlebnis.

Sonya schreibt:

Ich mag den folgenden Satzteil deiner Jazz-Session-Beschreibung: „völlig aneinander vorbei reden, nicht zuhören und teilweise auch nichts zu sagen haben“.

Jazz ist Kommunikation. Wenn sie schief geht, hören das mitunter auch Jazz-Laien wie ich.

Olaf Schneider schreibt:

@eeeva: Ja, das passiert, dass man plötzlich die falsche Sprache … oops … ja, det händer att man plötsligt använder fel språket. En gång pratade jag också tyska med min kollega på Hello Future.

Olaf Schneider schreibt:

@Sonya Äh, was hast Du geschrieben? Ich hab’s nicht gelesen, aber ich antworte einfach irgendwas Belangloses. Draußen steht ein Haus. Das hat Fenster.

So sind sie manchmal, die Jazzsessions :-/ Und Du hast recht, man braucht kein musikalisches Wissen, um das zu hören.

Evi schreibt:

Auweia, ich oute mich….meine letzten Jazzkonzerte habe ich im Kölner Gürzenichsaal, wärend meiner Schulzeit mit der Band von Kurt Edelhagen und vielen anderen Solisten(Namen entfallen) erlebt und mit Wonne genossen. Da werde ich am Freitag mit Hingabe lauschen
(und sicher werden meine Füße auch mal im Takt wippen) !
Also Tschüß, bis morgen Abend
Gruß Evi

Sandra schreibt:

Komm doch mal nach Südschweden. Wir haben schöne große Bäume. Und Regen ;-))

Pia schreibt:

Hallo, Olaf,

Gleis 21 gibt es immernoch? ;-)
An der Stelle habe ich laut gelacht!

Wie oft habe ich dort einen Anschlußzug verpaßt, weil mir beim Rennen der gefühlten 27km irgendwann die Luft ausging!!

Es freut mich, daß Du so eine schöne Tour hattest!
Ich wünsche Dir einen guten Start zurück in Nordschweden!

Liebe Grüße von

Pia

P.S. Und das mit der Sprache passiert selbst mir non-resident ständig: sobald ich in Schweden lande, klickt mein Sprachzentrum auf Schwedisch um. Was ich meist erst an den ratlosen Gesichtern von vielen Expats bemerke, die kein Schwedisch sprechen.