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Nordwärts

Vom Leben in Skelleftehamn

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Kiruna – Licht und Schatten

Nach dem die TEDxKiruna vorbei war und ich sicher wieder auf der Erde gelandet war, brauchte ich erst einmal Bewegung. Ich bin in Richtung Stadt gelaufen, habe wie wohl alle Touristen die alte Holzkirche fotografiert und im Zentrum wie wohl alle Touristen auch das Backsteinrathaus mit seinem markanten Turm fotografiert. Auch wenn ich das Stadtbild von Kiruna nicht gerade schön finde, so sah das in der untergehenden Sonne doch hübsch aus.

Eigentlich wollte ich früh ins Bett gehen, aber bei schönem Polarlicht macht man dann doch gerne eine Ausnahme. Und es hat sich gelohnt, auch wenn die Fotos dieses Erlebnis wie immer nur unzulänglich wiedergeben.


Heute, am Tag danach, bin ich nicht aus dem Bett gekommen. Teils, weil ich doch ein bisschen erkältet bin, teils, weil draußen alles grau war, wenn es zum Glück auch nicht geregnet hat. Irgendwann habe ich mich dann aber doch aufgerafft und bin durch die Stadt gebummelt.

Vielleicht ist Kiruna als Bergbaustadt zu neu, um Entstehungslegenden zu haben. Hier ist meine:

Ein einjähriges Kind hat auf hügeligem Gelände einen großen Sack mit Häusern aller Art ausgeschüttet. Sein dreijähriger Bruder hat dann alle Häuser an Ort und Stelle hingestellt. Dann kam die Kommune und hat die Zwischenräume mit Straßennamen bedacht.

Mir erscheint die ganze Stadt als sinnloses Chaos von verschiedenen Häusern, die sich gegenseitig im Wege stehen zu scheinen und nur dann zusammenpassen, wenn sie sich auf den kleinsten gemeinsamen Nenner der modernen Architektur, den Quader reduziert haben. Farbe versucht vergeblich, dem ganzen ein bisschen Alltagsästhetik überzustülpen und die wenigen roten Klischee-Holzhäuser wirken deplaziert und verloren.

Auf der anderen Seite: Das Stadtzentrum Kirunas wird ohnehin bald fünf Kilometer nach Osten verlegt werden, da die Schächte und Stollen, die bei der Eisenerzförderung entstehen, sich dem alten Zentrum immer weiter nähern und die Gefahr von Einbrüchen zu hoch wird. Das muss ein seltsames Gefühl sein, in einer Stadt zu wohnen, die umzieht. Die Bahnlinie wird jetzt schon verlegt.

Ihr merkt, wenn das Wetter doof ist und ich erkältet, dann kommen Städte wie beispielsweise Kiruna nicht sonderlich gut weg bei mir. Was ich hier allerdings verlockend finde, sind die vielen Wegweiser: Nikkaluokta, das am Kebnekaise, dem höchsten Berg Schwedens liegt, ist nicht mehr weit. Abisko, Ausgangspunkt für viele Streckenwanderungen, zum Beispiel auf dem Kungsleden, ebenfalls nicht. Und auch die norwegische Hafenstadt Narvik ist keine 200 Kilometer mehr entfernt.

Und man muss nur ein paar Kilometer aus der Stadt herausfahren und schon hat man den Blick auf weite schneebedeckte Moorflächen und weiße Bergrücken, die zu langen Skitouren einladen. Da die Wettervorhersage aber eher mäßig ist, werde ich vermutlich morgen wieder nach Hause fahren. Denn da ist es auch schön!

P.S.: Ich finde die meisten Städte in Nordskandinavien nicht wirklich schön. Die einzige Ausnahme ist Tromsø, welches mir extrem gut gefällt. Bevor ich nach Skellefteå kam, war ich drauf und dran, mich auf einen Job in Tromsø zu bewerben. Doch während ich noch das Anschreiben formulierte, habe ich den Plan verworfen, denn mein Bauch meinte, dass zwei Monate Polarnacht jedes Jahr vielleicht doch ein bisschen zu lange sind.

9 Kommentare für „Kiruna – Licht und Schatten“

Annika schreibt:

Tromsø finde ich auch wunderschön, allein die Lage, und Kiruna gehört zu den scheußlichsten Städten, die ich kenne—aber ich mag ihren Charme trotzdem ;-) Besonders wunderschön finde ich aber Deine heutigen Polarlichtbilder! Da braucht man die Abisko-Auroracam gar nicht :-)

Olaf Schneider schreibt:

Annika, welches sind denn Deine Favoriten unter der nordskandinavischen Städten?

Annika schreibt:

Wirklich gesehen, also länger als den normalen Hurtigruten-Stopp habe ich Kiruna, Narvik, Tromsø, Gällivare. Abisko ist ja nun wirklich keine Stadt… und gehört Östersund schon nach Nordskandinavien?
Also: Tromsø ganz vorne, schönes Stadtzentrum, aber auch hübsche und friedliche Wohngebiete–und die Berge drumrum sind natürlich spitze! Östersund (falls das zählt) hat mir gefallen (Jamtli ganz besonders :-)). Narvik fand ich als Stadt ziemlich furchtbar, Gällivare auch, aber die Umgebung ist bei beiden halt spitzenklasse–und der Bahnhof von Gällivare hat was ;-) Kiruna hatte für mich einen gewissen morbiden Charme, fast ein bisschen sozialistisch. Für Hochsommer war da echt mal sehr wenig los….
Ich fahre halt zum Wandern da hoch, da sind mir Städte recht egal. Aber leben wollen würde ich wohl in Tromsø, Trondheim auch, Östersund.

Julia Köhler schreibt:

Ich war mal in Orsa am Siljansee. Auch nicht wirklich Nordschweden. Die Gegend ist wunderschön, keine Frage. Aber die Stadt selbst fand ich schon merkwürdig, hat mich etwas böse gesagt, schon ein wenig an eine verlassene Bergarbeiterstadt nach der Grenzöffnung in der DDR erinnert. Alles ein wenig verfallen, das einzige was es gab, war ein Konsum und ein Systembolaget :-)

Auch wenn es mit Logik nicht so ganz nachvollziehbar ist, zieht mich Kiruna irgenwie an. Aber das liegt wahrscheinlich auch an den ganzen Büchern, die ich gelesen habe. In dem Fall ist åsa Larrson schuld. Oder Mikael Niemie, seit dem ich „Populärmusik aus Vittula“ gelesen habe, möchte ich auch unbedingt mal dorthin. Ich habe wohl die etwas seltsame Angelegenheit, meine Urlaubsorte nach Romanen auszusuchen :-)

Östersund fand ich auch schön als Urlaubsort. Allerdings war es erstaunlich, wie schnell so eine Stadt völlig überlaufen ist. Als ich da war, fand ein Kinderfußballtunier statt, an dem auch Teilnehmer aus Trondheim eingeladen waren. Also sind die ganzen Familien mit Wohnwagen, Zelt u.ä.. Das hat teilweise gewirkt, also ob da die Stadt völlig überrandt wird. Aber das sind wohl die ganz anderen Dimensionen der Städte. Wenn in Frankfurt gleichzeitig mehrere Großveranstaltungen, Fußballspiele, Konzerte und Messen stattfinden, merkt man es kaum. Schon interessant irgenwie.

Sylvia Bolm schreibt:

Ich kann mich meinen Vor-schreibern nur anschließen – natürlich ist Kiruna potthäßlich (ist allerdings nix gegen Finnsnes in der Nähe der Insel Senja -Finnsnes ist das allerschlimmste!!) Ich finde diese Städte -( Narvik gehört übrigens auch dazu) strahlen so eine Art Subkultur aus und genau das macht sie dann auch wieder interesseant, denn man beschäftigt sich zwangsläufig mit der Frage: Wie halten die Leute das da überhaupt aus.
Trotzdem: Kiruna und Narvik wecken in mir Erinnerungen, an den besten Urlaub, den wir je gemacht haben und ich würde gerne nochmal hinfahren . Danke für die Fotos!!

Annika schreibt:

Von Finnsnes kenne ich nur die Zufahrt vom Wasser her und die kleine Straße den Berg hoch bis zur Kreuzung. Für mich ist Finnsnes mein persönliches Weihnachtsaufenthaltswunschstädtchen, und eines Tages will ich da feiern!

Olaf Schneider schreibt:

Ich sehe, ich habe noch einige Städte kennenzulernen, ehe ich mir ein eigenes Bild machen kann: Narvik, Östersund, Orsa und Finnsnes kenne ich noch nicht.

Bis dahin bleibt Tromsø mein Favorit, wenn es um Atmosphäre und Stadtbild geht und Trondheim finde ich auch sehr schön. Aber momentan fühle ich mich einfach auf so vielen Ebenen so sauwohl hier, dass ich an einen Ortswechsel nicht denke. Auch wenn Skellefteå selbst nicht gerade zu den schönsten Flecken Nordeuropas gehören mag.

Sylvia Bolm schreibt:

Liebe Annika, das könnte durchaus seinen Charme haben, aber dann vergiß auf keinen Fall, am 1.oder2. Weihnachtsfeiertag auf die Insel Senja zu fahren, die ist nämlich einfach wunderschön und nicht weit entfernt.

Annika schreibt:

Oh ja, Senja wurde ja mal in der Outdoor-Zeitung besprochen, da muss ich mal im Sommer auch hin–aber ich mach ja immer nur Hüttentouren :-/

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