Zum Inhalt

Nordwärts

Vom Leben in Skelleftehamn

Zu den Funktionen

Hej då 2011, välkommen 2012

Ich schreibe nicht groß über das Jahr 2011, denn ich habe hier schon so viel geschrieben. Ich schreibe auch nicht groß über das Jahr 2012, denn über das weiß ich noch so wenig.

Über meine Silvesterfeier mit einigen Freunden und einigen Unbekannten berichte ich hier auch nur am Rande. Denn im Gegensatz zu dem Weihnachtsfest, welches in Schweden vor allem kulinarisch doch ganz anders gefeiert wird als in Deutschland, könnte das Silvesterfest in dieser Form auch genau so gut in einem kleinen deutschen Ort stattgefunden haben: Man sitzt zusammen, isst mehrere Gänge leckeres Essen, trinkt Sekt und anderes – gerne alkoholisch. Vor einem stehen Tuten, in die man mal herein tutet (dann macht es „Tuut“) und es dann wieder lässt und kurz vor Mitternacht gehen alle mit einem Sektglas heraus, man stößt an, wünscht sich ein „Gott nytt år“ und schaut dem kleinen Feuerwerk zu, welches einer der Gäste entzündet. Nur Luftschlangen und Wunderkerzen waren nicht dabei. Und dann ist plötzlich 2012. Ein neues Jahr!

Aber zurück zu gestern.

Der Sommer ist schön, aber der Winter ist meine Heimat.

ich

Diese Worte kamen mir gestern am Silvestertag in den Sinn, als ich mit dem Auto nach Kusfors zur Silvesterfeier gefahren bin. Selbst in Skelleftehamn hatte es geschneit und alles war weiß. Und je weiter ich ins Inland gefahren bin, desto winterlicher wurden die Eindrücke. Irgendwo bin ich dann abgefahren, um ein paar Fotos zu machen. Ich weiß bis heute nicht, woran es liegt, aber die winterlichen Landschaften berühren mich und machen, auch wenn ich auf Frühling, Sommer und Herbst nicht verzichten möchte, den Winter zu meiner bevorzugten Jahreszeit.

Meinen dicken Winterparka hätte ich dieses Wochenende allerdings zu Hause lassen können, denn der Himmel zog sich zu und so stieg das Thermometer von gestern Abend -11 °C auf heute morgen -7 °C an.

Extrem war der Temperaturanstieg im Fjäll. In Hemavan ist das Thermometer innerhalb weniger Stunden von -26 °C auf -10 °C gestiegen.

So, jetzt komme ich noch mal auf Silvester zurück und wünsche Euch das, was mir schon vielfach auf Facebook, über Twitter, per E-Mail, in anderen Blogs und sogar per Brief(!) gewünscht wurde:

Ich wünsche Euch allen ein richtig Gutes neues Jahr 2012! Macht was daraus!

Winter

Macht die Musik aus und dimmt das Licht. Atmet langsam ein. Und wieder aus. Stellt Euch Stille vor. Einatmen. Ausatmen. Ihr seid allein. Draußen in der Natur.

Öffnet Eure Ohren. Lauscht. Ihr hört den Wind in den Bäumen rauschen und den Schnee, der auf die Kapuze prasselt. Ab und zu kommt eine Böe und schüttelt den Schnee vom Pelzrand. Ihr lauft. Die Skistöcke stechen in den Schnee, die Lederstiefel knarzen in der Riemenbindung. Die Skier gleiten mäßig, denn der warme Schnee klebt unter der Gleitfläche. Aber Ihr kommt vorwärts. Ihr verlasst den Fahrweg und folgt einer Skooterspur, die mitten durch den Wald führt. Die Stirnlampe ist aus, denn die tiefhängenden Schneewolken reflektieren genug Licht des nahen Skelleftehamn. Der verschneite Wald ist in dunkeloranges Licht getaucht. Ihr folgt der Skooterspur weiter und der Wald öffnet sich. Links liegt ein zugefrorener See. Die Bäume am anderen Ufer sind im Schneefall nur schemenhaft zu erkennen. Das Gelände ist offen, der Wind ist stärker. Die Spur ist verweht und irgendwann nicht mehr zu sehen. Ihr lauft einfach weiter. Mitten durch den Wald. Pock, der Skistock stößt auf einen Stein. Krzz, der Ski auf einen anderen. Der Wald wird dunkler. Ihr seid allein in der Natur. Ihr hört den Wind, den Schnee, Eure Bewegungen und Euren Atem. Bald stoßt Ihr wieder auf eine Skooterspur. Ihr folgt ihr und spürt, dass Ihr Euch wieder der Zivilisation nähert. Ihr stoßt auf einen geräumten Weg. Hier gleiten die Skier besser und mit Doppelstock-Zwischenschritt könnt Ihr schneller durch den Wald gleiten. Der Wald öffnet sich und gibt den Blick auf die Straße frei. Es duftet nach Holzofen. Die Straßenlaternen blenden Euch. Ihr gleitet die leicht abschüssige Straße herunter, biegt rechts in den Tallvägen ein und stoppt am drittletzten Haus. Es ist hellgrün. Ihr habt den Schlüssel. Drinnen ist es warm.

Davor: Ich schaufele 15-20 Neuschnee weg. Es schneit bei knapp unter Null Grad.

Davor: Ich sitze im Bus und fahre von der Arbeit nach Hause. Es schneit.

Davor: Mein erster Arbeitstag im neuen Jahr, es schneit den ganzen Tag. Mal mehr, mal weniger.

Davor: Ich wache auf und es sind gut fünf Zentimeter Neuschnee gefallen. Es schneit und es ist windig. Ein Streifen Schnee ist durch den Türspalt in den Wintergarten geweht. Das Auto ist weiß eingehüllt.

Davor: Neujahrsnacht. Wolken sind aufgezogen und es hat angefangen zu schneien. Laut smhi können bis zu 20 cm Neuschnee bis zum Montag Abend herunterkommen. Ich bin gespannt, wie viel wir in Skelleftehamn bekommen. Vielleicht kann ich ja bald meine Skier auspacken und durch den Wald gleiten. Dem Wind lauschen und dem Schnee, der auf meine Kapuze prasselt.


Nachtrag: Zwei Stunden später. Ich sitze gemütlich im Haus und arbeiten tun nur die Wasch- und die Spülmaschine. Der Wind und der Schneefall draußen haben noch zugenommen und es soll die ganze Nacht weiterschneien. Das Schneeräumen hätte ich mir sparen können und selbst auf der geschützten Treppe liegen einige Zentimeter Neuschnee. Es ist aber nur knapp unter Null und es steht auf des Messers Schneide, ob der Niederschlag morgen Vormittag als Schnee oder doch als Regen herunterkommt. Aber ich freue mich schon auf eine schöne Skitour im Inland am Wochenende. Da liegt bestimmt jetzt richtig viel!

Wintereinbruch

Nach meiner ersten Skitour dieses Winters, die ich gestern Abend Dank des Neuschnees machen konnte, wurde der Schneefall noch dichter und Wind kam auf. Es hat die ganze Nacht weitergeschneit und wegen des Windes war ich extrem früh wach. So sah heute früh der Blick aus dem Küchenfenster aus:

Auf meinem Grundstück lagen je nach Schneeverwehung zwischen 20 und 50/60 Zentimeter und es schneite weiter. Ich habe draußen einige Fotos gemacht und wollte eigentlich den ersten Bus, der um fünf Uhr abfährt, nehmen. Aber das mit dem Fotografieren dauerte ein bisschen länger, also wurde mir klar, dass ich diesen Bus nicht mehr kriege. Und so habe ich in Ruhe weiter fotografiert.

Im Bus, der um 5:50 abfuhr, hörte man hauptsächlich Worte wie „Schnee“, „Winterreifen“ oder „hat sich festgefahren“. Ein Fahrradfahrer, der uns entgegenkam, wäre beinahe in den Bus reingefahren, er kam in dem tiefen und recht nassen Schnee einfach ins Schlingern. Ich war gar nicht böse, dass ich den ersten Bus nicht bekommen habe, denn der hatte sich direkt in der nächsten Haltestelle dermaßen festgefahren, dass er, als wir 50 Minuten später vorbei kamen, immer noch dort stand.

Und auf jeder Straße, auf jedem Platz, vor jeder Einfahrt: Räumfahrzeuge, Räumfahrzeuge, Räumfahrzeuge! Von einfachen Baggern mit Schaufel vorne dran bis hin zu Gefährten, die ich eher „Kampfstern Galaktika“ zugeordnet hätte, wurde überall mit großem Einsatz der Schnee zu hohen Haufen zusammengeschoben. Bloß um die Fahrräder hat sich keiner gekümmert, aber der oben erwähnte Vorfall hat gezeigt, dass Fahrrad fahren seine Grenzen hat.

Leider ist dann der Schnee immer feuchter geworden und in Skelleftehamn hat es vermutlich auch geregnet. Als ich wieder nach Hause kam – jetzt waren alle großen Straßen und kleinen Wege geräumt – war leichter Frost und ich habe eine Stunde draußen damit zugebracht, dicke, nasse, halbgefrorene und sackschwere Schneeklumpen vor meinem Haus wegzuräumen. Denn wenn ich die einfach liegen lasse, kann es sein, dass die Post nicht zugestellt wird.

Ich muss mich übrigens korrigieren: So mancher kleiner Weg war nicht geräumt, zum Beispiel die Abkürzung über die Wiese, die zwei Fahrgäste heute vergeblich suchten. Als sie aus dem Bus ausstiegen, standen sie vor einem großen Schneehaufen. Und sind einfach durchgestapft.

Der Schnee ist durch Wärme und Regen zusammengesackt, zumindest ist es aber so viel, dass nicht so schnell alles wieder wegschmilzt. Und ab Freitag soll es auch kalt werden, zumindest für einige Tage.

Licht und Schatten

Heute hat es bei knapp ein Grad plus in großen Flocken weitergeschneit. In Skelleftehamn sind 5-10 cm heruntergekommen. Nun, die sind schnell weggeräumt, so dass ich danach noch Zeit für eine kleine abendliche Skitour habe. Ich bin zu meinem Sommerstrand Storgrundet gelaufen.

Heute ist es mir besonders aufgefallen: Das Wechselspiel zwischen hell und dunkel. Das gelb-orange Licht der vielen Natriumdampflampen wird von den schneebedeckten Straßen reflektiert und strahlt die tiefen Schneewolken an. Die wiederum werfen das abgeschwächte Licht zurück und strahlen andere Schneeflächen an. Deswegen kann man sich ein ganzes Stück von der Straßenbeleuchtung entfernen und dennoch ohne Lampe Ski laufen. Die Wolken über dem Wald und der Ostsee hingegen sind fast schwarz und oft ist der Himmel in orange und schwarze Bereiche unterteilt. Manchmal ist der Himmel hell und der Weg dunkler, manchmal ist es umgekehrt. Doch schaut selbst:

Vielleicht ist Euch aufgefallen, dass Äste und Zweige seltsam unscharf-neblig aussehen. Das liegt daran, dass es sehr windig war und bei Belichtungszeiten von mehreren Sekunden die bewegten Teile unscharf werden. Am meisten fiel mir das an der böig-windigen Küste auf, wo ein vom Scheinwerfer angestrahlter Baum mit funkelnden Tropfen in den Zweigen förmlich im Wind tanzte.

Für Fotografieinteressierte: Ich habe die Photos in Lightroom nachbearbeitet, aber keine Verlaufsfilter eingesetzt. Lediglich den von der Lampe angestrahlen Schnee auf dem Tanzender-Baum-Bild habe ich minimal abgedunkelt, damit er nicht ins Weiße absäuft


Nachtrag: 5. Januar, morgens. Es schneit noch immer, es ist noch immer windig. Auf der Straße schleicht ein Jeep vorbei. Wie letztes Jahr kommt der Schnee in Schüben. Vor einer Woche war es hier noch fast schneefrei, jetzt liegen gut 40 Zentimeter auf meinem Grundstück.

Es schneit

Es schneit, und das seit Tagen. Jetzt kommen zwar keine Massen mehr herunter, aber ein guter halber Meter Schnee liegt jetzt im Garten. Die Schneewehen nicht mit gerechnet. Die Temperatur lag tagsüber bei -8 °C und jetzt bei -5 °C, da brauche ich keine Angst mehr zu haben, dass der Schnee in Sprühregen übergeht. Wie schön!

Trettondedag jul

Hier ist der 6. Januar nicht unter dem Namen Heilige Drei Könige bekannt, sondern als dreizehnter Weihnachtstag, oder auf schwedisch „Trettondedag jul“. Das ist ein sogenannter „Röd dag“, ein roter Tag im Kalender, ein Feiertag.

Ich habe allerdings momentan jobmäßig sehr viel zu tun und habe heute gearbeitet. Den Tag kann ich dann ja ein andermal frei nehmen. Da ich zu Hause gearbeitet habe, habe ich eine Stunde einen Spaziergang gemacht, anstatt etwas zu essen.

Erst war ich am Kallholmsfjärden, der nächsten Ostseebucht. Dort beginnt jetzt langsam, die Ostsee zuzufrieren. Es bilden sich zum Anfang weiche Schneematschfladen, die durch die Wellenbewegung ständig aneinanderstoßen und deswegen rund sind. Diese werden später zu sogenanntem Pfannekucheneis zusammen frieren. Diese Eisstücke sind auch rund, daher der Name.

Dann bin ich ein Stück zurück gelaufen und in den Wald hinein. Man ahnt noch die letzte Traktorspur, doch jetzt gehört der Weg den Schneemobilen.

Auf der leicht felsig-hügeligen Lichtung bin ich querwaldein weitergelaufen, bis ich an den Rudtjärnen kam, einen kleinen See. See und Sumpf sind zugefroren und am Rand den Sees, wo die Schneemobile fahren, traue auch ich mich, entlang zu laufen.

Wenn man hier mitten durch die Natur läuft, vergisst man, dass man keine 500 Meter von seinem Haus entfernt ist. Es ist ein Gefühl, als laufe man durch die Wildnis. Zwei Tipps für Nachahmer:

  • Wintergummistiefel! Der Sumpf ist zwar gefroren, doch auf dem Eis ist Wasser und darauf Schnee. Das sieht man beim Laufen nicht wirklich und schnell steht man knöcheltief im Wasser, wie im Bild links.
  • Kompass! Hier sieht alles gleich aus und wenn man sich nicht gut orientieren kann, kann man entweder den Skooterpfaden oder den Stromleitungen folgen. Fragt sich bloß, in welche Richtung. Ein Kompass macht die Sache schon einfacher. Bei dem Bild rechts bin ich noch 50 Meter von dem Weg hinter den Häusern entfernt. Man sieht aber nichts davon und könnte ohne Orientierung selbst in diesem begrenzten Gelände ziemlich herumirren.

Ich finde, das war ein schöner Spaziergang und die Stunde Mittagspause war gut genutzt, auch wenn ich danach sehr hungrig war.

Einfach mal losfahren

Das dachte ich, als ich am Samstag nicht allzu früh aufwachte. Und begann mein Auto zu packen, als ob ich mindestens drei Monate wegbleibe, durch die kanadische Wildnis laufe und den Atlantik schwimmend überquere. Und dann bin ich in Richtung Inland gefahren. Weit bin ich dabei nicht gekommen, aber mir ging es ja um “Einfach mal losfahren” und nicht um Strecke machen.

Und ich bin losgefahren. Erst nach Skellefteå und dann geradeaus weiter. Kurz hinter der Stadt kam mir eine kleine Autoschlange entgegen. Vor ihr, schön an der Seite, liefen fünf Rentiere. Ganz gesittet, eines hinter dem anderen. Da hätte ich gerne meine Kamera auf dem Schoß gehabt.

Wer mich kennt, kennt vielleicht auch meine Leidenschaft für Schnee. Für tiefen Schnee. Sehr tiefen Schnee! Auf der 95 in Richtung Bodø gibt es viele Parkbuchten, die ebenso wie die Straße freigeräumt waren. Ich bin dann einfach ein Stück in den Wald gelaufen und dort lag Schnee: Im Wald etwa 80 cm, auf der freien Fläche zwischen 60 und 120 cm, je nachdem, wo man läuft. Das ist eine gute Höhe für Tiefsnow stapfing.

Ich bin dann weitergefahren und war plötzlich in Jörn. Den Ort kenne ich (und viele andere) deswegen, weil dort die Bahnlinie durchführt. Ich finde es extrem faszinierend, neben dem gemütlich wirkenden Bahnhofsgebäude zu stehen und auf die Gleise zu schauen. Denn hier kann man nonstop sowohl nach Göteborg und Stockholm, als auch nach Kiruna, Abisko oder sogar ins norwegische Narvik reisen. Ich finde es jammerschade, dass Skellefteå keinen Bahnhof mehr hat.

In Jörn werden die begehrten Jörnkängor, das sind handgefertigte Wander- und Tourenskistiefel hergestellt. Fährt man allerdings zu der Adresse, so sieht man nur ein Wohnhaus und ein Nebengebäude. Kein Name, kein Logo, keine Werbung. Das haben die Macher auch gar nicht nötig, selbst ohne Marketing betragen die Wartezeiten für ein paar Schuhe viele Monate.

Nachdem ich in zwei Second-Handläden war und eine herrliche gusseiserne Bratpfanne für 50 Kronen erstanden habe, bin ich mit dem Auto weitergefahren. Nun wurde es langsam dämmrig und dann dunkel und Zeit, das Fernlicht zu benutzen, vor allem um Elche und Rentiere rechtzeitig zu sehen. Ich finde es ein Erlebnis, mit Fernlicht durch den schwedischen Winter zu fahren. Durch den Schnee ist alles so hell und wirkt viel plastischer als tagsüber, wo die weiße Straße auch oft übergangslos in den weißen Himmel übergeht. Ich habe meinen Orientierungssinn ausgeschaltet und bin einfach gefahren. Dann war ich plötzlich in Petiknäs, welches der Nachbarort von Kusfors ist. Und da wollte ich am nächsten Vormittag ohnehin sein. Zufall?

Jedes Mal schaffe ich es, an dem Weg zur Kraftstation vorbei zu fahren. Gestern habe ich es das erste Mal geschafft, den Abzweig zu nehmen und mir die große Mauer anzuschauen, die den Skellefteälven staut. Ich dachte, man könne über die Staumauer drüberfahren, aber die war bis zum oberen Ende der Leitplanke zugeschneit. Vermutlich darf man aber so oder so nicht drüber.

Danach habe ich erst im Café Ångloket vorbeigeschaut und dann bei Lasse und Martine den Autotag beendet und mit den beiden einen sehr netten Abend verbracht. Die Skier, der Schlafsack und manches mehr blieben ungenutzt im Auto liegen. Den wasserdichten Überlebensanzug habe ich am nächsten Tag für ein paar kleine Unterwasserfotos sogar tatsächlich benutzt, aber das ist eine andere Geschichte, die erzähle ich morgen.

Winterbaden

Die Nacht war klar und der Himmel verspricht einen schönen Tag. Die tief stehende Sonne strahlt die Schäfchenwolken rosa an. Auf dem Eis des zugefrorenen Flusses steht ein Mann. Er hat eine Kettensäge in der Hand.

Er sägt große Blöcke aus einer Stelle, die wohl schon einmal offen war, aber jetzt wieder zehn Zentimeter dick von Eis bedeckt ist. Als die Eisblöcke aus dem Wasser gehoben sind, gähnt einem ein Loch im Eis entgegen. Das Wasser ist dunkel, fast schwarz, Grund ist nicht zu sehen.

Doch verlassen wir die morgendliche Szene und drehen die Zeit ein wenig zurück.

Ich bin ja seit letztem Winter Mitglied der Föreningen för Mörkrets och Kylans Glada Vänner, auf deutsch Verein der frohen Freunde von Dunkelheit und Kälte, der positive Erlebnisse rund um die hier im Norden herrschende Dunkelheit und Kälte schafft. Unsere erste Veranstaltung ist die Erste Schwedische Meisterschaft im Winterschwimmen, die am 4. Februar hier in Skellefteå stattfinden wird.

Die Standarddisziplin ist 25 Meter Brustschwimmen, es kommt aber auch eine Extremsportlerin,die 450 Meter (sic!) in dem eiskalten Wasser schwimmt. Wir wollen aber nicht nur Supersportler, sondern auch Normalpersonen als Teilnehmer. Und für die hat Jarkko gestern in Kusfurs einen Workshop im Winterbaden angeboten. Nach einer theoretischen Einführung sollte jeder, der will, das ganze natürlich ausprobieren können. Und dafür braucht man eben ein Loch im Eis.

Bevor der Workshop begann, habe ich versucht Unterwasseraufnahmen zu machen. Dabei hatte ich aber einen Survivalanzug an, der komplett wasserdicht ist und schön warm hält. Einige Stunden später später bin ich wieder in das Loch gestiegen, dieses Mal nur mit Badehose und lustiger Mütze bekleidet. Insgesamt zehn Teilnehmer haben das Winterschwimmen ausprobiert. Frauen, Männer und auch ein elfjähriger Junge.

Wie geht das ganze vor sich? Zuerst wärmt man sich auf, dazu reicht schon ein kurzer flotter Spaziergang. Dann zieht man sich aus, stellt sich auf die oberste Sprosse, nimmt einen tiefen Atemzug und steigt, langsam ausatmend und mit dem Rücken zuerst ins Wasser. Dabei setzt ein gewisser Fluchtreflex ein, der dazu führt, dass man schnappatmet. Ich habe also versucht, ganz bewusst ruhig ein- und auszuatmen. Nach fünf bis zehn Sekunden beruhigt sich die Atmung und dann ist es richtig schön in dem kalten Wasser. Ich war vorher so mit der Atmung beschäftigt, dass ich keinen Moment die Kälte gespürt habe. Wenn man wieder aus dem Wasser aussteigt, ist es wichtig, sich schnell abzutrocknen und warm anzuziehen. Extra dafür habe ich meinen warmen kanadischen Daunenparka mitgenommen. Der hielt mich danach auch schön warm, aber über die warme Gulaschsuppe, die es anschließend im Café gab, habe ich mich doch sehr gefreut.

Das Gefühl danach ist herrlich. Man fühlt sich nicht nur bis in die letzte Pore erfrischt und wach, sondern der ganze Körper richtet sich auf und man steht viel gerader da. Eine Wohltat für Büroarbeiter wie mich.

Als ich nach der Suppe noch einige Sachen hereingeholt habe, war das Eisloch schon wieder am Zufrieren. Am nächsten Samstag findet ein Workshop in Ursviken statt, gleich um die Ecke. Da bin ich wieder dabei.


Einige Tipps zum Winterbaden:

  • Wärme Deine Muskulatur auf, bevor Du in das Eisloch gehst.
  • Trage eine Mütze
  • Bade nicht direkt nach der Sauna
  • Atme ruhig wenn Du ins Wasser gehst, das kalte Wasser kann die ersten Male zu einem ungefährlichen Atemkrampf führen
  • Bleibe die ersten Male nur kurz im Wasser
  • Ziehe Dich warm an nach dem Bad und trinke etwas lauwarmes
  • Bade nie alkoholisiert oder wenn Du krank bist
  • Nimm einen Freund mit
  • Falls Du unsicher bist, sprich mit Deinem Arzt
  • Höre auf Deinen Körper

Meereis

Meine Güte ging das schnell! Vor nur vier Tagen habe ich Fotos von der Bucht Kallholmsfjärden gemacht. Das Wasser war noch offen und nur am Rand beim Schilf trieb der erste Eisschlamm auf der Oberfläche. Nun war es ein paar Tage kälter und heute sind große Teile der Bucht zugefroren.

Ich blicke auf eine weiße Fläche. Das Eis ist größtenteils vom Neuschnee bedeckt, vermutlich vom Schneeschauer, der zwei Stunden vorher herunterkam. Einige dunkle Kanäle zeigen, dass die Fläche noch nicht überall gleichmäßig zugefroren ist.

Ich trete näher und sehe am Ufer das rundgestoßene Pfannkucheneis im Viersekundentakt hin- und herschwappen. Dahinter sind größere Eisschollen, die scheinbar unbewegt auf dem Wasser liegen. Ich laufe ein bisschen ins Meer hinein. Die meisten Eischollen tragen mich noch nicht und ich stehe sofort im Wasser. Aber eine Scholle trägt und ich spüre, wie sich das Eis unter mir mit den Wellen langsam senkt und hebt. Als ob das Meer tief und ruhig ein- und ausatmet. Ein schönes Gefühl. Aber nur, weil ich weiß, wie flach diese Stelle ist. Und auch hier ist das Eis noch weich. Die Scholle biegt sich unter meinem Gewicht, ein Riss bildet sich und auch hier stehe ich im knietiefen Wasser.

Aber im Gegensatz zum Eisbaden vor zwei Tagen habe ich meine Neoprenwathose an und ich bleibe warm und trocken.

Wo ist das Eis?

Heute ist Samstag und es war klares Wetter. Also wollte ich, bevor ich zum Eisbadeworkshop nach Ursviken fahre, ein paar Fotos vom Eis auf der Meeresbucht „Kallholmsfjärden“ machen, welches ich am Dienstag Abend fotografiert habe. Und auch testen, ob mich das Eis jetzt besser trägt. Aber – wo ist das Eis geblieben? Die ganze Bucht war wieder offen! Und ich habe hier noch nie so niedrigen Wasserstand gesehen und war ganz erstaunt, wo die Bucht überall Untiefen hat. Wie ich später von Jarkko hörte, war das Wasser über Nacht um einen Meter gesunken. Auf dem zweiten Foto sieht man sehr gut an dem Eis, welches oben auf dem großen Felsen festgefroren ist, wie hoch hier das Wasser vorher stand.

Ich hätte den ganzen Tag mit Fotografieren verbringen können. Aber heute haben wir den zweiten Winterbadekurs ausgerichtet, dieses Mal nicht in Kusfors, sondern im Åkerviken in Ursviken, nur ein paar Autominuten entfernt. Und da wollte ich Jarkko noch helfen, bevor es los ging.


Wir hatten es nicht leicht, zum Wasser zu kommen, weil das Ufer aus stark abschüssigen Eis bestand. Da ich die Kamera in der Hand hatte, bin ich einfach auf dem Hosenboden herunter gerutscht. Das Eis am Rand war ein bisschen tückisch, da es aus verschiedenen Schichten bestand. Jarkko und Lasse haben mit dem Eisbohrer Löcher gebohrt und dann mit langen Sägen das Eis zersägt. Beide landeten dabei bis zur Wade im Wasser, weil die oberste Schicht an manchen Stellen nicht so dick war. Den Kameramann, der eine Doku drehen wollte, hatte es schlechter erwischt. Bis über die Knie brach er ein. Die Kamera blieb zwar trocken, aber er verschwand erst einmal, um sich umzuziehen. So gibt es leider keine Filmaufnahme davon, wie ich mit dem knatsch-roten Trockenanzug im Eisloch auf der zweiten, dreißig Zentimeter dicken Eisschicht stand, die einen halben Meter unter Wasser lag. Denn von oben hätten wir große Schwierigkeiten gehabt, das Eis zu lösen. Schließlich war der Rand dermaßen durchbohrt und kaputtgesägt, dass ich die Unterwasserscholle lostreten und unter das andere Eis schieben konnte. Nun stand ich bis fast zum Kinn im Wasser, denn das Ufer am Kanuklub fällt ziemlich steil ab.

Das war es dann auch mit dem Baden für mich, denn während viele andere ins Eisloch gegangen sind, habe ich Videos gemacht. Und dabei festgestellt, dass Video nicht mein Ding ist. Das nächste Mal fotografiere ich wieder. Einen Videoscreenshot habe ich verwendet, damit man mir glaubt, dass die Leute wirklich ins Wasser gehen.

Heute ging die Sonne um viertel nach Zwei unter und beleuchtete die vom Wind geformten Strukturen auf der eisbedeckten Bucht. Da werde ich am Dienstag wieder sein, denn dort kommt um zehn das Fernsehen. (Oh, da muss ich noch einen halben Tag Urlaub für nehmen oder vorarbeiten.)

Video zum Winterbadekurs

Heute war ich nicht im Wasser, sondern an der Kamera. Ich fotografiere lieber und habe keine Ahnung vom Filmen, aber manchmal sind ein paar bewegte Bilder schön.

Was man auf dem Video nicht erkennt ist die Temperatur auf dem Thermometer: Zwischen +0.9 und 0.0 °C hatte das Wasser heute.

Räuber, Tiefschnee und Birkhühner

Heute war ich mit Elisabet am Finnforsberget, der auch Räuberberg heißt, weil hier im 16. Jahrhundert Räuber ihr Unwesen getrieben haben. Während der Fall selbst in den Kirchenbüchern gut dokumentiert ist, gehört die Geschichte, die Räuber haben drei Jahre lang eine junge Frau gefangen gehalten, die auf einem Platz vor der Räubergrotte für sie tanzen musste, wohl eher dem Reich der Legenden an.

Entweder war die Grotte früher wesentlich größer, oder die Räuber gingen mir nur bis zum Knie. Ich musste für das zweite Foto in die Grotte hinein kriechen.

Danach sind wir weiter durch den Tiefschnee bergauf gestapft. Zum Anfang standen wir bis zum Knie im Schnee, weiter oben oft bis zur Hüfte. Es gibt vielleicht wenige, denen das Spaß macht. Elisabet und ich gehören dazu. Weit kommt man allerdings nicht.

Vor allem dann nicht, wenn plötzlich aus dem Schnee ein Schwarm Birkhühner auffliegt und im nahen Wald verschwindet. Als wir langsam weiter stapfen, bricht immer wieder ein einzelnes Huhn aus dem Schnee; manchmal nur wenige Meter von einem entfernt. Ich versuche, die Vögel zu fotografieren, aber sie sind zu schnell und meistens habe ich nur verschwommene Landschaftsstücke auf den Bildern.

Auf dem zweiten Foto sieht man gut das Loch, in dem es so ein Birkhuhn auch bei -40, -50 Grad noch recht gemütlich warm hat und daneben den streifenförmigen Abdruck der Federn, der beim Auffliegen entsteht.

Wir haben dann am Hang eine Brot-, Tee-, Keks- und Kakaopause im Schneefall gemacht, ehe wir wieder talwärts zum Auto zurückgelaufen sind. Eine schöne, kleine Zweistundentour.

Elisabet: Tack för idag.

Schwedischübersetzung des Tages:Tack för idag – Danke für heute. Das sagt man, um sich für eine Einladung, eine gemeinsame Tour oder was auch immer zu bedanken. Gibt es auch als Tack för igår (… gestern) oder Tack för senast (… letztens/neulich).

Nochmal Eisbaden

Heute stand zwei Mal Eisbaden auf dem Programm. Um zehn Uhr für das Fernsehen und um eins für die Zeitung. Ich war als erster am Platz und habe damit begonnen, das inzwischen fest zugefrorene Eisloch wieder klarzumachen. Nebel kam auf, der erst alles weichzeichnete und, als er sich später lichtete, alle Bäume raureifbesetzt zurück ließ.

Wir hatten einige Freiwillige, die für das Fernsehen in das Eisloch gestiegen sind, unter anderem Martin, der dies das erste Mal machte. Die Wassertemperatur lag bei +0.3 °C. Ich habe fotografiert aber mich spontan entschieden, zum Schluss auch noch in das Eiswasser zu steigen. In Badehose versteht sich und nicht in dem Anzug, in dem man mich im Video weiter unten sieht. Das war heute das zweite Mal, dass ich Eisbaden war und das Wasser fühlte sich kälter an. Vielleicht weil man schon weiß, was auf einen zukommt und man nicht so viel Adrenalin beim allerersten Mal im Blut hat. Aber der Wohlfühlfaktor (ausgenommen vielleicht die ersten drei, vier Sekunden) ist einfach enorm.

Beim zweiten Tauchgang – den für die Presse – habe ich nicht mitgemacht, da ich gerade vom Mittagessen kam und pappsatt war. Dann hält sich meine Motivation, selbst in warmes Wasser zu steigen doch sehr in Grenzen.


Ich habe ein kleines Video gemacht, wie ich versuche, das Eisloch aufzumachen und mir dabei Werkzeug aus dem Handschuh rutscht und ins Wasser fällt. Ein typischer Anfängerfehler, wie Jarkko meinte. Zum Glück hat Mikael, Eisschwimmer und Apnoetaucher, die lange Stange im Nullkommanix wieder vom Grund gefischt. Doch seht selbst …

Die Ostsee friert zu

Vor einer Woche habe ich meinen Artikel „Wo ist das Eis?“ genannt. Heute ist die Ostsee bis zum Horizont zugefroren und auf dem Eis der nahen Bucht sitzt der erste Eisfischer mit seiner kleinen Plastikrute und hofft auf Fisch.

Zwischen diesen beiden Fotos liegt eine Woche:

Ich bin mit dem Auto dann zur Lotsenstation gefahren, die auf einer kleinen Halbinsel am offenen Meer liegt. Ich habe meinen Augen kaum getraut. Bis zum Horizont sah ich nur Eis, Eis und Eis und nur in der schmalen Fahrrinne schimmerte Wasser zwischen den zerbrochenen Eisschollen.

An der Lotsenstation bin ich mit einem Mitarbeiter ins Gespräch gekommen. Er erzählte mir, dass Süd- und Ostwinde gut für die Eisbildung sind, bei Nord- und Westwinden aber vier Grad warmes Tiefenwasser an die Oberfläche kommen kann. Ich habe gefragt, wann man wohl zu den ersten Inseln hinüber laufen kann und bekam die Antwort, schon jetzt. Im nächsten Satz meinte er aber, dass der aufkommende Schneefall bei recht warmen Temperaturen (-2 °C) die Situation verschlechtert und ich lieber noch ein, zwei Wochen warten sollte. Kein Problem, das mache ich gerne, denn auf dem Meer im Eis einzubrechen gehört zu den Erfahrungen, auf die ich liebend gerne verzichte.


Gestern hat der SMHI, der hiesige Wetterdienst einen Artikel zur Eislage auf der Ostsee geschrieben. Während vor einem Jahr der Bottenwiek, das ist die Ostsee nördlich der Linie Umeå—Vaasa, halbmeterdick zugefroren war, ist er jetzt noch größtenteils offen. Der letzte Winter war eben besonders kalt und dieser Winter besonders mild.

Quelle: SMHI. Danke für die freundliche Genehmigung zur Veröffentlichung.

Storgrundet

Erst war ich zu faul, aber dann habe ich doch meine Skier genommen und eine kleine Tour gemacht. Der Himmel ist seit Tagen bewölkt und es schneit ein wenig.

Im Wald ist das Skilaufen eher ein Stapfen, da die Fjällski immer wieder 20, 30 cm in den lockeren Schnee einsinken. Ein kleiner Wink der Natur, dass ich mir doch einmal die praktischen und schönen Holzski von Tegsnäs kaufen sollte.

In kleinen Bächen und in Zu- und Abflüssen von Seen kann das Wasser noch offen sein, denn fließendes Wasser braucht wesentlich länger, bis es fest zufriert. So sprudelte auch dieser Bach noch munter vor sich hin und ignorierte den Dauerfrost. Gemein sind die Stellen, wo das Wasser unter der Schneedecke fließt und man sollte genau hinschauen, wo die Schneedecke abgesenkt ist, wenn man keine nassen Füße bekommen möchte.

Bald stand ich am Ufer der Ostsee und hatte Blick auf die langgezogene Insel Storgrundet. Im Sommer und Herbst habe ich hier gebadet, doch jetzt ist das geschützte Ostseewasser zwischen Festland und Insel dick zugefroren. Und es gab mehrere Anzeichen, dass ich das Eis betreten und hinüber zur Insel laufen kann:

  • An mehreren Stellen waren Wege zur Insel mit Zweigen markiert
  • Eisfischer waren auf dem Eis
  • Skooter und Skispuren waren auch zu sehen

Das reicht mir als Sicherheit. Doch auch wenn das Eis dick ist, hänge ich mir immer die Isdbubbar um, sozusagen ein Springseil mit dicken Nägeln am Ende, mit deren Hilfe man sich, falls man eingebrochen ist, wieder aus dem Eis herausziehen kann. Einige Minuten später stand ich auf dem Ostseeeis und bald war ich auf der schmalen Insel Storgrundet angelangt. Die Insel ist nur zwei- bis dreihundert Meter breit und bietet dennoch drei völlig verschiedene Eindrücke:

  • Sommerhäuser Das dem Festland zugewandte Ufer ist teilweise mit Sommerhäusern bebaut. Sommerhaus heißt mindestens ein größeres Haupthaus, Nebengebäude, Sauna und Bootshaus. Es ist windgeschützt und ich fühle mich der Zivilisation nahe, selbst, wenn die Häuser gerade nicht bewohnt sind.
  • Wald Hundert Meter stehe ich mitten im Wald. Ich sehe die Häuser nicht mehr und das andere Ufer noch nicht. Ich habe kaum den Eindruck, dass ich auf einer Insel bin. Nur einige parallele Schneeverwehungen zeigen, dass es hier recht windig sein kann.
  • Offenes Meer Noch einmal hundertfünfzig Meter weiter stehe ich am Meer. Es gibt noch ein paar unbewohnte Inselchen, ansonsten ist fast alles mit Eis bedeckt. Etwas weiter weg ist offenes Wasser und auch das Eis am Ufer trägt noch nicht. Es ist sehr windig und der Schnee weht waagerecht vorbei. Ich bin über die zwei Kapuzen von Funktionshemd und Norrøna-Jacke genau so froh wie über die dicken Fäustlinge, die ich über die dünnen Handschuhe ziehe und die meine Hände wieder aufwärmen, nachdem ich ein Minivideo mit dem iPhone gedreht habe. Hier bin ich alleine in der rauh wirkenden Winterlandschaft und kann mir kaum vorstellen, dass ich kaum mehr als zwei Kilometer von meinem Haus entfernt bin.

Die gute Seite: Entsprechend schnell bin ich auch wieder zu Hause. Die ganze Tour hat vielleicht zwei Stunden gedauert und das auch nur, weil ich es ruhig angegangen bin. Ich hoffe darauf, dass irgendwann diesen Winter auch mal wieder die Sonne heraus schaut und freue mich auf die erste längere Tour bei blauem Himmel und glitzerndem Schnee.


Hier noch ein kleines Video, welches ich mit dem iPhone gemacht habe. Danach musste ich erst einmal meine Finger wieder auftauen.


Heute ist trotz des bewölkten Himmels die Temperatur, von keinem Wetterdienst vorausgesehen, von -3 auf -8 Grad gesunken. Hinten im Garten liegen jetzt 60 cm Schnee und man hat den Eindruck, der Winter ist jetzt wirklich angekommen. Letzten Winter war ich allerdings am 5. Dezember das erste Mal mit Skiern auf der Insel, also sieben Wochen früher und wir hatten schon im Dezember mehr als einen Meter Schnee. Aber was nicht ist, kann ja noch werden. Das verratet aber nicht meinen Nachbarn; es sind nicht alle solche Schneefans wie ich

Nix mit Nordlicht

Zum zweiten Mal in kurzer Zeit gab es hohe Sonnenaktivität und die Polarlichtvorhersage aus Fairbanks/Alaska stand auf Stufe 5 (Extrem). Und – oh Freude – als ich nach der Arbeit in Skelleftehamn ankam, war der Himmel fast wolkenfrei und es wurde rasch kälter. Für eine halbe Stunde. Dann zogen Wolken auf, die Temperatur begann wieder anzusteigen und kurze Zeit später lag alles unter einer dichten Wolkendecke. Also etwas wieder das Wetter, was wir hier seit Wochen haben. Mal mit zwei Zentimeter Neuschnee, mal ohne.

Ich bin dann sehr früh ins Bett gegangen, habe gelesen und bald das Licht ausgemacht. Als kleines Abendschmankerl bin ich eine Stunde später vom Telefon geweckt worden und durfte für ein Stressprojekt noch eine Stunde Fehlersuche betreiben.

Wenn Ihr Nordlichtfotos sehen wollt, dann schaut unter der Rubrik Polarlicht nach. Die Fotos sind zwar alt, aber immerhin hier gemacht.

Ich gehe jetzt erst mal raus und mache den Motorwärmer für den Saab aus, der das Auto die Nacht über warm und betriebsbereit gehalten hat. Denn für die tägliche Fahrt zur Arbeit nehme ich den Bus.

Bis jetzt waren alle Projekte hier in Schweden, an denen ich beteiligt war, ziemlich entspannt. Sowohl von den Leuten als auch den Arbeitsbedingungen, selbst wenn das Projekt eilig war. Jetzt geht aber gerade ein Projekt zu Ende, bei dem ich einer anderen Agentur hier in Skellefteå geholfen habe, ihren amerikanischen Kunden glücklich zu machen. Und dieser Kunde ist alles andere als entspannt. Aber bald ist das Projekt für mich beendet und dann kann ich wieder etwas ruhiger programmieren. Und ruhiger heißt meistens auch besser. Darauf freue ich mich.

Pimpelfiske

„Pimpelfiske“, so nennt man hier das Eisfischen. Ich finde ja, dass das Wort ein bisschen lustig klingt und wenn man sich die kleine Plastikangel anschaut, dann erinnert die auch eher an ein Gimmick aus einem Yps-Heft als an ein ernstzunehmendes Angelgerät. Aber man irrt, denn mit dieser Angel kann man Fische fangen, ab und zu so große, wie mir ein Angler erzählt, dass sie nicht durch das Eisloch passen, welches man vorher mit dem großen Eisbohrer gebohrt hat. Heute hingegen gingen die meisten Angler leer aus, die Fische waren woanders. Das kann man tatsächlich sehen, denn der Grund ist sandig, das Wasser extrem klar und keinen Meter tief. Und viele Angler legen sich bäuchlings auf eine Isomatte aufs Eis, um zu schauen, ob vielleicht ein Flussbarsch (abborre) oder ein sik vorbeischwimmt.

Im Grunde braucht man wenig, um Eisfischen zu betreiben: Die meisten haben einen knallbunten Floating Suit an, das ist ein gefütterter Overall, der nicht nur warm hält sondern einem auch im Wasser Auftrieb gäbe, falls man doch einmal einbrechen sollte. Dann kommt als nächstes der Eisbohrer, mit dem man ein Loch ins Eis bohrt. Das ging heute in der Bucht recht schnell, denn das Eis ist nur 20 cm dick. Die meisten Eisangler haben eine Isomatte, in die ein kreisrundes Loch geschnitten ist, so dass sie im Liegen fischen können.

Dann setzt man einen Wurm auf den Haken und lässt ihn an der dünnen Nylonschnur hinunter in das Eiswasser. Da man direkt über dem Wasser ist, braucht die Angelrute auch nicht besonders lang zu sein. Praktisch ist eine kleine Plastikkelle, mit der man das Eis wegmachen kann, welches sich schnell immer wieder auf der Wasseroberfläche bildet.

Wenn man keinen Fisch fängt, dann hält man eben Fika und trinkt Kaffee. Zwei der Angler hatten einen kleinen Grill dabei, auf dem sie Würstchen warm gemacht haben. Sie haben dann Geschichten von den Tagen erzählt, wo sie besonders große oder viele Fische gefangen haben und von Angelplätzen in Storuman und an der norwegischen Atlantikküste.

Zum Schluss hat dann aber eine Anglerin doch noch einen kleinen Barsch gefangen. Nun hofft sie, dass ihr zwölfjähriger Enkel, der noch vorbeischauen will, auch Glück hat und etwas fängt. Das ist eine Sache, die mir schon vorher aufgefallen ist: In Schweden angeln Jungen und Mädchen, Großmütter und Großväter und in den Angelzeitschriften sieht man nicht nur Bilder von heroisch dastehenden Männern im Tarnanzug, die ihren Riesenfisch präsentieren, sondern auch von achtjährigen Mädchen mit ihrem ersten kleinen Fang an der Angel. Angeln – ein Volkssport in Schweden.

Mein Dank geht an die Angler, dafür, dass ich Bilder von ihnen machen und veröffentlichen durfte.


Zum Wetter: Wieder ein grauer Tag. Die Sonnenstunden der letzten zwei Wochen kann man an einer Hand abzählen. Und da es ständig bewölkt ist, ist es mit -7 °C auch recht warm.

Wenn Ihr meint, das sei kalt, dann nehmt einen Globus, legt Euren Finger auf Skellefteå und drehe die Erdkugel langsam nach rechts. Der Finger zieht eine Linie bis nach Norwegen, taucht in den Atlantik und führt nördlich des Vatnajökull über Island. Nach einer Grönlanddurchquerung nördlich von Nuuk und dem Anlanden in Nordkanada werdet Ihr nach einer Durchquerung des Yukon Territory in Alaska ankommen. Inzwischen reist nicht der Finger, Ihr seid es, die hinten auf dem Hundeschlitten steht und Eure Huskies anfeuert. Haltet Euch ein bisschen rechts, bald kommt der Flugplatz von Fort Yukon in Sicht. Der liegt nur zweihundert Kilometer weiter im Norden als Skellefteå. Ich hoffe, Ihr seid warm angezogen und habt die Hunde gut gefüttert, denn just an diesem Flughafen liegen die Temperaturen heute bei -49 °C. Das ist kalt!

Drei Zwischenstopps

Heute bin ich – wieder einmal – nach Kusfors zum Winterbaden gefahren. Ziel war, heute auch ein bisschen zu schwimmen, damit ich weiß, ob ich nächsten Samstag bei der Schwedischen Meisterschaft mitschwimme oder nicht. (Ich, die Schwimmniete!)

Nach wochenlanger Bewölkung war der Himmel heute überraschend klar und mit -16 °C zeigte mein Außenthermometer heute morgen die kälteste Temperatur dieses Winter an. Nach einem soliden Frühstück habe ich meine Sachen gepackt und bin losgefahren.

Das erste Mal habe ich am Wehr in Bergsbyn angehalten, das liegt zwischen Skelleftehamn und Skellefteå. Westlich des Wehrs ist der Fluss komplett zugefroren und alles wirkt erstarrt. Auf der Ostseite hingegen stürzt das Wasser hinunter und Nebelschwaden verdecken die tief stehende Vormittagssonne.

Ich habe in der Stadt eine Schülerin abgeholt, die auch gerne Winterschimmen ausprobieren wollte. Aber bevor wir da waren, haben wir zwei kleine Zwischenstopps eingelegt: Das erste Mal kurz hinter Boliden. Im Sommer sieht man hier weite Schlammflächen, Rückstände vom Bergbau. Im Winter hingegen … . Über der weißen, weiten Fläche wölbt sich der blaue Himmel und leichter Bodennebel verleiht den Baumgruppen trotz der Helligkeit etwas Verwunschenes. Obwohl die Straße eine wichtige Verbindungsstraße ins Inland ist – man kann, wenn man möchte bis nach Mo I Rana in Norwegen fahren – war die Straße völlig leer. Wir schienen das einzige Auto weit und breit zu sein.

Nun waren wir fast schon in Kusfors. Kurz vor der Brücke über den Skellefteålven rechts abbiegen und durch Petiknäs durchfahren. Und dort warteten auf uns fünf Rentiere. Erst lagen sie gemächlich am Straßenrand. Dann wurde ihnen dieser große Kasten, in dem wir saßen, doch ein wenig unheimlich und sie stellten sich erst einmal mitten auf die Straße. Als wir langsam weiterfuhren setzten sich die Rentiere in Trab. Das sieht sehr lustig aus, weil sie dabei mit ihren Hintern und den Stummelschwänzchen wackeln. Bald haben wir die Rentiere überholt, die daraufhin im Wald verschwanden.

Über das Winterbaden schreibe ich nicht viel, denn in den letzten Artikeln habe ich genug erzählt und Fotos und Videos hochgeladen. Nur eines: Das Eisloch, welches eigentlich eine Fünfmeterbahn werden sollte, hatte gerade drei Quadratmeter. Selbst dieses Loch zu öffnen, hatte fünf Stunden gedauert. Das Eis war zu dick für die Kettensäge. Ich habe auf der Stelle so zwanzig Schwimmzüge gemacht, dann fing es an, kalt zu werden. Ich bin noch nicht sicher, ob ich am nächsten Samstag teilnehme, traue mir das aber jetzt trotz meines miserablen Brustschwimmens zu. Nur die Fingerspitzen waren ein bisschen beleidigt, denen wird doch ziemlich schnell kalt.